NRW, Kneipen ade

Eigentlich soll dies ja kein Politik-Blog werden, aber es lässt sich natürlich nicht vermeiden, auf das politische Tagesgeschehen einzugehen, wenn dort Entscheidungen gefällt werden, die auf mehr ideologiegetriebenen als sachbezogenen Präventionsvorstellungen wie dem Nichtraucherschutz beruhen. Es käme mir auch seltsam vor, nach der Landtagsabstimmung über das Rauchverbot in NRW, die schon Thema eines früheren Artikels in diesem Blog war und bei einem weiteren eine wichtige Rolle gespielt hat, nicht noch einmal auf sie einzugehen. Zum Dritten verdienen an dieser Landtagsentscheidung in Düsseldorf einige Punkte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die in der medialen Berichterstattung kaum Beachtung gefunden haben und nur wenigen aufgefallen sind.  

Zur Erinnerung: Das Gesetz, über das abgestimmt wurde, nennt sich: „Nichtraucherschutzgesetz NRW“. Warum aber sprach dann schon der erste Redner, Dr. Roland Adelmann, Abgeordneter der SPD, so wenig über die Abwehr von Gesundheitsgefahren, dafür aber verblüffend ungeniert von Zielen, die mit einem „Nichtraucherschutzgesetz“ gar nichts zu tun haben? Sehr wohl aber haben sie etwas mit den Plänen der Weltgesundheitsorganisation zur Schaffung einer „rauchfreien Welt“ zu tun. Einige Auszüge

Das in NRW bestehende Gesetz ist löchrig. Es ist derart lückenhaft und durchlässig, dass von einem wirksamen Kinder- und Jugendschutz nicht die Rede sein kann. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn auf Kinderspielplätzen in unserem Land noch geraucht werden darf? 

Kinderspielplätze befinden sich, wohlgemerkt, im Freien. Den Nachweis einer Gefahr durch Passivrauch im Freien wenigstens vorzutäuschen, geschweige denn, ihn wirklich zu führen, ist bis dato noch keinem der einschlägigen Experten gelungen. (Auf die Sache mit den Zigarettenkippen, die meistens als Begründung für solche Rauchverbote herhalten müssen, werde ich an anderer Stelle noch eingehen.) Adelmann begründet ein Rauchverbot auf Spielplätzen aber nicht mit einer solchen Gefahr, sondern folgendermaßen: 

Die SPD fordert daher jeden in diesem Hause zu einem klaren Statement für den Schutz unserer Jugend auf. Rauchen oder nicht rauchen, ein jeder Erwachsener erfüllt auch eine Vorbildfunktion. Das Rauchen einer E-Zigarette ist übrigens ein optisch gleicher Vorgang. […] Einem vierjährigen Kind ist es egal, ob Sie nun eine E-Zigarette rauchen oder eine echte. Es ist optisch der gleiche Vorgang und erfüllt die Voraussetzungen, ein Werbeträger zu sein. Das ist so einzustufen wie der altbekannte rauchende Cowboy aus der Zigarettenwerbung, und den haben wir bekanntlich nicht umsonst EU-weit verboten.

 Mit anderen Worten: In den Augen des Sozialdemokraten Adelmann bedeutet Kinder- und Jugendschutz, dass Kinder schon vor dem Anblick von Rauchern (und sogar vor Leuten, die nur aussehen, als würden sie rauchen) geschützt werden müssen – das ist in der Debatte, wie sie in Deutschland geführt wird, ein echtes Novum und in den Augen der WHO zweifellos ein Meilenstein. Auf einmal kommt es gar nicht mehr darauf an, ob der Passivrauch jemandem einen gesundheitlichen Schaden zufügen kann. Der Raucher verhält sich deshalb unmoralisch, weil andere sehen können, dass er raucht.

Aber am Ende wird Adelmann sogar noch deutlicher und erklärt uns ganz genau, wohin die Reise gehen soll, die einmal mit dem angeblichen Erfordernis begann, Nichtraucher in der Gastronomie zu schützen: 

Was ist das langfristige Ziel? – Langfristig ist eine möglichst rauchfreie Gesellschaft das Ziel.

