Zwischenfazit

Ein notwendiger Einschub vor dem letzten Teil der „Fundamentalkritik“.

Von acht Teilen meiner Fundamentalkritik der Epidemiologie sind nun sieben erschienen, und es war ganz aufschlussreich, das Echo darauf zu beobachten, wie es sich vor allem im Blog von Dr. Joseph Kuhn niederschlug. Die Teile 1 bis 2 wurden von ihm unter lebhafter Beteiligung seiner Anhängerschaft noch mit großem Interesse kommentiert. Ab Teil 3, als es fachlich endlich in die Tiefe ging, fing der Blogautor aber plötzlich an, sehr einsilbig zu werden – obwohl er sich bis dahin jederzeit dankbar auf jede kleinste Chance gestürzt hatte, mir wirklich oder vermeintlich einen Fehler nachzuweisen. Seine Gefolgschaft hätte sichtlich gerne weiterdiskutiert, Kuhn selbst gab sich aber ebenso sichtliche Mühe, sie auszubremsen. Angeblich war ihm die Beschäftigung mit mir auf einmal zu langweilig geworden.

Nach der Publikation von Kapitel 4.1 „Der eingesprungene Aushilfskellner“ scheint sein Interesse plötzlich wieder aufgeflammt zu sein. In diesem Kapitel hatte ich die von Dr. Kuhn in einem früheren Blogbeitrag aufgeworfene Frage beantwortet, ob es womöglich einen sogenannten „Healthy-Worker-Effect“ geben könne, der dazu führe, dass Kellner von mir irrtümlich für weniger lungenkrebsanfällig gehalten würden, ohne dies in Wirklichkeit aber zu sein. Im Kommentarbereich seines Blogartikels, in dem er sich mit meiner „Fundamentalkritik“ befasst kann man – jedenfalls derzeit noch – folgende Einlassung von ihm nachlesen:

Kommentar editiert 9.6.2013, 1:55 Uhr: Eigentlich wollte ich doch noch einmal etwas ausführlicher auf Grieshaber eingehen, weil er in seinem aktuellen Blogbeitrag zum Healthy Worker Effekt einen bedenkenswerten und diskussionswürdigen Punkt anspricht (die fehlende Frühsymptomatik beim Lungenkrebs). Ich habe den ursprünglich dazu formulierten Kommentar wieder gelöscht, weil die Sache bei näherer Betrachtung ziemlich komplex wird und letztlich für die Aussagekraft seiner Kellner-Epidemiologie auch nicht entscheidend ist. Gleiches gilt für die Frage, warum er zur Berufsausstiegsdynamik nun Daten des Statistischen Bundesamtes präsentiert, obwohl er die Altersverteilung der von ihm ausgewerteten Kellner mit der Altersverteilung z.B. aller Pflichtversicherten vergleichen müsste und diese Kurven nicht so schön parallel verlaufen wie die von ihm jetzt präsentierten. Aber wie gesagt, ich habe genug Zeit mit seinen Sachen verbracht.

Betrachtet man die Uhrzeit, zu der er sich aus dem Bett gequält haben muss, um die ihm woher auch immer zugeflogene Eingebung, seinen ursprünglichen Kommentar zu löschen, möglichst gleich umzusetzen, hat man den Eindruck, die Sache muss ihm regelrecht den Schlaf geraubt haben.

Dass er abschließend ein weiteres Mal verkündete, er habe genug Zeit damit verbracht, sich mit meiner Wenigkeit zu befassen, bedeutet indes nur, dass er den Vorsatz gefasst hat, sich mit wissenschaftlichen Aussagen zu den Risiken des Rauchens und Passivrauchens nicht mehr zu befassen. Das Thema Rauchen als solches lässt ihn aber auf einer ganz anderen und keineswegs wissenschaftlichen Ebene augenscheinlich weiterhin nicht los. Schon einen Tag später nämlich geht er in einem neuen Blogbeitrag stattdessen eben auf einen Philosophen los, der sich erdreistet hatte, ein Buch mit herauszugeben in dem das Rauchen, Gott behüte, gelobt wurde.  

Ich werde Dr. Kuhn ganz bestimmt nicht vorschreiben, womit er sich in seinen Blogbeiträgen zu befassen hat, aber es fällt doch auf, dass das Thema Gesundheit – welches ja das übergeordnete Thema seines Blogs darstellt – hier nicht einmal mehr am Rande gestreift wird. Kuhns Beitrag über das Buch „Hätten Sie mal Feuer?“, herausgegeben von Robert Pfaller enthält keine Spur wissenschaftlicher Information zu irgendeinem Thema, sondern hat augenscheinlich nur das Ziel, sich an etwas abzuarbeiten, das man als „persönliche Feindbilder“ deuten könnte – dem Rauchen, den Rauchern und allen, die beides nicht uneingeschränkt negativ beurteilen und darstellen. Kuhn hat dieser Obsession sogar so weit nachgegeben, dass er einen Beschwerdebrief an eine österreichische Behörde schrieb und abschickte, von der besagte Buchpublikation anscheinend bezuschusst wurde. Der Antwortbrief, der er erhielt, wurde von ihm in einem Kommentar (Nr. 16, 11.6.2013) publiziert und sich ausgiebig darüber ereifert, dass die Behörde an ihrem Tun nichts Falsches sah.

