Herzinfarktwunder, Folge 3: Bremen

Noch einmal zur Bremer Studie. Betrachtet man, welche Zahlen die Krankenhausstatistik für Herzinfarkte in Bremen enthält, entdeckt man einen auffallenden Rückgang im Jahr 2008. Aber nicht nur das: Man stellt vor allem einen auffallenden Anstieg in den drei vorausgegangenen Jahren 2005 bis 2007 fest, während die Zahlen ab 2008 wieder denen der Jahre 2003 und 2004 ähneln. Näher betrachtet wäre die eigentlich interessante Frage also, was eigentlich diesen Anstieg vor dem Jahr 2008 verursacht hatte.

Aber in dieser Studie geht es in Wirklichkeit gar nicht um alle Herzinfarktpatienten in Bremen, sondern nur um einen Teil von ihnen, nämlich Patienten mit sogenannten „STEMIs“, ST-Hebungsinfarkten, die knapp über ein Viertel aller Fälle ausmachen. Bei dieser Art von Infarkten handelt es sich um Durchblutungsstörungen des Herzens mit ST-Streckensenkung, also eine Kurvenveränderung des EKG, die eine regionale Durchblutungsstörung des Herzens anzeigt. 

 

Der Abstract der Studie soll an dieser Stelle genügen, um zu verdeutlichen, was die Schlussfolgerung, es bestünde ein Zusammenhang zur Einführung von Rauchverboten in der Gastronomie, fragwürdig macht, die medienwirksam aus ihr gezogen wurden. Abgesehen davon, dass auch hier das Prinzip wissenschaftlich unzulässiger Selektion von Gruppen zugrunde lag, um eine Kausalbeziehung zum Passivrauchen zu begründen, und abgesehen davon, dass erneut ein Fall von „unerlaubtem Zeitfenster“ vorliegt – die Zahl der STEMIs wurden vor und zwei nach dem Rauchverbot, zusammengefasst für jeweils zwei Jahre, 2006/2007 und 2008/2009, was es doch sehr erschwert, einen Eindruck von der tatsächlichen chronologischen Entwicklung zu bekommen. Und abgesehen davon, dass eine Betrachtung über einen längeren Zeitraum schlichtweg fehlt. In diesem Abstract gibt es auch einige Auffälligkeiten: 

 

Die jüngeren Nichtraucher (bis 65 Jahre) haben einen Unterschied vorher/nachher von ca 3 Erkrankungsfällen pro Monat aufzuweisen. Das scheint mir völlig im üblichen Schwankungsbereich um den Mittelwert zu liegen, Schwankungen, die schon vor 30 Jahren, also lange vor der Nichtraucherschutzgesetzgebung, in ungefähr derselben Größenordnungen zu beobachten waren und regelmäßig genug ausfallen, dass sie auch sehr praktisch sind, wenn man eine bestimmte Entwicklung nur vortäuschen möchte: Liegen die Werte zwei Jahre oberhalb der Mittelwertgeraden und anschließend zwei Jahre unterhalb, lässt sich ein Anstieg oder Rückgang (je nachdem, was gewünscht wird) leicht durch eine passend gewählte Zeitspanne erzeugen. 

 

Damit will ich natürlich nicht behaupten, dass die Zahl der Herzinfarkte seit dreißig Jahren gleich geblieben ist, sie ist vielmehr in diesem Zeitraum um ca 70 % gesunken, was auf dem diesjährigen Kardiologenkongress in München voller Stolz auf Diagnostik, Prävention und Therapie der Kardiologie zurückgeführt wurde. 

Unbeantwortet bleiben einstweilen aber auch noch folgende Fragen:

  • Wieso haben Raucher konstant deutlich niedrigere STEMI-Raten als Nichtraucher?
  • Anders gefragt, warum haben Nichtraucher (NR) deutlich höhere Infarktraten als Raucher?
  • Wieso haben NR nach Wegfall des Passivrauchens immer noch deutlich höhere Infarktraten als Raucher? 604 Raucher zu 968 Nichtrauchern!

      Die Ergebnisse, wie sie hier präsentiert werden, verführen ja beinahe dazu, dass man aus präventiven Gründen den Nichtrauchern empfehlen müsste, mit dem Rauchen anzufangen, um Herzinfarkte zu vermeiden. Dazu müsste man natürlich aber auch die vermeintlichen Kausalzusammenhänge ernst nehmen. – Soviel zur Monokausalität.

     Innerhalb des unzulässigen Betrachtungszeitraums und entgegen den Zahlen der amtlichen Ermittlungen für die Grundgesamtheit aller zur selben Zeit von Nichtraucherschutzgesetzen in Deutschland Betroffenen sind allerdings in der Tat wissesnchaftsmethodisch alle mathematisch-statistisch-epidemiologischen Grundsätze penibel eingehalten worden, und dies erweist sich, wie schon in zahlreichen Fällen zuvor, als ausreichend, dass auch seriöse Wissenschaftsjournale im Peer-Review-Verfahren dies akzeptieren. Schon die einfache Logik verhindert aber, dass eine Kausalbeziehung zum Nichtraucherschutz mit einem solchen Ansatz hergestellt werden kann. Es sind somit vielleicht noch weitere Wunder beim Nichtraucherschutz zu erwarten – aber nur auf dem Papier. 

Prof. Dr. med Romano Grieshaber 

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