Doktor Bonettis Stunde der Wahrheit

Eine Charakteristik unserer schnelllebigen Zeit besteht darin, dass die Sensationen von gestern oder vorgestern heute längst vergessen sind. Problematisch daran ist, dass dies dazu führt, dass die abenteuerlichsten Fehlprognosen verbreitet werden können und vom großen Publikum geglaubt werden, ohne dass es überhaupt noch registriert wird, wenn sie nicht eintreffen. Denn um die Prognosen von vorgestern an der Realität zu messen, müsste man sich heute noch an sie erinnern.

Gut also, dass mein Gastautor Bernd Palmer gar nicht daran denkt, die schweizerische Version des Märchens vom Herzinfarktwunder auf sich beruhen zu lassen. Schon im September 2013 durfte ich seinen offenen Brief an die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie in meinem Blog veröffentlichen – ein Brief, auf den Herr Palmer selbstverständlich nie eine Antwort erhalten hat. Es ist mir eine Ehre, nunmehr auch seinen offenen Brief an einen der Autoren einer dieser „Herzinfarktwunder“-Studien, in diesem Fall den Schweizer Kanton Graubünden betreffend, zu veröffentlichen und ihm damit vielleicht etwas mehr öffentliche Aufmerksamkeit und am liebsten auch eine Antwort zu verschaffen. Für Dr. Bonetti wäre es nämlich eigentlich ein Gebot der wissenschaftlichen Integrität, sich dieser Kritik zu stellen.

Es sei meinem Schweizer Kollegen deshalb in Erinnerung gerufen: Das wissentliche Aufrechterhalten falscher Wissenschaftsaussagen verhindert bzw. verzögert die Suche nach den wirklichen Ursachen von Krankheiten und verursacht damit vermeidbares Leiden und vermeidbare Todesfälle. Es ist an der Zeit, dass sich die in die Machenschaften der WHO-Tobacco Free Initiative verstrickten Wissenschaftler endlich wieder ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen besinnen, die ihnen ihr Leben und ihre Gesundheit anvertraut haben – und zwar gerade dann, wenn sie einmal ehrlich daran geglaubt haben sollten, das Richtige zu tun.

8. Juni 2016

Sehr geehrter Herr Doktor Bonetti,

Sie sind Mitautor der Studien mit dem Titel

Reduced incidence of acute myocardial  infarction in the first year after implementation of a public smoking ban in Graubuenden, Switzerland

und

Incidence of acute myocardial infarction after implementation of a public smoking ban in Graubünden, Switzerland: Two year follow-up

Die Studien sind weitgehend identisch und unterscheiden sich im Wesentlichen durch eine nachträgliche Ergänzung. Sie fanden in der Schweizer Presse ein breites Echo, umso mehr als damals die eidgenössischen Abstimmung über ein allgemeines Rauchverbot in «öffentlichen» Räumen bevorstand. Die Schlagzeile in der NZZ vom 8.1.2010 war eindeutig:

Studie aus Graubünden zeigt signifikanten Rückgang

Weniger Herzinfarkte seit dem Rauchverbot

In der Zusammenfassung der Studien ist zu lesen:

„In summary, the results of the present analysis further support the assumption that the implementation of a public smoking ban itself was the leading cause for the decrease in the number of patients with AMI observed after adoption of smoke-free legislation in Graubünden.“

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Die Abbildung oben (Figure 1 der Studie) stellt das grafisch dar.

Abgesehen davon, dass aus nur drei Messpunkten einer Serie keine statistische Signifikanz abgeleitet werden kann, wird in der Diskussion der Studie auf mehrere Mängel hingewiesen, die die Eindeutigkeit der Schlussfolgerung und insbesondere den ursächlichen Zusammenhang in Zweifel ziehen.

Our analysis has some limitations. First of all, it must be emphasized that our observational results do not allow the inference of a causal relationship between the implementation of a smoking ban and the reduction of AMI incidence observed thereafter.

Die Schlussfolgerung müsste also lauten: Ein direkter ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Rauchverbot und der Anzahl der Krankheitsfälle ist nicht erkennbar.

The mechanisms by which secondhand smoke may increase the risk of acute coronary syndromes are thought to include platelet activation …

Das Kantonsspital Graubünden veröffentlicht detaillierte jährliche Statistiken zu seinen Aktivitäten. Diese Zahlen zeigen ein völlig anderes Bild, der angebliche Rückgang gleicht eher einem monotonen Anstieg, ohne Knick im Zusammenhang mit dem Rauchverbot. Weder kurz- noch längerfristig ist eine Reduktion von 20 Prozent oder mehr zu erkennen. Auch ein Vergleich mit anderen Studien ändert nichts an der Tatsache, dass in Graubünden kein Effekt nachweisbar ist.

Moreover, the authors noted that the beneficial effect of smoking bans on AMI incidence grows with time, resulting in an additional decrease in the AMI incidence of 26% with each year of post-ban observation. Consistent with these findings, another recent metaanalysis on the same topic concluded that implementation of smoke-free legislation may lead to a ≈15% drop in AMI incidence during the first year and a continuing exponential decline, reaching ≈36% after three years.

Diese Aussage findet in den Statistiken des Kantonsspitals keine Bestätigung.

Die Zahlen aus anderen Kantonen und gesamtschweizerisch lassen ebenso wenig den Schluss zu, dass das Rauchverbot zum versprochenen Ergebnis geführt hat, ganz im Gegenteil, wenn man denn aus einer zeitlichen Korrelation auf die Ursache schliessen will. Die Sterbezahlen haben zugenommen!

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Die hoffnungsvolle Aussage einer tatsächlichen Reduktion der Herzinfarkte aufgrund eines Rauchverbots in öffentlichen Räumen lässt sich nicht nachvollziehen, da Ihre Studie nach dem ersten Folgejahr abbricht; ein einzelner Messpunkt reicht nicht aus, um eine Tendez nachzuweisen. Die Jahreszahlen des Kantonsspitals Graubünden sprechen eine andere, klarere Sprache. Die Zahlen aus Genf und der Gesamtschweiz ebenfalls.

Sehr geehrter Herr Doktor Bonetti, ich lasse mich gerne korrigieren, sollten Sie eine andere Erklärung für die Diskrepanzen haben. In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit freundlichen Grüssen.

Bernd Palmer

F-01630 Saint Jean de Gonvil

Bernd Palmers Bemühungen waren mir ein Anstoß, vier Jahre nach meinen drei Blogbeiträgen über das angebliche deutsche Herzinfarktwunder (Beitrag 1, Beitrag 2, Beitrag 3) auch einen kurzen Blick auf die Entwicklung hierzulande zu werden.

Ein Suchspiel: Finden Sie in der Entwicklung der Krankenhauseinweisungen wegen akutem Herzinfarkt in Bayern (partielles Rauchverbot ab Januar 2008, ausnahmsloses Rauchverbot ab September 2010) sowie in Baden-Württemberg (partielles Rauchverbot ab August 2007) auch nur einen Hauch von Wunder in den gerahmten Rauchverbots-Jahren? (Oranger Rahmen = Rauchverbot mit Ausnahmen; roter Rahmen: ohne Ausnahmen) 

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Das Brexit-Menetekel

Was ein Menetekel ist, darf ich bestimmt als bekannt voraussetzen. Trotzdem, eine kurze Erklärung vorab: Das Menetekel, das ist eine Warnung nach einer Missetat, die auf so unheimliche Art geschieht, dass es einem dabei kalt den Rücken herunterläuft. Ursprung der sprichwörtlichen Redensart vom Menetekel war die biblische Geschichte von König Belsazar in Babylon, der im Übermut während eines Fests geraubte Gefäße aus dem Jerusalemer Tempel entweihte. Darauf, so der Chronist im Alten Testament, erschien eine Schrift an der Wand des Festsaals, geschrieben von einer unsichtbaren Hand. Niemand konnte diese Schrift lesen, bis der geängstigte König den jüdischen Propheten Daniel zu Rate zog.

Um den biblischen Daniel selbst weitersprechen zu lassen:

So aber lautet die Schrift, die dort geschrieben steht: Mene mene tekel u-parsin. Und sie bedeutet dies: Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet. Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben.

Gewogen und für zu leicht befunden, sein Reich wird zerfallen. Etwas ganz Ähnliches ist jetzt auch der Regierung Cameron in Großbritannien passiert, die den Wählern während des Wahlkampfs 2015 ein Referendum über einen Austritt aus der Europäischen Union versprochen hatte, in der festen Überzeugung, dies werde niemals eine Mehrheit finden. Aber das erwies sich als Irrtum, und nun steht das Vereinigte Königreich vor einem Abgrund.

Die Folgen dieses politischen Erdbebens sind im Moment noch kaum abschätzbar. Illusionen über seine Ursachen sollte man sich allerdings keine machen. Es war nicht der „Sieg des Populismus“, wie es die Medien vielfach darstellen, gestützt auf niedrige Instinkte der angesprochenen und durch Lügenkampagnen verführten tumb-primitiven Wählerschichten, die wachgerufen wurden von Ereignissen wie der Flüchtlingskrise, die von außen kamen und von der etablierten Politik nicht zu verhindern waren. Der Sieg des Populismus kam nämlich erst, nachdem die etablierte Politik ihm durch eine fortwährende Missachtung großer Teile der britischen Bevölkerung jahrelang den Boden bereitet hatte. Es brauchte nur noch irgendeinen Auslöser als Funken, um alles, was sich über viele Jahre hinweg aufgestaut hatte, zur Detonation zu bringen.

In Wirklichkeit spielte die EU nach Ansicht vieler Beobachter nämlich nur eine Nebenrolle bei diesem Referendum. Für den Austritt gestimmt hatten vor allem leicht zu identifizierende Bevölkerungsschichten: Alte, Arme, Arbeitslose und Ausgegrenzte. Das nämlich lässt sich an den Wahlergebnissen nach Altersstruktur, nach Beschäftigungsform, nach Einkommen, aber auch nach Region ableiten: Am deutlichsten für den Austritt waren die Regionen, in denen der industrielle Niedergang der Thatcher-Ära eine ähnlich gedrückte Grundstimmung erzeugt hat, wie wir sie auch von Deutschlands Osten kennen – in dem Teil Deutschlands, in dem die meisten Flüchtlingsheime gebrannt haben und wo Pegida und AfD den größten Zulauf haben.

In beiden Ländern wurde in den letzten Jahren immer wieder versucht, die Unzufriedenen davon zu überzeugen, dass sie falsch lägen, und zwar vorwiegend mit dem Mittel des Spotts, der Verächtlichmachung und mit Drohungen. Da dieses Mittel nicht die geringste Wirkung gezeigt, sondern im Gegenteil eher noch mehr Leute auf die Straße bzw. an die Wahlurnen getrieben hat, um ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen, wäre es spätestens jetzt notwendig, einzusehen, dass es sich um ein untaugliches Mittel handelt. Außerdem sollte darüber nachgedacht werden, was eigentlich an ihm falsch ist.

In Großbritannien scheinen die Ersten unter dem Eindruck des Brexit-Schocks nun endlich soweit zu sein, sich mit solchen Fragen zu befassen, und es gibt bereits erste Antworten:

Die für den EU-Austritt stimmende Mehrheit der Brexit-Wähler hatte keine Angst vor den möglichen unheilvollen Folgen des Austritts, mit denen Cameron und sein Lager  fortwährend gedroht hatten, weil sie glaubten, davor würden sich die EU-Hasser genügend fürchten, um vor dem Risiko zurückzuschrecken. Sie irrten sich, und zwar deshalb, weil diese Wähler ihre Gegenwart als bedrückend empfinden und ihre Zukunft pessimistisch sehen. Sie spüren nichts von Vorteilen, die sie von der Europäischen Union aus Camerons Sicht haben, und sie erhoffen sich von ihr nichts. Warum aber sollte der Wohlstand anderer Bevölkerungsschichten oder gar der Londoner City dann aus ihrer Sicht ein Argument darstellen? Populisten müssen diese Leute in Wirklichkeit nicht von irgendetwas überzeugen. Alleine schon dafür, dass sie ihnen ein tröstliches Märchen erzählen, sind diese Leute ihnen dankbar. Denn wer weiß, was sie tröstlich finden, der hat auch verstanden, warum sie unzufrieden sind. Das ist mehr, als die Gegenseite beim Brexit-Votum, die Regierung, ihnen jemals geboten hat.

Die 52 Prozent Brexit-Wähler sind ein Menetekel für ganz Europa, und aus diesem Anlass möchte ich mich selbst zitieren. Schon vor vier Jahren schrieb ich in meinem Buch „Passivrauchen – Götterdämmerung der Wissenschaft“ dies hier:

„Social Engineering“, die Veränderung gesellschaftlicher Gewohnheiten durch steuernde gesetzliche Maßnahmen, ist ein gefährliches Spielzeug, und es lässt sich erahnen, dass es sich dazu noch in den Händen von ahnungslosen Zauberlehrlingen befindet, die nicht die leiseste Vorstellung von dem haben, was sie da tun. Nicht einmal, wenn Sie am Computer sitzen, passiert immer x, wenn Sie Button y drücken. Manchmal bekommen Sie stattdessen auch eine Fehlermeldung, und in den meisten Fällen haben Sie keine Ahnung, aus welchem Grund. Normalerweise lässt sich der Computer nach einem Neustart zwar wieder bedienen, aber wer solche Warnungen häufig bekommt und zu lange nicht beachtet, braucht in der Regel eher über kurz als über lang einen neuen Computer.

Die vielen kleinen Fehlermeldungen, die durch Rechtschreibreform, Glühbirnenverbot, Dosenpfand und Rauchverbot sowie zahlreiche andere mit mehr oder weniger sanfter Gewalt steuernde Maßnahmen erzeugt werden, sind in der Summe nicht harmlos. Wir durchsteuern gerade schwierige Zeiten mit hitzigen Bürgerdebatten, von den europa- und weltweiten Folgen der Finanzkrise über die ausufernde Staatsverschuldung bis zur demographischen Entwicklung, von den politischen Erschütterungen im arabischen Raum bis zur Frage, ob und wenn ja was gegen den Klimawandel unternommen werden kann oder muss. Dass die Politik auf die damit verbundenen besorgten Fragen statt plausiblen Antworten meist nur leere Worthülsen zu bieten hat, erzeugt dasselbe Gefühl der Hilflosigkeit wie im kleineren Rahmen die aufdringliche Vorschriftenhuberei, die sich im Privatleben ihrer Bürger immer breiter macht. Die Hilflosigkeit entsteht aus der Ahnung, dass die Mittel der Politik nie im Leben ausreichen werden, um die großen Probleme zu lösen, aus Zorn über unerbetene und sinnlos erscheinende Reglementierungen und aufgezwungene Maßnahmen, aber auch aus dem Gefühl der persönlichen Unzulänglichkeit, das entsteht, wenn die eigene Lebensgestaltung scheinbar eine ist, die einen als Versager entlarvt. Glaubt man wie im ersten Fall, es gäbe gar keine Lösung, hat es keinen Sinn, sich zu wehren. Im letzteren Fall fühlt man sich dazu nicht berechtigt. Aber all das gärt dennoch in den Menschen. Bietet sich eine Gelegenheit der zweiten Art, das zeigte Stuttgart 21, entlädt sich alles dann, oft völlig unerwartet, eben an dieser Stelle.

Diese Entladung findet aber nicht nur auf der Straße, sondern auch an der Wahlurne statt. Es ist vermutlich reines Glück, dass sich in Deutschland, anders als in der Mehrzahl der anderen EU-Länder, noch keine rechtspopulistische Partei bilden konnte, die in der Lage war, die mit Händen zu greifende allgemeine Unzufriedenheit für ihre Ziele zu nutzen. Das Gefühl, es müsse sich in der Politik etwas Grundlegendes verändern, ist dennoch auch in Deutschland in allen Altersgruppen und Schichten vorhanden. Dieses Gefühl fand bei Wahlen bislang nur in starken Wählerbewegungen hin zur jeweiligen Opposition ihren Ausdruck, und zwar scheinbar ganz unabhängig davon, wer gerade in der Opposition war: bei der Bundestagswahl 2009 die FDP, in Nordrhein-Westfalen 2010 die SPD, in Hamburg 2011 die CDU, in Baden-Württemberg nun die Grünen. Die Wähler setzen ihre Hoffnungen vermutlich aber nicht in die Qualitäten der neu an die Macht gebrachten Partei, sondern in das Wunder, das möglicherweise geschehen könnte, wenn sie statt des gewohnten Übels dasjenige wählen, das man in letzter Zeit nicht bei der Regierungsarbeit miterleben musste. Aus „Hosianna“ wird dann aber innerhalb weniger Monate „Kreuziget ihn“, wie bei der FDP, die nach aktuellen Umfragewerten von einem Rekordergebnis 2009 auf einen Wert abgestürzt ist, mit dem sie um ihren Wiedereinzug in den Bundestag zittern müsste.

In zahlreichen anderen EU-Ländern waren die Bewegungen bei Wahlen in den letzten Monaten ähnlich spektakulär, aber sie erwiesen sich, anders als bei uns, in etlichen Fällen nicht etwa für die etablierten Oppositionsparteien am vorteilhaftesten, sondern spülten – beispielsweise in Finnland oder Schottland – nationalistische bzw. separatistische Parteien in eine zuvor nicht erwartete wichtige Position. Es ist nicht auszuschließen, dass bis zur nächsten Bundestagswahl in Deutschland doch noch eine Partei entsteht, die ebenso in das momentane politische Vakuum vorstößt – und was diese Partei für Inhalte in ihrem Programm hat, ist dabei vermutlich ganz unwichtig. 

Es ist mir ganz und gar keine Genugtuung, mit meiner Prophezeiung recht behalten zu haben. Ich wünschte aufrichtig, es wäre nicht so gekommen, und ich hoffe, dass das, was in Großbritannien geschehen ist, nun wenigstens richtig analysiert wird, um zu verhindern, dass es in Deutschland genauso weit kommt.

