Das kriegen wir schon gebacken

Prävention in der Praxis. Das Beispiel Bäckerasthma 

Eine Fundamentalkritik der Epidemiologie, Teil 3.1

Der Mensch, als Diener und Erklärer der Natur, wirkt und weiss nur so viel, als er von der Ordnung der Natur durch die Sache oder seinen Geist beobachtet hat; mehr weiss und vermag er nicht. (Francis Bacon, Neues Organon)

Aus einem Fachartikel zur Problematik der Bäckerasthma-Erkrankung:  

Noch vor gut 20 Jahren galt Bäckerasthma als unabänderliches Schicksal: Wer daran erkrankte, war zur Berufsaufgabe gezwungen. Die Zahl der krankheitsbedingten Berufsaussteiger war hoch, die Ausgaben der BGN für ihre berufliche Neuorientierung enorm. Und dann machte das BGN-Bäckerasthma-Forschungsprojekt möglich, was bislang nicht möglich war: Backbetriebe können mit einfachen, praktikablen Maßnahmen das Risiko der Entstehung von Bäckerasthma entscheidend vermindern und damit Erkrankungsfälle verhindern. Und: Ein Bäcker, der Symptome von Bäckerasthma aufweist oder der bereits daran erkrankt ist, kann heute oftmals in seinem Beruf bleiben, wenn er das möchte.

Die hier erwähnte entscheidende Verminderung bestand in einem Rückgang der Erkrankungsfälle um fast zwei Drittel innerhalb von zwanzig Jahren. Auch das Spektrum der Erkrankungen veränderte sich. War 1990 der typische neu gemeldete Verdachtsfall ein Fall von schwerem Bronchialasthma, taucht heute höhergradig ausgebildetes „Asthma“ kaum noch auf. Die typische Diagnose bei heutigen Verdachtsfällen ist Rhinitis, die bei geeigneten Präventionsmaßnahmen eine Berufsaufgabe in der Regel nicht erforderlich macht.  

1992 erhielt die BGN 2045 Verdachtsmeldungen, 2002 waren es 1180 Meldungen und 2011 noch 763. […] Nur weniger als 5 % müssen trotz Teilnahme am [Präventions-]Programm krankheitsbedingt ihre Bäckertätigkeit aufgeben. Alle anderen können im Beruf bleiben.

Eine völlig neuartige Herangehensweise an ein altbekanntes Übel war die Grundlage dieser erfolgreichen Präventionsarbeit.  

Über mehrere Jahre hatte die BGN in den frühen 1990er Jahren die Ursachen und Verläufe des Bäckerasthmas erforscht. Ihre Untersuchungen fanden vor Ort in den Betrieben und nicht ausschließlich im Labor statt. Und sie basierten auf ganz neuen Sichtweisen. 

Diese neuen Sichtweisen waren die Herangehensweise nach dem systemorientierten Weltbild. Es wurden also keine monokausalen oder multifaktoriellen Ursache-Wirkung-Bezüge gesucht, sondern es wurde von Ursachenbündeln ausgegangen, die sich ganz unterschiedlich zusammensetzen konnten.

 

Abb Wiss. Weltbild

Die systemorientierte Herangehensweise im Fall des Bäckerasthmas bestand in einer „Risikozustandsanalyse“, die anschließend dem Präventionsprogramm zugrunde gelegt werden konnte. Das komplexe System wurde in der Analyse angeboten als:

       stofflicher Komplex Getreidemehl

o   Allergene mit vielen tausend Einflussvariablen

o   verschiedene Mehlstrukturen

o   Insektizide, Milben, Enzyme, Pilze usw.

o   unterschiedliche Partikel-Aerosol-Verhältnisse

o   Dosis-Spitzenwerte

       Komplexe Arbeitsumgebung

o   irritative Begleitaerosole (Backen, Braten, Laugen usw.)

o   offene Flammen, Hitze, Klima, relative Feuchte,

o   asbestisolierte Öfen

o   handwerkliche Arbeitsgänge

       Komplexes Individuum

o   Atopie, Rhinitis, Asthma bronchiale, Konjunktivitis, Sensibilisierung

o   Komorbiditäten

Darüber hinaus waren beim Messen und bei der Erfassung von Wechselwirkungen  neben der analytischen Erfassung noch andere Eigenschaften gefragt:

o   Assoziationsvermögen

o   Beobachtungsfähigkeit

o   Intuition

o   Erfahrung

Qualitatives Werten stand gleichrangig neben quantifizierendem Messen, und nichtstoffliche Elemente wie z. B. soziale und psychologische Wirkfaktoren spielten eine genauso große Rolle wie die „harten“ Faktoren des Stoffs, der Arbeitsumgebung und des Individuums. Nachtarbeit erwies sich zum Beispiel als ein nicht unbedeutender Einflussfaktor. 

Die eingesetzten Maßnahmen waren ebenso komplex wie die Ausgangssituation. Sie setzten am Stoff, an den Rahmenbedingungen, der nichtstofflichen Situation und am Individuum an. Nach Intervention wurde der Einfluss dieses Vorgehens auf die Erkrankungsrate geprüft. Eine ganze Reihe von Basismaßnahmen wurde in der Praxis entwickelt und erprobt. Daneben wurden andere Maßnahmen individuell abgestimmt. 

Das Entscheidende dabei: Die damals uneingeschränkt herrschende Lehrmeinung, Bäckerasthma werde allein durch ein Korn Mehlstaub ausgelöst, wurde in Frage gestellt. Auf Mehl gibt es bis heute keine Möglichkeit der Desensibilisierung. Nach der alten Herangehensweise war eine Berufsaufgabe für die Erkrankten also unausweichlich. Es hat sich – für die Betroffenen wie für die Unternehmen – gelohnt, viel Zeit und Aufwand in diese Präventionsarbeit zu stecken.

Unsere Analyse im Fall der Gastronomie erfolgte nach genau demselben, bereits erfolgreich angewandten Muster. Es ist vielleicht immer noch nicht allen klar, deshalb sei noch einmal darauf hingewiesen: Die Arbeitsunfähigkeits- bzw. Morbiditätsdatenauswertung mit Blick auf tabakrauchassoziierte Erkrankungen bei Kellnern war eigentlich – neben der erwähnten Berufskrankheitenproblematik – dafür gedacht, einen Ansatz für geeignete Präventionsmaßnahmen zu finden, um auch unter den Kellnern die Erkrankungszahlen zu verringern, wie es uns bei den Bäckern gelungen war. Dann kam aber das überraschende Ergebnis, dass die Erkrankungszahlen bereits unterdurchschnittlich ausfielen.

Im nächsten Beitrag wird es um diese Erkrankungszahlen gehen. 

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