Abwarten und Tee trinken

Was für einen zusammenfassenden Begriff spätere Historiker für unser Zeitalter, das beginnende 21. Jahrhundert, einmal rückblickend finden werden, kann ich heute noch nicht sagen. Sicher bin ich aber, dass der Begriff weniger nostalgisch-freundlich ausfallen wird als etwa die Bezeichnung für die Wirtschaftswunder-, die Babyboom- oder die Flower-Power-Jahre. Sicher bin ich außerdem, dass man in der Wissenschaft in zwanzig bis dreißig Jahren kaum noch begreifen wird, warum die heute verbreiteten wissenschaftlichen „Wahrheiten“ zur Krankheitsprävention, deren falschen Denkansatz mal leicht hätte erkennen können, sich so hartnäckig hielten und warum sie dazu führten, dass in unseren heutigen Jahren eine moralinsaure Genussfeindlichkeit gepredigt wurde, die den ganzen Alltag durchzog.  

Vor allem die sogenannte „Unterschicht“ – ein Begriff, der in den letzten Jahren bezeichnenderweise, nachdem er zuvor schon lange außer Gebrauch gewesen war, wieder in Mode gekommen ist –, ist es, deren Verhalten auch aus diesem Präventionsblickwinkel vor allem getadelt wird und gemaßregelt werden soll. Die „Unterschichtler“ sollen, finden die Experten, gefälligst aufhören zu rauchen, Alkohol zu trinken, Fleisch zu essen, sich mehr bewegen. Da andere Experten, nämlich die aus der Sparte Volks- und Betriebswirtschaftslehre, von denselben Leuten gleichzeitig verlangen, sie sollten sich im Arbeitsleben hingegen äußerst ungesund verhalten – nämlich ihre Arbeitskraft bei gesundheitsschädlichen Rahmenbedingungen (wie niedrigen Löhnen samt den damit verbundenen Folgen wie schlechte Wohnverhältnisse u. ä., Schichtarbeit, unsicheren Arbeitsverhältnissen wie Zeitarbeit) zur Verfügung stellen –, ist es nur allzu verständlich, wenn die Angesprochenen mehrheitlich den Eindruck bekommen, man wolle ihnen alles verbieten, was ihnen Spaß macht, und ihnen nur noch erlauben, sich kaputtzuarbeiten. 

Es steckt auch in den vordergründig wohltätigen Bestrebungen der Public-Health-Branche eine Gewinnmaximierungslogik, die sehr modern wirkt. Dieses Phänomen ist aber keineswegs neu. Von Jakob Fugger bis Bill Gates haben selbsternannte reiche Wohltäter ihre Wohltaten für die Armen schon immer mit Vorschriften verknüpft, wie die Objekte ihrer Güte ihr Leben zu führen hätten, die in der Regel vor allem der Disziplinierung dienten. Meistens war das sicherlich sogar aufrichtig gut gemeint, nur eben auf Basis eines Weltbilds, das die Frage ignorierte, was eigentlich den von den Maßregelungen Betroffenen das Leben lebenswert machte und ob das Leben, zu dem sie gedrängt werden sollten, in ihren eigenen Augen deshalb an Qualität verlieren würde. So ist die Geschichte der guten Taten von sozialen Reformern auch eine Geschichte vieler gutgemeinter Fehlschläge geworden. Was aber geschieht, wenn es den Gutmeinenden gelingt, den Staat dazu zu verleiten, solche Vorstellungen aufzugreifen, konnte man im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts am Beispiel der Alkoholprohibition in den Vereinigten Staaten beobachten – ein wohltätiges Experiment per Gesetzgebung, das mit Pauken und Trompeten gescheitert ist und eine Spur der Verwüstung hinterlassen hat, die bis heute ihre Nachwirkungen hat. 

Dass Tee auch schon einmal auf der Abschussliste der „Wohltäter“ stand – zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts in Irland –, überrascht auf den ersten Blick, ist Tee doch heute eines der wenigen Getränke, die als „gesund“ gelten. Im Irland des frühen neunzehnten Jahrhunderts sah man das freilich ganz anders. Sogar die wirtschaftliche Misere des bitterarmen Landes wurde teetrinkenden Bäuerinnen angelastet: Frauen, die Tee tranken, so der Vorwurf von Sozialreformern jener Zeit, vergeudeten Zeit und Geld, anstatt beides ihren Ehemännern zu widmen, wie es eigentlich ihre Pflicht sei und wodurch sie den Wohlstand des Landes gefährdeten. Spiegel Online  griff englische Medienberichte auf, die wiederum auf eine neue Arbeit einer englischen Historikerin zurückgriffen (kostenpflichtiger Download möglich), und berichtet darüber mit sichtlichem Amüsement: 