Das sogenannte Nichtraucherschutzgesetz ist also ein reiner Etikettenschwindel, wenn man diese Begründung für bare Münze nimmt – was ich zu tun empfehle, denn Adelmann vertritt hier genau das, was auch die WHO für die Zukunft plant. Es geht in Wirklichkeit also gar nicht um die Gesundheit der Nichtraucher, sondern um das Vertreiben der Raucher aus der Öffentlichkeit. Sobald die Raucher dann, wie nun gewünscht, vor den Kneipen stehen und rauchen, werden Leute wie Herr Adelmann daran Anstoß nehmen, dass man sie beim Rauchen sehen kann – und das, obwohl sie gar nicht freiwillig da draußen stehen, sondern weil unter anderem er das so gewollt hat. 

Nach Meinung von Herrn Adelmann soll eine Gesetzesverschärfung daneben sogar den geheimen Wünschen der Gastronomie entsprechen: 

Hinzu kamen noch Gastwirte, die nicht offen, aber in persönlichen Gesprächen um ein klares und einheitliches Rauchverbot baten. Ihre spezielle Schwierigkeit ist es, dass die Raucherlaubnis von einigen noch als Wettbewerbsvorteil gesehen wird. Rauchen darf aber nicht gegen den Willen der Angestellten oder Gastwirte ein Standortvorteil sein.

Der letzte Satz darf vermutlich nicht so verstanden werden, dass Rauchen dann ein akzeptabler Standortvorteil ist, wenn dies dem Willen der Angestellten und Gastwirte entsprechen sollte. Auch wenn Adelmann trotz seiner sonst so bemerkenswerten Unverblümtheit nicht so weit geht, zuzugeben, dass er es gut und richtig findet, wenn Lokale pleite gehen, für die das Rauchverbot einen beträchtlichen Standortnachteil bedeutet: Man darf getrost annehmen dass genau dies der Fall ist und ihn daher der Wille derjenigen, um deren Existenz und deren Arbeitsplatz es geht, nicht weiter kümmert. 

Frau Steffens, die Gesundheitsministerin, schlug in ihrer Rede in dieselbe Kerbe: 

Es gibt viele Gastronomen, die sich darauf freuen, dass sie ihre Gastronomie zukünftig in einem fairen Wettbewerb rauchfrei betreiben können. Auch für die ist das ein wichtiger Schritt.

Das Märchen vom fairen Wettbewerb wird in der Realität leider rasch entzaubert werden. Wie bereits in meinem Buch beschrieben, müssten die Ausgangsbedingungen der Lokale gleich sein, damit ein ausnahmsloses Rauchverbot zu einem fairen Wettbewerb führen könnte. Das ist aber nicht der Fall. Die zwei Drittel der Lokale, die schon jetzt Nichtraucherlokale sind, werden natürlich durch die Gesetzesverschärfung keine Nachteile erleiden. Die Nachteile, die zu erwarten sind, werden nur das letzte Drittel betreffen, und in diesem finden sich 

  •  Lokale mit Außenbereichen und solche ohne.
  • Lokale mit 90 Prozent rauchenden Gästen und solche mit 50 Prozent oder noch weniger.
  • Lokale mit jüngerer oder älterer Gästestruktur.
  • Lokale, in denen (auch) gegessen und solche, in denen nur getrunken wird.
  • Lokale, die im Vertrauen auf den Bestand der vorherigen Regelung zur Schaffung von Raucherräumen Investitionen getätigt haben und nun auf ihren Kosten sitzenbleiben werden. 

Je nach diesen unterschiedlichen Voraussetzungen und den verschiedenen Möglichkeiten einer Anpassung des Angebots an die neue Situation wird das Rauchverbot für das betroffene Drittel der Gastronomie natürlich auch unterschiedliche Wirkungen haben: Für die einen ändert sich wenig, andere werden verkraftbare und/oder vorübergehende, wieder andere aber nicht verkraftbare und nicht vorübergehende Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Die letzte Gruppe wird außerdem nach einem mehr oder weniger langen Kampf um ihre Existenz aufgeben müssen. Wie blanker Hohn klingen muss die Phrase vom „fairen Wettbewerb“ aber vor allem für die Betreiber von Shisha- oder Zigarrenbars, denn der angeblich faire Wettbewerb entzieht ihnen einfach die Geschäftsgrundlage. Sie werden in jedem Fall schließen müssen. 