Auch ohne Dosenpfand oder Rechtschreibreform sind die Briten in vielen in ihr Privatleben eingreifenden Bereichen Objekte umfassender Regulierungen geworden und werden dabei fragwürdigen Konditionierungsexperimenten unterzogen. Damit sollen die unerwünschten Lebensstile großer Teile der Bevölkerung verändert und dem angepasst werden, was politisch für opportun gehalten wird. Das ist übrigens weder ein Geheimnis, noch findet die britische Regierung daran etwas verwerflich. Das Ganze firmiert unter dem Schlagwort „Nudging“, zu Deutsch: schubsen, anstoßen. Auch in Deutschland wird dieses Mittel, die Menschen dazu zu bringen, durch Beeinflussung zu tun, was sie von alleine nicht tun wollen, als Instrument politischer Steuerung lebhaft diskutiert.

Das menschliche Verhalten zu beeinflussen, ist nichts Neues für die Regierung, die häufig Mittel wie Gesetzgebung, Regulierung oder Besteuerung verwendet, um politisch erwünschte Ergebnisse zu erreichen. Aber viele der größten politischen Herausforderungen, denen wir heute gegenüberstehen – wie die Zunahme der Zahl von Menschen mit chronischen Gesundheitseinschränkungen – können nur gelöst werden, wenn wir Erfolg dabei haben, die Leute dazu zu bringen, ihr Verhalten, ihren Lebensstil oder ihre bestehenden Gewohnheiten zu ändern. Glücklicherweise wurde im letzten Jahrzehnt immer besser verstanden, was Verhalten beeinflusst, und das weist den Weg zu neuen Herangehensweisen und neuen Lösungen.

So die Einschätzung der britischen Experten. Aber irgendwie funktioniert das mit dem Nudging offenbar doch nicht ganz so wie gedacht. Denn wäre es wirklich so einfach, das Verhalten der Menschen in eine gewünschte Richtung zu lenken, hätte es der britischen Regierung ja leichtfallen müssen, den Brexit durch Einflussnahme dieser Art zu verhindern. Stattdessen fällt aber etwas ganz anderes auf: In Großbritannien haben die Liberaldemokraten in den letzten Jahren genau dieselbe Achterbahnfahrt erlebt wie bei uns die FDP: Erst gelangten sie bei den Unterhauswahlen 2010  völlig unerwartet zu solcher Stärke, dass es im Heimatland des Mehrheitswahlrechts die erste Koalitionsregierung seit Menschengedenken gab, aber bei der darauffolgenden Wahl 2015  wurden sie mit Schimpf und Schande wieder aus ihren Parlamentssitzen gefegt (ihnen blieben nur 8 von zuvor 57 Parlamentssitzen), während die EU-kritische UKIP, bis dahin eine unbedeutende Splitterpartei, deren Vorsitzendem Nigel Farage viele Jahre lang vor allem ein gewisser Kuriositätswert zugemessen wurde, zwar nur einen einzigen Parlamentssitz errang, aber mit einem bis dahin unerreichten Stimmenanteil von 12,6 Prozent dennoch einen Achtungserfolg feiern konnte. Wahrscheinlich wäre Farages UKIP sogar noch erfolgreicher gewesen, wenn Cameron nicht mit dem Referendum, das ihn jetzt sein Amt gekostet hat, einen Teil der EU-Feinde in sein Lager gelockt hätte.

Am Rande darf ich außerdem bemerken, dass Farage berüchtigt dafür ist, sich gerne mit einer Zigarette in der einen und einer Pint in der anderen Hand fotografieren zu lassen. Zu den Wahlversprechen seiner Partei gehört unter anderem auch die Abschaffung des Rauchverbots in der Gastronomie.

Ausgerechnet in einem der Länder, in denen die Bekämpfung des Tabaks durch die Regierung besonders weit vorgeprescht ist, kursierten während des Wahlkampfs vor der Abstimmung um den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union nicht nur Fotos, die Premierminister Cameron beim Rauchen zeigen sollen, sondern auch seine Frau Samantha hat laut Medienberichten mit dem Rauchen wieder angefangen. Dabei schwören auch britische „Experten“ jeden Meineid, dass Rauchen keinen Vorteil, sondern nur Nachteile beim Stressabbau mit sich bringt. Und Cameron selbst hat diese Behauptung mit der Präventionspolitik seiner Regierung immer unterstützt.

Ich entziffere die Schrift an der Wand, vor der die Briten, aber auch wir nun stehen, folgendermaßen: Großen Teilen der Bevölkerung im Vereinigten Königreich wird schon viel zu lange in zu vielen Bereichen ständig vermittelt: Dich lassen wir nicht gelten, du genügst unseren Ansprüchen nicht. Rauche nicht! Du bist zu fett! Fleisch essen ist unanständig! Beweg dich gefälligst! Aber auch: Tu endlich, was wir dir sagen, oder du bist ein volkswirtschaftlicher Störfall. Ein unnötiger Kostenfaktor, der anderen auf der Tasche liegt. Ein Betriebsschädling. Geschieht dir ganz recht, wenn du deine Arbeit, deine Wohnung verlierst. Und sei, verdammt nochmal, gefälligst tolerant.

Toleranz, andere Menschen mit anderen Überzeugungen und Gewohnheiten ebenso wie sich selbst und seine eigenen Überzeugungen und Gewohnheiten gelten zu lassen, ist ein hohes Gut. Aber sie gedeiht nicht unter Menschen, die man tagtäglich spüren lässt, dass man ihre Überzeugungen und Gewohnheiten eben nicht gelten lässt, sondern ihnen sogar bei jeder Gelegenheit öffentlich verkündet, man werde sie so lange herumschubsen, bis sie endlich ihre eigenen Überzeugungen und Gewohnheiten gegen andere ausgetauscht haben.

Es ist eine Binsenweisheit, dass diese Methode in der aufstiegsorientierten Mittelschicht am besten funktioniert – allerdings verlagert sich das „weggenudgte“ Verhalten, näher betrachtet, nur in andere Bereiche, um dort in ganz ähnlicher Form Wiederauferstehung zu feiern. Zeugen Äußerungen wie „Ihr Alten habt uns unsere Zukunft gestohlen“ durch junge britische Brexit-Gegner etwa von Toleranz – oder wenigstens von Einsicht in demokratische Spielregeln? Die von den Lastern des Rauchens, Alkoholkonsums oder Junk-Food Geheilten wiederum entwickeln neue gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen, die von Ritalinmissbrauch über Fehlernährung nach der neuesten Ernährungsmode bis hin zu exzessiv betriebenem Ausdauersport – mit oder ohne die auch im Freizeitsport immer verbreiteteren Dopingmittel – oder Risikosportarten von Freeclimbing bis Paragliding reichen.

Wirtschaftlich schlechter gestellte Schichten geben dem Druck, sich anzupassen, von vornherein seltener nach als andere, und auch das ist nicht überraschend, denn Arme, Ausgegrenzte und Arbeitslose stehen unter erhöhtem Stress und können sich deshalb – das Ehepaar Cameron sollte es spätestens jetzt nachfühlen können! – viel seltener dazu überwinden, ihre tröstlichen kleinen Laster aufzugeben. Die Konditionierung funktioniert zwar auch bei ihnen, aber nur, indem sie ein permanent schlechtes Gewissen erzeugt, während dennoch weiter getan wird, was die Konditionierung einem eigentlich austreiben sollte.

Das Ergebnis einer gesundheits- und sozialpolitischen Doktor-Frankenstein-Strategie, deren Hybris sich nicht weniger als die Abschaffung der menschlichen Schwächen, Laster und Fehlbarkeiten auf die Fahnen geschrieben hat, und die als Mittel Strafe, Ausgrenzung und Verächtlichmachung sowie penetrantes Herumschubsen einsetzt, kann natürlich von vornherein nicht Toleranz sein. In Deutschland heißt dieses Ergebnis Pegida und AfD, in England UKIP, und in Frankreich kann man es als Front Nationale besichtigen.

Ob diese Bewegungen wahre Freunde für diejenigen sind, die ihnen in immer größeren Scharen zulaufen, sei dahingestellt. Aber in jedem Fall sind sie die einzigen, die ihnen in den letzten Jahren ein freundliches Gesicht gezeigt und ihnen vermittelt haben, dass sie normale, anständige Menschen seien, die man so, wie sie sind, gelten lassen kann. Denn im „neoliberalen“, auch dem Nudging zugrunde liegenden Denken in ausschließlich zähl- und messbaren vermeintlichen Vorteilen und Nachteilen interessiert es niemanden, was diese Menschen denken und empfinden, solange man glaubt, das was sie tun, mühelos durch Konditionierungsmaßnahmen nach Pawlowschem Vorbild steuern zu können.

Die Schockbilder auf Zigarettenschachteln sind eine dieser Maßnahmen. Was ich von ihnen halte, können Sie in meinem Brief an die Abgeordneten des Europaparlaments vom Herbst 2013 nachlesen.

Das Brexit-Menetekel sollte der Anfang vom Ende der Illusion dieses Konzepts sein. Das Vereinigte Königreich wird, auch als Ergebnis eines spektakulär fehlgeschlagenen Experiments im „Social Engineering“, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, in der heutigen Form wahrscheinlich bald nicht mehr existieren, denn Schottland droht mit dem Austritt, und auch in Nordirland werden Stimmen laut, die eine Wiedervereinigung mit Irland fordern. Aber auch die Europäische Union ist nicht nur um ein Mitgliedsland ärmer geworden, sondern in Gefahr, ganz zu zerfallen.

Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet. Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben.

Sowohl auf EU- wie auch auf Mitgliedsstaatenebene spielen dabei dieselben Bevölkerungsschichten, die niemand in den letzten Jahren für wichtig genug gehalten hat, um ihre Anliegen ernst zu nehmen, die Schlüsselrolle. Von ihnen wird die EU gezählt und gewogen werden, und vom Ergebnis hängt ihr und unser weiteres Schicksal ab.

Die Schrift an der Wand ist im Grunde leicht zu entziffern. Es fehlt nur noch ein Prophet, der dort Gehör findet, wo die Entscheidungen getroffen werden.

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Passivrauchen: Die morschen Kulissen eines Potemkinschen Dorfs

 

Dass Passivrauchen „Krankheit und Tod“ bringt und Jahr um Jahr 3301 Menschen alleine in Deutschland tötet, gilt nach etwa einem Jahrzehnt intensivster PR-Arbeit der hiesigen Filiale der WHO Tobacco Free Initiative am DKFZ in Heidelberg längst als ganz selbstverständliches Allgemeinwissen. Die relativ zahlreich vertretenen Zweifler des Jahres 2006 schweigen oder erwähnen ihre stichhaltigen Einwände von damals höchstens noch in Nebensätzen, weil sie das verfolgte Ziel als solches ja eigentlich gar nicht für so übel halten. Manche haben ihre Zweifel unter Umständen auch ganz pragmatisch ihrer Karriere geopfert. Da ich aus persönlicher Erfahrung weiß, was „Dissidenten“ in dieser Frage droht, kommt mir das alles auch gar nicht weiter überraschend vor.

Vielleicht ist es Ihnen aber auch schon aufgefallen: Neue Studien zum Passivrauchen sind in den letzten Jahren kaum noch ins Gespräch gebracht worden. Ruht sich die Wissenschaft also auf ihren Lorbeeren der achtziger und der neunziger Jahre aus? Aus diesem Zeitraum nämlich stammen so gut wie alle Studien, mit denen beim Passivrauchen immer argumentiert wurde – bei so gut wie allem, was uns ab der zweiten Hälfte der nuller Jahren als neu verkauft wurde, handelte es sich um sogenannte Metaanalysen, gewissermaßen die Junk-Bonds unter den wissenschaftlichen Arbeiten, denn in ihnen wurden dieselben alten Studien, die längst bekannt und für sich alleine betrachtet nicht überzeugend genug ausgefallen waren, um als Grundlage für Nichtraucherschutzaktivitäten auszureichen, gebündelt und als vermeintlich neuer und nun zweifelsfreier Beleg präsentiert – fast genauso, wie in den USA jahrelang faule Immobilienkredite gebündelt und in dieser Verpackung als vermeintlich sichere Geldanlage angepriesen wurden. Bis das nach einigen Jahren einen Bankencrash und daraufhin eine weltumspannende Finanzkrise auslöste. Ob der Wissenschaft durch ihre „Junk-Bonds“ auch noch ähnliches bevorsteht, muss abgewartet werden.

Dass die Wissenschaft sich in den letzten Jahren dennoch weiter mit dem Passivrauchen befasst hat, wenn auch meist als Nebenprodukt von Arbeiten mit anderem inhaltlichem Schwerpunkt, ist nicht so bekannt. Ein in Zeiten sinkender Raucherzahlen mit zunehmender Häufigkeit untersuchtes Thema ist zum Beispiel Lungenkrebs bei Nichtrauchern. Passivrauchen wird dabei zwangsläufig mit ausgewertet. Dass die Ergebnisse dabei selten so ausfallen, wie die Tabakkontrolle sich das eigentlich wünschen würde, ist möglicherweise auch der Grund dafür, warum diese Ergebnisse nicht an die große Glocke gehängt werden. Da gab es beispielsweise im Jahr 2010 in Kanada eine Studie, die ziemlich sang- und klanglos in den Medien untergegangen ist, vermutlich weil die Ergebnisse den üblichen medialen Verstärkern nicht genehm waren.

Aufhorchen ließ aber auch eine Auswertung aus dem Forschungsprogramm der NHLBI Women’s Health Initative. Ziel dieser Initiative war es, die Gesundheit von Frauen im Alter von über 50 Jahren in einem weiteren Rahmen und mit Schwerpunkt auf Krebserkrankungen, Herz- und Kreislauferkrankungen und Osteoporose zu untersuchen, um bekannte Risikofaktoren besser einschätzen zu können und bislang unerkannte zu identifizieren. Aus der Auswertung dieser Daten ist eine schier unglaubliche Menge an Studien entstanden. Auswertungen der Daten auch zum Thema Rauchen waren da fast schon obligatorisch, und näher betrachtet, finden sich tatsächlich auch ein paar, darunter aber komischerweise nicht diejenigen, mit denen man eigentlich gerechnet hätte. Zum Passivrauchen in Verbindung mit Lungenkrebs findet sich in dieser ganzen langen Liste zum Thema Krebs beispielsweise gar nichts.

Dieser Schein trügt allerdings, denn in Wirklichkeit wurden die Daten sehr wohl zur Frage Passivrauchen und Lungenkrebs ausgewertet. Auch eine dazugehörige Studie scheint es im Prinzip zu geben. Sie wurde aber nie publiziert. Was darin gestanden hätte, erfuhr man lediglich aus einem Artikel, der im Dezember 2013 im „Journal of the National Cancer Institute“ erschien. Bei diesem Artikel hatte es aber gleich die Überschrift gewaltig in sich: „No Clear Link Between Passive Smoking and Lung Cancer“, also: „Keine eindeutige Verbindung zwischen Passivrauchen und Lungenkrebs“.

Solche Töne sind in Fachzeitschriften selten. Was war also in diesem Fall in sie gefahren? Ich kann auch nur spekulieren, aber ich nehme an, man konnte das unpassende Ergebnis nicht mehr völlig unter den Teppich kehren, nachdem es einige Monate zuvor, im Juni 2013, von den an der Studie Beteiligten bei einer Tagung der American Society of Clinical Oncology in Chicago präsentiert worden war.

„Unseres Wissens ist dies die erste Studie, die sowohl aktives und passives Rauchen in Verbindung mit Lungenkrebs in einer vollständigen prospektiven Kohorte von Frauen in den USA untersucht“, so die bedauernswerte Studentin Ange Wang von der renommierten Stanford University, die in Chicago von den Leitern der Studie vorgeschickt wurde. Bei sogenannten Fall-Kontroll-Studien, erläuterte sie, sei mit verzerrenden Faktoren zu rechnen. Wer an einer Krankheit leidet, die auf Passivrauchen zurückzuführen sein könnte, der erinnert sich beispielsweise eher daran, Passivrauch ausgesetzt gewesen zu sein, als Angehörige einer Kontrollgruppe, die sich pumperlgesund fühlen und damit eine „Suche nach den Schuldigen“ von vornherein nicht vornehmen. Ein anderer von den zahlreichen weiteren Faktor, den ich ergänzen möchte: Der eigene aktuelle oder frühere Tabakkonsum kann von Erkrankten auch verschwiegen worden sein, um sich nicht dem ausdrücklichen oder stummen Vorwurf „Selbst schuld“ auszusetzen, mit dem jeder an Lungenkrebs Erkrankte heutzutage nun einmal zu rechnen hat.

Auch das ist starker Tobak, die angeblich zweifelsfrei ermittelten erhöhten Risiken aus früheren Studien in Frage zu stellen. Wie unwohl es Judy Peres, der Autorin des Artikels, bei all dem gewesen sein muss, zeigt sich daran, dass sie, nachdem sie die peinliche Botschaft losgeworden war, sofort eine Expertin präsentierte, die sie in einem argumentativen Salto mortale wegzuerklären versuchte: Diese Entdeckung – halten Sie sich fest – sei in Wirklichkeit doch gar nicht neu.

Richtig – mir ist sie in der Tat nicht neu. Und dasselbe gilt natürlich für einen Wissenschaftler wie Geoffrey Kabat, der sich umgehend in den US-Medien mit einer ähnlichen Einschätzung zu Wort meldete. Als er selbst vor über zehn Jahren mit einem ganz ähnlichen Ergebnis wie die Wissenschaftler von Stanford an die Öffentlichkeit gegangen war, führte dies bekanntlich dazu, dass er umgehend als angeblicher Lakai der Tabakindustrie bekämpft wurde.

Die Kreise, die ihn damals und mich wenige Jahre später zum Feindbild erklärt haben, wollen diesen Satz „Das wissen wir doch schon lange“ aber in Wirklichkeit natürlich ganz anders verstanden wissen. Tatsächlich gab es nämlich in einer einzigen der verschiedenen passivrauchenden Nichtraucherinnengruppen eine schwache Assoziation mit Lungenkrebs, und zwar bei Frauen, die mehr als dreißig Jahre mit einem rauchenden Partner zusammengelebt hatten. Der Haken dabei: Das Ergebnis, so die Autoren der Studie, habe keine ausreichende statistische Aussagekraft, weil das Konfidenzintervall den Wert 1,00 mit einschließe.