Süchtig sollte Tee machen, tüchtige Bauernfrauen in lethargische Stimmung versetzen und verbotene Sehnsüchte wecken. Schnell stand fest: Das teinhaltige Heißgetränk muss aus den Bauernhaushalten verschwinden. 

und 

Abigail Roberts schrieb 1826 in „The Cottage Fireside“: „Du weißt, dass das Kindermädchen es zweimal am Tag zu sich nimmt, wenn es kann; und du musst die Zeit rechnen, die sie damit verbringt. Die Zeit ist die Währung einer armen Frau. Wie viel dabei verlorengeht – wie viel verlorengeht, wenn man es einkaufen geht: Und jetzt wirst du sehen, ob jemand wie Nanny Ward nicht in der Lage ist, ihre Familie in den Ruin zu treiben.“ 

Unmoralisch galt das Teetrinken aber noch aus einem anderen Grund: 

Auch andere Importgüter wie Zucker, der stets in den Tee gerührt wurde, waren den Reformern ein Dorn im Auge, weil sie mit Sklaverei und umstrittenen Plantagen auf den Westindischen Inseln zusammenhingen. 

Genüsslich wird auch aus einer Druckschrift jener Zeit eine von heiliger Gewissheit durchdrungene Äußerung zitiert, die von einer rechtschaffenen irischen Bäuerin stammen sollte: 

„Wir hatten nie Tee hier und würden nicht riskieren, dass unser kleines Mädchen etwas mitbekommt von einer Sache wie dieser. Das Verlangen nach einem Tropfen Tee nimmt vielen Armen ihr ganzes Leben. Ich würde nie Dinge bei mir haben, die uns in Versuchung bringen.“ 

Wird hier eine lächerliche Hysterie beschrieben, über die man sich zu Recht lustig machen kann? Ganz sicher. Aber es ist keine Hysterie, die heute nicht mehr vorkommt, wie das der Artikel suggeriert. Eigentlich müsste den Spiegel-Redakteuren das Lachen darüber sogar im Hals steckenbleiben. Ersetzen Sie nämlich die Sozialreformer aus der Mittel- und Oberschicht durch die heutigen Gesundheitsexperten und -politiker und die teetrinkenden irischen Bäuerinnen durch Raucher – und Sie werden nicht erleben, dass ausgerechnet der Spiegel genau dieselben Aussagen, die er in seinem Artikel mit Spott überzieht, nicht mit aller Selbstverständlichkeit fleißig mitverbreiten würde: 

  • Raucher seien Süchtige
  • Raucher seien haltlose Verschwender
  • Raucher seien unproduktiv und schädigten durch ständige Pausen ihre nichtrauchenden Kollegen
  • Raucher seien ein volkswirtschaftlicher Schaden
  • Kinder sollten keine Raucher sehen, um vor der Versuchung bewahrt zu werden, selbst zu rauchen
  • Raucher seien schuld an Kinderarbeit, Ausbeutung und Umweltzerstörung durch Tabakanbau

 Und so weiter. Die Arbeit der Historikerin Helen O’Connell ist alleine schon deshalb eine Offenbarung, weil sie an einem Beispiel, das jeder als völlig absurd erkennen kann, ausgezeichnet illustriert, dass das, was sich im Moment abspielt, in Wirklichkeit ja gar nicht neu ist. Die heutige Abigail Roberts heißt Martina Pötschke-Langer, und was aus ihrer Feder kommt, liest sich nicht so viel anders.  

Glauben Sie außerdem bloß nicht, dass es den eifrigen Menschheitswohltätern damals gelungen wäre, das „Teetrinken einzudämmen“, wie es das Ziel ihrer Bemühungen gewesen ist. Der Teekonsum, so die Autorin, stieg während des Zeitraums, in dem er bekämpft wurde, im Gegenteil ständig an. Eine ähnliche Tendenz ist auch beim Rauchen festzustellen: Die Menge verkaufter Tabakwaren schwankt stark, wenn man die Entwicklung quartalsweise betrachtet, was auch an Hamsterkäufen vor den regelmäßigen Preiserhöhungen liegt. Aber im zuletzt beobachteten Gesamtjahr 2011 lag der Gesamtverbrauch (einschließlich Drehtabak) etwa genauso hoch bis geringfügig höher als im Jahr 2006.

Ein Indiz könnte vielleicht aber auch sein, was wir bei der BGN in unseren Untersuchungen im Zeitraum 2007 bis 2011 herausgefunden haben, in denen ungefähr 1000 Raucherlokale untersucht wurden. Dabei fiel vor allem bei Kellnerinnen der Altersgruppe unter 30 ein Raucherinnenanteil von um die 70 Prozent auf, weil er höher lag als in der Zeit vor dem Rauchverbot. Das könnte natürlich aber ebenso bedeuten, dass Raucher sich bewusst als Arbeitsplätze Lokale aussuchen, in denen geraucht werden darf, während Nichtraucher eher aus dem sehr viel größeren Angebot an Nichtraucherlokalen auswählen.  