Richtig an Frau Steffens’ Bemerkung ist aber natürlich, dass viele Lokale, die nach der bisherigen, vor vier Jahren eingeführten Regelung zwangsweise Nichtraucherlokale geworden waren, das Ausbleiben rauchender Gäste damals schmerzlich gespürt haben. Dass diesen Wirten geholfen ist, wenn jetzt ein Teil ihrer Konkurrenz kurzerhand in die Pleite getrieben wird, darf aber bezweifelt werden. Dass es nach einer zwangsweisen Veränderung viele Jahre dauert, bis Angebot und Nachfrage in der Gastronomie wieder so zusammenpassen, dass jeder Gastronomiebetrieb eine faire Chance hat, sich am Markt zu behaupten, sieht man ja alleine schon daran, dass unfreiwillige Nichtraucherlokale auch nach vier Jahren noch die Folgen spüren, anstatt die versprochenen unzähligen Nichtraucher zu bedienen, die ihnen einmal als Gäste versprochen worden waren. 

Nur allzu bald wird der Inhaber eines nicht rentabel zu führenden Nichtraucherlokals erkennen, dass die Hoffnungen, die er mit einem Rauchverbot auch für die Raucherkneipe auf der anderen Straßenseite verknüpft hatte, sich für ihn nicht erfüllen werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Raucherkneipe von gegenüber früher als er selbst das Handtuch werfen muss, aber das bedeutet keineswegs, dass seine Umsatzlage sich nun nennenswert bessern wird. Denn die übriggebliebenen Gäste der geschlossenen Raucherkneipe werden nur zu einem Bruchteil bei ihm landen; genauso wie auch schon die verlorenen Gäste der Raucherkneipe nicht bei ihm gelandet sind. Sollte er also jetzt schon in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sein und deshalb ein Rauchverbot auch für seine Konkurrenten herbeisehnen, sind seine mittelfristigen Aussichten auch nicht so rosig, wie er jetzt vielleicht glaubt.

Was aber wird geschehen, wenn derselbe Lokalinhaber nächsten Sommer merkt, dass andere Lokale eine Möglichkeit zur Außenbestuhlung haben und er nicht? Wird Frau Steffens dann ein Rauchverbot in Biergärten und den Außenbereichen von Lokalen fordern und dies damit begründen, dass Rauchendürfen kein Standortvorteil sein darf? 

Prof. Dr. med. Romano Grieshaber

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Passivrauchen abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu NRW, Kneipen ade

  1. Ben Palmer schreibt:

    Im Vorfeld der verschiedenen Rauchverbotsinitiativen wurde schon vor Jahren mit dem Argument operiert, dass die Rauchverbote Tausende von Nichtrauchern, die geradezu danach lechzen einmal in eine rauchfreie Kneipe zu gehen, als neue-alte Kunden wieder zurückbringen und die Kneipen überschwemmen werden. Wenn ein solches Bedürfnis überhaupt jemals bestanden hatte, dann hätten die kleveren Wirte schon von sich aus vor Jahren das Rauchen in ihrer Kneipe verboten.
    Die Publikation „Passivrauchen“ der roten Reihe des WHO-Kollaborationszentrums hatte in ihrer ersten Version ganz klar einen Verlust von einigen Tausend Arbeitsplätzen in Irlands Gastronomie gezeigt, der dann aber als vorübergehend abgetan wurde.
    Nüchtern betrachtet kann man Arbeitsplatzverluste in Kauf nehmen, wenn dadurch wirklich gesundheitliche Gefahren beseitigt werden und diese Beseitigung nicht auf andere Weise erreicht werden können. Das trifft aber bei den Rauchverboten nicht zu; es steht jedem frei, Raucherlokale zu meiden.

