Herzinfarktwunder, Folge 2: Allgemeine Bemerkungen

Das Herzinfarktwunder vom März 2012 – siehe meinen Blogartikel „Herzinfarktwunder, Folge 1“ – sollte nicht der einzige wundersame Sofortrückgang bei Herzinfarkten bleiben, der für Deutschland in einer Studie festgestellt wurde. Schon im August 2012 rauschte es im Blätterwald erneut. 

„Neue deutsche Studien zeigen, dass Nichtraucherschutz-Gesetze einen sehr positiven Einfluss haben. Aus kardiologischer Sicht sollte also der Weg der Rauchverbote und des Nichtraucherschutzes in öffentlich zugänglichen Orten konsequent weiter gegangen werden.“ So Professor Dr. Georg Ertl, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, auf einer Pressekonferenz anlässlich des Europäischen Kardiologenkongresses am 25. August 2012. 

Gemeint war diese Studie hier.  

Was habe ich jetzt aber eigentlich an dieser Studie schon wieder herumzumeckern?

Dazu sollte ich etwas weiter ausholen. Ziemlich weit sogar. Diese Studie ist nämlich ein Paradebeispiel einer im Jahre 2003 von Stanton Glantz mit der berüchtigten „Helena-Studie“ initiierten und seither dann weltweit kopierten Vorgehensweise, die zwar wissenschaftsmethodisch einwandfrei wirkt aber vom prinzipiellen Ansatz her jeder redlichen Wissenschaftsphilosophie widerspricht, denn sie hat nicht das Ziel, Kausalität nachzuweisen, sondern lediglich das Trugbild einer Kausalität zu erzeugen. 

Das funktioniert folgendermaßen: Erkrankungszahlen aus einzelnen Krankenhäusern oder sehr begrenzten Regionen werden mit Blick auf den Zeitpunkt der Einführung von Nichtraucherschutzgesetzen ausgewertet. Passen die Ergebnisse, dann wird die Sache publiziert, und quer durch alle Medien wird die wunderbare Wirkung von Rauchverboten verkündet. Passen die Ergebnisse nicht, dann passiert … ganz genau: nichts. Gar nichts. Niemand weiß, dass es diese Ergebnisse auch gibt, denn sie werden nur in den seltensten Fällen überhaupt publiziert. Aber wenn das in seltenen Fällen doch geschieht, dann gelangen die Ergebnisse – anders als die vermeintlichen Erfolge – so gut wie nie in die Medien. Dramatische Rückgänge bei den Herzinfarkten haben Nachrichtenwert, ausbleibende dramatische Rückgänge haben keinen. Von 16.000 Journalisten und Redaktionen, die ich selbst in dieser Sache kontaktiert hatte, kam wohl vor allem aus diesem Grund keine einzige Rückmeldung!

So lässt sich auch erklären, dass in den USA zwar längst Studien auf nationaler Ebene nachgewiesen haben, dass ein Zusammenhang zwischen der Einführung eines Rauchverbots und einem Rückgang bei Herzinfarkten nicht festgestellt werden konnte, aber kaum jemand davon jemals etwas gehört hat. Aber die berüchtigte Studie von Stanton Glantz zur Kleinstadt Helena in Montana, das erste Herzinfarktwunder von inzwischen sehr vielen, geistert dafür bis heute noch durch die Medienberichte. Die Geschichte ist wohl einfach zu schön, um lange nach ihrem Wahrheitsgehalt zu fragen. 

Zurück zu der von Professor Ertl so gepriesenen Studie. Sie betraf – das hatte er nicht erwähnt – nicht ganz Deutschland, sondern Bremen. Schauen wir uns nun die Daten in der Krankenhausstatistik an, so stellen wir fest: Tatsächlich. In Bremen gab es im fraglichen Zeitraum und genau im Jahr, in dem das Rauchverbot in der Gastronomie eingeführt wurde, einen Rückgang bei den Herzinfarkten. Also doch ein Wunder?

An dieser Stelle sei zunächst darauf hingewiesen, dass im Jahre 2008 nicht nur in Bremen ein Rauchverbot in der Gastronomie eingeführt worden ist, sondern in allen anderen Bundesländern auch. Die meisten Nichtraucherschutzgesetze entsprachen dabei inhaltlich bis auf geringfügige Details in etwa dem von Bremen. Das Wunder beschränkte sich aber nur auf Bremen, denn für Deutschland insgesamt lässt sich kein Rückgang feststellen. Der Schluss, dass das Rauchverbot, das Bremen mit anderen Bundesländern gemeinsam bekam, dazu geführt hat, ist damit nicht naheliegend. Viel naheliegender wäre es, nach etwas zu suchen, das Bremen von anderen Bundesländern unterscheidet, in denen ein Rückgang nicht stattgefunden hat.  

Helena, Pueblo, Phoenix, “Schottland” (eigentlich: neun schottische Kliniken), “Italien” (eigentlich: Region Piemont sowie Rom, minus Toskana, wo ein Rückgang ausdrücklich verneint wurde) … und Bremen, das vermutlich künftig auch nur als „Deutschland“ gezählt werden wird: Sie haben noch mehr gemeinsam als nur die Tatsache, dass sie als kleine bis kleinste Regionen handverlesen wurde, weil sie sich durch fallende Herzerkrankungstendenzen dazu eigneten, diesen Rückgang in Zusammenhang mit Rauchverboten zu bringen. Immer war dazu nämlich eine Betrachtung in einem „unerlaubten Zeitfenster“ nötig. Ein besonders dreister Fall ist dabei die schottische Studie, die offenbar mit den amtlichen statistischen Daten möglichst nicht vergleichbar sein sollte und deshalb in zwei Zehn-Monats-Abschnitten im Jahr vor und im Jahr nach dem Rauchverbot erfolgte, anstatt zwei volle Jahre miteinander zu vergleichen. Am Ende wich dann freilich das Studienergebnis so weit von jenen Daten ab, dass dies für die britischen Medien plötzlich doch wieder einen Nachrichtenwert bekam und die Autoren mit Hohn und Spott übergossen wurden. Leider ist jener Spott aber nie über den Ärmelkanal bis in die deutschen Medien vorgedrungen, die zuvor so begeistert über die Studie berichtet und mit dem Schlagwort vom „Wunder von Schottland“ auch maßgeblichen Anteil am Aufkommen des Begriffs „Herzinfarkt-Wunder“ hatten. 

Aber zwei volle Jahre miteinander zu vergleichen ist auch immer noch viel zu wenig. Gerade für Schottland ist das offensichtlich, wo die Herzinfarktrate ja nach vielen Jahren des Rückgangs – der lange vor dem Rauchverbot eingesetzt hatte – seit 2009 wieder steigt. Unverzichtbar ist eine Betrachtung der langfristigen Tendenz, die mehr als nur ein oder zwei Jahre davor umfasst. Einen Rückgang der Herzinfarkte, der nicht höher oder sogar niedriger ausfällt als der Rückgang in früheren Jahren, dem Rauchverbot zuzuschreiben, ist bestenfalls Wunschdenken, ebenso wie ein Rückgang, der wieder von einem deutlichen Anstieg in den Folgejahren gefolgt wird. 

– Fortsetzung im nächsten Blogartikel – 

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