Herzinfarktwunder, Folge 1: Deutschland – die DAK-Studie

Noch während mein Buch „Passivrauchen – Götterdämmerung der Wissenschaft“ im Druck war, im März 2012, erfüllte sich schon die erste der Prognosen, die ich darin vorgenommen hatte, nämlich die, ein „Herzinfarktwunder“ auch für Deutschland zu prophezeien. Ein solches „Herzinfarktwunder“ soll sich nämlich zuvor bereits in mehreren Staaten und Regionen – aber dennoch nur einer Minderheit! – nach Einführung von Rauchverboten ereignet haben, und auch in Deutschland war es nicht der erste Versuch gewesen, ein solches Wunder zu verkünden. Allerdings waren die ersten Versuche noch wirkungslos verpufft und außer mir anscheinend kaum jemandem aufgefallen. Näheres dazu können Sie in meinem Buch ab S. 188 nachlesen, im Kapitel „Höhere Mathematik für Milchmädchen“. 

„Rauchverbote retten tausende Leben!“ sei nun aber beispielhaft die Spiegel-Schlagzeile vom März 2012 zitiert, stellvertretend für alle Medien, die die Pressemitteilung der DAK aufgriffen, die folgendermaßen übertitelt war: „DAK-Studie belegt: Nichtraucherschutzgesetze retten Leben. Deutlicher Rückgang von Angina pectoris und Herzinfarkten festgestellt“. Dies bezog sich auf eine Studie, mit der angeblich ein deutlicher Rückgang bei Herzinfarkten – sowie bei Angina pectoris – bewiesen worden sein sollte. In den „normalen“ Medien wurde das, was die DAK in ihrer Pressemitteilung verbreitete, nirgends auch nur ansatzweise kritisch hinterfragt. Als Ehrenrettung hat die deutsche Medienlandschaft nur einen Blogartikel bei der FAZ-Community sowie einen Bericht bei Telepolis vorzuweisen. 

Seltsam an der Sache war dabei allerdings einiges: Nicht nur, dass die statistischen Daten der Krankenhausstatistik dies gar nicht widerspiegeln, aber das hätte sich möglicherweise ja noch erklären lassen, nämlich wenn die allgemeine Entwicklung einfach anders verlaufen wäre als bei den Versicherten der DAK, welche jener Studie zugrundelagen. Seltsam war daneben aber auch, dass sich erst einen Monat vorher, im Februar 2011, aus dem „Gesundheitsreport 2012“ der DAK mit dem Schwerpunktthema „Herzinfarkt“, noch genau das Gegenteil ergeben hatte, und auch hier waren die Versichertendaten der DAK die Grundlage gewesen.  

Ich habe im März 2011 einen offenen Brief an die DAK veröffentlicht, in dem ich einen Vergleich zwischen beiden DAK-Dokumenten vornahm. Vollständiger Text siehe Link; ein Auszug an dieser Stelle:  

Beispiele für Unstimmigkeiten in der DAK-Studie „Nichtraucherschutzgesetze in Deutschland und Krankenhausaufnahmen aufgrund von Angina Pectoris und akutem Herzinfarkt“

Beispiel 1: Die Ursachen für Herzinfarkte und deren Verhinderung gehen auf unterschiedliche Risikofaktoren zurück. Die Bedeutung, die in der DAK-Studie Nichtraucherschutzgesetzen bei der Exposition gegenüber Passivrauch beigemessen wird, steht in keinem Verhältnis zur Realität und bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Diese Studie gibt sogar selbst den Hinweis auf die gängigen, viel wichtigeren Risikofaktoren, die Autoren ziehen allerdings eine entgegengesetzte Schlussfolgerung. Hier werden Korrelationen mit Kausalitäten verwechselt und vermischt und Daten zweckdienlich anders interpretiert:

DAK-Gesundheitsreport 2012: 

„In den letzten 30 Jahren ging das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, um etwa 30 Prozent zurück.* Dieser Rückgang ist auch auf die günstige Entwicklung bei den klassischen Risikofaktoren zurückzuführen. Mittlerweile gibt es Anzeichen, dass sich dieser Rückgang nicht weiter fortsetzen könnte. Um noch mehr Herzinfarkte zu vermeiden, bietet die Kontrolle derjenigen Risikofaktoren besonders viel Potenzial, bei denen bisher wenig erreicht wurde oder die gar an Bedeutung gewinnen. Dies sind Übergewicht und Adipositas, Arbeitsstress und Depression.“Quelle: DAK Gesundheitsreport 2012, S. 144

 (* Hinweis: Ich schrieb: 30 %, gemeint waren eigentlich aber 70 %, der Wert, der von Prof. Ertl beim Kardiologenkongress im August 2012 genannt wurde.)

