Malen nach Zahlen / Denialisten wie Sie und ich … und Dr. Kuhn

An dieser Stelle sollte nun eigentlich der letzte Teil der „Fundamentalkritik“ stehen. Aus aktuellem Anlass gibt es dazu erst einmal noch eine längere Vorrede, in deren Anschluss dann aber auch noch dieses Kapitel folgt. Man staunt ja immer, wie lebendig Dr. Kuhn auf einmal wird, wenn er glaubt, mir einen Fehler nachweisen zu können. Gerade eben hatte er sich noch solche Mühe gegeben, möglichst keine Diskussionen mehr um meinen Blog aufkommen zu lassen, und auf einmal entwickelt er wieder so viel Temperament!

Allerdings hätte er auch selbst merken können, dass es nicht gerade ein besonders seriöser Vergleich ist, die Kellnerdaten aus meiner regional begrenzten Studie (größtenteils aus den Regionen Sachsen und Nordrhein) mit denen der Pflichtversicherten in ganz Deutschland zu vergleichen. Ebensowenig ist es die feine englische Art, eine Widerlegung einer in Fünf-Jahres-Schritten wiedergegebenen Grafik mit einer Grafik in Zehn-Jahres-Schritten vorzutäuschen, denn selbstverständlich fallen in einer solchen Grafik die Ausschläge sehr viel größer aus und erwecken den Eindruck erheblicher Unterschiede. Die Daten zu den Pflichtversicherten (rote Linie in der nachstehenden Grafik)

Grieshaber_Alter2

sehen zum Beispiel in Fünf-Jahres-Schritten ganz anders aus:

gkv Pflichtversicherte

Was an jener Grafik eine Widerlegung meiner Angaben sein soll, ist mir aber unabhängig davon schleierhaft. Der starke Ausschlag bei den 20- bis 29-Jährigen führt selbstverständlich zu einem noch niedrigeren Kurvenverlauf bei allen anderen Altersgruppen; dies ist aber vor allem der viel gröberen Darstellung geschuldet.

Anstelle der Kellnerdaten hatte ich, wie Kuhn richtig bemerkt, eine Grafik für die Gesamtgastronomie in meinen Blogartikel eingefügt, aus der die Häufung jüngerer Mitarbeiter – um die es ja eigentlich ging – ebenfalls leicht abzulesen ist. Diese im Text erwähnte Häufung sollte durch die Grafik illustriert werden und dazu wollte ich die Erwerbsbevölkerung als Vergleichsgruppe verwenden können. Auf meine alten Tage werde ich mir die Unsitte nämlich nicht mehr angewöhnen, Daten aus unterschiedlichen Quellen, erhoben nach verschiedenen Erhebungsprinzipien, einfach durcheinanderzumengen. BGN-Hochrechnungen nach geleisteten Arbeitsstunden ergeben beispielsweise eine um etwa 1 Million Beschäftigte höhere Zahl von angestellten Mitarbeitern in der Gastronomie, als das Statistische Bundesamt sie im Mikrozensus 2005 ausgewiesen hat. Unabhängig von den Gründen für diese Abweichungen wäre ein Vergleich der jeweiligen Ergebnisauswertungen ihretwegen nun einmal kaum sinnvoll.

Dass die Gastronomiedaten in jener Grafik aus derselben Quelle stammten wie die der Erwerbsbevölkerung, nämlich eine Teilmenge aus derselben Datenquelle sind, kann, wer lesen kann, der Bildunterschrift mühelos entnehmen. Richtig ist allerdings, dass ich es versäumt habe, auch im Text darauf hinzuweisen, dass diese Grafik nicht die Kellnerdaten darstellt. Es war mir einfach eine zu große Selbstverständlichkeit, dass die Altersverteilung der Kellner, beide Geschlechter zusammengenommen, kaum von derjenigen in der Gesamtgastronomie abweicht. Dies ist eine langjährige, immer wieder aufs Neue bestätigte Erfahrung aus zahlreichen BGN-Projekten, aber natürlich kann ich das nicht einfach bei Außenstehenden als bekannt voraussetzen und hätte dies deutlicher machen müssen. Um dies vorwegzunehmen: Beweisen kann ich diese Gleichverteilung von Kellnern und Gesamtgastronomie auf die Schnelle allerdings nicht. Sie haben also nur die Wahl, mir entweder zu glauben, dass ich damit die Erfahrungen meines Berufslebens wahrheitsgetreu wiedergebe, oder es mir meinetwegen auch nicht zu glauben. Da die Grafik, die Dr. Kuhn als vermeintliche Widerlegung anbietet, in Wirklichkeit gar nichts widerlegt, ist die Frage, um die es dabei geht, letztlich auch ein unbedeutender Nebenkriegsschauplatz.