    • Freise E. schreibt:

      genau, z.B. auch den ganzen Kindern beim Kinder-Karneval (wo in NRW von 21 Veranstaltungen auf 17 geraucht wurde) oder überhaupt den ganzen Diskotheken – so dass junge Menschen keine Wahl haben – sie müssen sich dem Diktat der Rücksichtslosen unterordnen. Es steht jedem frei, sich von einer süchtig machenden Droge abhängig machen zu lassen. Dass man dadurch Einschränkungen in Kauf nehmen muss, ist doch wohl klar wie Klosbrühe. Verdrehen Sie nicht wieder Ursache und Wirkung und lernen Sie endlich, was die Zusammenhänge in dieser Frage sind. Sonst bleiben Sie ewig im Mittelalter stecken…

      • beobrigitte schreibt:

        Sonst bleiben Sie ewig im Mittelalter stecken…

        Hier muss man fragen, in welcher Epoche Herr/Frau Freise steckengeblieben ist.

        Es steht jedem frei, sich von einer süchtig machenden Droge abhängig machen zu lassen. Dass man dadurch Einschränkungen in Kauf nehmen muss, ist doch wohl klar wie Klosbrühe.

        Welche Einschraenkungen, bitte! Die Nikotinpflaster, die die pharmazeutische Industrie wohl sehr profitabel verkauft, sind also keine „Droge“?

        Verdrehen sie bitte nicht Tatsachen.

  2. Ein Argument fehlt noch, was besonders in Bayern zu beobachten ist: Zumindest im Sommer haben die Betriebe mit Außengastronomie einen massiven Vorteil. Man kann das sehr gut beobachten, die Leute sitzen draußen und rauchen und wo man nicht raus kann herrscht gähnende Leere. Sogar an äußerst unattraktiven Plätzen wie direkt an vielbefahrenen Straßen (wo die Menschen, die draußen sitzen, dem Passivdiesel ausgesetzt sind), sitzen die Leute lieber draußen und rauchen als dass sie drinnen bleiben.

    • Freise E. schreibt:

      Dieselabgase sind natürlich auch ein Problem.

      • perle schreibt:

        Für Nichtraucher nicht. Denn Nichtraucher ist drinnen! Auf eigenen Wunsch der Nichtraucher übrigens, da bin ich ganz bei Ihnen……..Sie haben keinen Rechtsanspruch auf einen Platz auf einer sonnigen Terrasse.

  3. Deregulus schreibt:

    Es verwundert mich immer wieder, dass sich „das Volk“ derart veräppeln lässt.

    „Nichtraucher“ stürmen nun die Kneipen, Pustekuchen! Überall herrscht in den „Nichtraucherkneipen“ gähnende Leere, so sie noch existieren.

    „In anderen Ländern klappt es doch auch“! Völliger Quark, ein „Rauchverbot“ wird in anderen Ländern, vor allem den südlicher gelegenen gemeinhin ignoriert.

    Und komme mir niemand damit, meine Aussagen seien unwahr, keiner kann/darf mir etwas anderes erzählen als das, was ich selbst gesehen und erlebt habe.

  4. Freise E. schreibt:

    Auch wenn Sie es in Ihrem fortgeschrittenen Alter wohl nicht mehr lernen werden: bei der Tabakprävention geht es um Nichtraucherschutz, um Arbeitnehmerschutz, aber auch um Prävention und auch um Umweltschutz und fiskalische Aspekte.
    Die Tabakindustrie ist eine sehr mächtige Industrie, die gelogen hat, was das Zeug hält. Die Mensch und Umwelt immens hohen Schaden anrichtet.
    Es ist irrsinnig, zu rauchen – und die Tabakkontrolle hat jedes Recht, mit legalen Maßnahmen das Bewusstsein in der Gesellschaft so zu verändern, dass es eben weniger Menschen tun – dss sie es selber einsehen, wie dumm es ist. Dass es eben auch nicht mehr als „cool“ gilt usw… Das kann nur Schritt für Schritt gehen. Aber es wirkt bereits und es wird noch weiter wirken.

    Würde Nikotin heute auf den Markt kommen, wäre es niemals legal – es besitzt ein Abhängigkeitspotential, das in vielen Belangen dem des Heroins nahe steht. Doch weltweit gibt es so viele Raucher (und in den Entwicklungsländern steht die Tabakindustrie schon in den Startlöchern!) – dass man Tabak eben nicht einfach illegalisieren kann. Man braucht ein Maßnahmenbündel. Das tangiert die Freiheit des Erwachsenen, zu rauchen, solange er sonst niemandem schadet, erst einmal gar nicht oder nur sehr minimal.
    Deutschland ist eines der letzten Länder, wo man diese Drogen noch an jeder Straßenecke bekommen kann… ähnlich sieht es mit der Plakatwerbung aus. Aber auch das wird sich ändern.