Und das alles bei einem Thema, aus dem seinen Bekundungen nach zu den Gesundheitsaspekten gar nichts mehr zu diskutieren sei! Bestätigt er damit letztlich nicht gerade das, was der von ihm kritisierte Autor, Robert Pfaller, und andere Kritiker behaupten? Dass es nämlich den Kämpfern gegen das Rauchen in Wirklichkeit gar nicht um Gesundheit gehe? Dass da völlig andere Dinge dahinterstecken?

Ein früherer Kommentar Kuhns zum selben Blogartikel (Nr. 6, 10.6.2013) ist sogar noch aufschlussreicher. Darin kommt er nämlich auf die “Endgame-Diskussion” zu sprechen, die von Teilen der Tabakkontrolle in anderen Ländern geführt wird. Dabei geht es um Strategien, den Tabakhandel weitgehend zu unterbinden (z.B. durch weitere Steuererhöhungen, Werbeverbote, Rauchverbote in öffentlichen Räumen etc.) […], was aber in Deutschland und Österreich politisch bisher nicht auf der Agenda stehe. (Hervorhebung durch mich.) Bücher wie die von Hofstadler und Pfaller, mutmaßt Kuhn, zielen vermutlich “präventiv” darauf ab, eine ernste “Endgame-Diskussion” gar nicht erst aufkommen zu lassen, also der Entnormalisierung der Rauchens frühzeitig etwas entgegenzusetzen.

Anzumerken ist hier zweierlei: Erstens, auf diese Endgame-Diskussion, deren Urheber und ihre Ziele habe ich bereits in meinem Buch sowie auf die führende Rolle der WHO bei dem Ziel, den Tabakkonsum vollständig von der Erde zu tilgen, in mehreren Blogbeiträgen (Beispiel 1, Beispiel 2) hingewiesen und dies jeweils auch mit kaum anzweifelbaren Belegen versehen. Bislang wurde aber gerade von Dr. Kuhn gerne suggeriert, das alles sei doch nur eine alberne Verschwörungstheorie von mir, ohne im Detail darauf einzugehen – erfreulich also, dass er endlich einmal die prohibitionistische Katze aus dem mit „Nichtraucherschutz“ beschrifteten Sack lässt. Zweitens ist das Ende des Tabakhandels natürlich auch das Ende des (legalen) Tabakkonsums als Genussmittel. Dieses Ziel, egal ob man es für erreichbar oder nicht erreichbar, für wünschenswert oder nicht wünschenswert hält, kann mit erheblicher Berechtigung totalitär genannt werden. Drittens, dass international schon jetzt solche Ziele verfolgt werden und auch in Deutschland und Österreich künftig dies zu erwarten sei (siehe von mir hervorgehobene Wortwahl von Dr. Kuhn!), bestätigt Sätze wie

„Längst geht es nicht mehr um Nichtraucherschutz, sondern um ein Totalverbot des Rauchens, um den Endsieg“,

in vollem Umfang. Genau über solche Vorwürfe hat sich Kuhn bei zahlreichen Gelegenheiten und ebenso in jenem Blogartikel lustig gemacht und dabei den Eindruck zu vermitteln versucht, solche Vorwürfe hätten keine inhaltliche Substanz. Das „Endgame“ steht dem „Endsieg“ sprachlich wie inhaltlich nahe (ein „Endkampf“ oder „Endspiel“, an dessen Ende nicht ein „Endsieg“ erhofft würde, entbehrt jeder Logik), also entspricht der zitierte und angeblich kritisierenswerte Satz inhaltlich fast exakt dem, was Kuhn über die globalen gesundheitspolitischen Zukunftsvisionen zum Thema Tabak schreibt.

Aber nun doch noch einmal kurz zurück zu den Kellnern. Auch wenn ich nie erfahren werde, wie der ursprüngliche Text lautete, mit dem Kuhn als Antwort auf die Healthy-Worker-Frage zu brillieren hoffte, seine nächtliche Neufassung jener Einlassung, Zitat siehe weiter oben, verdient ebenfalls eine kritische Würdigung. Wieso Kuhn nun auf einmal behauptet, die fehlende Frühsymptomatik beim Lungenkrebs sei nicht entscheidend für die Kellner-Epidemiologie, obwohl mir zuvor doch expressis verbis von ihm vorgeworfen worden war, ich hätte möglicherweise einen massiven healthy-worker-effect ignoriert, bleibt mir nämlich dunkel. Mit wissenschaftlicher Logik ist dies nämlich genauso wenig zu erklären wie seine zuvor mit gewichtiger Miene vorgetragene Auffassung, jener Effekt sei im Falle von Lungenkrebs bei Kellnern auch nur denkbar und habe dann eine verfälschende Wirkung.

