Die Spatzen pfeifen es von den Dächern

Zigarettenkippen haben einen notorisch schlechten Ruf. Welcher Hausmeister hat sich beim Fegen noch nicht über achtlos auf den Boden geworfene Kippen geärgert? Unter Federführung der WHO wird auch längst fleißig daran gearbeitet, der Menschheit weiszumachen, dass es hier nicht um eine ästhetische Frage gehe, sondern um ein Gesundheits- und Umweltproblem von bedenklichen Ausmaßen. Auch in Deutschland hat man den Boden dafür bereitet: Die WHO-Filiale am DKFZ in Heidelberg hat schon vor einigen Jahren eine Publikation dazu herausgebracht, eine Lektüre, die den Eindruck hinterlässt, dass die Umweltschützer das gewaltigste Umweltproblem von allen jahrzehntelang übersehen haben müssen. Verschmutzung der Weltmeere und des Grundwassers? Vergessen Sie dabei Dinge wie Plastikmüll, Medikamentenrückstände, Chemiebrühe, von denen Sie bislang glaubten, dass es sich dabei um Dinge handle, über die Sie sich Sorgen machen sollten. Zigarettenkippen, randvoll mit todbringenden Giften – so das DKFZ – sollen es in Wirklichkeit sein, vor deren unheilvoller Wirkung auf sich selbst, Ihre Kinder und die Natur Sie sich fürchten müssen.  

„Herumliegende Kippen sind eine Gefahr für Kleinkinder, da sie alles in den Mund stecken“, erklärte auch der Sprecher einer Berliner Nichtraucherinitiative, der kurioserweise den Namen Johannes Spatz trägt und vergeblich in Berlin ein Rauchverbot auf Spielplätzen durchsetzen wollte. Anderswo, in Mexiko nämlich, pfeifen es die Spatzen dagegen geradezu von den Dächern, dass Zigarettenkippen nicht nur gutes Baumaterial für bequeme Nester, sondern auch nützlich für die Gesundheit der Spatzenkinder sind. 

Zum Erstaunen der Wissenschaftler, die den Fall untersucht haben, haben die Vögel, die Kippen in ihre Nester einbauen, nämlich nachweisbare Vorteile: Die Kippen halten ihnen und ihrem Nachwuchs während der Brut- und Nestlingsphase wirkungsvoll Parasiten vom Leib. Vermutet wird, dass es das Nikotin ist, das sich in den Filtern gerauchter Zigaretten ansammelt, das hier als Insektenschutzmittel wirksam wird. Nikotin ist ja bekanntlich auch ein wirksames Schädlingsbekämpfungsmittel. Aber auch wenn nicht das Nikotin, sondern ein anderer Bestandteil die Wirkung erzeugen sollte: Milben jedenfalls bevorzugen eindeutig unbenutzte Zigarettenfilter gegenüber benutzten Filtern. Auch das stellten die Forscher fest.  

Milben und andere Parasiten, das sei betont, sind für brütende Singvögel und vor allem die geschlüpften Nestlinge mehr als nur ein bisschen lästig. Vor allem bei starkem Befall können sie zum Tod der Jungvögel führen. Vogeljungtiere, die in Nestern aufgezogen werden, in denen Parasiten sich nicht wohl fühlen, haben also bei ansonsten gleichen Bedingungen (Futterqualität und Menge, Temperaturen und Witterung, Gefahr durch Nesträuber) bessere Überlebenschancen als andere. Da wundert es auch nicht mehr, dass nur knapp über zehn Prozent der untersuchten Nester gar keine Kippen enthielten – Vögel kann nun einmal niemand mit Propaganda beeindrucken. Sie lernen aufgrund von Erfahrung, und ihre Erfahrungen mit den Kippen waren offenbar gut.

