Gastbeitrag von Bernd Palmer: Offener Brief an die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie

 

Die Berichte über die Wunder, die Rauchverbote auf die Häufigkeit von Herzinfarkten angeblich bewirkt haben sollen, reißen nicht ab, und sie haben schon in mehreren meiner Blogbeiträge ihre Bewertung gefunden. In Kürzestfassung: Ich fand nicht eine einzige Studie darunter, die einer näheren Betrachtung standgehalten hätte. Dennoch übernehmen Fach- und Publikumsmedien – entgegen ihrer eigentlichen Aufgabe – solche Studien völlig unkritisch, Fachleute berufen sich der Öffentlichkeit gegenüber auf sie, Widerspruch dringt nicht bis in die Medien vor. Es ist deshalb wichtig, andere Publikationsformen zu nutzen, um diese Omertà zu überwinden, und je mehr Leute davon Gebrauch machen, umso besser. 

Der folgende Text aus der Feder von Bernd Palmer wurde ursprünglich als Kommentar zu meinem letzten Blogartikel gepostet. Er enthält eine Reihe sehr berechtigter kritischer Fragen an die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie zu einem schweizerischen Fall eines „Herzinfarktwunders“ in Form eines offenen Briefes, und es ist mir ein Vergnügen, diesen Brief als Gastbeitrag zu veröffentlichen. 

Prof. Dr. med. Romano Grieshaber 

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V. befasst sich hauptsächlich mit der Publikation von medizinischen Leitlinien und wissenschaftlichen Studien für Kardiologen:

„Mit unserem neuen Internet-Portal http://www.kardiologie.org kommt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) ihrer Verpflichtung nach, die Ärzteschaft über alle Innovationen im kardiovaskulären Umfeld auch online zu informieren“, so Professor Dr. Eckart Fleck, geschäftsführender Herausgeber für die DGK.

„Springer Medizin als erfahrener und führender Partner an unserer Seite macht es möglich, dass gesichertes Expertenwissen über neueste Entwicklungen zeitnah für 30.000 Fachleute in Klinik und Praxis abrufbar wird.“

Zumindest eine dieser Studien wird diesem Anspruch nicht gerecht und liegt weit unter dem Niveau, das man von einer Gesellschaft für Kardiologie erwarten dürfte. Dies ist Anlass für einen offenen Brief meinerseits. Ich bin gespannt auf die Antwort.

Offener Brief

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Sehr geehrter Herr Professor Fleck,

Ich beziehe mich auf die Publikation der DGK Rauchverbote wirken: Herzinfarktrate geht zurück die sich ihrerseits auf ein an der ESC-Konferenz 2013 präsentiertes Papier bezieht:

STEMI incidence falls in Southern Switzerland after smoking ban implemented

Wie nachstehend dargestellt, weist dieses Papier einige Unstimmigkeiten auf, die man klären müsste, bevor es zur Publikation insbesondere für die Medien freigegeben wird.

Ein Trend? Welcher Trend?

Wenn man über die in der Studie gezeigte Grafik eine Trendlinie (angenähert) legt, erkennt man leicht, dass es sich um einen fortlaufenden Trend ohne Besonderheiten handelt. Die Schwankungen erklären sich leicht durch die geringe Zahl von Fällen.

Die Prozentwerte über den blauen Säulen beziehen sich auf den Mittelwert der 3 roten Säulen, damit fallen die Prozentwerte höher aus, als sie eigentlich sind. Die Resultate sind „geschönt“.

Grafik 1A

Rauchverbot gut für Rentner?

Aus der altersstandardisierten Grafik ist nur die Kurve für Männer über 65 bemerkenswert. Es ist kaum anzunehmen, dass diese Altersklasse zu den übermäßig Passivrauch ausgesetzten Fällen gehört, zumindest dürfte sich darunter kaum Servierpersonalfinden. Auch ist der Anteil an Frauen bei Servierpersonal beträchtlich höher, das Rauchverbot scheint aber auf sie keine Wirkung zu haben.

Bemerkenswert ist allerdings der Ausreißer 2005-06; dem Passivrauch kann er kaum zugeordnet werden. Solange man diesen Ausreißer nicht erklären kann, ist es müßig, für andere Variationen den Passivrauch verantwortlich zu machen.

Man beachte auch, dass der stärkste Abfall zwischen 2005-06 und 2006-07 stattfindet, also noch vor dem Rauchverbot. Gibt es dafür eine Erklärung?

Grafik 1B

STEMI oder NSTEMI?

Die Tessiner Studie beschränkt sich auf STEMI-Fälle. Ander ESC-Konferenz 2011 wurde der Studienautor Di Valentino gefragt, weshalb er nur die STEMI-Fälle zeige.

Er gab als Grund an, dass die Diagnosemethode ab 2007 durch den zunehmenden Einsatz von Troponin I beträchtlich verbessert wurde. Auch die Differenzierung zwischen STEMI und NSTEMI hat sich  dank verbesserter Diagnosehilfen im Lauf der Zeit geändert.

 “ … In fact, there is actually no clear line that inherently divides STEMI, NSSTEMI, and unstable angina. Where cardiologists draw the line between a STEMI and an NSTEMI, or between an NSTEMI and unstable angina, is a relatively arbitrary decision. Indeed, the definitions of these three types of ACS have changed substantially over the years,“

 Richard N. Fogoros, M.D.

Es gibt keinen biologischen Grund, warum sich Rauchverbote nicht auch auf NSTEMI-Fälle auswirken sollten. Die Entwicklung der NSTEMI-Fälle zeigt aber eine beträchtliche Zunahme:

 Grafik 2

 

Wie man durch Addition der STEMI- und NSTEMI-Fälle zeigen kann, müsste also die Zahl der diagnostizierten Herzerkrankungen signifikant zugenommen haben.

Grafik 3

Im Gegensatz dazu zeigen die Statistiken des eidgenössischen Bundesamts, dass die Sterbeziffern für Herzerkrankungen im Tessin seit Jahren kontinuierlich fallen, und vor allem, dass das Rauchverbot keine Spuren hinterlassen hat.

Grafik 4

Vergleich mit anderen Kantonen

In Ihrer Pressemitteilung wird auch der Vergleich mit dem Kanton Basel-Stadt erwähnt, in dem während der Beobachtungsperiode kein Rauchverbot galt.

Gemäß offiziellen Statistiken nahmen in Basel-Stadt (fette gestrichelte blaue Linie) die Sterbeziffern zwischen 2006 und 2008 signifikant ab, ähnlich wie im Tessin (fette gestrichelte rote Linie) und in vielen anderen Kantonen, in denen es in diesem Zeitraum kein Rauchverbot gab. Der Vergleich mit Basel-Stadt ist irrelevant.

Grafik 5

Es ist verwunderlich, dass die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie eine solche Studie publiziert, ohne sie auf  ihre Plausibilität zu prüfen. Ich wende mich deshalb an Sie, geehrter Herr Professor Fleck, mit der Bitte um eine Erklärung oder Stellungnahme.

Freundliche Grüsse

Bernd Palmer

Dipl. Ing. ETH

 

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