Ich gebe das einfach mal so wieder, wie es in dem Artikel steht, ohne mich lange mit Erklärungen aufzuhalten, warum das Konfidenzintervall diesen Wert nicht mit einschließen dürfte, um eine sichere Aussage treffen zu können, denn meiner Meinung nach ist unabhängig davon das im Artikel angegebenen ermittelte erhöhte Risiko in Höhe von 1,6 noch ein gutes Stück von echter Aussagekraft entfernt. Wie ich bereits an früherer Stelle erläutert und begründet habe, sollte mindestens die einfache Wahrscheinlichkeit erreicht sein, um einen Zusammenhang zu unterstellen, und das ist bei einem Relativen Risiko von 2,0 (einer Verdoppelung des Risikos) der Fall. Ab diesem Wert spricht mehr für als gegen einen Zusammenhang, deshalb ist es vertretbar, dann einen Zusammenhang zu vermuten. Es war aber unter seriösen Wissenschaftlern lange üblich, noch höhere Relative Risiken zur Messlatte zu machen, bevor man mit einer neu entdeckten Verbindung zwischen einem Risikofaktor und einer Erkrankung an die Öffentlichkeit ging.

Der ermittelte Wert 1,6, heißt es nun aber – über den Hinweis der Autoren der Studie auf das Problem mit der nicht ausreichenden statistischen Aussagekraft wird dabei großzügig hinweggegangen –, entspreche in etwa den bereits bekannten Zahlen. Denn eine niemals rauchende Frau, die dreißig Jahre mit einem rauchenden Ehemann zusammenlebt, habe nach dem Stand der Wissenschaft ein etwa doppelt so hohes Risiko auf Lungenkrebs wie eine niemals rauchende Frau ohne diesen dreißig Jahre lang rauchenden Ehemann.

Liebe interessierte Leser – das Problem mit dem Konfidenzintervall und alle Bedenken um verzerrende Faktoren an dieser Stelle einmal ausgeklammert: Würden Sie wirklich jemandem Glauben schenken, der Ihnen weiszumachen versucht, zwischen einer Investition, die Ihnen innerhalb eines Zeitraums x einen Kapitalzuwachs von 60 Prozent verspricht, und einer, mit der Sie Ihren Einsatz im selben Zeitraum verdoppeln, also um hundert Prozent erhöhen, bestünde keinerlei Unterschied im Ergebnis?

Ich versichere Ihnen, es gibt ebenso wie in diesem Fall sehr wohl einen Unterschied zwischen einem um knapp über sechzig und einem um hundert Prozent erhöhten, also verdoppelten Relativen Risiko. Und das gilt ganz besonders, weil verzerrende Faktoren wie die oben beschriebenen umso stärker ins Gewicht fallen, je kleiner das gemessene Risiko ist. Man muss sich schon sehr davor fürchten, dass die Leute sich fragen könnten, ob sie das Passivrauchrisiko womöglich überschätzt hatten, um solche Differenzen rhetorisch auf so fragwürdige Weise einebnen zu wollen.

Sorgen müssen die Vorkämpfer der rauchfreien Welt sich aber in der Tat darüber machen, wie lange sich Nichtraucher von ihren Bedrohungsszenarien wohl noch ins Bockshorn jagen lassen. Das Ergebnis jener Auswertung lautete ja, näher betrachtet, dass Passivrauchen unter den allermeisten voneinander unterschiedenen Umständen in diesem Datenmaterial – etwa Passivrauchen im Elternhaus während der Kindheit oder Passivrauchen am Arbeitsplatz – überhaupt keinen messbaren Effekt auf das Lungenkrebsrisiko hatte. Im einzigen Fall, in dem das nicht so war, nämlich bei Nichtraucherinnen, die länger als dreißig Jahre mit einem rauchenden Partner zusammenlebten, war der Effekt immer noch so niedrig, dass es für richtig gehalten wurde, ihn durch diese unpassende Gleichsetzung wenigstens optisch ein Stück zu vergrößern. Damit soll offenbar verhindert werden, dass die richtigen Schlussfolgerungen aus dem Ergebnis gezogen werden.

Die wichtigste dieser Schlussfolgerungen: Die sich in den USA durch aggressives Lobbying schleichend weiter ausbreitenden weitergehenden Rauchverbote, etwa im Freien oder in Mietshäusern, haben ausweislich dieses Ergebnisses nicht die geringste gesundheitliche Wirkung und sind damit gesundheitspolitisch sinnlos. Im Gegenteil spricht vieles dafür, dass die größte Gefahr am Passivrauchen in den Ängsten besteht, die durch die heraufbeschworene gar nicht nachweisbare Gefährdung ausgelöst werden. Die zweitwichtigste: Die schon jahre- bis mancherorts jahrzehntelang bestehenden Rauchverbote an Arbeitsplätzen, in der Gastronomie oder in öffentlichen Verkehrsmitteln hatten und haben ebenfalls keinerlei gesundheitlichen Nutzen – jedenfalls im Kampf gegen Lungenkrebs.

Was soll unter diesem Gesichtspunkt betrachtet eigentlich aus der in einen rechtswirksamen internationalen Vertrag eingeflossenen Beschwörungsformel aus der FCTC, dem Rahmenübereinkommen zum Tabakgebrauch, „Die Vertragsparteien erkennen an, dass wissenschaftliche Untersuchungen eindeutig bewiesen haben, dass Passivrauchen Tod, Krankheit und Invalidität verursacht“?

Aber nicht doch!, belehrt die Expertin nunmehr in dem Artikel. Passivrauchen führe zwar nur zu einem marginal erhöhten Lungenkrebsrisiko, habe aber doch so viele andere negativen gesundheitlichen Effekte: Asthma, Atemwegsinfektionen und andere Erkrankungen der Atemwege, Herzkrankheiten …

Halten wir an dieser Stelle erst einmal fest: Jene Expertin – ihr Name lautet Jyoti Patel, Northwestern University School of Medicine – darf man also getrost so zitieren: Passivrauchen führt nur zu einem marginal erhöhten Lungenkrebsrisiko. Zitieren Sie das also gerne und ausgiebig, vorzugsweise mit exakter Quellenangabe. „Marginal“, das bedeutet: ein Risiko, das so gering ist, dass Sie vergleichbare und teils sogar noch um einiges höhere Risiken tagtäglich in anderen Bereichen eingehen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, und dass Bedenken auch gar nicht nötig sind. Wenn Sie einen Laserdrucker benutzen beispielsweise. Oder wenn Sie eine befahrene Straße entlanggehen. Oder wenn Sie Schichtarbeiter sind.

Wo nur haben sich aber die Nachweise für die angeblich zu berücksichtigenden zahlreichen anderen Gesundheitsrisiken durch Passivrauchen bei der NHLBI Women’s Health Initiative versteckt? Greifen wir die Herzerkrankungen einmal heraus, die ja einer der Schwerpunkte der Forschungsarbeit gewesen sind und gleichzeitig, glaubt man dem Deutschen Krebsforschungszentrum, für zwei Drittel aller durch Passivrauchen verursachten Todesfälle verantwortlich und damit auch das bedeutendste unter den dem Passivrauch zugeschriebenen Gesundheitsrisiken. Unter den immerhin 63 Studien zu Herzkrankheiten, die auf Basis genau derselben Daten durchgeführt wurden, findet sich ausweislich der Titel aber keine einzige mit Fokus auf Passivrauchen. Eine der aufgelisteten Studien, die den plötzlichen Herztod untersucht, zählt immerhin eine lange Latte an gefundenen Risikofaktoren auf. Passivrauchen ist unter ihnen aber nicht enthalten.

Es hat mich schon immer gewundert, wie einfach es gewesen ist, das Märchen von der segensreichen Wirkung von Rauchverboten in der Gastronomie auf die Entwicklung der Zahl der Herzinfarkte zu verbreiten, denn bis heute ergibt sich aus den deutschen Krankenhausdaten nicht der kleinste Beleg für die damaligen Behauptungen. Ich bin deshalb nicht im mindesten überrascht darüber, dass in den Daten der NHLBI Women’s Health Initiative auch keine Beweise gefunden wurden. Sie dürfen davon ausgehen, dass dasselbe auch für sämtliche weiteren aufgezählten Erkrankungen gilt.

Wenn Passivrauch aber weder am Arbeitsplatz noch in der eigenen Wohnung messbare Auswirkungen auf das Risiko für die einschlägigen Erkrankungen hat, dann gilt das natürlich auch für die nichtrauchenden Beschäftigten in der Gastronomie und ebenso für nichtrauchende Gäste.

Um solche an den Grundfesten der Tabakkontrolle rüttelnde Forschungsergebnisse überhaupt publik machen zu können, sind offenbar zahlreiche und tiefe verbale Verbeugungen und Verrenkungen nötig. Heather Wakelee, eine der Leiterinnen der Studie, hielt es sogar für nötig, höchstpersönlich in dem Artikel Einwände gegen ihr eigenes Ergebnis unterzubringen, darunter einen, den ich sehr bemerkenswert finde: Unter den fast vierzigtausend Nichtraucherinnen, so Wakelee, hätten sich ja in Wirklichkeit nur etwa viertausend gefunden, die keinem Passivrauch ausgesetzt gewesen seien. „Das bedeutet, fast alle waren Passivrauch ausgesetzt, deshalb ist es sehr schwierig zu sagen, ob Passivrauch das Problem verursacht hat“, schlussfolgert Frau Wakelee.

Das vernehme ich mit Interesse. Bei der NHLBI Women’s Health Initiative geht es ja immerhin um Daten, die in der zweiten Hälfte der neunziger und den nuller Jahren erhoben wurden – einem Zeitraum also, in dem der Raucheranteil an der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten im Vergleich zu früheren Untersuchungen um im Durchschnitt sicherlich zwischen 30 und 50 Prozent gesunken war, während Rauchverbote am Arbeitsplatz in den Vereinigten Staaten zwischen Ende der achtziger Jahre und dem Untersuchungszeitraum immer häufiger wurden und am Ende zur Norm geworden waren. Wenn aber dennoch immer noch so wenige „Nicht-Passivraucherinnen“ gefunden werden konnten, können Sie mir dann eigentlich verraten, aus welchem Zylinder sie in all den früheren Studien gezaubert worden sind? Dass es in den siebziger und achtziger Jahren dann ja noch viel schwieriger gewesen sein muss, Nichtraucher zu finden, die niemals Passivrauch ausgesetzt waren, versteht sich angesichts der damaligen Rahmenbedingungen eigentlich von selbst.

Nehme ich Wakelees Bedenken wörtlich, können also sämtliche Studien zum Passivrauchen nur ein einziges Ergebnis gehabt haben: „Es ist schwierig zu sagen, ob Passivrauchen das Problem verursacht hat.“ Wieso sagt die Tabakkontrolle das dann aber nicht, sondern versichert ständig, die Beweise im Fall des Passivrauchens seien eindeutig und erdrückend?

Frau Wakelee gibt in dem Artikel die richtige Antwort auf diese Frage: „Wir wollen nicht, dass die Leute die Schlussfolgerung ziehen, dass Passivrauchen keinen Effekt auf Lungenkrebs hat.“

So einfach ist das nämlich: Bestimmte Botschaften sind erwünscht, und andere sind unerwünscht, und das bestimmt die Sprachregelungen. Spricht ein Studienergebnis gegen Passivrauchen als Auslöser einer Krankheit, dann lautet die korrekte Antwort: „Es ist schwierig zu sagen, ob Passivrauchen eine Rolle spielt“, spricht es aber dafür, geht sie so: „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Passivrauchen eine Rolle spielt.“ Beides folgt der von Frau Wakelee beschriebenen Logik erwünschter und unerwünschter Botschaften – bei der es sich allerdings um keine wissenschaftliche Logik handelt, sondern um eine politische.

Den Grund, warum diese Botschaft so dringend erwünscht ist, dass man dafür wissenschaftliche Ergebnisse zu verfälschen bereit ist, liefert uns abschließend in dem Artikel noch die bereits erwähnte Jyoti Patel: „Der stärkste Grund, Passivrauchen zu vermeiden, ist, das gesellschaftliche Verhalten zu verändern, nicht in einer Gesellschaft zu leben, in der Rauchen die Norm ist.“

Fassen wir also zusammen: Bei der Wissenschaft vom Passivrauchen geht es nicht um die Gesundheit von Nichtrauchern, sondern um die Raucher und deren Umerziehung mit dem Ziel einer neuen gesellschaftlichen Norm. Nicht, dass mir das neu gewesen wäre. Neu ist nur, dass die Betreffenden beginnen, sich zu verplappern.

„Wir haben das Rauchen aus den Kneipen und den Restaurants hinausbekommen auf Basis der Tatsache, dass Sie und ich und andere Nichtraucher nicht sterben wollen“, wird in dem Artikel dann noch ein weiterer Experte zitiert, Gerard Silvestri von der Medical University of South Carolina. „Tatsache ist, das wird wahrscheinlich auch nicht geschehen.“

Tatsache ist aber auch, dass es dann von vornherein nie eine Nichtraucherschutzgesetzgebung gebraucht hätte. Und was mir bis heute nicht klar ist: War das in der Politik eigentlich auch schon bekannt, als sie hierzulande vor knapp zehn Jahren gesetzliche Rauchverbote in der Gastronomie beschlossen hat?

Dass man mit der Einführung von Rauchverboten einen Teil der Gastronomie über die Klinge springen lassen musste, war der Politik insgeheim natürlich schon klar. Wahrscheinlich hatte man sich überlegt, man müsse die erste, hässliche Phase halt irgendwie durchstehen – diejenige, in der die Gäste toben, Umsätze in den Keller und Kneipen pleite gehen würden –, um anschließend die Früchte dieser Mühe ernten zu können. Und ganz falsch war diese Überlegung natürlich auch nicht. Ernstzunehmenden aktiven Widerstand gab es fast überall auf der Welt gegen Rauchverbote in der Gastronomie nur in der Anfangsphase der ersten etwa zwei bis maximal drei Jahre. Hatte man die überstanden, konnte man den anschließend vor allem in Dorfwirtschaften, mindestens zu vorgerückter Stunde, gepflegten passiven Widerstand mittels Gesetzesübertretungen großzügig übersehen, jedenfalls solange keine Beschwerden kamen. Angesichts der hohen Fluktuation in der Gastronomie konnte man ja damit rechnen, dass über den unvermeidlichen Flurschaden durch das Rauchverbot bald wieder Gras gewachsen sein würde. Kurz, man setzte auf Gewöhnung an eine neue Normalität, in der niemand mehr das Rauchen in Gaststätten vermissen würde.

Auf den ersten Blick könnte man glauben, dass das Kalkül bei den Rauchverboten aufgegangen ist, jedenfalls in Baden-Württemberg, wo die Ausnahmeregelung der Gastronomie noch ein wenig Spielraum gelassen hat. Trotzdem, wie vor einiger Zeit schon beschrieben, je kleiner ein Ort, desto schwieriger die Gratwanderung des dort oft einzigen Lokals, das nun einmal alle Zielgruppen unter den Bewohnern anziehen muss, um wirtschaftlich betrieben werden zu können. Wo in einem dörflichen Lokal eine Mehrraumlösung mit einem Raucher- und einem Nichtraucherraum besteht, ist es aber gerade dort häufig immer noch der Raucherraum, in dem sich alle diese Zielgruppen einfinden, um dem Wirt sein Auskommen zu sichern, während der Nichtraucherraum, der laut Gesetz der Hauptraum sein muss, nahezu leer ist.

Was würde wohl geschehen, wenn morgen das gesetzliche Rauchverbot aufgehoben würde? Stünden dann innerhalb weniger Tage wieder überall Aschenbecher auf den Tischen oder würde der neue Normalfall mehrheitlich nicht mehr in Frage gestellt werden? Da es aus gesundheitspolitischer Sicht, wie Sie sehen, gar keinen Grund gibt, die bestehenden Rauchverbote weiter aufrechtzuerhalten, könnte man dies unbesorgt ausprobieren, wenn man nur wollte.

Dazu las ich dieser Tage etwas Interessantes. In Schottland ist nämlich zehn Jahre nach dem dort eingeführten ausnahmslosen Rauchverbot in der Gastronomie laut einer Umfrage immer noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung dafür, das ausnahmslose Rauchverbot abzumildern und Raucherbereiche zuzulassen. Man sollte diese Leute wissen lassen, wie gut die Argumente, die sie auf ihrer Seite haben, auch aus epidemiologischer Sicht sind – ihren Willen durchsetzen müssen sie dann aber natürlich selbst.

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Gestern die Raucherkneipen. Morgen die Steakhäuser?

Es ist noch keine zwanzig Jahre her, dass die Weltgesundheitsorganisation der Tabakindustrie weltweit den Kampf angesagt hat, und noch keine zehn Jahre, dass im Zuge dieses Kampfes die Gastronomie in Deutschland per Gesetz gezwungen wurde, das Rauchen zu verbieten. Den Metzgern war das damals natürlich wurst – außer natürlich denen, die, wie auf dem Lande häufig zu finden, gleichzeitig Gastwirtschaften betrieben. Schließlich „wusste doch jeder“, was für „gefährliches Zeug“ diese Zigaretten sind.

Seit ein paar Tagen wissen wir – und zwar aus derselben Quelle wie damals, nämlich der WHO –, was für „gefährliches Zeug“ in den Augen derselben Experten auch all das ist, was ein Metzger in seinem Verkaufstresen anbietet. Verarbeitetes Fleisch, darunter auch Wurst, wurde in die Kategorie 1 der Weltgesundheitsorganisation eingestuft: „krebserregend“, dieselbe Kategorie, in der auch Zigaretten zu finden sind. Asbest übrigens auch.

„Finger weg vom Salami-Brot“ oder „Wie krank macht Wurst tatsächlich?“ lauteten manche der Schlagzeilen, die man in den letzten Tagen lesen konnte. Überzeugte Veganer wurden gefragte Interviewpartner und waren oft kaum imstande, ihre Genugtuung zu unterdrücken. Viele Experten wiegelten ab: Man dürfe selbstverständlich weiter Wurst essen, solle aber den Konsum reduzieren. Wieder andere Experten, darunter kein Geringerer als der Nobelpreisträger Harald zur Hausen, äußerten (gut begründete) Zweifel an der Stichhaltigkeit der Ergebnisse. Am Ende versuchte sogar die WHO selbst, die Gemüter wieder zu beruhigen: Nein, niemand habe behauptet, dass man keine Wurst essen dürfe, um nicht krank zu werden. Nur weniger Wurst müsse man essen!