Kuhns Behauptung, er habe Kenntnis von statistischen Daten, in der die Altersverteilung der Krankenversicherten im Gastgewerbe im Vergleich zu allen Pflichtversicherten nicht den in meiner Grafik dargestellten parallelen, sondern einen anderen Verlauf nähme, nehme ich gerne zum Anlass, ihn zur Veröffentlichung dieser Daten in seinem Blog aufzufordern. Ich lasse mich gerne davon überzeugen, dass diese Daten tatsächlich existieren, wenn ich sie einmal zu sehen bekomme. Nur auf sein ehrliches Gesicht hin glaube ich sie ihm nicht.

Neue statistische Daten auch zur Gesundheit im Gastgewerbe bietet derweil der Gesundheitsreport 2013 der Techniker-Krankenkasse. Dieser kürzlich veröffentlichte Bericht enthält verschiedene Auswertungen zu der gesundheitlichen Lage der knapp 3,8 Millionen Versicherten bei der TK – davon übrigens immerhin ein gutes Viertel aus Nordrhein-Westfalen –, aufgeschlüsselt nach Berufsgruppen. Darunter auch ca. 57.000 Beschäftigte in Hotel- und Gaststättenberufen (1,5 % aller Versicherten). Da sich ja in NRW die Landesregierung jüngst erst zum Schützer der Gesundheit der Kellner aufgeschwungen hat, also ein hochinteressanter Datenbestand! Auch wenn sie nicht besonders tief ins Detail gehen, die publizierten Auswertungen deuten wahrhaftig nicht darauf hin, dass die Berufe im Gastronomieservice, so die Bezeichnung im Report (S. 27) dieses Schutzes in Wirklichkeit bedurft hätten.

Kellner zählen zu den fünfzig häufigsten Berufen der TK-Versicherten, sind also in einem Umfang vertreten, den man schon als repräsentativ gelten lassen sollte. Auf 13,7 Krankheitstage im Jahr bringen es die Kellner durchschnittlich, das entspricht aufs Haar dem Durchschnittswert für alle Versicherten. Betrachtet man Männer und Frauen getrennt, stellt man fest: Kellnerinnen sind geringfügig häufiger krank als die durchschnittliche weibliche Beschäftigte (15,5 Tage vs. 15,1), männliche Kellner liegen dafür deutlich unter dem männlichen Durchschnitt (10,1 Tage vs. 12,5). Beide Geschlechter sind außerdem, um diesen Vergleich noch einmal zu ziehen, seltener krank als die beruflich nicht passivrauchbelasteten Köchinnen und Köche (Männer/Frauen 12,6/22,4 Tage), und ebenso, um auch noch einige andere Berufe herauszugreifen, die Beschäftigten in der Gesundheits- und Krankenpflege (15,7/20,4 Tage), in der öffentlichen Verwaltung (13,2/17,6), in der Kinderbetreuung und Erziehung (14,2/18,5) oder im Verkauf (11,9/18,5). Bislang fühlt sich aber offenbar niemand dazu berufen, die Gesundheit jener Berufsgruppen zu schützen.

Wollte man auf Basis der persönlichen Gesundheitsperspektive anhand der Datenauswertung der Techniker-Krankenkasse bestimmte Berufstätigkeiten empfehlen oder von ihnen abraten, dann gibt es zwar gute Gründe, vom Dialogmarketing (einem der krankmachendsten Berufe überhaupt) oder der Kranken- und Altenpflege sowie dem Wachdienst oder einer Reinigungstätigkeit abzuraten. Aber den Job in der Kneipe kann man aus diesem Blickwinkel durchaus empfehlen. Auch so gesehen ist es ein Jammer, dass sich nach knapp zwei Monaten Rauchverbot in NRW bereits abzeichnet, dass das Angebot solcher Jobs auf dem Arbeitsmarkt voraussichtlich deutlich schrumpfen wird. Die Aussichten für die entlassenen Mitarbeiter sind auch aus Gesundheitsaspekten trübe. Die wenigsten von ihnen werden wohl in die Softwareentwicklung (Arbeitsunfähigkeitstage: 5,7/8,4), in Geschäftsführer- und Vorstandsposten (6,9/9,6) oder gar in die besonders „gesunde“ Hochschullehre und -forschung (3,2/5,0) wechseln können. Putzjobs (18,5/23,9) oder solche als Altenpflegehelfer (19,9/27,0) sind da schon sehr viel wahrscheinlicher.

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