    Wenn Sie diese (äußerst zeitaufwändigen) Bemühungen, dass die Menschheit klüger wird, schlecht finden, so ist Ihnen wohl entgangen, dass es Ziel des Lebens ist, zu lernen und sich weiter zu entwickeln.

    Einen schönen Tag noch.
    E. Freise

    • der Red. schreibt:

      Sehr geehrter Herr Freise,
      Ihr Kommentar unterscheidet sich deutlich von den normierten Parolen der Aktivisten. Sie scheinen gesellschaftliche Werte in ehrlicher Form zu vertreten. Dieser Grundhaltung zolle ich Respekt. Sie machen aber auch deutlich, dass es Ihnen um die Bekämpfung des Rauchens geht und nicht um die zweckdienliche Hilfskrücke Passivrauchen.
      Damit haben Sie der WHO-Führungsriege etwas voraus, von der die Passivrauchgefährdung unter Zuhilfenahme unzulässiger Wissenschaftsmanipulationen öffentlichkeitswirksam zu einer unbestreitbaren Tatsache erklärt wird, die in Frage zu stellen längst ein Tabu geworden ist. Das Dilemma ist, dass aber genau diese Falschaussagen die redliche Wissenschaft unglaubwürdig machen.
      Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum sich die Politik und Gesetzgebung hinter wissenschaftlichen Aussagen verschanzen müssen, die nüchtern betrachtet nicht haltbar sind? Warum setzt sie denn nicht einfach auf die von Ihnen vertretene Wertewelt und verbietet in diesem Namen das Rauchen, wie es politisch konsequent wäre? Möglicherweise liegt es ja daran, dass sie weiß, dass als Konsequenz der Prohibition ganze Staatsgefüge zusammenbrechen würde, sodass sie froh ist, sich hinter der Wissenschaft als Verantwortlichen verstecken zu können.
      Der gesundheitspolitische Sinn des Kampfs gegen das Rauchen darf darüber hinaus durchaus angezweifelt werden. Nicht vergessen: Wer nicht an Krebs stirbt, der erkrankt – früher oder später – an einer anderen tödlich verlaufenden Krankheit. Es ist aber eine Illusion zu glauben, dass diese Krankheit statistisch gesehen sehr viel später geschehen würde als die Krebserkrankungen, wenn man jene nur vermeiden könnte. Würden Krebserkrankungen morgen ausradiert – alle, nicht nur den Lungenkrebs –, also würde keiner mehr an Krebs sterben, dann hätte ein heute 35-Jähriger statistisch gesehen eine Lebenserwartung, die nur ca. ein halbes Jahr über seiner jetzigen läge. In der Altersgruppe, in der die meisten Krebsfälle auftreten, ist nämlich auch das Risiko anderer lebensbedrohlicher Erkrankungen viel höher als bei jüngeren Menschen.
      Dies auch zur Erinnerung daran, dass die Natur die Summe aller Erkrankungen immer relativ konstant hält und, wenn die Menschheit gelernt hat, die eine Krankheit zu bekämpfen, andere Erkrankungen zunehmen. Dies wird bei den Infektionskrankheiten deutlich, in denen die Erfolge bei der Bekämpfung bekannter Erreger durch neue Erreger, deren Bekämpfung schwieriger ist, überschattet werden:
      • HIV kam auf, als es gerade schien, man hätte über Impfungen nun endlich die wichtigsten Infektionskrankheiten im Griff.
      • Die Mutation von Grippeerregern verläuft schneller als die Entwicklung von Impfstoffen (Vogelgrippe, Schweinegrippe).
      • Resistente Klinikkeime kosten alleine in Deutschland jährlich bis zu 100.000 Menschenleben.
      • Behandlungsresistente Tuberkulose breitet sich, von Osten kommend, zunehmend aus.
      Die Liste ist nicht im Entferntesten abschließend.
      Die WHO sollte aber auch einmal zugeben, dass in Entwicklungsländern, deren Durchschnittsalter ohne Tabakrauch noch nicht einmal so hoch ist, dass es die Latenzzeit der tabakassoziierten Erkrankungen übersteigt, die Menschen den Zeitpunkt des Ausbruchs solcher Krankheiten gar nicht erst erleben. Würden die Milliarden von Fördergeldern, die weltweit zur Bekämpfung des Tabaks ausgegeben werden, stattdessen für die Änderung der Lebensbedingungen in Entwicklungsländern eingesetzt und damit die vermeidbaren Risiken für jüngere Menschen verringert, dann könnte man diese Völker viel näher an die hohe Lebenserwartung der rauchenden Gesellschaften heranbringen.
      Dass die Tabakindustrie vor Jahrzehnten – wie übrigens alle Industriezweige – Studien verfälscht hat, wird auch von ihr selbst nicht bestritten, obwohl auch das differenzierter gesehen werden kann. Die Pharmaindustrie, die Gentechnik, die Ernährungswissenschaft, die Chemie, die Kernkraft- und Energiebranche, die Autoindustrie u. v. a. m. leben wirtschaftlich ja nach wie vor ganz gut mit dem Verschweigen unliebsamer Ergebnisse und der gezielten wissenschaftlichen Fehlinterpretation. Dass wir inzwischen mit den Folgen der generellen Ächtung aller Wissenschaft, die nicht auf WHO-Linie liegt, auf ganz andere Weise zu kämpfen haben, darf aber auch nicht verschwiegen werden: Die WHO-Tabakkontrolle hat diese zu Recht von Ihnen verdammten wissenschaftlichen Methoden selbst übernommen, als sie mit redlicher Wissenschaft nicht beweisen konnte, was zu beweisen ihr ein so dringendes Anliegen war: ein hohes Krankheitsrisiko durch Tabakrauch bei Nichtrauchern.
      Ganz in den Hintergrund tritt dabei leider auch der Umstand, wie die WHO mit Infektionen, Impfungen und radioaktiver Belastung umgeht. Das Schattenboxen gegen den Tabakrauch vernebelt alle relevanten – und monströsen – Risiken der Zivilisation und inzwischen auch der Entwicklungsländer, sodass diese gar nicht erst in den Brennpunkt der Prävention geraten. Das ist keine Entwicklung, die der Menschheit zum Segen gereichen könnte.