Das alles erinnert sehr an die „Passivrauchstudie“ der WHO-Filiale am Deutschen Krebsforschungszentrum, die vor knapp zehn Jahren veröffentlicht wurde, denn anfangs fielen die Reaktionen da vergleichbar aus, und sogar die heutige Drogenbeauftragte Marlene Mortler – jawohl, genau dieselbe Frau Mortler, die sich keine zehn Jahre später zur Vorkämpferin für ein Rauchverbot in Privatautos aufgeschwungen hat! – äußerte sich in den Monaten nach der Publikation sehr kritisch zu ihrer wissenschaftlichen Aussagekraft. Als „widersprüchlich“ bemängelte Frau Mortler damals die vorlegten Werte und zweifelte an ihrer Seriosität. In der Gastronomie setzte sie auf Freiwilligkeit.

Das sah also alles zunächst noch nicht so dramatisch aus. Zwei Jahre später wurde der Gastronomie aber dennoch ein gesetzliches Rauchverbot aufgenötigt. Wäre ich an der Stelle der Metzger, würde ich mich jetzt also nicht vorschnell wieder entspannen.

Mit dem Rauchverbot in der Gastronomie scheint sich inzwischen jeder arrangiert zu haben – die einen auf diese, die anderen auf jene Art und Weise. Greifen wir als Beispiel noch einmal die anfangs erwähnten Metzgereien heraus, die auf dem Lande häufig mit gastronomischen Betrieben verbunden sind. Viele solche Gastwirtschaften wurden nämlich seit Einführung des Rauchverbots, und zwar vor allem in kleineren Orten, inzwischen aufgegeben: teils wurden sie ganz geschlossen, teils stehen sie für private Veranstaltungen noch zur Verfügung, teils werden die Gasträume noch als Frühstücks- und abendlichen Aufenthaltsraum für die Gäste eines erhalten gebliebenen Pensionsbetriebs genutzt (und in solchen Fällen ist der Aschenbecher auf dem Tisch abends ebenso ins eigene Ermessen des Pensionsbetreibers gestellt wie der Aschenbecher im Zimmer des Gasts). Wo in einem kleineren Ort aber noch ein oder zwei klassische Dorfwirtschaften erhalten sind, fragt man sich oft, wovon sie eigentlich leben. Die besetzten Tische am Abend kann man, egal ob unter der Woche oder am Samstag oder Sonntag, meistens an den Fingern einer Hand abzählen.

Besetzte Tische bedeuten heutzutage auch fast immer Essensgäste. Die Stammtischrunden, die früher außerdem hereinkamen und oft viel länger verweilten und alleine durch Getränke mehr konsumierten, sind mit dem Rauchverbot größtenteils in reine Trinklokale oder in private Räumlichkeiten ausgewichen. Diese Diagnose gilt für urige Wirtshäuser mit Patina, in denen bis auf die fehlenden Aschenbecher die Zeit stehengeblieben scheint, wie auch für diejenigen, die sich bemüht haben, ein den veränderten Umständen angepasstes Angebot mit einem Facelifting der Räumlichkeiten zu verbinden. Wer auf dem Dorf abends ein Lokal sucht, in dem sich mehr als maximal zehn Gäste aufhalten, wird meist viel mehr Mühe haben, eines zu finden, als jemand, der eines sucht, in dem höchstens drei oder vier Personen die Gaststube bevölkern.

Gut besetzte Gaststuben trifft man aber auch auf dem Lande in den Wirtshäusern nach wie vor dort an, wo eine kreative Umsetzung der in Baden-Württemberg ja nach wie vor gültigen Nebenraumregelung gefunden wurde. Die führt dann in der Regel dazu, dass der Raum, in dem geraucht werden darf, durch die rege Nutzung zum heimlichen Hauptraum geworden ist, in dem sich auch die nichtrauchenden Gäste aufhalten, während der Nichtraucherbereich mangels Nachfrage größtenteils verwaist bleibt. – Kurz, in solchen Fällen ist es genauso, wie es früher war. Aber solche Fälle sind eingestandenermaßen vergleichsweise selten. Denn merkwürdigerweise findet man tatsächlich nur wenige verbotsbetroffene Gastronomen, die sich eine Rückkehr zur früher selbstverständlichen Raucherlaubnis überhaupt noch vorstellen können, und damit hat die ideologische Raucherbekämpfung ihr Ziel offensichtlich erreicht. Gleichzeitig geht das lautlose Gastwirtschaftensterben in den Dörfern eben weiter, mit allen Wirkungen – und keine davon ist positiv –, die das für das Leben am Ort dort mit sich bringt.

Ob das nun aber vielleicht mit den Metzgern genauso kommen wird? Denn, merkwürdig, auf einmal wimmeln die Medien nur so von Berichten über glückliche Metzger, die sich „längst auf vegetarische Kundschaft eingestellt“ haben sollen oder Wurstfabrikanten, die aus Überzeugung auf ein vegetarisches Angebot umgestiegen sind, und das erinnert ein weiteres Mal sehr an vergleichbare Berichte aus den Jahren 2007 und 2008 über die allgemeine Zufriedenheit der zu ihrem rauchfreien Glück gezwungenen Gastwirte in der Zeit, als das Rauchverbot gerade erst eingeführt worden war. Andere Medien erörtern in ernsthaftestem Ton, woher das Urteil der Weltgesundheitsorganisation rührt, in welchen Punkten sie recht habe und in welchen sie vielleicht ein klein wenig übertreibe. Das Ganze wird in der Regel natürlich garniert mit Ernährungsempfehlungen, die zwar alle kein Fleischverkaufs- oder Fleischgenussverbot enthalten – jedenfalls noch nicht –, aber unweigerlich darauf hinauslaufen, dass zumindest viel weniger Fleisch gegessen werden solle.

Das eigentlich Beunruhigende an dem Urteil, das die WHO über den Genuss von Fleisch und Wurst gefällt hat, sind diese Reaktionen. Eigentlich hätten die Medien auf der gesamten Welt nach dieser Meldung in kollektivem homerischem Gelächter erbeben müssen. Und nachdem man genügend gelacht hatte, hätte man sich wieder ernsthaften Sorgen zuwenden können, von denen die Welt ja momentan gerade genug auf dem Buckel hat. In Ländern wie Syrien etwa sterben die Menschen nicht, weil sie zu viel rauchen oder zu viel Fleisch essen, sondern weil sie dort schon seit mehreren Jahren teils von der Regierung, teils von religiösen Fanatikern zusammengebombt werden. Und um das Wohl der Kinder macht man sich nicht Sorgen, weil ein Bruchteil von ihnen im elterlichen Auto mit Passivrauch in Kontakt kommt und vielleicht ja unter Umständen irgendwann viel später davon einmal krank werden könnte (wofür es keinen ernstzunehmenden Beleg gibt), sondern weil ihre Eltern das Heil in der Flucht suchen und zusammen mit den Kindern in kippeligen Booten über das Mittelmeer zu gelangen versuchen, was alleine in diesem Sommer eine mindestens dreistellige, möglicherweise aber auch vierstellige Zahl von Kindern das Leben gekostet hat. Dass sich in Syrien jetzt immer mehr eine Art Stellvertreterkrieg zwischen den USA und Russland entwickelt, wird dort weder die Lebenserwartung noch den Lebensstandard erhöhen. Ist es da etwa nicht zum Lachen, wenn die Weltgesundheitsorganisation wahrhaftig keine dringenderen Sorgen zu haben glaubt als den Fleisch- und Wurstkonsum und die Medien darüber so ernsthaft diskutieren, als wäre es tatsächlich ein Grund zur Sorge?

Natürlich ist Fleisch- und Wurstkonsum in Wirklichkeit überhaupt kein Grund zur Sorge. Sogar dann, wenn die WHO dieses Mal – anders als im Falle des Passivrauchens – darauf verzichtet haben sollte, ihre Ergebnisse zu „begradigen“, um sie für eine Sensationsmeldung tauglich zu machen: Es handelt sich um ein Risiko, das für den Einzelnen so gering ist, dass es als vernachlässigbar betrachtet werden kann.

Das viel größere Risiko für das Wohlergehen der Menschen aber, wie man an diesem Fall erneut darstellen muss, repräsentiert die Weltgesundheitsorganisation selbst. Denn ein viel größeres Risiko für die Gesundheit als Fleischgenuss ist das Erzeugen von Angst, Scham, Hass und anderen negativen Emotionen, wie das die WHO bei jeder ihrer „erzieherisch“ gedachten Kampagnen wider den „ungesunden Lebensstil“ macht. Und ebenso werden die positiven gesundheitlichen Wirkungen positiver Emotionen zunichte gemacht, wenn mit solch fanatischem Eifer nach dem eventuellen Risiko in allem gesucht wird, was Menschen nicht deshalb machen, weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen – weil sie sich daran freuen, weil es ihnen Genuss bereitet. Die unheilvolle gesundheitliche Wirkung negativer Emotionen ist inzwischen so gut belegt, dass eine verantwortungsbewusste Gesundheitspolitik eher diese ständigen säuerlichen Allesverbieterkampagnen verbieten müsste, wenn sie es wirklich ernst meinen würde mit dem Schutz der Gesundheit der Bevölkerung.

Einer dieser Belege an dieser Stelle stellvertretend für alle: Eine Studie der Universität Pennsylvania erbrachte das verblüffende Ergebnis, dass sich die Zahl der tödlichen Herzerkrankungen nicht etwa durch die dortige Verbreitung der üblichen Laster – Rauchen, Alkohol, Zucker, Salz und Fett etc. – plus der demographischen Eckdaten am präzisesten für eine bestimmte Region vorhersagen lässt. Den Autoren gelang nämlich eine noch genauere Prognose durch die Auswertung von … Twitter-Kurznachrichten, in denen positive oder negative Emotionen zum Ausdruck gebracht wurden.

Auf den ersten Blick liest sich das wie ein schräger Witz. Näher betrachtet, ist die Sache aber völlig plausibel dargestellt: Auf Basis von insgesamt 148 Millionen mit dem Heimatort der Autoren unterlegten Twitter-Nachrichten aus 1347 US-Countys, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums geschrieben wurden, wurde ein Vorhersagemodell für die Erkrankungshäufigkeit in diesen Countys entwickelt, das sich als um einiges genauer erwies als ein Prognosemodell mit den „handelsüblichen“ Indikatoren (Rauchen etc.). Kombinierte man beide Modelle, war nur noch eine ganz geringfügige Verbesserung zu erreichen. Mit anderen Worten: Dort, wo die Leute chronisch „mies drauf“ sind, sind die Herzinfarkte häufiger. Dort, wo sie in der Regel gut gelaunt sind, sind sie seltener. Wie viel dort geraucht und getrunken wird, fällt hingegen weit weniger ins Gewicht.

Spaß haben ist aus sich selbst heraus also ein gesundheitsfördernder Faktor. Seinen Spaß vermiest zu bekommen, ist folglich ein gesundheitsschädlicher Faktor.

Ganz neu ist diese Erkenntnis ja nicht mehr, aber in die Gesundheitspolitik ist sie bislang leider nicht eingeflossen. Dass „Einsamkeit der Gesundheit genauso stark schadet wie Rauchen“, ging schon wiederholt durch die Medien.  Auch Angst wirkt sich gesundheitlich negativ aus. Mobbing unter Kindern schließlich zeigt sowohl bei Tätern wie auch bei den Opfern negative gesundheitliche Folgen im Erwachsenenalter.

Das alles wirft auch die Frage auf, warum die Fachwelt mit der Weltgesundheitsorganisation an der Spitze eigentlich so hartnäckig darauf besteht, Praktiken als Mittel der Prävention anzuwenden, die – egal, wie gut gemeint sie eigentlich sein mögen – eine ganz ähnliche Wirkung wie Mobbing auf die Betroffenen haben:

  • Sorgfältig ausgefeilte Bedrohungsszenarien mit dem klaren Ziel, Angst und Ekel auszulösen
  • Maßnahmen, die dazu gedacht sind, sozial isolierend zu wirken
  • Maßnahmen, die beschämend wirken sollen
  • Maßnahmen, die Schuldgefühle auslösen sollen

Da die negative Wirkung des Mobbings nicht nur das Opfer, sondern auch die Täter betrifft, sollte man mit der Prävention also vielleicht in der WHO selbst und vor allem bei deren Gesundheitsstrategen anfangen? Denn es ist zu erwarten, dass auch die Einstufung von Wurst als ein krebserregendes Erzeugnis auf bestimmte besonders stark betroffene Bevölkerungsgruppen eine Mobbing vergleichbare Wirkung haben wird.

Jeder Lebensmittelerzeuger, bei dem die Verarbeitung von Fleisch eine Rolle spielt, erfährt beispielsweise gerade alleine beim Blick in die Zeitung, beim Radiohören oder Fernsehen am eigenen Leib, wie es sich in den letzten knapp zwei Jahrzehnten angefühlt hat, Produzent oder Händler von Tabakwaren zu sein. Wie lange wird es aber wohl noch dauern, bis sich die Sache steigert? Wann wird die WHO auch den Metzger an der Ecke ungestraft als „Händler des Todes“ bezeichnen, wie sie das bei seinem Kollegen vom Tabakwarenladen längst ganz ungeniert tut? Wie lange, bis die ersten ernstzunehmenden Forderungen aus dem Public-Health-Bereich nach einer „fleischfreien Gastronomie“ kommen? Oder vielleicht greift man ja auch die in Russland so publikumswirksamen öffentlichen Vernichtungsaktionen von sanktionsbetroffenen Lebensmitteln eines Tages auch im Westen zum Wohle der Volksgesundheit gegenüber „gesundheitsschädlichen“ Lebensmitteln auf?

Das sind die Fragen, die mich an diesem Thema interessieren, und ich werde sie im Auge behalten. Über die Thesen der WHO überhaupt nur zu diskutieren, halte ich dagegen für völlig sinnlos, weil es gar keine Rolle spielt, ob sie aus epidemiologischer Sicht korrekt sind oder nicht. Es geht hier nämlich um nicht weniger als eine insgesamt verfehlte Vorstellung eines gelungenen Lebens, die von lebensfremden Zahlenfetischisten als das vermeintliche Heil der ganzen Menschheit aufgenötigt werden soll. Es geht um Genussfeindlichkeit in Verbindung mit missionarischem Fanatismus für ein Ziel, das Statistikern besonders naheliegt, nämlich einen momentan vorliegenden Zahlenwert zu „verbessern“, will heißen: die Zahl der Lebensjahre und -tage auf das maximal Mögliche auszudehnen. Nach dieser Denkweise ist ein Leben, das sehr lange währt, aber völlig ohne Inhalt bleibt und so gelebt wird, als müsse man mit dem Weiterleben eine wenig angenehme Pflicht erfüllen, in jedem Fall dem eines anderen vorzuziehen, der ein gewisse Zeitspanne – und wären es auch nur vierzehn Tage – kürzer gelebt, aber diese Zeit damit verbracht hat, mit allen seinen Sinnen Eindrücke aufzunehmen und wiederzugeben, tiefschürfend zu denken und Erkenntnisse zu gewinnen, in seinem Tun aufzugehen, zu lieben und geliebt zu werden, zu lachen, zu weinen – und daneben auch: zu genießen.

Dieser andere würde sich das alles aber vermutlich nicht freiwillig wegnehmen lassen – immerhin handelt es sich um Lebensinhalte. Was die WHO mit ihrem Alarm um Fleisch und Wurst gerade tut, ist, ihn durch Drohungen so zu erschrecken, dass er sich vielleicht doch noch dazu entschließt. Was sie nicht dazusagt: Das täte er dann aber in Wirklichkeit gar nicht für sich selbst, sondern bloß, um den Experten ihre Statistik zu verschönern. Lebensinhalte und darauf basierende Lebensqualität können die Epidemiologen nämlich nicht messen, deshalb existieren sie für sie überhaupt nicht. Wenn Sie ihren Ratschlägen folgen und dabei subjektiv – und Genuss ist immer subjektiv – an Lebensqualität verlieren, ist das der WHO völlig egal.

Nach einer aktuellen Umfrage ist es der WHO mit ihrer jüngsten Tatarenmeldung um die krebserregende Wurst gelungen, immerhin ein Fünftel der Bevölkerung dazu zu bringen, sich um eine Sache Sorgen zu machen, die diese Sorgen gar nicht wert ist. Es wird deshalb allerhöchste Zeit, dass irgendwo auf der Welt in der Gesundheitspolitik – und sehr gerne als Erstes bei uns in Deutschland! – endlich auch einmal der Groschen fällt, dass man der Gesundheit der Bürger einen Bärendienst erweist, wenn man ihnen die noch existierenden Nischen des Genusses beispielsweise beim Essen zugunsten einer sterilen Nutzenanwendung als reine Nahrungsaufnahme wegoptimiert. Denn dies ist im Zweifelsfall genauso ungesund wie das, was die Leute zuvor getan hatten, macht ihnen aber viel weniger Spaß. Und so etwas kann nur für diejenigen ein erstrebenswertes Ziel sein, die es in Wirklichkeit von vornherein auf die Beseitigung des Spaßes abgesehen hatten.

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Aufruf zum Austritt aus der FCTC

Die Ratifizierung der FCTC, ausgeschrieben: Framework Convention on Tobacco Control, zu deutsch: Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs, jährt sich für viele der Unterzeichnerstaaten 2015 zum zehnten Mal. Gefeiert wurde dieses Ereignis im März in Abu Dhabi auf der sogenannten „Conference on Tobacco or Health“. Die häufig noch verwendete deutsche Übersetzung „Weltkonferenz zu Tabak und Gesundheit“ unterschlägt, dass die beiden Begriffe schon seit mehreren Jahren gezielt zueinander in Gegensatz gestellt werden. Also: Wo Tabak ist, gibt es keine Gesundheit. Oder umgekehrt: Wo man Gesundheit will, darf kein Tabak sein.

Alles nur kleinkarierte Wortklauberei? Absolut nicht. Das ist gewissermaßen Programm und ganz wörtlich zu verstehen. Im Jahre 2015 wurde nämlich die Forderung nach einer tabakfreien Welt, angestrebt für das Jahr 2040, ins Zentrum der jährlichen Konferenz gerückt.

