Tabakepidemie vs. Ebola-Epidemie: Finden Sie den Unterschied

Es ist hoch an der Zeit, auch an dieser Stelle Professor Günter Ropohls sehr gelungenes schmales, aber außerordentlich gehaltvolles Buch „Besorgnisgesellschaft“ zu würdigen, eine meisterhafte Analyse des Zusammenwirkens einer gesellschaftlichen Grundstimmung voller diffuser Ängste, in der das Schüren dieser Ängste durch sogenannte „Experten“ zum lukrativen Verkaufsartikel wird und sich für die zugehörige Nachfrage ein entsprechendes Angebot bildet. Bei Amazon finden Sie nicht nur das Buch selbst, das ich Ihnen hiermit wärmstens empfehlen möchte, sondern auch meine Rezension dazu … und Sie können sich außerdem auf ein Interview mit Professor Ropohl hier im Blog freuen. Demnächst!

Ein aktueller Anlass rief mir ein Zitat aus meiner Rezension in Erinnerung:

Die weltpolitischen Entwicklungen – Syrien, Irak, Ukraine – lassen zuweilen die Ahnung aufblitzen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, sich mit solcher Ausdauer mit einem Scheinproblem wie der Bekämpfung des Tabakgebrauchs befassen zu können. Die Hartnäckigkeit der WHO und der ihr zuarbeitenden staatlichen, halbstaatlichen, nichtstaatlichen und kommerziellen Organisationen bei der weltweiten Durchsetzung der FCTC, der „Rahmenvereinbarung zur Eindämmung des Tabakgebrauchs“, hat nichts damit zu tun, dass die Welt neuerdings keine anderen Sorgen mehr hätte. Hinter dieser Hartnäckigkeit stecken Funktionäre aus Weltregionen, in denen die Lebenserwartung um die 80 Jahre beträgt und wo man seit Jahrzehnten ein friedliches Leben ohne größere Gefahren für den auf ewig garantierten Normalfall hält (unterstützt von Pharmakonzernen, die wiederum ihre eigenen gewinnorientierte Agenda im Gepäck haben). 

In diesen von jahrzehntelangem Wohlstand verwöhnten Kreisen will man es nicht mehr für normal halten, dass das menschliche Leben endlich ist und ein Alter irgendwo zwischen 80 und 90 Jahren eine Grenze, die bei guter Gesundheit und klarem Verstand auch in Zukunft nur wenigen zu überschreiten vergönnt bleiben wird. Diese lebensfremden Funktionäre, die sich zu Hütern unserer Gesundheit aufgeschwungen haben und sich dabei vielfach im Ernst einbilden, wenn sie uns nur erst den Genuss beim Essen, Trinken und Rauchen ausgetrieben haben, dann würden wir gesund und glücklich werden und ihnen ewig dafür dankbar sein: Was werden diese Leute wohl tun, sollten sie jemals mit einer wirklichen, massenhaft auftretenden akuten Bedrohung konfrontiert werden?

Die Entwicklung der Ebola-Epidemie in Westafrika, bei der die Weltgesundheitsorganisation ihr klägliches Versagen in einem Stadium der Ausbreitung jener Viruserkrankung, als sie noch beherrschbar gewesen wäre, nun durch besonders lautstarkes Wehklagen und Vorwürfe gegen andere zu vertuschen versucht, darf man wohl als Antwort auf meine Frage verstehen.

Im Kampf gegen den Tabak wählt die WHO ja bekanntlich gerne dramatisches Vokabular. Um eine „weltweite Tabakepidemie“ soll es sich ihrer Darstellung nach handeln, an der bis zum Jahr 2030 acht Millionen Menschen zugrunde gehen werden, sollte man nicht schärfste Gegenmaßnahmen ergreifen. Und achtzig Prozent dieser Todesfälle sollen in Entwicklungsländern erfolgen. Dasselbe soll übrigens für alle sogenannten „nichtübertragbaren Krankheiten“ gelten, für die die Weltgesundheitsorganisation in erster Linie den Lebensstil der Erkrankten verantwortlich macht. An anderer Stelle hatte ich meinen Zweifeln an speziell dem letzten Punkt folgendermaßen Ausdruck verliehen:

Nichtübertragbare Krankheiten sind „eine Gruppe von Erkrankungen, zu der Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, chronische Atemwegserkrankungen und psychische Störungen gehören“. Weltweit sollen „nach Angaben der WHO im Jahr 2008 schätzungsweise 36 Millionen der weltweit 57 Millionen Sterbefälle auf nichtübertragbare Krankheiten zurückzuführen [gewesen sein]“, davon „9 Millionen Menschen vor Erreichen des 60. Lebensjahrs“ und fast „80 Prozent dieser Sterbefälle auf Entwicklungsländer [entfallen]“. 