Der DAK-Gesundheitsreport sieht in einer Senkung der Herzinfarktraten u. a. bessere Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten sowie ein Rückgang des Nikotinkonsums – von Passivrauch ist nicht die Rede. Quelle: DAK Pressemeldung 14. Februar 2012 zum Gesundheitsreport 2012, S. 2

 DAK-Studie Nichtraucherschutzgesetze:

„Die Ergebnisse unserer Studie machen deutlich, wie groß die Bedeutung der Nichtraucherschutzgesetze für die Gesundheit ist. […] Die Ursachen für die Entstehung einer Herz-/Kreislauferkrankung, wie Angina pectoris und akuter Myokardinfarkt, sind seit Längerem bekannt. Sie liegen vor allem in einer Lebensführung, die gekennzeichnet ist durch: mangelnde Bewegung; eine Ernährung, die zu fett, zu süß, zu salzreich und zu wenig natürlich ist; zu viel Stress und Konsum von Tabak. Zudem sind die Herz-/Kreislauferkrankungen in hohem Maße assoziiert mit dem Passivrauchen.“

Quelle: DAK Pressemitteilung zur Nichtraucherschutzgesetze-Studie, durchgeführt durch IFT Nord Institut, vom 13. März 2012

Beispiel 2: In der DAK-Studie Nichtraucherschutzgesetze wird zugegeben, dass eigentlich eine eindeutige Schlussfolgerung über die Kausalität von Rauchverboten und Herzinfarktraten nicht gezogen werden kann, da die Datengrundlage mangelhaft ist:

 „Wie kürzlich in einem Bericht des Institute of Medicine ausgeführt wurde, kann auch diese Studie nicht zwischen den beiden denkbaren Wirkmechanismen – reduzierte Passivrauchexposition bei Nichtrauchern oder Abnahme der Rauchhäufigkeit bei Rauchern – unterscheiden. […] So war es beispielsweise nicht möglich, den Rauchstatus der Patienten zu erheben, da dieser nicht routinemäßig erfasst wird. Ferner lagen uns so gut wie keine Informationen darüber vor, in welchem Ausmaß die einzelnen Nichtraucherschutzgesetze tatsächlich zu einer Reduktion der Passivrauchexposition geführt haben.“ Quelle: DAK-Studie Nichtraucherschutzgesetze, S. 10 und 11 

Diese Mängel müssten eigentlich jeden Wissenschaftler dazu veranlassen, keine solch absoluten Schlussfolgerungen zu ziehen und Forderungen nach Änderung der Gesetze aufzustellen.

Beispiel 3: Grundsätzlich ist kein eindeutiger Rückgang der Herzinfarktbehandlungen in Krankenhäusern festzustellen. Der DAK-Gesundheitsreport verzeichnet vielmehr einen Anstieg der Herzinfarkt-Krankenhausfälle um 15 %, wenn die Jahre 2006 (vor den Nichtraucherschutzgesetzen) bis 2010 (nach der Einführung der Nichtraucherschutzgesetze) verglichen werden: von 101 auf 115 pro Jahr. Quelle: Folie 12 der Präsentation zum DAK-Gesundheitsreport 2012; siehe zu Angina pectoris Folien 14 und 15

Die DAK Studie zu den Nichtraucherschutzgesetzen sieht stattdessen eine Abnahme der Krankenhausaufenthalte aufgrund eines akuten Herzinfarktes um 8,6% (in den Jahren 2004-2008) Quelle: DAK-Studie Nichtraucherschutzgesetze, S. 2

Die Wissenschaftler vom IFT Nord Institut haben die Schwankungen für 12 Monate nach dem Erlass der „Nichtraucherschutzgesetze“ in einen Mittelwert gefasst und einen Rückgang der Herzinfarktrate von 8,6 % dargestellt. Hätte man den Messpunkt im 11. Monat gelegt, wäre hingegen ein Anstieg zu verzeichnen gewesen. Der starke Abfall der Krankenhauseinlieferung im 12. Monat, als monatliche Schwankungsrate durchaus normal, wurde für die Ermittlung des monatlichen Durchschnitts herangezogen, was für die Gesamtaussage ein absolut unseriöses Vorgehen darstellt.  Diese „Wissenschaft der Mittelwerte“ ist dennoch salonfähig geworden.

