Wissenschaftliche Methode und Wissenschaft

Als Wissenschaftler muss man heutzutage Veröffentlichungen vorweisen, die in einer möglichst angesehenen Fachzeitschrift veröffentlicht und „peer-reviewt“ sein sollen. Dies gilt als Ausweis der Seriosität. Mir wird zuweilen das Fehlen derselben vorgeworfen, weil ich zwar viel geforscht und auch viel geschrieben habe, aber eben keine Publikationen jener Art daraus geworden sind. Es war mir einfach die Mühe nicht wert, jahrzehntelang gegen die Lehrmeinungsträger, die in Redaktionen und Schriftleitungen sitzen, anzukämpfen, denn die Ergebnisse der Umsetzung meiner Thesen konnte ich als Präventionsleiter einer Berufsgenossenschaft ja in der Praxis durch die Umsetzung der auf Basis dieser Forschungen entwickelten Präventionsmaßnahmen sehen, was angesichts ihres Erfolgs auch höchst befriedigend war. Ich musste dafür nicht die komplette internationale Wissenschaftsgemeinde überzeugen. Es war mir immer bewusst, dass andere Forscher von solcher Wirkungsmacht ihrer Arbeit nicht einmal träumen können. 

Das Peer-Review-Verfahren ist freilich aber auch ein höchst unsicherer Gradmesser der Seriosität. Bei einer Vielzahl von neueren wissenschaftlich anerkannten, in seriösen Zeitschriften veröffentlichten und im Peer-Review-Verfahren begutachteten Artikeln muss man sich nämlich fragen, wie es sein kann, dass sie diesen Seriositätsstatus erlangen konnten, da ihr Inhalt jeder echten wissenschaftlichen Arbeit Hohn spricht. 

Natürlich folgen diese Arbeiten in der Regel dennoch einer inneren Logik, und dies meist tatsächlich ohne Fehl und Tadel. Aber was hilft das, wenn schon die Prämissen nicht stimmen? Wird nur auf die korrekte Anwendung der Methoden geachtet, ohne eine Plausiblitätsprüfung auch nach allgemeiner Logik, kann es leicht sein, dass die Peers aufs Pingeligste reviewen und feststellen, dass nach den Regeln ihrer Kunst alles richtig gemacht wurde, und trotzdem erkennt ein Nicht-Epidemiologe, der die Studie liest, auf der Stelle, dass das Ergebnis so nicht stimmen kann. Die Epidemiologie gerät auf diese Art manchmal in ernste Konkurrenz zu den Scholastikern, die einst darüber diskutierten, wie viele Engel denn auf einer Nadelspitze tanzen können. Auch jene werden übrigens formal korrekte Methodiken entwickelt haben, um diese Frage so zu beantworten, dass ihre Antwort sie nicht in Konflikt mit den absoluten Wahrheiten ihrer Zeit brachte.  

Die Wissenschaft wird beherrscht durch ihre methodischen Versuchsansätze, und gerade in der Passivrauchforschung fallen diese häufig als fehlerhaft auf. Den berühmten Satz von Nietzsche, der den Sieg der wissenschaftlichen Methode über die Wissenschaft konstatierte, habe ich aus dieser Erkenntnis heraus meinem Buch vorangestellt.

Ein besonders auffälliges Beispiel ist der berüchtigte „Garagenversuch“, auf den sich auch das DKFZ am Ende lieber nicht mehr berufen wollte, ohne ihm freilich nun zu widersprechen. Im Literaturverzeichnis der Roten Reihe ist die betreffende Studie folgerichtigerweise immer noch gelistet, obwohl aus dem Text jede Spur davon verschwunden ist. So geistert der Garagenversuch auch heute noch als vermeintliche Wahrheit durch die Medien: als DVD ausleihbereit in Pressearchiven, zwischendurch auch mal wieder als angebliche Neuigkeit in verschiedenen Zeitungen. Im Sinne der Tobacco Free Initiative der WHO, von der es nicht so gerne gesehen wird, wenn ein anderer Feind schlimmer sein soll als der Passivrauch (ich werde darauf in einem späteren Artikel noch eingehen), lässt man den peer-reviewten Unsinn offenbar gerne auch als DVD in den Medienarchiven als gültige Aussage stehen und hat sich wohl entschlossen, nicht an die große Glocke zu hängen, dass es sich um Unsinn handelt.

Weil es nicht oft genug wiederholt werden kann, hier eine Kurzbeschreibung des Garagenversuchs, die meinem Buch entstammt: 

Der Garagenversuch

Untersucht wurde in einer Studie italienischen Ursprungs, erschienen in der Fachzeitschrift „Tobacco Control“, die Partikelkonzentration in der Raumluft einer geschlossenen Garage durch

  • einen laufenden Dieselmotor (Leerlauf, 30 Minuten) und
  • das Abbrennen dreier Zigaretten.

Die Autoren der italienischen Studie hatten behauptet – und die Autoren vom DKFZ hatten dies in der ersten Auflage ihrer Publikation „Passivrauchen – ein unterschätztes Risiko“ entsprechend wiedergegeben –, der Rauch der drei Zigaretten produziere ein Vielfaches an Feinstaub als der Dieselmotor. Im nachgestellten Versuch stellte sich heraus, dass die Italiener mit dem von ihnen verwendeten Messgerät (Aerocet 531, Metone Instruments Inc, USA) tatsächlich ein solches Ergebnis herausbekommen haben konnten. Falsch war es aber trotzdem. Das Messgerät war für diese Messung einfach ungeeignet. 

Dieselrußpartikel sind viel feiner als die vergleichsweise groben Tabakrauch-Kondensattropfen. Bei dem verwendeten Messgerät wurden Dieselrußpartikel erst ab etwa 1,5 μm Partikelgröße gemessen. Der Großteil der Dieselrußpartikel war für das Messgerät damit im Gegensatz zu den Tabakrauch-Partikeln von vornherein unsichtbar (s. Abb. 1). Hinzu kam, dass der Motorluftfilter während des Versuches die Garagenluft von den gröberen Partikeln sogar gewissermaßen reinigte.

Unsere zusätzlichen Messungen mit geeigneteren Messgeräten ergaben, dass die Feinstaubbelastung der Raumluft durch den Motor tatsächlich drei- bis viermal höher als durch die Zigaretten war – wie es auch von vornherein erwartet werden konnte.

Weil hier Meinungsmanipulation wissentlich durch wissenschaftliche Falschaussage zur Methode gemacht wurde – und immer noch wird –, kann man gar nicht oft genug diesen Fall beschreiben und an seinem Beispiel demonstrieren, dass im Public-Health-Bereich und insbesondere bei der WHO Tobacco Free Initiative niemand Wert auf richtige, sondern nur auf passende Ergebnisse legt. 

Was mich allerdings am meisten umtreibt, ist die Frage, wie dringend es dort mit den passenden Ergebnissen gewesen ist. Hatten die Erfinder dieses Versuchs und die beiden DKFZ-Gutachter wirklich keine Ahnung von Aerosol- und Partikelmesstechnik? Oder war hier sogar vorsätzliche Täuschung mit im Spiel?

Prof. Dr. med. Romano Grieshaber

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Passivrauchen, Wissenschaftliche Prinzipien abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s