„Grundsätzlich frei vom Verkauf (legal und illegal) von Tabakprodukten“ solle die Welt werden, forderte Prof. Robert Beaglehole von der Universität Auckland. Näher betrachtet, ist sein Ziel einer „tabakfreien Welt“ derzeit aber noch ein wenig bescheidener definiert: Sobald weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung noch Tabak nutzen und Tabakprodukte „außer Sicht, aus dem Bewusstsein geschwunden und aus der Mode, aber nicht verboten“ seien, soll es als erreicht gelten. Dass dies bis zum Jahr 2040 geschieht, so Beaglehole, sei „sozial wünschenswert, technisch erreichbar“ und könne „politisch umsetzbar werden“. Verlieren wir die zuerst skizzierte Vision des neuseeländischen Professors von einer Welt, in der Tabak weder legal noch illegal mehr erworben werden kann, aber trotzdem nicht ganz aus den Augen. Sie können nämlich Gift darauf nehmen, dass sie zum neuen Ziel erklärt wird, sobald das mit den fünf Prozent erst einmal erreicht ist.

Beaglehole hatte aber noch etwas anderes zu verkünden: dass die FCTC in ihrer jetzigen Form ungeeignet sei, um sein Ziel zu erreichen. Neue, zusätzliche Anstrengungen, neue Ideen und … na, so was: auch neue Investitionen seien vielmehr nötig. Auf den Punkt gebracht, sagt Beaglehole vor allem eines: Wir brauchen mehr Geld!

Auch wenn er nirgends mit der Sprache herausrückt, wer ihm dieses Geld eigentlich geben soll: Halten wir an dieser Stelle einmal inne und lassen uns seine Forderung kurz durch den Kopf gehen. In dem Weltkrieg gegen den Tabak wurden nämlich in den letzten Jahren irrsinnige Beträge verbrannt. Einen exakten Gesamtbetrag auch nur pro Jahr und für ein einzelnes Land zu bestimmen, ist dabei völlig unmöglich, denn die Geldströme sind mindestens so schwer nachzuvollziehen wie die von gewaschenen Drogengeldern aus Kolumbien oder Mexiko. Aber fest steht eines:

Dieser Krieg wird von Ihnen und mir bezahlt.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum beispielsweise bezieht seinen Gesamtetat von ca. 180 Millionen Euro jährlich, in dem auch die Finanzierung des dort ansässigen Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle sich mitverbirgt, zumindest nach eigenen Angaben vollständig aus Steuergeldern. Das DKFZ wiederum ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft und bezahlt dafür auch einen Mitgliedsbeitrag. Die Helmholtz-Gemeinschaft wiederum wird ebenfalls zu zwei Dritteln durch Steuergelder finanziert. Das restliche Drittel besteht aus sogenannten Drittmitteln „aus dem öffentlichen und privatwirtschaftlichen Bereich“. Dazu gehören auch die Mitgliedsbeiträge des DKFZ, die, wie wir sahen, ebenfalls aus Steuermitteln stammen. Selbst ist die Helmholtz-Gemeinschaft ebenfalls aktiv im Kampf gegen den Tabak und bezieht beispielsweise EU-Fördermittel (ebenfalls als „Drittmittel“ deklariert) für Forschungsarbeiten, darunter auch solche zum Thema Rauchen.

Sie sehen, es ist gar nicht so einfach, das alles aufzuschlüsseln, und von der EU bis zum Gemeindehaushalt gibt es kaum einen staatlichen Akteur, der sich am Kampf gegen den Tabak nicht beteiligt. Der Bundes-Haushaltsplan des Jahres 2015 listet eine ganze Reihe von Institutionen auf, die vom Bundesgesundheitsministerium finanziert oder bezuschusst werden und die sich zu mehr oder weniger großen Anteilen der Tabakbekämpfung widmen, so etwa die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Der Anteil, den dabei die Tabakbekämpfung im Gesamtetat von 26,5 Millionen Euro ausmacht, kann auch in diesem Fall allenfalls geschätzt werden – das Wort taucht in dem Einzelplan des Ministeriums nicht einmal auf –, sondern hängt davon ab, wie hoch der Anteil der Tabakbekämpfung am Gesamtaufwand dieser Behörde und damit auch an den im Haushaltsplan aufgelisteten Ausgaben für Personal, Räumlichkeiten, Geräteausstattung, für die Teilnahme an Konferenzen oder Lehrgängen und so weiter ist.

Auch internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation werden aus dem Bundeshaushalt mitfinanziert, und natürlich ist auch der Gesetzgebungsapparat selbst immer wieder im größeren oder kleineren Umfang mit dem Thema befasst, in einer Arbeitszeit, für die die betreffenden Abgeordneten und verbeamteten oder angestellten Mitarbeiter bekanntlich ebenfalls Geld bekommen. Daneben hat jedes einzelne der Bundesländer ebenfalls seine eigenen zu finanzierenden Maßnahmen der Tabakbekämpfung, und die Europäische Union genauso. Als Steuerzahler werden Sie auch auf kommunaler Ebene noch angezapft, wenn Behörden Regulierungen wie Rauchverbote oder Verkaufsbeschränkungen durchsetzen und kontrollieren. Den Verkauf von unversteuerten Zigaretten bekämpft der Zoll, wieder eine Bundesbehörde. Wenn die Justiz zu strittigen Fragen tätig werden muss und der Instanzenweg vollständig durchlaufen wird, etwa im Fall des Rauchers Friedhelm Adolfs, der nach wie vor um den Verbleib in seiner Wohnung zittert, können auch nacheinander Stadt, Land und Bund über den Streitfall entscheiden müssen. Und auch von Ihrem Krankenkassenbeitrag werden Mittel für Raucherentwöhnungskurse und Werbekampagnen gegen das Rauchen abgezweigt.

Die Aufzählung ist alls andere als abschließend. Gehen Sie also mindestens von dreistelligen Millionenbeträgen pro Jahr aus – alleine für Deutschland wohlgemerkt –, von denen viele Teilbeträge über mehrere Stationen weitergereicht werden, bevor sie bei ihrem Endadressaten gelandet sind, und manche Kosten indirekt der Tabakbekämpfung zuzuordnen sind, ohne dass sich dies aber aus den Zahlen an irgendeiner Stelle ergibt. Nun müssen Sie die Ausgaben aber noch irgendwie auf die ganze Welt hochrechnen. Ich gebe zu, ich habe darauf verzichtet, dies auch nur zu versuchen. Sicher ist nur eines: Es handelt sich um Milliardenbeträge. Es ist keine gar zu abwegige Vorstellung, dass sie der Höhe der Kosten der Bekämpfung illegaler Drogen vergleichbar sein könnten. Zwar investiert auch die Pharmaindustrie aus kommerziellem Eigeninteresse Geld in die Tabakbekämpfung, und daneben tun dies auch private Stiftungen wie die Gates Foundation. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass solche Stiftungen Steuersparmodelle sind und die Steuerersparnis, die auf der einen Seite Bill Gates ermöglichte, im großen Stil als Stifter aufzutreten, auf der anderen Seite die Steuerbelastung anderer Steuerzahler erhöht hat.  So oder so, Sie können getrost davon ausgehen, dass der größte Teil der Mittel im Kampf gegen den Tabak von den Steuerzahlern, also Ihnen und mir, stammt.

Luxusprobleme unterbeschäftigter Public-Health-Strategen

Deutschland ist aber nicht nur in finanzieller Hinsicht auf dieser Welt immer noch eine Art Insel der Seligen. Ukraine, Russland, Syrien, Irak, Jemen, Nepal, dazu die Ebola-Gebiete in Afrika – haben die wirklich keine anderen Sorgen, als sich ausgerechnet um die Luxusprobleme unterbeschäftigter westlicher Public-Health-Strategen zu kümmern? Aber auch der Westen ist mit den Wirkungen der gerade aufgezählten Krisen, dazu einer Flüchtlingswelle von spektakulären Ausmaßen eigentlich voll und ganz ausgelastet. Innerhalb der EU kommen die Austrittsdrohungen Großbritanniens und die drohende Pleite Griechenlands hinzu. Die Welt ist unsicher geworden, und nicht nur in Erdbebengebieten hat man das Gefühl, keinen festen Boden mehr unter den Füßen zu haben. Angesichts dessen verwundert es eigentlich nicht, dass das Medienecho auf die Fanfarenstöße aus Abu Dhabi eher desinteressiert ausfiel. Die Welt hat gerade andere Sorgen, und Geld zu verschenken hat sie auch keines.

An dieser Stelle ein wenig Eigenwerbung: Schon vor mehreren Jahren habe ich in meinem Buch der Weltgesundheitsorganisation und den Zielen, die sie mit der FCTC verfolgt, ein eigenes Kapitel gewidmet und darin unter anderem auch darauf hingewiesen, dass in dem Vertragswerk nirgends definiert worden ist, wann und unter welchen Voraussetzungen es mit der „Eindämmung des Tabakgebrauchs“ denn genug sein wird. Ich zog daraus den Schluss, dass es erst dann genug sein werde, wenn es der WHO gelungen sei, auch dem allerletzten Raucher seine Zigarette zu entwinden. Dafür bin ich von Kritikern verspottet worden. Beaglehole hat dieses Ziel, siehe oben, nun ausdrücklich bestätigt.

„Radikalere Lösungen“, schreibt der Kollege aus Neuseeland, seien nötig, weil das bisherige Vorgehen nicht zu „raschen und substantiellen Rückgängen“ des Tabakgebrauchs geführt hätten. Weltweit betrachtet, seien die Bevölkerungsanteile der Raucher zwischen 1980 und 2012 „nur“ von 41 Prozent bei Männern auf nun 31 Prozent sowie bei Frauen von 11 auf 6 Prozent gesunken. Und schuld daran sei selbstverständlich das „aggressive Marketing“ der Tabakindustrie. Wirklich? Tatsache ist, dass die Tabakindustrie in den meisten Industrieländern so gut wie gar kein Marketing mehr betreiben darf. Mit der neuen Tabakproduktrichtlinie der EU, die letztes Jahr beschlossen wurde, zeichnet sich ab, dass ihr in den nächsten Jahren immer mehr Staaten sogar als allerletztes Marketinginstrument die grafische Gestaltung der Verkaufsverpackungen verweigert wird, eigentlich ein markenrechtliches Unding, das von einer Justiz, die sich an ihre eigenen Regeln hält, nicht geduldet werden dürfte, aber bislang zumindest in Australien den höchstrichterlichen Segen bekam.

Den Misserfolg der Tabakbekämpfung können die Tabakbekämpfer unter solchen Umständen weiß Gott nicht mehr der Tabakindustrie in die Schuhe schieben. Ich würde eher sagen: All die Milliarden und Abermilliarden, die in den letzten zehn Jahren weltweit für die Bekämpfung des Tabaks verschleudert wurden, haben einfach nicht die Wirkung gezeigt, die sich die WHO davon versprochen hatte.

Tatsächlich ist das Debakel in der Zwischenbilanz nach zehn Jahren FCTC sogar noch viel schlimmer, als es der Forscher schildert, denn wie kommt er eigentlich dazu, den Teil des Rückgangs, der in den achtziger und neunziger Jahren stattfand, den Bemühungen der WHO zuzuschreiben, die sich erst 1998 den Kampf gegen den Tabak auf die Fahnen geschrieben hat, was dann erst mehrere Jahre später, 2005, in die Ratifizierung der FCTC mündete? In allen Industrieländern fand der größte Teil des Rückgangs bei den Raucheranteilen aber vor diesem Zeitpunkt statt. Das gilt auch für Neuseeland, das Beaglehole zu der Handvoll besonders eifriger Länder mit Vorbildfunktion zählt, weil es sich schon 2011 das Ziel setzte, bis zum Jahre 2025 „tabakfrei“ zu werden. Definiert wurde „tabakfrei“ dabei so, dass die Tabakkonsumenten weniger als 5 Prozent der Bevölkerung ausmachen sollen. Bislang, so Beaglehole, hätten die Bemühungen den Erfolg gehabt, den Raucheranteil von 21 Prozent (2006) auf 15 Prozent (2013) zu drücken.

Als Leser reibt man sich hier schon verwundert die Augen: Wie soll das eigentlich funktionieren, dass ein Ziel, das 2011 gesetzt wurde, schon ab dem Jahr 2006 Wirkung gezeigt hat? Aber gleichzeitig kommt man auch nicht umhin, bei dem beschriebenen Tempo der „Fortschritte“ das Ziel für ziemlich utopisch zu halten. Und siehe da: Die neuseeländischen Tabakkontroll-Organisationen sehen das ganz genauso. Raten Sie mal, was sie daraus nun für Schlussfolgerungen ziehen: Richtig – sie fordern vom Staat, also von den dortigen Steuerzahlern, mehr Geld. Genau dasselbe wird bei uns natürlich auch passieren.

Aushebeln der verfassungsrechtlichen Fundamente für eine „gute Sache“

Von dem Ziel eines „raucherfreien“ Neuseelands ist man dort indes noch weit entfernt, obwohl das Land, wie erwähnt, zu den Vorreitern bei Tabakkontroll-Maßnahmen zählt und in dem von Schockbildern bis zu umfassenden Rauchverboten und sozialer Ausgrenzung nun wirklich schon alles durchexerziert wurde. Beaglehole sieht allerdings noch Potenzial für weitere Maßnahmen: Auf der Anbieterseite, also der Tabakindustrie, müsse mit Unterstützung „globaler Institutionen“ der Druck verstärkt werden. Dabei bedürfe es „radikaler Lösungen“, etwa dem Ausschluss von Tabakprodukten aus den Regelungen der Welthandelsorganisation und weiteren Verschärfungen der „Denormalisierung der (Tabak-)Industrie“ über „strenge Beschränkungen des Verkaufs von Tabakprodukten“ sowie „weitere Anhebung der Altersgrenze der Käufer“ bis hin zu „Beschränkungen des Imports“ und „Veränderung der erlaubten Inhaltsstoffe von Tabakprodukten“. Und schließlich und endlich wird fast ein wenig verschämt auch noch ein vollständiges Verkaufsverbot von Tabakprodukten von ihm für möglich gehalten. Jede einzelne dieser Maßnahmen klingt schon für sich genommen rechtsstaatlich bedenklich, und hätte die Justiz im Falle des Rauchens nicht schon öfter gezeigt, dass sie bereit ist, für eine „gute Sache“ auch mal das Aushebeln verfassungsrechtlicher Fundamente großzügig abzunicken, müsste man sagen: Nie im Leben kommen die damit durch.

Aber vor allem verlangt Beaglehole, man weiß gar nicht, ob man lachen oder sich ärgern soll, „mehr Führungsstärke“ von der sich seit Jahren gegenüber Rauchern immer militanter gebärdenden WHO beim Bekämpfen des Tabaks. Die FCTC müsse überarbeitet und vor allem um das Ziel einer tabakfreien Welt ergänzt werden, und damit die Vision bis zum angestrebten Jahre 2040 Wirklichkeit werden könne, müsse das bis spätestens 2025 geschehen.

Dass diese Vision nicht den Hauch einer Chance hat, Wirklichkeit zu werden, ergibt sich schon daraus, dass zu den Maßnahmen, die er dafür ergreifen will, die Abschaffung des illegalen Handels mit Tabakprodukten gehört. Jeder Zollbeamte würde wohl in hysterisches Gelächter ausbrechen, wenn man ihn fragen würde, ob er dies denn für möglich halte. Wahrscheinlich würde er, nachdem er sich wieder beruhigt hat, außerdem noch auf den längst verlorenen „War on Drugs“ verweisen, bei dem inzwischen die Einsicht wächst, dass man mehr als vierzig Jahre lang mit haargenau denselben Strategien, die nun ein gewisser Professor Beaglehole präsentiert, als hätte er gerade das Rad erfunden, nichts als Schaden angerichtet hat … und zwar einen unermesslichen Schaden, der weit über die Schätzkosten von 100 Milliarden Dollar jährlich hinausgeht, siehe Quelle weiter oben. Denn wie beziffert man den Wert der Lebensjahre hinter Gittern unzähliger Drogenkonsumenten, denen außer ihrem Drogenkonsum keine Straftaten nachgewiesen werden können, wie die Todesfälle aufgrund der oft lebensgefährlichen Umstände einer Drogenabhängigkeit im Rahmen der Illegalität oder gar die Toten in den Drogenkriegen von Süd- und Mittelamerika, nicht zu vergessen auch den Verlust, den Eltern, Geschwister, Ehepartner und Kinder der Opfer zu beklagen haben?

Gut aber, dass nun aber endlich einmal auf dem Tisch liegt, worum es bei der FCTC, dem Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs, eigentlich geht. Gesundheitspolitiker auf der ganzen Welt, auch in Deutschland, sollten diese Gelegenheit für eine Denkpause und die Erstellung einer realistischen Zwischenbilanz nutzen: Wie teuer ist uns das alles bislang eigentlich zu stehen gekommen? Und was hat es uns auf der anderen Seite der Waagschale für messbare Vorteile gebracht? Wurden die Erwartungen erfüllt, die man vorher gehabt hatte? Und welche Wirkungen wären zu erwarten, wenn Beagleholes Forderungen nachgekommen würde?

Jede Woche wird eine neue gesundheitheitspolitische Sau durchs Dorf getrieben

Will man das außerdem wirklich, ein „Endgame“ in der Raucherfrage, obwohl doch die verschiedenen Pressure Groups der Public-Health-Branche nach dem Vorbild der Tabakbekämpfer längst jede Woche eine neue gesundheitspolitische Sau durchs Dorf treiben und verlangen, dass in dieser Frage dieselben Rezepte angewandt werden, die erstmals beim Rauchen erprobt wurden? Da ist einmal Sitzen „das neue Rauchen“, das nächste Mal ist Wurst oder Fleisch „die Zigarette der Zukunft“, den ersten Übergeschnappten unter den Vegetariern, der glaubte, Fleischgeruch nicht ertragen zu können und sich sein vermeintliches Recht mit Gewalt verschaffen wollte, haben die Medien auch bereits dokumentiert. Dann wieder sollen Nahrungsmittel „wie Tabak reguliert“ werden. Warnhinweise für Alkohol hat die EU inzwischen bereits beschlossen.