Die Zahlen der Pflichtversicherten sind als Vergleichszahlen – sofern man eine nicht regional begrenzte Vergleichsgruppe hat – grundsätzlich weder nennenswert besser noch schlechter für einen Vergleich mit einer bestimmten Berufsgruppe als die der Erwerbsbevölkerung. Dass beide Kurven sehr ähnlich verlaufen, ergibt sich ja sogar aus Dr. Kuhns Grafik. Ihm scheint allerdings nicht bekannt zu sein, dass keineswegs alle Pflichtversicherten auch erwerbstätig sind. Tatsächlich trifft das nämlich sogar auf einen ziemlich großen Teil der Pflichtversicherten nicht zu, und ausgerechnet im betreffenden Zeitraum fiel dieser Anteil sogar besonders hoch aus.

Im Jahre 2005 etwa gab es 28,5 Millionen GKV-Pflichtmitglieder. Von denen waren aber 5,5 Millionen gar nicht erwerbstätig, sondern

  • ·         arbeitslos (4,5 Millionen)
  • Student, Praktikant oder Auszubildender ohne Entgelt (etwas über eine halbe Million)

Eine weitere halbe Million verteilt sich auf:

  •  Landwirtschaftliche Unternehmer
  • Selbständige Künstler und Publizisten
  • In Reha
  • Mitarbeitende Familienangehörige
  • Vorruhestandsempfänger

Dass diese nicht erwerbstätigen Pflichtversicherten vor allem in zwei Altersgruppen zu Buche schlagen, nämlich bei den unter Dreißigjährigen und den über Fünfzigjährigen, kann sich mühelos jeder selbst zusammenreimen, und falls jemand daran Zweifel haben sollte, lässt es sich natürlich auch nachweisen. Dass die Altersstruktur der Arbeitslosigkeit daneben im Osten (der in der Kellner-Auswertung überrepräsentiert ist) einen überdurchschnittlichen Anteil an über Fünfzigjährigen umfasst, kann ich wohl auch als allgemein bekannt voraussetzen.

Somit wären in Dr. Kuhns Grafik genau die beiden Bereiche durch einen hohen Anteil nicht Erwerbstätiger verzerrt und entsprechend zu korrigieren, in denen er glaubt, gravierende Abweichungen zum Kurvenverlauf in meiner Grafik gefunden zu haben. Nach einer entsprechenden Korrektur bestehen keine nennenswerten Abweichungen mehr mit Ausnahme der, sicherheitshalber wiederhole ich es noch einmal, besonders stark vertretenen Altersgruppe zwischen 20 und 29 bei den Kellnern. Dass deren besonders hoher prozentueller Anteil selbstverständlich dazu führt, dass alle anderen Altersgruppen niedriger als in der Erwerbsbevölkerung vertreten sind, hatte ich bereits erwähnt.

Kommen wir nun aber noch einmal zurück zu der Frage, ob es denn nun aus Dr. Kuhns Sicht nun weiterhin denkbar sei, dass ein Healthy-Worker-Effect dafür verantwortlich ist, dass Kellner so wenige Lungencarzinome bekommen, oder ob er diese Auffassung inzwischen gar nicht mehr vertritt. Denn um diese Frage ging es ja eigentlich, und irgendwie habe ich den Eindruck, als wäre dieses „Malen nach Zahlen“ nur deshalb vorgenommen worden, damit sich möglichst niemand mehr an diese eigentliche Frage erinnert, so wie bei dem uralten Taschendieb-Trick, „Haltet den Dieb“ zu rufen, um selbst nicht ertappt zu werden.