      R. Grieshaber

      • Freise E. schreibt:

        Lieber Herr Grieshaber,

        man sollte stets so objektiv sein, sowohl Fehler in der Argumentation oder im Verhalten seiner vermeintlichen „Vorbilder“ anzuprangern, aber eben auch eigene Fehler eingestehen. In Ihren Worten mögen einige wahre Kerne stecken, aber sicherlich nicht, dass man durch den Kampf gegen das Rauchen irgend welche anderen Dinge verharmlosen oder nicht beachten würde.

        Dass wir irgend wann sterben werden, ist doch nicht der Punkt! Aber denken SIe im Ernst, wir werden in 100 Jahren noch eine ähnlichen Lebensstandard bzw. ähnliche Lebenserwartung haben wie heute?
        Wurde HIV von der CIA erfunden? Ich kann es Ihnen nicht beantworten, aber die Wissenschaft wird dafür eine Lösung finden.
        Die Medizin, und die Wissenschaft insgesamt macht ständig neue Fortschritte – dabei bestreite ich gar nicht, dass in manchen Belangen womöglich Dinge zurück gehalten werden, doch am Ende werden sie immer ihren Weg finden. Viel wichtiger wird es sein, die soziale Seite der menschlichen Existenz nicht zu vernachlässigen. Das wird uns so oder so in diesem Jahrhundert vor enorme Herausforderungen stellen. Wir können an vielen Punkten angreifen.
        Ich bin auch spektisch gegenüber dem „Impfwahn“, doch genauso muss man anerkennen, dass die Pocken z.B. dadurch ausgerottet wurden und sie nur noch in den Labors einiger Militärs schlummern (was schlimm genug ist).
        Ich finde es nicht redlich, hier gegen Aktivisten anzuschreiben, die sehr wohl die Zusammenhänge im Blick haben, aber leider vorzuenthalten, was Sie selber konkret gegen die ganzen, von Ihnen als viel wichtiger erachteten Probleme getan haben oder tun.