Den Autoren jener Studie muss das selbst ein bisschen unheimlich gewesen sein. Oder waren sie in Sorge, für solche politisch nicht korrekten Ergebnisse angegriffen zu werden? Nachdem die ganze Studie wenig Zweifel daran lässt, dass die Jungtiere von dem Einbau der Kippen in ihr Nest profitiert haben, verleihen sie im letzten Satz ihrer Studie dann doch noch ihrer Besorgnis Ausdruck, das in den Kippen enthaltene Gift könnte den armen Vögelchen in Wirklichkeit aber doch eher schaden als nützen. Diese Frage sollte aber nicht schwer zu beantworten sein. Sollte sich die Zahl der Spatzen im Untersuchungsgebiet nicht verringern, kann man davon ausgehen, dass die Kippen ihnen nicht schaden. 

Am Beispiel der Anpassung von Singvögeln an die „Zivilisation“, also das Leben in der Stadt, lässt sich aber auch in einem allgemeineren Sinn ausgezeichnet illustrieren, warum Monokausalbetrachtungen wie die des DKFZ zum Rauchen und Passivrauchen zu Fehlschlüssen über die tatsächliche Wirkung einer bestimmten Einzelursache innerhalb eines komplexen Systems führen: Störgrößen durch Zivilisationseinflüsse führen zu einer Systemantwort, die ganz anders ausfallen kann, als eine simple Ursache-Wirkung-Betrachtung die Beobachter zuvor vermuten lässt. Vögel lernen in einer veränderten Umgebung, deren Vorteile herauszufinden und zu nutzen. Von frei lebenden, aber regelmäßig mit Futter versorgten Kohlmeisen ist beispielsweise bekannt, dass sie durchaus auch mal an die Fensterscheibe klopfen, um den „Zimmerservice“ zu bestellen, wenn sie auf dem Fensterbrett nicht wie gewohnt ihr Futter vorfinden.  

Um die Entwicklung der Spatzenpopulationen hatte man sich ja zeitweise ernsthafte Sorgen gemacht, und das war der Anlass, diesen vermeintlichen Allerweltsvogel zum Vogel des Jahres 2002 zu küren. Es war auch in der Tat für jeden zu sehen und zu hören, dass immer weniger Haussperlinge in den Städten und Dörfern tschilpten. Aber in den letzten Jahren ist das Tschilpen wieder häufiger vernehmbar: ein Zeichen dafür, dass die Spatzen wohl ihre Mittel und Wege gefunden haben, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen.  

Falls sich die Besorgnis wegen der gefährlichen Kippen in den Spatzennestern aber um Leiden drehen sollte, an denen die Jungvögel erst mit langer Zeitverzögerung erkranken könnten, so kann ich Sie beruhigen: Singvögel, das sollten Sie wissen, haben nämlich kein besonders langes Leben. Vor allem ihr erstes Lebensjahr ist gefährlich: nur ein Bruchteil der ausgeflogenen Jungspatzen überlebt das erste Jahr nach dem Flüggewerden. Aber Stadtspatzen, also gerade die, die mit den Kippen in den Nestern aufgewachsen sind, haben laut Wikipedia eine deutlich höhere Lebenserwartung als ihre Verwandten, die in naturnahen, ländlichen Gebieten leben.

Der Jopie Heesters unter den Spatzen, der nach derselben Quelle das geradezu biblische Alter von 23 Jahren erreicht haben soll, lebte allerdings weder in der Stadt noch auf dem Land, sondern in Gefangenschaft in einem Käfig. Ob es sich bei dem Ort, wo er lebte, um einen Raucher- oder um einen Nichtraucherhaushalt gehandelt hat, ist allerdings nicht bekannt. 

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Eine Antwort zu Die Spatzen pfeifen es von den Dächern

  1. Sonntags-Surfer schreibt:

    Bin über einen Tip vom Rauchverbot-Bayern-Blog hier gelandet und stelle fest: es gibt sie also noch, die anspruchsvollen Blocks. Danke!

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