Offener Brief an Dr. Kuhn

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, mich mit einer Rezension meines Buches „Passivrauchen – Götterdämmerung der Wissenschaft“ durch Herrn Dr. Joseph Kuhn, Soziologe und Epidemiologe, Beamter des Landesgesundheitsamtes Bayern, auseinanderzusetzen, die von Dr. Kuhn in seinem privaten „Science-Blog“ veröffentlicht wurde. 

Genaugenommen war diese Rezension ein sogenannter Verriss. Noch genauer genommen konzentrierte sich Kuhn bei diesem Verriss auf nur einen einzigen Punkt: die Wiedergabe einer Ergebnistabelle, die sich mit dem Lungencarcinom bei Kellnern befasste. Kuhn fand, diese Ergebnisse seien nach epidemiologischen Standards nicht aussagekräftig (und außerdem beschwerte er sich selbstverständlich auch darüber, dass sie nicht in einer peer-reviewten Studie erschienen seien).

Meine Antwort an ihn ist etwas länger ausgefallen, ich bitte deshalb um Nachsicht, dass ich Sie hierher bitten muss, um sie vollständig zu lesen. Hier nur so viel:

Herrn Kuhns Vorstellung, das Forschungsprojekt der BGN habe sich darauf beschränkt, Daten von Kellnern auszuwerten, um die Häufigkeit zu überprüfen, mit der sie an Lungenkrebs erkranken, zeigt eindrucksvoll, wie eingeengt das Blickfeld ist, wenn man nicht in der Praxis arbeitet, sondern Epidemiologie als reine Reißbrett-Wissenschaft ohne die Möglichkeit einer konkreten Nutzanwendung betreibt. In Wirklichkeit ging es um ein riesiges Projekt, in das die Daten aller BGN-Berufsgruppen eingeflossen waren. Darunter waren auch die Daten von Kellnern.

Die Daten aller Berufsgruppen wurden nach einer Vielzahl von Krankheiten ausgewertet. Darunter war auch die Krankheit Lungenkrebs. 

Kuhn behauptet, mit unserem Datenmaterial lasse sich nichts beweisen. Das haben wir ganz anders erlebt, denn wir haben zahlreiche auffällige Krankheitshäufungen gefunden. Vielleicht täte Kuhn unter solchen Umständen ja etwas ganz anderes als die BGN, aber dort wird dies selbstverständlich auch zu konkreten Maßnahmen führen, durch sie, wie es ja auch die Aufgabe einer Berufsgenossenschaft ist, die Ursachen für die Häufungen ermitteln und dann durch geeignete Maßnahmen die Gesundheit der betroffenen Berufsgruppen schützen wird. So sieht nämlich berufliche Prävention aus, die eine messbare Wirkung erzielen kann.

Auffällig an den Daten der Kellner – nicht nur bei Lungenkrebs – war aber nur das, was sich nicht ergab, nämlich die Krankheitshäufungen, mit denen eigentlich zuvor felsenfest gerechnet worden war.

Die Frage nach dem Fehlen einer peer-reviewten Studie kann ich aber eigentlich auch beantworten:

Die Grundlagen und Prinzipien der Verarbeitung der zugrundeliegenden Daten – darunter die der Kellner – wurden in Symposien, im Zentralblatt für Arbeitsmedizin und in verschiedenen Tagungsbänden der wissenschaftlichen Veranstaltungsreihe „Erfurter Tage“ veröffentlicht und diskutiert. Unter anderem wurde dieses Thema auch 2007 beim Tabaksymposium – an der Universität Mannheim – diskutiert, das ich in meinem Buch ausführlich geschildert habe. Angesichts der darauf folgenden Ächtungsdrohungen der UNO sowohl gegen den DGUV als auch die BGN, von der eine Vielzahl von Instituten und Universitäten betroffen gewesen wäre und die wir ernst nehmen mussten, hat die BGN dann von einer Veröffentlichung der Endergebnisse absehen müssen.

Prof. Dr. med. Romano Grieshaber

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3 Antworten zu Offener Brief an Dr. Kuhn

  1. beobrigitte schreibt:

    Vielen Dank fuer ihre Denkanstoesse und Bereitschaft sich fuer wissenschaftliche Integritaet einzusezen., Herr Professor!

    Wie sehr viele andere, habe auch ich diese „Rezension“ und den darauffolgenden „Meinungsaustausch“ in Dr. Kuhn’s PRIVATEN blog mit grossem Interesse verfolgt.

    Fast moege man meinen, dass Kommentare, die dort hinterlassen wurden, schon jahrelang in anderen Laendern ueberbenutzt wurden und daher keiner Antwort wert sind. Das Fehlen an Substanz ist offensichtlich, wenn auch die unterste Schublade ( siehe den Kommentar eines „Nichtrauchers“) gezogen werden muss. Ich bin sicher, dass auch Dr. Kuhn es wuenschte, so manches dort nicht zu lesen. Aber dann, auch Dr. Kuhn hat recht wenig Ueberzeugendes in den Kommentaren seines blogs beizutragen.

    Auch Dr. Kuhn letztendlich kann nicht umhin von einer – seit wie vielen Jahren; ca. 20, wenn ich mich recht erinnere; nicht mehr bestehenden Tabaklobby zu sprechen. (Haette es eine in den 90-iger Jahren gegeben, waere es wohl kaum moeglich gewesen, dass die Tabakindustrie NICHT von Universitaeten fuer die Finanzierung irgendwelcher Studien, abgewiesen wurde.)

    Diese „Rezension“ ihres Buches ist wenig ueberzeugend. Ihre Bereitschaft zur Debatte ist es. Vielen Dank!!!

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