In allen diesen Bereichen wurde massive Lobbyarbeit betrieben. Jeder Erfolg wird die dahinterstehenden „Experten“ und die Organisationen, für die sie sprechen, nicht etwa zufriedenstellen, sondern dazu ermutigen, mit neuen, noch irrsinnigeren Forderungen an die Politik heranzutreten, die alle viel Geld kosten werden, ohne aber auch nur ein einziges Problem zu lösen. Das ist ein Hase-und-Igel-Spiel, das die Gesundheitspolitik, die nun wirklich anderes zu tun hätte, dauerhaft mit Scheinproblemen beschäftigen und blockieren kann. Längst wird außerdem die Schaffung neuer Abkommen nach dem Vorbild der FCTC zur Eliminierung anderer unerwünschter Lebensstile, etwa zum Alkohol, diskutiert.

Währenddessen zeigen aber die Erfahrungen mit der Ebola-Epidemie ein so offensichtliches Versagen der Experten aus Genf bei ihren eigentlichen Kernaufgaben, die über der Beschäftigung mit dem Definieren und Drangsalieren von „Lifestyle-Sündern“ ganz aus dem Blick der Verantwortlichen geraten waren, dass dieses Versagen in Genf inzwischen zugegeben und sogar ein Umbau der Organisation in Erwägung gezogen wird.

Alleine schon deshalb wird es Zeit für die gesundheitspolitische Grundsatzentscheidung, aus diesem ewig kreisenden Karussell endlich auszusteigen. Der bestmögliche Anfang wäre, die Forderung Beagleholes, die absehbar bald auch die Forderung der Weltgesundheitsorganisation sein wird, mit dem sofortigen Austritt aus der FCTC zu beantworten. Ich wünsche mir, dass es Deutschland ist, das in diesem Fall Führungsstärke zeigt und entschlossen einem Präventionsmodell den Rücken kehrt, das gar nicht leisten kann, was die Experten versprechen.

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Ich zähle täglich meine Sorgen, denn ich sorg‘ mich sehr…

Prof. Günter Ropohl im Interview

Was Anfang der 60er Jahren im Schlager – übrigens von keinem Geringeren als Peter Alexander Schmalz triefend geträllert – sorglos unterhaltsam und damit spöttisch als triviale Liebelei abgetan wurde, ist ein halbes Jahrhundert später längst das beherrschende gesellschaftliche Thema geworden. Man sorgt sich über Dies und Jenes. Über Großes und Kleines. Über Wichtigkeiten oder Banalitäten. Meist jedoch nur ob Nichtigkeiten. Somit nicht selten wider jede Vernunft: Denn je sicherer unsere Welt statistisch betrachtet von Tag zu Tag wird, umso größer wird anscheinend unsere Angst.

besorgnisgesellschaftGünter Ropohl, Technikphilosoph und Verfasser von diversen Monographien, hat die Problematik in seinem neuen Buch aufgegriffen. „Besorgnisgesellschaft“ lautet der Titel seines kürzlich im Berliner Parados Verlag erschienenen Werkes. Es handelt von einer – beinahe global entwickelten – German Angst im Allgemeinen sowie von einem in dessen Fahrwasser prächtig gedeihenden Kampf gegen vermeintliche gesellschaftliche Laster im Besonderen. Einem mitunter irrational anmutenden Kampf gegen Süchte und Genüsse jeglicher Couleur – im Konkreten aber: die Tabakwaren.

Grund genug, den Autor um ein Gespräch unter vier Augen zu bitten:

 

Frage: Herr Professor Ropohl, haben Sie eine Verschwörung aufgedeckt?

Antwort: Das wäre zu viel gesagt. Inzwischen wird die Tabakbekämpfung („tobacco control“) in aller Öffentlichkeit betrieben.

Zu Beginn war dies anders?

In den Anfängen hatte sie verschwörungsähnliche Züge. Schon 1975 hat eine Konferenz der Weltgesundheitsorganisation ein Programm entworfen, das seither planmäßig verwirklicht worden ist. Dazu gehören: die Umdeutung des Rauchens in eine sozialschädliche Suchtkrankheit; die gesellschaftliche Stigmatisierung und Ausgrenzung der rauchenden Menschen; die Verbreitung der Behauptung, Spuren von Tabakrauch würden Nichtraucher ernsthaft gefährden (also die Lehre vom „Passivrauchen“, für die es 1975 noch nicht einmal sogenannte „Studien“ gab); die Kriminalisierung der Tabakindustrie; drastische Preiserhöhungen für Tabakwaren; usw. usw.

Das heißt, die Anfänge der Nichtraucherbewegung fanden ausschließlich hinter verschlossenen Türen statt?

In der amerikanischen Bevölkerung hat es natürlich immer tabakkritische Bewegungen gegeben, die Anfang des 20. Jahrhunderts schon einmal zeitweilige Rauchverbote in mehreren Bundesstaaten durchgesetzt hatten. An den Plänen von 1975 war aber nur eine kleine Gruppe von Tabakgegnern beteiligt, und die breitere Öffentlichkeit blieb außen vor. Auch die Strategie, auf dieser Grundlage ein weltweit verbindliches Abkommen durchzusetzen, war der Öffentlichkeit kaum bekannt. Wenn diese Strategie erfolgreich war, hat es dafür bestimmt eine gehörige Hinterzimmerdiplomatie gebraucht, einschließlich verschiedenartigster Pressionen gegen Personen, Organisationen und Staaten. Da liegt der Verschwörungsverdacht nahe.

Dennoch ist es dieser Gruppe gelungen, bereits in den 70ern Kojak das Rauchen im Fernsehen „abzugewöhnen“, um nicht zu sagen, zu verbieten, und dem beliebten TV-Ermittler einen nicht weniger berühmten Lolli aufzuzwingen.  So unbedeutend kann diese „kleine Gruppe“ von Tabakgegnern also schon damals nicht gewesen sein, zumindest nicht in den USA.

Zum Fall Kojak kann ich nichts sagen. Allgemein ist im Hollywood-Kino bis Anfang des neuen Jahrtausends kräftig geraucht worden und wird es teilweise immer noch. Es wäre doch auch sehr unrealistisch, die Gewohnheiten von Millionen Menschen von der Leinwand zu verbannen.

Jedenfalls hätte das anfängliche Komplott wenig gebracht, wenn es nicht später in der aufkommenden „Gesundheitsreligion“, die ich als „Sanitarismus“ bezeichne, starke Resonanz gefunden hätte. Das ist die These meines Buches: Die Tabakbekämpfung speist sich gleichermaßen aus der Horrorpropaganda von Gesundheitsfunktionären und aus der übermäßigen Gesundheitsbesorgnis weiter Teile der Bevölkerung.

Auf den letzten Punkt möchte ich gleich näher eingehen. Doch zuvor sollten Sie den Begriff „Sanitarismus“ erklären.

Als „Sanitarismus“ bezeichne ich eine inzwischen verbreitete Ideologie, die den Wert der Gesundheit verselbständigt und darüber alle anderen Werte eines guten Lebens und demokratischen Gemeinwesens – Freiheit, Gerechtigkeit, Vernunft, Lebensfreude usw. – hintanstellt.

Kampagnen gegen das Rauchen – mit Bestandteilen, die man Horrorpropaganda nennen kann – gab es ja schon vor 1975. Passivrauchen spielte aber erst viel später eine Rolle. In Deutschland war noch vor zehn Jahren nicht einmal der Begriff allgemein bekannt, aber in den USA wurde das Rauchen im Flugzeug schon in den achtziger oder spätestens Anfang der neunziger Jahre verboten. Dabei ging es bestimmt auch schon um Passivrauchen. Warum eigentlich wurden die Vereinigten Staaten in dieser Angelegenheit zum Vorreiter?

Da werden mehrere Gründe zusammengekommen sein. Erstens war wohl schon damals in den USA eine geradezu hysterische Gesundheitsbesorgnis verbreitet. Zweitens hängt fast die Hälfte der Bevölkerung christlich-puritanischen Sekten an, in denen Genussfeindlichkeit und Askese gepredigt werden; vielfach gilt jedes unbeschwerte Vergnügen (Tanzen, Kartenspielen, Trinken, Rauchen usw.) als sündhaft. Drittens haben viele Amerikaner ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein und meinen, mit der Lebensweise, die sie selbst für richtig halten, die ganze Welt glücklich machen zu müssen. Schließlich gibt es dort wohl häufiger als anderswo unbeirrbare „Predigerfiguren“, in den erwähnten Sekten ebenso wie in anderen organisierten Gruppen, die mit der Verkündigung ihrer Botschaft sozusagen nebenbei auch ganz gut verdienen. All das war natürlich ein Nährboden, auf dem die Tabakbekämpfung erfolgreich gedeihen und sich über die amerikanisch dominierte Weltgesundheitsorganisation international verbreiten konnte.

Dabei ist der Gesundheitsschutz doch – und mit ihm der Verbraucherschutz – ein sehr erstrebenswertes Gut und nicht per se eine Ideologie. Ein Gut, für das noch vor wenigen Jahrzehnten – und ich denke: zu Recht – energisch gestritten wurde. Nicht selten gegen mannigfaltige Widerstände. Man denke beispielsweise an Ralph Naders Kampf gegen die amerikanische Automobilindustrie in den 60er und 70er Jahren. – Was hat sich aus Ihrer Sicht gesellschaftlich Entscheidendes geändert, dass sich ein im Grunde sinnvoller, in vielen Bereichen sogar notwendiger Gesundheitsschutz zu einem, wie Sie es titulieren, äußerst fragwürdigen Sanitarismus entwickelt hat?

Verbraucherschutz hat nicht nur mit Gesundheit zu tun. Da gilt es vor allem, die Verbraucher vor schlechter Produktqualität zu schützen, weil sie das selber oft kaum beurteilen können. So ist es auch richtig, wenn Verbraucher über problematische Praktiken der Lebensmittelindustrie aufgeklärt werden. Inzwischen aber meinen manche Verbraucherschützer, sie wären zur Krankheitsprävention berufen. So haben sie durchgesetzt, dass auf Verpackungen lange Listen von Inhaltsstoffen – möglichst klein gedruckt übrigens – genannt werden müssen, mit denen der Durchschnittsmensch überhaupt nichts anfangen kann. Gerade eben noch konnte verhindert werden, dass dort farbige Punkte nach Art einer Verkehrsampel erscheinen sollten, beispielsweise ein Rot für „gesundheitlich bedenklich“ (wie immer das zu definieren wäre).

Was konkret stört Sie an dieser „Gesundheitsampel“?

Das wäre viel zu pauschal. Was würde denn „rot“ bedeuten? Zu viel Salz? Zu viel Fett? Zu viel Zucker? Wer würde die Grenzwerte festlegen? Und für wen? Was für den schlechten Fettverwerter vielleicht zu viel ist, macht einem anderen Menschen gar nichts aus. Mit einem Wort: Die „Ampel“ würde nicht aufklären, sondern irreführen.

Dass manche Verbraucherschützer inzwischen allein die Gesundheit in den Mittelpunkt ihrer Betätigung stellen, darin sehe ich einen Ausfluss des Sanitarismus. In ihm kommt ein gesellschaftlicher Wertwandel zum Ausdruck, der zunächst einmal festgestellt werden muss. Erklären kann man das wohl nur mit sozialpsychologischen Vermutungen, etwa damit, dass ein möglichst langes gesundes Leben den Menschen jenes Heil ersetzen soll, das früher die Religionen für das Jenseits versprochen hatten und an das heute viele nicht mehr glauben.

Sie verwenden in diesem Kontext häufig den Begriff „Religion“. Hat das Streben nach vollkommener, möglichst langer Gesundheit etwa den Charakter einer Ersatzreligion angenommen? In einer Zeit, in der die klassischen Religionsgemeinschaften – zumindest in Mitteleuropa – mehr und mehr an Bedeutung verlieren …

Davon bin ich überzeugt.

Ich tue mich dennoch schwer damit, übertrieben gesundheitsbewussten Mitmenschen allein ob ihrer Gesundheitsfürsorge eine Spiritualität zu unterstellen. Auch der römische Dichter Juvenal, dessen bekanntes Zitat „mens sana in corpore sano“ (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper) in diesem Kontext oft und gerne angeführt – um nicht zu sagen: missbraucht – wird, dürfte das ähnlich gesehen haben. Juvenal war schließlich weniger ein Vertreter moralisierender Weisheiten denn Satiriker …

Die Gesundheitsgläubigkeit ist eine Ersatzreligion, und da muss man wohl angeben, wie das beschaffen war, was davon ersetzt wird. Es sind, scheint mir, typische Elemente einer vor allem christlichen Religionsauffassung, die dem größten Teil unserer Zeitgenossen in Kindheit und Jugend sozusagen andressiert wurde: die Idee des ewigen Heils, die Vorstellung von der Schuldbeladenheit des menschlichen Daseins („Erbsünde“), das Programm der Erlösung durch asketische Selbstdisziplin und gute Werke, insgesamt die Überzeugung, dass der Mensch eigentlich schlecht ist und nur dann Aussicht auf die ewige Seligkeit hat, wenn er gewissenhaft das „Böse“ meidet und das „Gute“ tut, sowie die Gewissheit, mit diesen Ideen ein besserer Mensch zu sein als die „Heiden“.

Aber eine derartige Religionsauffassung ist doch einer Mehrheit längst nicht mehr bewusst …

Die meisten haben diese Vorstellungswelt sozusagen mit der Muttermilch in sich aufgenommen. Man muss sich nicht unbedingt auf Sigmund Freud berufen, um anzunehmen, dass eine solche Prägung der frühen Jahre viele ihr ganzes Leben lang begleitet, auch wenn sie besondere Glaubenslehren über ein höchstes Wesen, eine alleinseligmachende Kirche usw. längst hinter sich gelassen haben. Es ist diese den meisten kaum bewusste Bodenhefe, die unentwegt weiterwirkt und sich neue Gärgefäße sucht.

Jetzt muss man jene Elemente der Religiosität bloß in die Sphäre der Gesundheit übersetzen, und man hat das Syndrom des Sanitarismus: „Erbsünde“ = Krankheit, „Heil“ = ewiges Wohlbefinden, „Askese“ = Verzicht auf genussvolle Lebensfreuden, „gute Werke“ = ständige Arbeit an der körperlichen Vortrefflichkeit, „Gewissen“ = fortgesetzte Prüfung der eigenen Heilsbemühungen, schließlich die Unduldsamkeit gegenüber den „Heiden“, die den Gesundheitskult ignorieren. Die Ersatzreligion des Sanitarismus füllt jene Leerstelle, die von den herkömmlichen Religionen zurückgelassen wurde.

Augenzwinkernd möchte ich mit einem Satz des Philosophen Herbert Spencer antworten, der mir ansonsten inhaltlich eher fremd ist: „Es sollte angestrebt werden, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohnt.“ – Aber ist die von Ihnen angeführte Gesundheitsbewegung nicht in sich inkonsequent? Sie stürzt sich zwar energisch auf das Sucht- und Genussmittel Nikotin und trägt dafür Sorge, dass sich die Menschheit künftig auf dem Oktoberfest in klinisch rauchfreier Luft dem Suff hingeben kann, aber gegenüber anderen, nicht minder gefährlichen Genussmitteln scheint sie zu schweigen. Um zwei Beispiele zu nennen: Fastfood oder Zucker.

Das sehe ich anders. Beim Tabak sind lediglich die gesetzlichen Verbote schon besonders drastisch geworden. Doch bei den anderen Reizthemen – Alkohol, Fett, Zucker, Salz – sind die Sanitaristen doch längst auf dem Vormarsch. Hier ein paar Beispiele, die mir zufällig bekannt sind: Verkaufsverbot für alkoholische Getränke in den Nachtstunden in Baden-Württemberg, Buttersteuer in Dänemark, Mengenbegrenzung für zuckerhaltige Erfrischungsgetränke in New York, Salzstreuerverbot in mexikanischen Restaurants. Die Liste ließe sich wohl beliebig verlängern. „Inkonsequent“ sind die Sanitaristen überhaupt nicht. Sie sind von der fürchterlichen Konsequenz, die allen Fundamentalisten eigen ist.

Ich bezweifle keineswegs die Konsequenz von Fanatikern oder Fundamentalisten. Für mich macht es dennoch einen Unterschied, ob eine Minderheit eine gesellschaftliche Veränderung durchsetzen möchte oder ob ihr dies bereits geglückt ist. – Manch Außenstehender dürfte sich zudem fragen, wie konnte es zu diesem gesellschaftlichen Wandel – der auch eine zentrale Rolle in Ihrem neuen Buch einnimmt – kommen? Was hat in den letzten zwei, drei Jahrzehnten den … Sie sagen: Sanitaristen, ich verwende lieber den Begriff „übertrieben Gesundheitsbewussten“ … derart in die Hände gespielt, dass plötzlich der Boden bereitet war für ein umfassendes Rauchverbot oder für erste umfangreiche Alkoholbeschränkungen in der Öffentlichkeit. Bei Letzterem scheint Baden-Württemberg ja eine gewisse Vorreiterrolle eingenommen zu haben.

Natürlich scheinen uns Veränderungen in öffentlichen Meinungen und Vorlieben ziemlich geheimnisvoll. Bekanntestes Beispiel ist die Mode. Wie kommt es etwa, dass sich dieses Jahr fast alle jungen Frauen in hautenge Hosen zwängen? Ich weiß gar nicht einmal, wie sie das mit dem Anziehen und Ausziehen bewerkstelligen; auf jeden Fall muss es lästig sein. Die ersten, die damit angefangen haben, wurden als Vorbilder angesehen, und alle anderen machten es nach. So geht es auch mit Wertvorstellungen und Vorurteilen. Wie etwas tonangebend wird, ist schwer verständlich, aber sobald es so wahrgenommen wird, will niemand mehr als Abweichler gelten. An einer Theorie der öffentlichen Meinung haben sich Leute wie Hermann Haken und Elisabeth Noelle-Neumann versucht, aber so wirklich schlüssig ist das alles nicht. Mit einem Wort: Ihre Frage, wie „herrschende Meinungen“ mehr oder weniger plötzlich aufkommen, kann die Wissenschaft bislang nicht befriedigend beantworten. Schon Theodor Fontane soll gesagt haben: „Wenn eine Dummheit zur Mode geworden ist, kommt keine Klugheit dagegen an“. Im konkreten Fall muss ich meine Vermutung wiederholen, dass religiöse Bedürfnisse, die von den Kirchen nicht mehr befriedigt werden, sich neue Erfüllungsfelder suchen.