Die Kernthese bezüglich des Healthy-Worker-Effects lautete ja, dass Kellner in erheblich stärkerem Maße als andere Erwerbstätige krankheitsbedingt aus dem Beruf aussteigen und in ihm nur die gesünderen „healthy worker“ zurückbleiben. Dafür ergibt sich aus der statistischen Altersverteilung aber keinerlei Anhaltspunkt, ob nun die Erwerbsbevölkerung oder die Pflichtversicherten als Vergleichsgruppe herangezogen werden. Auffallend ist nur die Altersgruppe unter 30, und für deren Ausscheiden gibt es sehr viel plausiblere Begründungen als ausgerechnet einen Berufsausstieg aus Krankheitsgründen zu vermuten.

Dr. Kuhn will anscheinend darauf hinaus, dass Kellner im Alter über 40 kaum noch in ihrem Beruf tätig sind. Da er ja mein Buch besitzt, kann ich ihm nur empfehlen, darin die Zahlen für Kellner und Köche, die beiden hauptsächlichen Berufsgruppen in der Gastronomie, miteinander zu vergleichen. Dann wird er nämlich feststellen, dass unter den untersuchten Versicherten männliche Kellner in den Altersgruppen über 40 prozentual sogar stärker vertreten sind als männliche Köche. Bei den Damen sind die Altersgruppen bis 29 allerdings so dominierend, dass sie zusammengenommen mehr als die Hälfte aller Kellnerinnen stellen; damit fallen die älteren Altersgruppen natürlich zwangsläufig im Vergleich dazu prozentual noch sehr viel stärker ab.

Da Dr. Kuhn in seiner Grafik Männlein und Weiblein unter den Kellnern ungeachtet dieser Unterschiede einfach zusammengeworfen hat, hier ein Vergleich der beiden Berufsgruppen Köche und Kellner, wenn beide Geschlechter zusammen betrachtet werden, sowie der Vergleichsgruppe, der Erwerbsbevölkerung im betreffenden Krebsregistergebiet.

Kellner Köche Einwohner Auch hier enthält der Altersverlauf aller drei Gruppen ab einem Alter von 30 Jahren keine auffallenden Abweichungen mehr, wenn der besonders starke Ausschlag bei den 20- bis 29-Jährigen herausgerechnet und der hohe Anteil von nicht Erwerbstätigen unter den jungen Leuten und den über Fünfzigjährigen in der Erwerbsbevölkerung berücksichtigt wird.

So viel hierzu. Dafür, dass es sich bei der Frage um einen reinen Nebenkriegsschauplatz handelt, habe ich mich ziemlich lange mit ihr aufgehalten. Auch im letzten Kapitel der Fundamentalkritik spielt dieses Phänomen eine Rolle: Wenn Dr. Kuhn über Passivrauchen schreibt, dann geht es nämlich eher selten um den Kern der Sache.

6. Denialisten wie Sie und ich

… und wie Dr. Kuhn

In Wissenschaften, die sich auf die Meinung und das Belieben stützen, sind die Vorausnahmen und die Dialektik von gutem Gebrauch, da es hier darauf ankommt, die Zustimmung zu erzwingen, nicht den Gegenstand zu bezwingen. (Francis Bacon, Neues Organon)

Dr. Kuhns Verteidigung der 3301-Schrift enthält nur wenige Argumente zur Sache, die konkret auf jene Bezug nehmen. Im Wesentlichen geht es in seinem Aufsatz auch nicht um Epidemiologie, sondern um die Majestätsbeleidigung, die nicht nur Ropohls Kritik, sondern Kritik an der DKFZ-Arbeit zum Passivrauchen überhaupt darstellt. Dabei wird den Kritikern vorgeworfen, „pseudowissenschaftliche Argumentationen im Dienste außerwissenschaftlicher Interessen“ zu vertreten. Auch Ropohl wird dieser Vorwurf gemacht. 

Am nächsten kämen einer Auseinandersetzung in der Sache noch Dr. Kuhns Bemühungen, Professor Ropohl eine falsche Herangehensweise bei seiner Kritik an ihr nachzuweisen, die leider den Schönheitsfehler haben, dass er die Herangehensweise einfach nicht verstanden hatte. Auf Laien immerhin mögen sie eindrucksvoll gewirkt haben, denen auch ein sehr bezeichnender Schnitzer (im Zitat hervorgehoben) nicht aufgefallen sein wird. 