Ob der Historiker, der einmal einen Namen für unsere Zeit suchen wird, sich also tatsächlich in der von der WHO angestrebten „rauchfreien Welt“ befinden wird? Oder wird es zu seiner Zeit vielleicht längst wieder üblich sein, einen Aschenbecher auf dem Schreibtisch stehen zu haben? Abwarten – und Tee trinken.

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4 Antworten zu Abwarten und Tee trinken

  1. Ben Palmer schreibt:

    „Oder wird es zu seiner Zeit vielleicht längst wieder üblich sein, einen Aschenbecher auf dem Schreibtisch stehen zu haben? “ Dieser Satz weckt in mir Jugenderinnerungen. Zwischen unserer Familie und unseren Nachbarn bestand ein inniges Freundschaftsverhältnis. Unsere und ihre Wohnungstüren waren tagsüber nie abgeschlossen und so gingen wir denn gegenseitig ein und aus. Mein Vater war der einzige Raucher in dieser kleinen Gesellschaft, weder meine Mutter noch die Nachbarn hatten je geraucht. Aber wenn mein Vater bei den Nachbarn einen Besuch abstattete oder wenn wir gemeinsam mit den Nachbarn das Essen einnahmen, war immer gleich ein Aschenbecher auf dem Tisch, ungefragt. Die Zeiten ändern sich ….
    Trotz Passivrauch haben beide Nachbarn mittlerweile das 9. Altersjahrzehnt überschritten.

  2. beobrigitte schreibt:

    Ob der Historiker, der einmal einen Namen für unsere Zeit suchen wird, sich also tatsächlich in der von der WHO angestrebten „rauchfreien Welt“ befinden wird?

    Sollte man es wagen, darueber nachzudenken, welchen Namen man fuer diese wieder angestrebte „rauchfreie Welt“ wohl geben wird?

    Oder wird es zu seiner Zeit vielleicht längst wieder üblich sein, einen Aschenbecher auf dem Schreibtisch stehen zu haben?
    Man findet auch heutzutage Aschenbecher auf Schreibtischen. Zu Hause, im EIGENEN Heim, natuerlich. Dort haben auch eine wachsende Anzahl von nichtrauchenden Eigentuemern Zimmer, in denen sie Aschenbecher fuer rauchende Gaeste zur Verfuegung stellen mit der Begruendung, dass man, als Gastgeber, seine Gaeste nie vor die Tuer stellt.

    Die „Unterschichtler“ sollen, finden die Experten, gefälligst aufhören zu rauchen, Alkohol zu trinken, Fleisch zu essen, sich mehr bewegen.

    War nicht kuerzlich die Rede davon, diesen „Unterschichtlern“ ihre ohnehin kargen Unterstuetzung weiterhin zu kuerzen, sollten diese sich nicht an einem „Bewegungsprogramm“ beteiligen?

    Da andere Experten, nämlich die aus der Sparte Volks- und Betriebswirtschaftslehre, von denselben Leuten gleichzeitig verlangen, sie sollten sich im Arbeitsleben hingegen äußerst ungesund verhalten – nämlich ihre Arbeitskraft bei gesundheitsschädlichen Rahmenbedingungen (wie niedrigen Löhnen samt den damit verbundenen Folgen wie schlechte Wohnverhältnisse u. ä., Schichtarbeit, unsicheren Arbeitsverhältnissen wie Zeitarbeit) zur Verfügung stellen

    Wer sich nicht fuegt, wird Sozialhilfeempfaenger und darf dann sich eines „Bewegungsprogrammes“ erfreuen, um seinen/ihren Status als Sozialhilfeempfaenger (verursacht durch Arbeitsstress) auf der erfassten Liste der „Unterschichtler“ bekannt zu machen.
    Oft genug reicht es aus, RAUCHER zu sein, um als „Unterschichtler“ beschimpft zu werden. Vielleicht sollte man beginnen, sich Gedanken zu machen.

    Als Raucher kann ich nur bestaetigen, was sie, Herr Prof. Griesshaber, sehr offen schreiben.

  3. Rene schreibt:

    Hallo,

    einen schöne Seite und interessanten Beitrag haben Sie hier. Ich sammel interessante Seiten und Themen, bei denen man „Abwarten und Tee trinken“ kann 😉

    Ich habe daher Ihre Seite mit unsere Blog-Kategorie „Wer so abwartet und Tee trinkt im Netz :-)“ mit aufgenommen.

    Viele Grüße

    René

    http://www.rooibos24.de

  4. Roswitha schreibt:

    Eine chinesische Weisheit besagt, dass man den Tee trinkt damit man den Lärm der Welt vergisst.

    VG
    Rosi von Japan Tee

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