Es gibt Studien, in denen muss mal relativ genau hinschauen, um die Fehler zu bemerken. Die DAK-Studie zählte nicht dazu: Ihre Fehlerhaftigkeit ist ganz offensichtlich. 

Ich bekam eine Antwort der DAK, in der Einwände in der Sache aber gar nicht so leicht zu finden waren. Den größten Teil der ersten Seite jenes zweiseitigen Schreibens nahm eine Aufzählung der – selbstverständlich zahlreichen – Institutionen ein, zu denen meine Erkenntnisse zum Passivrauchen, wie mir längst bekannt ist, im Widerspruch stehen. Das hinderte mich allerdings nicht daran, auf die spärlichen Sacheinwände in zwei Antwortschreiben einzugehen, auf die allerdings keine Reaktion mehr erfolgte.

Abschließende Bemerkung: 

An dieser Stelle, wenn nämlich die sachlichen Einwände gegen diese Studie nicht mehr entkräftbar scheinen, werde ich für gewöhnlich mit folgendem „Joker“ konfrontiert: dass doch aber ein Rückgang der Herzinfarkte als Folge von Rauchverboten weltweit und in zahlreichen Studien dokumentiert sei. Also passe jene Studie doch haargenau mit ihnen zusammen. Warum dann ausgerechnet sie aber falsch sein solle. 

Seien Sie jetzt bitte tapfer: Es gibt sie nämlich wirklich, diese zahlreichen Studien. Aber in jeder einzelnen von ihnen, soweit man sie überprüfen kann, hat sich bei näherem Hinsehen ein Zusammenhang mit Rauchverboten als an den Haaren herbeigezogen herausgestellt. Von Italien über Schottland bis zu uns. Das sogenannte Wunder von Schottland wurde dort in den Medien nach Erscheinen der gesamten statistischen Krankheitsdaten mit Hohn und Spott überschüttet – aber das hindert bis heute keinen, der sich in Deutschland als Gesundheitsexperte betrachtet, daran, unverdrossen und hartnäckig weiter gerade diese Studie gerne als Beweis mit aufzuzählen. 

Die Herzinfarktwunderstudien sind unter den Studien geradezu eine eigene Literaturgattung, nämlich eine Art von epidemiologischer Mysterienliteratur geworden. Aber da ein Blogartikel aufhören sollte, bevor der Leser ermüdet ist, soll es für heute einmal genug sein. Dass mir zu diesem Thema noch längst nicht der Stoff ausgegangen ist und dass ich mir jede einzelne dieser Studien im Lauf der Zeit noch vornehmen werde, kann ich jedenfalls schon jetzt versprechen. 

Prof. Dr. med. Romano Grieshaber

Der Offene Brief an die DAK – incl. Anhänge

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7 Antworten zu Herzinfarktwunder, Folge 1: Deutschland – die DAK-Studie

  1. Manuela Langer schreibt:

    Besonders putzig ist die Bremer Studie, die einen dramatischen Rückgang der ST-Hebungsinfarkte nach Einführung von Rauchverboten festgestellt haben will. Nur: Weder die Gesamtzahl der Herzinfarkte noch die Zahl der Todesfälle sind in Bremen im gleichen Zeitraum signifikant zurückgegangen. Woran liegt’s? Ich als Nicht-Medizinerin mußte natürlich nachschlagen, und Wikipedia sei dank, ich fand heraus: Der ST-Hebungsinfarkt ist benannt nach der charakteristischen Hebung der ST-Kurve im EKG bei bestimmten Herzinfarkten. Es gibt jedoch außer dem EKG noch andere Diagnosemethoden, z. B. über Vorhandensein und Menge bestimmter Enzyme im Blut, die bei einem Infarkt freigesetzt werden. Als interessierter Laie schließe ich daraus, daß in Bremen zeitgleich mit den Rauchverboten zumindest in einigen Krankenhäusern die Diagnostik modernisiert wurde. Jetzt heißen die ST-Hebungsinfarkte dort Hinterwandinfarkt. Und das wird in einer Studie zum Jubel über den Erfolg der Rauchverbote benutzt. Ein Schelm, der Arges dabei denkt…

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