Dabei bezeichnet er (Ropohl) genau das als Mangel, was unaufhebbar die analytische Anstrengung charakterisiert, etwas über die Ursachen von Sterbefällen herauszufinden. Als Ideal setzt er (Rophol) das bloße Zählen von Sterbefällen dagegen, aus dem man aber, abgesehen von ursächlich mehr oder weniger offenkundigen, bereits auf dem Totenschein verzeichneten Unfällen und Selbstverletzungen, nie etwas über die Hintergründe des jeweiligen Sterbefalls erfahren kann.

Kuhn legt sich mit diesem Satz darauf fest, dass epidemiologische Verfahren Hintergründe – also kausale Beziehungen – vermitteln können. Ropohl zitiert er in diesem Zusammenhang (zutreffend) wie folgt:

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind reale Ergebnisse der empirischen Sterbefallstatistik, die Zahlen von Pötschke-Langer dagegen fiktive Rechenergebnisse.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass Kuhn, nachdem er selbst dem DKFZ gerade das Wunder zugetraut hat, auf Basis fiktiver Rechenergebnisse Kausalität zu beweisen, nun zur Attacke auf der persönlichen Ebene übergeht und Ropohl das vorwirft, was Diethelm und McKee als „Denialism“ beschreiben: eine „gegen Kritik immunisierte Darstellung von Sachverhalten“, „verschwörungstheoretische Unterstellungen gegenüber dem wissenschaftlichen Konsens“, „falsches Expertentum, selektives Heranziehen von Studien, überzogene Anforderungen an den Nachweis von Effekten und falsche Analogieschlüsse bzw. logische Sprünge in der Argumentation“ sowie „gezielte Strategien der Zersetzung von unerwünschten wissenschaftlichen Befunden“.

Einmal davon abgesehen, dass eine seriöse wissenschaftliche Auseinandersetzung eigentlich anders aussehen sollte: Professor Ropohls These galt eigentlich in der Wissenschaft vor der „Passivrauchära“ schon einmal als unumstößlich – auch bei epidemiologischem Vorgehen herkömmlicher Art! –, dass nämlich mit epidemiologisch-statistischen Methoden in komplexen (biologisch-psychosozial-technologischen) Systemen keine Kausalitäten im deterministischen Sinne ermittelt werden können:

Bei epidemiologischen Studien wird die Bevölkerung in einer realen Situation untersucht. […] Aber im wirklichen Leben können die Randbedingungen nicht kontrolliert werden. Was gefunden wird, ist das Ergebnis vieler Einflussfaktoren, die auch nicht immer bekannt sind. […] Epidemiologische Studien können Kausalität nie beweisen, aber doch wahrscheinlich machen, wenn bestimmte Anforderungen erfüllt sind. (Quelle)

 Der Denialismusvorwurf fällt folglich auf die Gegenseite zurück, denn das Beharren auf der vermeintlich existierenden Möglichkeit, Kausalität durch epidemiologische Studien zu beweisen, ist ja auch nichts anderes als eine „gegen Kritik immunisierte Darstellung von Sachverhalten“ und eine „verschwörungstheoretische Unterstellung gegenüber dem wissenschaftlichen Konsens“. Mit seiner Kausalitätsbehauptung hat Kuhn selbst eine Eintrittskarte in den Verein der Denialisten eingelöst.

Wie bereits erwähnt, sind realitätsgerechte Ergebnisse von vornherein praktisch unmöglich, in jedem Fall aber sehr unwahrscheinlich, wenn man die Ergebnisse einer (monokausalen) Studie als Berechnungsgrundlage für neue Arbeiten verwendet und diese Ergebnisse, etwa ein bestimmtes relatives Risiko, dabei als gegeben voraussetzt, wie dies bei den 3301-Berechnungen geschehen ist. Der Weg, den Ropohl und ich gegenüber jener Arbeit beschritten haben, war der, dass wir prüften, ob in der Realität weniger oder gleich viele oder mehr Erkrankungen herauskommen, als gemäß jenen Berechnungen zu erwarten wäre. Unabhängig voneinander und auf verschiedenen Wegen – Professor Ropohl nahm eine Überschlagsrechnung anhand der Gesamtbevölkerung vor, deren Ungenauigkeiten leicht mit „bewährten epidemiologischen Methoden“ herausgerechnet werden könnten – haben wir das Ergebnis herausbekommen, dass mehr Erkrankungen gegenüber der Vergleichsgruppe der übrigen Bevölkerung nicht herauskommen. In diesem Fall kann der Einflussfaktor Passivrauchen gar keine ursächliche Beziehung zu einer erhöhten Erkrankungsrate haben, da jene nicht nachweisbar ist und damit über den Status einer reinen Fiktion nicht hinausgelangt.