Eine Modewelle ist eine Sache, zudem meist eine sehr temporäre, eine gesellschaftliche Veränderung hingegen greift m. E. viel tiefer. Modetrends kommen und gehen. Was heute noch hip ist, kann morgen sehr schnell out und ebenso schnell uninteressant oder langweilig sein. Mich stören nicht die „herrschenden Meinungen“ bzgl. eines zeitlich begrenzten und somit vergänglichen Trends – gegen den kann sich ein Jeder leicht wehren. Man kann ihn mitmachen, oder es einfach sein lassen. Punkt. Aus. – Mich besorgt die „herrschende Meinung“ in Bezug auf einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Ein Wandel, der derzeit geprägt scheint von einem übertriebenen Gesundheits- und Sicherheitsbedürfnis – oft bar jeder Vernunft. Wenn ich mich diesem widersetze, verweigere ich mich nicht einfach einem modischen und vergänglichen Trend, ich verweigere mich vielmehr den …  so wirkt es jedenfalls … den hehren Prinzipien Gesundheit und Sicherheit. Und wer könnte gegen diese Grundprinzipien irgendetwas haben? Sprich: Ich sorge mich nicht genug, wenn ich mich weigere, ich schließe mich de facto aus … aus der Besorgnisgesellschaft.

Ist die Besorgnisgesellschaft eine langfristige Tendenz oder eine kurzfristige Mode? Das kann heute niemand mit Sicherheit voraussagen. Gewiss ist lediglich, dass sich auch länger währende Tendenzen in der gleichen Art und Weise aufbauen wie Moden. Die Kleidermode, die sich tatsächlich in sehr kurzen Zyklen ändert, ist bloß ein banales Beispiel. Mittelfristige Modezyklen gibt es nicht nur in der öffentlichen Meinung, sondern sogar in Wissenschaft und Philosophie. Beispielsweise war Martin Heidegger vor 30 Jahren für die meisten ein wolkiger Kryptofaschist. Gegenwärtig sind Heerscharen von jüngeren Leuten am Werk, in Heideggers geheimnisvollem Raunen die tiefste Weisheit erkennen zu wollen. Und möglicherweise kippt nach Veröffentlichung seiner tatsächlich kryptofaschistischen Tagebücher diese Vergötterung auch schnell wieder um. Selbst die Aufklärungsphilosophie, die wohl wirklich ein säkularer Fortschritt des abendländischen Denkens ist, die sich dem Diktat unvernünftiger Moden und Vorurteile stets widersetzt hat und die natürlich den Hintergrund für meine Kritik der Besorgnisgesellschaft bildet, wird von eilfertigen Zeitgeistschlingeln inzwischen als überholte Mode denunziert, die der Beliebigkeit der „Postmoderne“ zu weichen habe. Es ist wirklich nicht einfach, gegenüber dem „Pluralismus“ der Marktschreier einen kühlen Kopf zu bewahren.

Oder, um Albert Einstein ins Spiel zu bringen: „Es ist schwieriger, eine vorgefertigte Meinung zu zertrümmern, als ein Atom.“ – Gesundheitshysterien mit moralischem Anstrich gab es ja schon früher, man denke etwa an die Warnungen bezüglich Masturbation und Rückenmarksschwindsucht im 19. Jahrhundert. Und irgendwann nahm das ein Ende. Wenn ich Sie richtig verstehe, besteht also durchaus noch Hoffnung, dass das auch in diesem Fall eines Tages geschehen wird?

Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat zur Tabakbekämpfung einmal gesagt, in 20 Jahren sei der ganze Spuk vorbei. Vielleicht hat er ja Recht, doch manche von uns, wie wohl auch Schmidt selbst, würden das nicht mehr erleben. Aber anders als Schmidt kann unsereins die Rauchverbote nicht einfach „kraft Amtes“ ignorieren.

Ich möchte noch einmal auf den Gesundheitskult zu sprechen kommen, dem Sie in Ihrem Buch ein eigenes Kapitel widmen. Sie beschreiben darin u. a., dass sich auch der gängige Gesundheitsbegriff im Laufe der letzten Jahrzehnte entscheidend verändert hat und mit ihm die Frage: Wie definiere ich Gesundheit? Wann ist ein Mensch gesund?

So leicht diese Frage zu stellen ist, so schwierig ist eine vernünftige Antwort. Das habe ich in dem erwähnten Kapitel, auch unter Berufung auf Professor Grieshaber, ausführlich dargelegt und kann hier nicht alles wiederholen. Wichtig ist mir folgende Veränderung: Früher war Gesundheit eine Angelegenheit des persönlichen Befindens; fühlte man sich wohl, hielt man sich für gesund. Heute versteht ein Heer von Gesundheitsexperten alle denkbaren Risiken, so unwahrscheinlich sie auch sein mögen, bereits als wirkliche Krankheit und erzeugt bei vielen Menschen völlig unrealistische Gesundheitsängste. Gesundheit wäre, dieser Auffassung zufolge, der Zustand völliger Risikolosigkeit – natürlich ein völlig unsinniges Konzept.

Nun, nicht jeder, der sich subjektiv gesund fühlt, ist – objektiv betrachtet – auch wirklich gesund. Nicht jede Erkrankung geht einher mit sofort spürbaren Symptomen. Will sagen, das Gefühl „Ich bin gesund“ kann mitunter sehr trügerisch sein. – Unabhängig davon beschreiben Sie erneut eine überaus und vor allem in sich widersprüchliche und inkonsequente Entwicklung. Denn scheinbar versucht derzeit … ich unterstelle … eine Mehrheit der Bevölkerung und mit ihr die Politik, bestimmte Gesundheitsrisiken auf Teufel komm raus zu meiden bzw. auszuradieren – z. B. das Rauchen. Andere Risiken werden im gleichen Atemzug ebenso stringent ignoriert oder im Einzelfall sogar als gesundheitsfördernd abgetan. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Grillen mit Holzkohle wird immer beliebter, das Angrillen erfolgt bereits im späten Winter. Kaum ein Nichtraucher stört sich daran, dass er mit jedem gegrillten Stück Fleisch oder Gemüse die Giftstoffe von Dutzenden Zigaretten zu sich nimmt. – Der Verdacht drängt sich manchmal auf, dem von Ihnen sogenannten Sanitarismus geht es womöglich gar nicht primär um das Thema Gesundheit, sondern um etwas völlig anderes. Der Gesundheitskult könnte demnach ein nur vorgeschobener Kult sein …

Beim Grillen sind die Sanitaristen durchaus konsequent und erklären die herkömmlichen Verfahren für völlig ungesund. Auch mehren sich im Angebot die „gesunden“ Grillgeräte, bei denen das Grillgut vor jedem Rauch, aber auch vor den besonderen Geschmacksnuancen „bewahrt“ wird, die sonst durch das Grillen auf der Holzkohlenglut erzeugt werden. Also wieder einmal Gesundheit statt Genuss!

Gewiss werden beim Erhitzen organischer Substanzen Spuren von „Gefahrstoffen“ freigesetzt. Das gibt es beim Rauchen, Braten, Grillen, Frittieren, beim kirchlichen Weihrauch und beim Kerzenlicht. Köche in der Gastronomie, sagt man, atmen am Herd mehr Schadstoffe ein als ihre Kollegen, die das Essen dann in einem Raucherlokal servieren. Da muss ich an den alten Paracelsus erinnern: Alle Stoffe sind giftig, aber es kommt auf die Dosis an!

Die beiden letzten Sätze Ihrer Frage könnten wieder zu einer Entlarvungstheorie verleiten, nach dem Muster: Die Sanitaristen sagen Gesundheit, und sie meinen Herrschaft und Unterdrückung. Ganz abwegig ist diese Vermutung nicht. Immer schon hat es Menschen gegeben, die eine merkwürdige Freude dabei empfinden, ihren Mitmenschen unter beliebigen Vorwänden die Freiheit der eigenen Lebensführung streitig zu machen. Darum halte ich den Sanitarismus für gefährlich: weil er die Grundlagen demokratischer Freiheit bedroht!

Eine Schlussfrage, Herr Professor Ropohl. Wie kommt es , dass sich ausgerechnet ein Technikphilosoph um gesellschaftliche Veränderungen im Gesundheitswesen sorgt?

Als Technikphilosoph bemühe ich mich, allgemeine Überlegungen auf konkrete Probleme anzuwenden. Dazu gehört die Technikbewertung, die Chancen und Risiken bestimmter Techniken untersucht. Nun sind auch Tabakerzeugnisse technische Produkte, deren gesundheitliche Risiken seit einiger Zeit dramatisiert werden. Entgegen den Grundsätzen der Technikbewertung, möglichst alle Wertgesichtspunkte einzubeziehen, z.B. das psychische Wohlbefinden, die freie Selbstbestimmung oder den sozialen Zusammenhalt,  ist die Tabakdebatte allein auf die Gesundheitsrisiken fixiert. Das hat mich herausgefordert, diese Einseitigkeit kritisch zu durchdenken und dabei notwendigerweise die Problematik der zugrundeliegenden Gesundheitsvorstellungen in den Blick zu nehmen. Meinen Beitrag zur Tabakdebatte betrachte ich als angewandte Technikphilosophie.

***

Das Interview führte Thomas Peick

  • besorgnisgesellschaftGünter Ropohl
  • Besorgnisgesellschaft – Hintergründe der Tabakbekämpfung
  • Parodos Verlag, Berlin
  • ISBN 978-3-938880-67-8
  • 14,90 Euro
  • Broschur
  • 153 Seiten

Das Buch kann u.a. direkt beim Parodos Verlag bestellt werden.

http://www.parodos.de/buechershop/Sozialwissenschaften/Besorgnisgesellschaft.html

 

 

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Raucherentwöhnung schadet Ihrer Gesundheit, Teil 3

Teil 3: Pillen statt Zigaretten = Gesundheit?

Burn-out, gerne als reine Modediagnose ohne ernsten Hintergrund abgetan, ist vor allem eine Erschöpfungskrankheit. Gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen repräsentiert der dramatische Anstieg solcher Leiden die Folgen der heutigen Arbeitswelt, und zwar sowohl der Erwerbstätigen als auch der Erwerbslosen, denn die letzteren sind bekanntermaßen besonders gefährdet, psychisch zu erkranken. In beiden Fällen spielt der Verlust der Kontrolle über das eigene Leben eine Schlüsselrolle – über diese Wirkung sollten alle nachdenken, die aus aufrichtiger Überzeugung, Gutes damit zu tun, Kontrolle über einen weiteren Teilbereich des Lebensalltags zu erlangen versuchen. Der psychische Zusammenbruch steht aber erst am Ende einer meist langen Krankheitsgeschichte, in der der Konsum sogenannter psychotroper Substanzen oft eine wichtige Rolle spielt.

Psychotrop (oder psychoaktiv) ist, um die Wikipedia-Definition aufzugreifen, „jeder von außen zugeführte Stoff, der Veränderungen der Psyche und des Bewusstseins eines Menschen zur Folge hat“ – darunter fallen übrigens auch Kaffee und Tabak. Bei einer Erkrankung, die unter „Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen“ klassifiziert ist, kommen aber natürlich Kaffee und Zigaretten nur in seltenen Einzelfällen vor. Neben Alkohol (mit den höchsten Fallzahlen) spielen illegale Drogen von Cannabis bis Heroin und daneben Medikamente die wichtigste Rolle.

Ein auffälliger Anstieg bei der Verordnung von Psychopharmaka ist bei allen Krankenkassen ab etwa 2006 feststellbar. Im verlinkten Beispielfall der Techniker Krankenkasse begannen die Verordnungen ab 2007 vorher nicht gekannte Werte zu erreichen.

Den Diagnosedaten der Krankenhäuser kann man wiederum entnehmen, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen mit solcher Diagnose ebenfalls angestiegen ist. In der BGN fiel bei der Auswertung unserer Forschungsergebnisse wiederum auf, dass in manchen Berufsgruppen der BGN-Versicherten der Verbrauch psychotroper Substanzen in den letzten Jahren sehr viel stärker angestiegen sein muss als in anderen. Die Krankmeldungen, die uns in diesem Zusammenhang vorlagen, hatten erheblich stärker als in der Erwerbsbevölkerung zugenommen, und Krankmeldungen repräsentieren ja, was den Gesamtverbrauch betrifft, nur die Spitze des Eisbergs. Beispielhaft stelle ich dies anhand der Berufsgruppe der Köche dar.

Psychotrope Substanzen

Die Zahl der Erkrankungsfälle hat erstens bei den weiblichen stärker als bei den männlichen Köchen zugenommen. Zweitens liegen beide Geschlechter dabei klar über der übrigen Erwerbsbevölkerung. Dass die berufsspezifischen Belastungen von den Köchinnen insgesamt dennoch besser überstanden werden als von ihren männlichen Kollegen, zeigt die männliche und weibliche Altersverteilung der Köche im Verhältnis zur übrigen Erwerbsbevölkerung. Individualuntersuchungen führten uns zu der Annahme, dass die männlichen Köche ihre Psyche eher aus dem Grund stabilisierten, um es in einem ungeliebten Beruf auszuhalten (ein Wechsel ist gewünscht, aber – jedenfalls momentan – nicht möglich), die weiblichen Köche, um im Beruf durchzuhalten.

Durchschnittsalter

Auch wenn ich hierzu keine Grafiken vorliegen habe, die ich abbilden könnte: Neuere Daten für den Zeitraum 2007 bis 2012 zeigen parallel zu dem weiteren Anstieg, den auch die Krankenversicherungen für jenen Zeitraum gemeldet haben, bei den Köchinnen und Köchen weiterhin einen höheren Anstieg auf nun ungefähr 10-fach erhöhte Werte. Die Art des Berufes spielt im Verbrauch und in der Nebenwirkungsrate offensichtlich eine entscheidende Rolle.

Dem Anstieg eines Konsums psychotroper Substanzen bei den Köchen mit in einer steigenden Zahl von Fällen der Folge von Arbeitsunfähigkeit entspricht die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung mit einer Zunahme an psychischen Erkrankungen sowie der Verordnung entsprechender Medikamente als Mittel gegen jene. Beides erfolgt parallel zu einem Rückgang des Rauchens, der von einer zunehmenden sozialen Stigmatisierung der Raucher begleitet wird. Ein zufälliges Zusammentreffen, oder besteht da ein ursächlicher Zusammenhang? Es läge daneben nahe, speziell im Fall der Köche auch nach einem Zusammenhang mit den Rauchverboten zu forschen, die ab Sommer 2007 einsetzten, die Gastronomie – und zwar vor allem die Speisegastronomie – zu erheblichen Anpassungsleistungen zwang und dabei in den einzelnen Lokalen nicht selten wirtschaftliche Turbulenzen auslöste. Gesellschaftliche und individuelle wissenschaftliche Analysen solcher Zusammenhänge sind eigentlich unverzichtbar, und sie vorzunehmen, wäre Aufgabe der Epidemiologie. Noch vor 10 Jahren wären solche möglichen Zusammenhänge auch noch ganz unbefangen erforscht worden. Da dies im Fall von „unpassenden“ Ergebnissen politische und ideologische Lieblingsspielplätze wie den Kampf gegen das Rauchen in Gefahr bringen könnte, ist heute noch nicht einmal mehr eine Projektformulierung in diese Richtung möglich, und so geschieht es auch nicht. Diese beiden Fragen müssen also offen bleiben.

Die Summe aller Krankheiten scheint jedenfalls auch beim Kampf gegen das Rauchen wieder unter dem Strich gleich zu bleiben. Das ist für sich genommen noch kein Grund, sich die Haare zu raufen, wenn nämlich gefährlichere Krankheiten durch weniger gefährliche ersetzt werden oder solche, die junge Leute dahinraffen, durch andere, die erst in späterem Lebensalter auftreten. Aber ist es gesundheitlich gesehen denn wirklich ein besonders guter Tausch für die Betroffenen, wenn das Rauchen durch problematischen Konsum anderer Substanzen ersetzt wird?

Zu den Indizien, die auf einen Zusammenhang zwischen dem Rückgang des Rauchens und der Zunahme eines riskanten Arzneimittelkonsums hindeuten, gehört auch der kometenhafte Aufstieg von sogenannten Neuro-Enhancern, „Hirndoping“-Mitteln wie dem Wirkstoff Methylphenidat, vor allem bekannt unter der Markenbezeichnung Ritalin. Ritalin ist eigentlich ein Medikament, das Kindern mit ADHS, dem sogenannten Zappelphilipp-Syndrom, verordnet wird. 1944 wurde es entwickelt, geriet danach lange Zeit in Vergessenheit und wurde in den neunziger Jahren wiederentdeckt. Der Verbrauch hat sich seitdem verzigfacht.

Der Grund dafür ist nicht alleine in einer Zunahme der ADHS-Diagnosen zu finden, obwohl auch dies geschehen ist (und vielfach kritisiert wird). Ritalin hat aber parallel dazu vor allem als leistungssteigerndes Mittel bei Studenten vor dem Examen, aber auch in besonderen Stress-Berufen von sich reden gemacht. In Mode kam es in dieser Funktion, wie könnte es anders sein, zunächst in den USA. Das Präparat hatte im Jahr 2002 einen Umsatz von 196 Millionen Dollar in den USA erzielt. 2008 lag der Umsatz bereits bei knapp einer Milliarde Dollar. Über die Wirkung von Neuroenhancern war in dem verlinkten Artikel zu lesen:

„…wach und besser drauf zu sein genügt nicht mehr. Neue Wirkstoffe sollen die Gehirntätigkeit direkt anregen, indem sie Hirnzellen stimulieren. […] Solche Fähigkeiten sind gefragt in einer Arbeitswelt, für die Mittelmaß und Durchschnitt Stillstand sind. Unternehmen können immer mehr Leistungen überall auf der Welt einkaufen und deshalb werden die Jobs immer unsicherer und kaum noch planbar. Da ist es wenig erstaunlich, dass Medikamente, die den Geist schneller machen, die Stimmung aufhellen und die Belastbarkeit erhöhen, immer beliebter werden.“

Eine vergleichbare Wirkung wird von Rauchern – und zwar nicht ohne Berechtigung – auch der Zigarette zugeschrieben, deren Verbrauch bekanntermaßen rückläufig ist.