        Hallo, Netzwerk Rauchen: ich habe nirgendwo etwas von Nikotin-Ersatzpräparaten geschrieben. Auch habe ich direkt von Nikotin geschrieben, einem relativ einfach gebauten Molekül, das man aber trotzdem am günstigsten aus dem Tabak extrahiert. Und ich habe nicht vom Hydro-Anion gesprochen. Sie wissen genau, was ich meine und wie ich es meine. Ich meine das Rauchen der gängigen Zigaretten-Marken. Mit all ihren Zusätzen und den sozialen Randbedingungen.
        Die Frage der Nutzung der E-Zigarette steht auf einem völlig anderen Blatt!
        Die E-Zigarette birgt nicht nur Risiken, sondern ich sehe in ihr durchaus auch einen Nutzen.
        Achja – und auch Nikotin im Passivrauch macht natürlich abhängig – auch dazu gibt es zu viele Tierversuche, um das abstreiten zu können. Das merkt sogar ein Nichtraucher wie ich, wenn er mal wieder gezwungenermaßen einen Abend lang in einer Raucher-Höhle verbringen muss und sich einmal nicht weigert, dies zu tun. Die Psychische Abhängigkeit ist es ja, die diese Substanz so mächtig macht.

      • beobrigitte schreibt:

        Aber denken SIe im Ernst, wir werden in 100 Jahren noch eine ähnlichen Lebensstandard bzw. ähnliche Lebenserwartung haben wie heute?

        Lebenstandard und Lebenserwartung.

        Die Baby-boomer Generation ist keinesfalls in der Lage im Alter von 60 Jahren in den Ruhestand zu gehen, egal wie viele der „armen Kiiiiinder“ von heute sich vergebens um Arbeit bemuehen, insbesondere nach einem Studium, welches diesen „armen Kiiiindern“ auch gleich Schulden beschert.

        Die Baby-boomer Generation lebt also noch – und das gesund und arbeitsfaehig.

    • netzwerkrauchen schreibt:

      Herr Freise: „Würde Nikotin heute auf den Markt kommen, wäre es niemals legal – es besitzt ein Abhängigkeitspotential, das in vielen Belangen dem des Heroins nahe steht.“
      Sie sind leider völlig falsch informiert. Es sind mir keine Fälle bekannt, in denen ein Raucher versucht hätte, seine „Abhängigkeit“ mit reinem Nikotin zu befriedigen. Nikotin ist ohne grossen Aufwand leicht zu gewinnen und unterliegt keinem Drogenverbot. Es wäre also leicht, einen „Drogenmarkt“ mit Nikotin aufzuziehen, Es ist auch bekannt, dass viele Raucher mithilfe von e-Zigaretten in der Lage sind, mit dem Rauchen aufzuhören, selbst wenn in der e-Zigarette kein Nikotin geladen ist.
      Pharmazeutisches Nikotin (Nicorette) oder Nikotinersatztherapien weist bei der Raucherentwöhnung keinen nennenswerten Unterschied zur Raucherentwöhnung mit Placebos auf. Die längerfristige „Niktoninabstinenz“ liegt bei beiden deutlich unter 10%.

    • netzwerkrauchen schreibt:

      Prof. Robert Molimard hat sich während Jahrzehnten mit den wissenschaftlichen Aspekten der Tabakologie beschäftigt. Er ist formell: Es gibt keine Nikotinabhängigkeit.
      Er hat das in einem ausführlichen Schreiben an die Haute Autorité de Santé (öffentliche Institution zur Sicherung der Qualität in der Gesundheitspflege) dargelegt:
      http://www.formindep.org/Le-mythe-de-l-addiction-a-la.html

      Müsste man sonst nicht auch annehmen, dass das Anlegen von Nikotinpflastern, das Einatmen von Nikotin im Passivrauch und das Kauen von Nikotinkaugummis süchtig macht?

  5. Pingback: Prof. Dr. Grieshaber: NRW, Kneipen ade » Freie Initiative Dampfaktiv (FRIDA)

  6. Pingback: NRW: Ja bleibt Ja, da helfen keine Ausflüchte | Grieshabers Wissenschaftsdialog

  7. Sonja Tournay schreibt:

    Dieses Gesetz ist der reinste Kneipenmord.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s