Die zahlreichen weiteren Unstimmigkeiten bei der 3301-Publikation sind dabei noch gar nicht gewürdigt worden. In meinem Buch habe ich sie ausführlich behandelt, also seien sie hier nur kurz gestreift: Einmal davon abgesehen, dass eine multifaktorielle Herangehensweise auch bei größtem Wohlwollen nur in sehr reduzierter Form erkennbar ist – so wurde etwa auch das Alter als bedeutendste Todesursache völlig ausgeblendet, obwohl zwei Drittel der errechneten Todesfälle im Alter von über 75 Jahren geschehen sollen –, es wurden außerdem ganze Datenblöcke verrechnet, deren Herkunft nie geklärt werden konnte, denn es lag für die Altersgruppe 80+ ja gar keine Datengrundlage über die Exposition mit Passivrauch vor. 

 Am Ende kann festgestellt werden, dass Kuhns wissenschaftstheoretische Einblendung in seiner Veröffentlichung politisch-ideologisch durchaus begründbar gewesen wäre, aber eben nicht wissenschaftlich. Politisch Rauchverbote zu wollen, ist an sich ja durchaus legitim: Man braucht dann eben Mehrheiten, die das auch wollen. Nicht legitim ist es, lediglich den Anschein zu erwecken, ein haltbares wissenschaftliches Ergebnis erzielt zu haben, das ein solches Verbot unverzichtbar machen würde, mit dem Ziel, diese Mehrheiten für sein Anliegen zu gewinnen. Oder in Dr. Kuhns eigenen Worten: „pseudowissenschaftliche Argumentationen im Dienste außerwissenschaftlicher Interessen“ vorzubringen. Noch viel weniger ist es legitim, jede Überprüfung dieses Ergebnisses aktiv zu hintertreiben, wie in Kapitel 2 beschrieben. Parlamente und Gerichte vertrauen auf die Verlässlichkeit wissenschaftlicher Ergebnisse und richten ihre Gesetzgebung und Rechtsprechung an ihnen aus. Sie sollten sich auf ihre Richtigkeit dann auch verlassen können. Wenn aber politisch gewollt ist, was wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden kann, ist es unredlich, eine haltbare wissenschaftliche Grundlage nur vorzutäuschen, sich dabei auf die Unverständlichkeit der angeblich allein maßgeblichen komplizierten mathematisch-statistischen Verfahren sowie die Zahlenblindheit der Allgemeinheit zu verlassen, die gar nicht in der Lage ist zu beurteilen, ob ein Kritiker den Sachverhalt richtig erfasst hat oder nicht.

Dass die Unredlichkeit sich in den Augen ihrer Urheber bislang gut ausgezahlt hat, will ich aber gar nicht bestreiten, denn längst sind wir ja an dem Punkt angelangt, an dem durch Festlegung, dass bei politischen Entscheidungen nur bestimmte wissenschaftliche Modelle angewandt werden dürfen, Parlamente und Gerichte auch über die wissenschaftliche Richtung der Lehrmeinung entscheiden.

Fachleute und Nichtfachleute haben ihre außerwissenschaftlichen Gründe, die Gefährlichkeit des Passivrauchens keinesfalls in Frage stellen zu wollen. Aber es muss doch auch heute noch Wissenschaftler geben, die den ernsthaften Wunsch haben, Menschen helfen zu wollen. Sie kann es nicht zufriedenstellen, wenn die Epidemiologie einen Beweis erbringen zu können scheint – das muss auch gar nicht speziell das Passivrauchen betreffen –, aber jene Ergebnisse dazu gar nichts beitragen. Die Einsicht, dass allein mit quantitativem Messen ohne qualitatives Werten komplexe Systeme nicht ausreichend durchdrungen werden können, und eine systemorientierte Herangehensweise bieten einen Ansatzpunkt, um auf anderem Wege erfolgreicher als bisher bei der Forschung nach Krankheitsursachen zu sein. 