Ritalin

 

Zigarettenverbrauch

verordnte Tagesdosen

Auch wenn die Statistik der verkauften Zigaretten das Bild nicht ganz korrekt wiedergibt – seit den Steuererhöhungen ab 2002 wird der zuvor deutlich niedrigere Anteil der Schmuggelzigaretten auf zwanzig Prozent aller gerauchten Zigaretten geschätzt –: Die Bemühungen, insbesondere junge Leute vom Rauchen abzuhalten, sind bestimmt nicht völlig wirkungslos geblieben. An Gymnasien sollen sie angeblich besonders erfolgreich gewesen sein. Möglicherweise besteht dann ja auch zu folgendem Phänomen ein Zusammenhang: Unter Studenten ist nach dem TK-Gesundheitsbericht 2011 der Techniker-Krankenkasse die Verschreibung von Psychopharmaka im Vergleich zu Nichtstudierenden derselben Altersgruppe auffällig erhöht. Der Verdacht liegt nahe, dass ein Teil des Anstiegs auf „Hirndoping“-taugliche Medikamente zurückzuführen ist.

Sie meinen, ich orakle hier vieles daher, das ich so richtig ja auch wieder nicht beweisen könne? Sie haben völlig recht! Ich kann ja kaum als Einzelkämpfer im Ruhestand sämtliche Versäumnisse der Fachwelt nachholen, deren Aufgabe es eigentlich wäre, solche Fragen nach allen Regeln der Kunst zu untersuchen und damit meine These entweder zu bestätigen oder zu widerlegen. Was ich aber kann und mir nicht nehmen lasse, ist, Auffälligkeiten, die mit Händen zu greifen sind, in einen übergeordneten Zusammenhang einzuordnen und dies der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus meinen Berufszeiten ist mir dieser Umgang mit einem „Anfangsverdacht“ vertraut genug, um mir auch jetzt noch Vermutungen über Zusammenhänge erlauben zu können.

Indizien, die meine These stützen, gibt es mehr als genug. Eines davon besteht darin, dass es im Gesamtspektrum der psychischen Erkrankungen bei den Versicherten verschiedener Krankenkassen auffällige Unterschiede gibt. Im Jahre 2008 lag der Anteil der psychischen Erkrankungen an allen Krankheitstagen in der AOK bei 8,3 %. Bei der Barmer-GEK waren es 16,8%. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass in der AOK auch der Raucheranteil deutlich höher liegt als bei anderen Krankenkassen: Industriearbeiter, Mitarbeiter am Bau und in Handwerksberufen waren früher traditionell meist in der AOK pflichtversichert und sind es häufig bis heute geblieben, darunter viele Berufsgruppen mit besonders hohen Raucheranteilen. Es wäre schon interessant zu wissen, ob das nun ein zufälliges Zusammentreffen ist oder ein Kausalzusammenhang besteht. Dasselbe gilt natürlich auch für das Zusammentreffen eines sinkenden Zigarettenkonsums mit einem steilen Anstieg des Verbrauchs von Präparaten wie Ritalin.

Hirndoping hat inzwischen das Muskel- und Stoffwechsel- bzw. Hormondoping in einem solchen Ausmaß überflügelt, dass daraus der Schluss gezogen werden kann, unsere Leistungsgesellschaft sei dem Lernpensum in Schule und Hochschule sowie den Anforderungen der Arbeitswelt ohne reizabschirmende oder leistungssteigernde pharmakologische Hilfsmittel beim besten Willen nicht mehr gewachsen. Individualrisiken wie das Rauchen – so riskant sie für den Einzelnen sein mögen – aus politischer und ideologischer Motivation heraus für möglichst jedes Übel der Welt verantwortlich zu machen, ist mitursächlich dafür, dass die strukturellen Gesundheitsgefahren unserer Lern- und Arbeitswelt, die in Wirklichkeit höchstwahrscheinlich einen sehr viel größeren Teil dieser Übel verursachen, weniger Beachtung finden, als es nötig wäre, um ihnen zu Leibe zu rücken.

Das gescheiterte Präventionsgesetz, das 2013 eigentlich noch vor der Wahl durchgepeitscht werden sollte, aber vom Bundesrat abgelehnt und an den Vermittlungsausschuss verwiesen wurde, hatte genau diesen Umstand erneut komplett ignoriert und denselben falschen und seit Jahrzehnten erfolglosen Ansatz wie immer zugrunde gelegt: das widerborstige und lasterhafte Individuum durch Zuckerbrot und Peitsche von seinem hartnäckig „ungesunden Leben“ abzubringen:

  • Krankenkassen sollten zu gezielten Programmen verpflichtet werden.
  • Ärzten die Pflicht auferlegt werden, Versicherte auf einen riskanten Lebensstil hin zu untersuchen.
  • Betriebe und ihre Arbeitnehmer sollen von den Kassen Boni erhalten, wenn die Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz klappt.

Mit anderen Worten: Wer bislang mit voller Absicht einen großen Bogen um all die Präventionsangebote gemacht hat, die einem schon jetzt eher aufgedrängt als vorenthalten werden – anders ist ja kaum zu erklären, warum sie nicht in Anspruch genommen werden –, der sollte nach dem Willen des Gesetzgebers künftig effektiver als bislang drangsaliert und dadurch mürbe gemacht werden, seine Verweigerungshaltung möglichst aufgeben und „freiwillig“ ein „Angebot“ annehmen, das in Wirklichkeit längst keinen normalen Angebotscharakter mehr gehabt hätte.

Aber das war noch längst nicht alles. Die Krankenkassen sollten

auf konkrete Gesundheitsziele verpflichtet werden, darunter auch die Senkung des Erkrankungsrisikos für Diabetes mellitus Typ 2 sowie die Reduzierung des Tabakkonsums.

Die eingesetzten Mittel wären also dieselben wie seit vierzig Jahren gewesen, nur die Intensität ihrer Anwendung sollte wieder einmal gesteigert und gleichzeitig aber eine Erfolgsverpflichtung eingeführt werden. Da jene Mittel aber seit vierzig Jahren notorisch erfolglos sind, fragt sich, auf welche Weise die Krankenkassen dann einer solchen Verpflichtung nachgekommen wären, die sie absehbar beim besten Willen so nicht erfüllen können. Man musste kein Prophet sein, um kommen zu sehen, dass Benachteiligungen bei der Krankenversicherung für Übergewichtige und Raucher bei Zustandekommen dieses Gesetzes bald wieder öffentlich diskutiert und vielleicht diesmal wirklich umgesetzt worden wären, aus schierer Verlegenheit der Krankenkassen über die unerfüllbaren Pflichten, die ihnen auferlegt wurden.

Aus diesem Grund trauere ich als Präventionsfachmann jenem Präventionsgesetz nicht weiter nach. Der Gesundheit jener beiden Gruppen, der Raucher und der Übergewichtigen, hätte es vollends gar nichts genützt, sich untauglichen bis gesundheitsgefährdenden Bußübungen unterwerfen zu müssen, finanziell geschröpft werden und zusätzlich unausweichlich einem stigmatisierenden Effekt ausgesetzt zu sein, der geeignet gewesen wäre, soziale Isolation hervorzurufen oder zu verstärken. Die gesundheitliche Wirkung von Einsamkeit wurde aber als ebenso gesundheitsgefährdend wie aktives Rauchen eingestuft. Tödlich sein kann nachweislich auch der Nocebo-Effekt, die finstere Kehrseite des bekannteren Placebo-Effekts. Alles nur alberner Hokuspokus? Erklären Sie das einmal Ihrem Gehirn, denn dort können die Spuren der negativen Nocebo-Botschaft ebenso wie die der positiven Placebo-Botschaft gemessen werden.

„Mit ihren Worten können Ärzte […] nicht nur heilen und lindern, sondern auch verletzen und sogar töten“, umreißt Werner Bartens das Problem in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung und in einem anderen Artikel: „Voreilige Diagnosen können ebenso massiv schaden wie übertriebene Warnungen vor Risiken und Nebenwirkungen von Medikamenten oder Therapien.“ (Hervorhebung durch mich) Das gilt sogar für Dinge, die kleingedruckt in einem Beipackzettel stehen. Wie sollte es dann ausgerechnet für die pausenlos über alle Medien verbreiteten Botschaften zur Tödlichkeit des Rauchens nicht gelten? Und wie sollte eine Steigerung der Anzahl und Intensität solcher Botschaften, etwa in Form der auf EU-Ebene beschlossenen Schockbilder auf Zigarettenschachteln, als Wirkung nicht mindestens denselben Schaden wie die Beipackzettel verursachen?

Wie viele vermeidbare Todesfälle pro Jahr produziert die WHO wohl gerade zusätzlich zu denen, die tatsächlich durch das Rauchen ausgelöst werden? Der Satz „Raucher sterben früher“ war vermutlich noch nie richtiger als gerade heute, seit die WHO angefangen hat, ihre Ausstoßung aus der Gesellschaft voranzutreiben, und sollte sich, wie sich möglicherweise schon abzeichnet herausstellen, dass die Lebenserwartung von Rauchern in den letzten zehn Jahren im Vergleich zu Nichtrauchern tatsächlich gesunken ist, braucht niemand nach weit hergeholten Erklärungen zu suchen, denn sie liegen auf der Hand.

Inzwischen wurde ein neuer Anlauf genommen und ein Gesetzentwurf für ein Präventionsgesetz publiziert, der aber in dieselbe falsche Richtung geht. Es wurde sogar bereits Kritik daran laut, die in dieselbe Richtung wie meine zielt:

„Es gibt eine große Übersicht von einer Forschungsgruppe namens Cochrane Collaboration, und diese Kollaboration hat sich darum bemüht, die Studien, die es in den vergangenen Jahren gab, dass diese Studien allemal zusammen gerechnet wurden, und da zeigt sich kein Vorteil. Man sieht keine Veränderung in der Mortalität. Kritiker haben gesagt, das sind ja alles Studien, die sind schon zwanzig Jahre alt. Ja, das ist richtig. Aber umgekehrt muss man fragen, gibt es denn irgendwelche neueren Studien, die zeigen, dass man vielleicht jetzt mit neueren Methoden, ob man da jetzt irgendwas mehr erreichen kann.“

In welchem Ausmaß die WHO-Mission einer Bekämpfung vermeintlich lebensstilbedingter nichtübertragbarer Krankheiten – und damit auch der Bekämpfung von Menschen, die den bekämpften Lebensstil pflegen – neuerdings von der Realität ad absurdum geführt wird, zeigt der Warnruf ausgerechnet eines ihrer eigenen Wissenschaftler im Public-Health-Bereich, Martin McKee: Messbar stärker als bislang gefährdet sei die Gesundheit der Europäer neuerdings nämlich auch durch die Finanzkrise, wird McKee quer durch alle Medien zitiert: „Wir sehen die Rückkehr von Malaria nach Griechenland, das Auftauchen von Dengue-Fieber dort“, so McKee, „wir sehen eine explosionsartige HIV-Epidemie in Griechenland infolge eines Anstiegs intravenösen Drogenkonsums.“ Daneben kam es vor allem in den besonders stark von der Finanzkrise betroffenen Länder wie Griechenland, Spanien und Portugal auch zu steigenden Selbstmordraten.

Einen Übeltäter hatte McKee auch schon ausgemacht: Die EU-Kommission und die Rosskur der Sparpolitik, der sich Krisenländer unterziehen müssen und die auch das Gesundheitswesen betreffen. Was ihn dabei besonders in Harnisch bringt: Eine Überprüfung der gesundheitlichen Folgen, zu der die EU eigentlich verpflichtet wäre, fand bislang nicht statt. Der Wissenschaftler geht deshalb sogar so weit, der EU-Kommission sowie einzelnen Mitgliedsstaaten Verschleierungstaktiken im Stil der Tabakindustrie vorzuwerfen, ein Vorwurf, dessen Stichhaltigkeit ich an dieser Stelle nicht beurteilen will. Allerdings kann ich mir den Hinweis nicht verkneifen, dass die WHO sich damit natürlich ins Glashaus setzt, da ihr selbst solche Taktiken ja auch nicht fremd sind.

Korrekt dargestellt wurde von McKee allerdings indirekt die Tatsache, dass die sogenannten „lebensstilbedingten nichtübertragbaren Krankheiten“ das sind, was übrig bleibt, wenn es in einem Land eine gut funktionierende medizinische Versorgung gibt. Was die Alternative dazu ist, erleben wir, wenn wie in einigen EU-Ländern als Folge der Finanzkrise eine solche Versorgung nicht mehr finanzierbar ist. Wir sollten uns nicht zu sicher sein, dass nicht auch bei uns solche Zustände eintreten könnten, denn die unerbittliche Durchökonomisierung hat auch in unserem Gesundheitssystem bereits erhebliche Verwüstungen angerichtet, ohne freilich dessen Kosten zu senken. Wenn zum Beispiel eine Klinik wie ein gewinnorientiertes Unternehmen arbeiten muss, dann tut sie das ohne Bedenken auch auf Kosten der Krankenkassen und der Patienten, und in viel zu vielen Fällen auch zum gesundheitlichen Schaden der letzteren.

Und was eigentlich, wenn die nächste Epidemie einer lebensgefährlichen ansteckenden Krankheit ein höheres Ansteckungsrisiko mit sich bringen sollte als das jetzt in Westafrika wütende Ebola? Schon mit den wenigen Ebola-Fällen, die in Europa und den USA aufgetreten sind, wirkten die betreffenden Gesundheitssysteme, aber auch die Öffentlichkeit heillos überfordert. Die heutige Konzentration auf nichtübertragbare Krankheiten wäre in einem solchen Fall so oder so rasch Geschichte, aber man sollte nicht damit rechnen, dass die strukturellen Fehlanreize innerhalb unseres Gesundheitssystems sich nicht noch für einen viel zu langen Zeitraum ungünstig für eine solche Notfallsituation auswirken würden. Es gäbe also viele gute Gründe für eine umfassende Neuordnung des Gesundheitssystems – einschließlich eines Präventionsgesetzes, das frei von der Illusion ist, es sei möglich und sinnvoll, den einzelnen Patienten zu seinem vermeintlichen Glück zu nötigen.

Es sei in diesem Zusammenhang auch daran erinnert, dass es die WHO selbst ist, die „Gesundheit“ einmal folgendermaßen definiert hat: „…ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Diese WHO-Definition hat ihre bedenklichen Seiten. Nach ihr ist Gesundheit nämlich ein genaugenommen für niemanden erreichbarer fiktiver Zustand, und wir sind alle miteinander krank – was wiederum unserem Idealzustand in den Augen der Pharmaindustrie entgegenkäme, für die es ja am vorteilhaftesten ist, uns weder durch einen frühzeitigen Tod noch durch fehlenden Bedarf an ihren Produkten als Konsumenten zu verlieren. Aber dass Gesundheit nicht alleine aus dem Ausbleiben von Krankheiten besteht, ist völlig korrekt. Es wäre zu wünschen, dass die WHO eines Tages auch noch zu der Einsicht kommt, dass sie ebenso nicht alleine von Blutdruck, Cholesterinwerten, BMI und Lungenfunktion abhängt, dass ein Raucher bei ansonsten gleichen gesundheitlichen Voraussetzungen nicht zwangsläufig weiter von dem fiktiven und unerreichbaren Idealfall entfernt ist als ein Nichtraucher und dass ein Ex-Raucher sich unter Umständen gerade durch den Rauchstopp weiter davon entfernt haben kann.

Eine heikle Teilproblematik in diesem Zusammenhang ist aber auch die Frage, wie eigentlich Lebensqualität (nämlich „geistiges und soziales Wohlbefinden“ während der Lebenszeit) und -quantität zueinander ins Verhältnis gesetzt werden müssen. Angenommen, ein Mensch verliert zehn Lebensjahre, wie es ja dem Raucher zugeschrieben wird, kann aber zuvor siebzig Jahre ein gutes Stück näher an dem von der WHO propagierten Idealzustand verbringen: Ist es dann ethischer, ihn achtzig schlechtere Jahre leben lassen zu wollen, als es ihm eigentlich möglich wäre, oder sind siebzig bessere Jahre vorzuziehen? Und wer soll darüber eigentlich entscheiden dürfen? Ein selbsternannter Experte für das, was im Leben des Menschen als gut, richtig und erstrebenswert zu gelten habe – oder nicht vielleicht doch eher der Betroffene selbst, der dieses Leben führt?

Im Rahmen berufsethischer Überlegungen habe ich mir die WHO-Definition zur Gesundheit vor vielen Jahren selbst zu eigen gemacht. Dass sie von der Nachfolgegenerationen ihrer Schöpfer pervertiert und verraten wurde, ist einer der Gründe, warum ich als wissenschaftlicher Deserteur in diesem von der WHO ausgerufenen Weltkrieg gegen die Raucher erscheine, in dem Wissenschaft und Medien sich so bereitwillig als Hilfstruppen missbrauchen lassen, oft sogar gegen besseres Wissen.

Raucher sind genauso wertvolle Menschen wie Nichtraucher, und das friedliche soziale Miteinander beider, wie es vor dem WHO-Einsatz ganz normal war, halte ich für ein hohes Gut. Seine mutwillige Zerstörung im Namen eines Gesundheitsbegriffs, der gar nichts mehr mit der WHO-Definition zu tun hat, ist ein Akt sinnloser Gewalt am sozialen Gefüge, mit dem die WHO all ihre hehren Ziele ad absurdum führt. Denn im Falle des Rauchens wird von ihr ausschließlich mit der „Freiheit von Krankheit“ argumentiert, die jede Zerstörung geistigen und sozialen Wohlbefindens rechtfertige. Und noch nicht einmal jenes Versprechen der Befreiung von Krankheiten löst sie in Wirklichkeit ein. Denn jedes Mal, wenn die WHO eine neue Attacke gegen das soziale Wohlbefinden der Raucher reitet, bleibt dennoch die überwältigende Mehrheit der Raucher dabei, weiterzurauchen und damit die gesundheitlich negativen Wirkungen der Attacke zusätzlich in Kauf zu nehmen. Wie es aber um die Freiheit von Krankheit bei den anderen ein bis zwei Prozent bestellt ist, die dem Druck nachgeben, darüber kann man allenfalls spekulieren, da niemand sich ernsthaft mit dieser Frage befasst.

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