Als Appell an die Wissenschaft kann aber außerdem nicht oft genug wiederholt werden, dass mit der momentanen Fixierung auch der finanziellen Mittel für Forschungen auf die tabakrauchassoziierten bösartigen Erkrankungen – wobei absurderweise immer geringere Spuren von Tabakrauch zu immer größeren Gefahren aufgebauscht werden, neuerdings ja neben dem Passivrauch auch der sogenannte Third-Hand-Smoke – völlig aus dem Blickfeld gerät, welche realen und oft sogar mit bloßem Auge erkennbaren Gesundheitsgefahren die Menschen in Wirklichkeit bedrohen. Ihre Bedeutung wird nicht selten heruntergespielt, um die bedrohliche Kulisse nicht zu beschädigen, die für nötig gehalten wird, um möglichst viele potentielle Tabakkonsumenten vom Rauchen abzuhalten. Wenn diese Art der Abschreckung ihren ursprünglichen Sinn, nämlich weniger Erkrankungen, nicht selbst ad absurdum führen soll, darf und muss die Frage gestellt werden, ab welchem Punkt bei einem solchen Vorgehen schlimmere Gefahren in Kauf genommen werden, als man zu beseitigen hofft. Meiner Meinung nach haben wir diesen Punkt schon lange hinter uns gelassen, und diese Meinung werde ich in den nächsten Wochen auch noch ausführlich in diesem Blog begründen. 

Diese Überzeugung sowie diejenige, dass der Nutzen von „kleinen Unwahrheiten zum Wohle der Allgemeinheit“, die manchmal sehr verführerisch sein können, in der Wissenschaft den damit zwangsläufig verbundenen Schaden niemals aufwiegen kann und ein solches Vorgehen außerdem einen zutiefst unwissenschaftlichen Geist offenbart, muss kein Epidemiologe mit mir teilen, um sich diese wichtige Kosten-Nutzen-Analyse ab und zu vor Augen zu halten und über die tatsächliche Wirkung seiner Arbeit nachzudenken. Denn dies zeichnet einen guten Wissenschaftler viel mehr aus als noch so viele peer-reviewte Veröffentlichungen.  

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2 Antworten zu Malen nach Zahlen / Denialisten wie Sie und ich … und Dr. Kuhn

  1. Blaudunst schreibt:

    Die „kleinen Unwahrheiten zum Wohle der Allgemeinheit“ sind im „Passivrauch-Bereich“ (aber nicht nur dort!) inzwischen riesig geworden und „vermehren“ sich rasant. Dazu werden sie immer krasser, primitiver und unverschämter. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch der letzte „Otto-Normalverbraucher“ verstehen wird, dass er nur Pseudowissenschaft präsentiert bekommt, die nichts wert ist.
    Der durch kleine und große Lügen /Übertreibungen/ Verfälschungen produzierte Vertrauensverlust ist aber ein enormer und dauerhafter Schaden.
    Der Politik glauben die meisten Menschen schon längst nicht mehr, den Banken sowie so nicht und den Medizinern immer weniger. Die Justiz und die Medien genießen auch nicht mehr den Respekt und den Stellenwert, den sie einmal hatten und die Wissenschaft wird durch solche politisch- und Lobby-gesteuerte „Studien“ unglaubwürdig und lächerlich.
    Einerseits wünsche ich mir, die große Mehrheit würde endlich begreifen, dass sie dauerhaft belogen wird und das nicht mal „zum Wohle der Allgemeinheit“, sondern zum Wohle mächtiger Lobbyisten, wegen Macht- und Geldgier.
    Anderseits habe ich auch Angst vor Menschen, die niemandem mehr glauben und vertrauen. Ich frage mich, was die Menschen in diesem Zustand machen werden. Diese Frage und diese Angst würde ich gerne allen „Unwahrheitsträgern“ weiterreichen.

  2. Pingback: Sackstark! | Big Pharma – To big to jail?

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