Diese Zahlen versetzen ein wenig in Erstaunen. In Afrika mit etwa 12,5 Millionen Todesfällen jährlich lauten die zehn häufigsten Todesursachen beispielsweise: 

  • Aids
  • Malaria
  • Erkrankungen der Atemwege
  • Durchfallerkrankungen
  • Kindstod
  • Herz-Kreislaufkrankheiten
  • Tuberkulose
  • Herzmuskelerkrankungen
  • Masern
  • Verkehrsunfälle 

Die nichtübertragbaren Krankheiten scheinen in den Entwicklungsländern (mindestens in Afrika) bei den Todesfällen also nur eine Nebenrolle zu spielen.

Das kopfschüttelnde Staunen über eine WHO, die ausgerechnet in Entwicklungsländern den Kampf gegen vermeintliche Epidemien, erzeugt durch Tabak, Alkohol und zu reichliche Ernährung, zu einer angeblich enormen Bedrohung hochstilisiert, ist angesichts des Trauerspiels um die Ausbreitung des Ebolafiebers ungläubigem Zorn gewichen. Denn in diesem Fall liegt tatsächlich eine Epidemie im eigentlich gemeinten Sinne vor, nicht nur ein im Stil der Produktwerbung gehyptes PR-Produkt, ein Popanz also, der uns durch die dramatische Wortwahl lediglich erschrecken und auf diese Weise politische und gesellschaftliche Akzeptanz für die geforderten Maßnahmen erzeugen soll.

Die Folgen der Ebola-Epidemie sind für die gesamte Bevölkerung der betroffenen Gebiete unmittelbar sicht- und spürbar. Denn nicht nur die an Ebolafieber Erkrankten selbst leiden. Wo Gesundheitspersonal selbst erkrankt – das geschieht in beängstigendem Ausmaß – oder aus Angst vor Ansteckung nicht mehr zur Arbeit kommt – was ebenfalls häufig genug geschieht –, können auch andere Patienten nicht behandelt werden, und die Gefahr, an eigentlich behandelbaren Krankheiten zu sterben, nimmt zu. Und wo nicht vor allem alte und bereits kranke Menschen, sondern vielfach zuvor gesunde Erwachsene im Alter zwischen 30 und 45 sterben, da bleiben Waisenkinder, unversorgte alte Menschen und unbestellte Felder zurück, womit weiteres Elend in einem Teufelskreis vorprogrammiert ist, der noch jahrelang nachwirken kann.

Wann hätte man je davon gehört, dass zum Beispiel die „Diabetesepidemie“ solche Folgen mit sich gebracht hätte?

Bei einer Epidemie geht es nämlich nicht, wie es die Weltgesundheitsorganisation uns in den letzten Jahren eingehämmert hat, um das massenhafte Vorhandensein von wirklichen oder vermeintlichen Krankheitsrisiken, die eventuell – oder vielleicht auch nicht – dazu führen könnten, dass in ein paar Jahrzehnten mehr Krankheitsfälle bestimmter Erkrankungsarten unter älteren Menschen auftreten werden. Auch wenn Wikipedia bereits gehorsam wiedergibt, nur in einem „engeren Sinne“ seien mit diesem Begriff Ausbrüche von Infektionskrankheiten gemeint, hat die Beschränkung auf Infektionskrankheiten, wie an obigen Nebenwirkungen ersichtlich, sehr wohl einen Sinn. Eine „zeitliche und örtliche Häufung“ von Krankheitsfällen, wie Wikipedia die Sache nüchtern wiedergibt, meint im Falle einer Infektionskrankheit eine rasante und kaum noch aufzuhaltende Ausbreitung der Krankheit, sobald eine kritische Masse von Erkrankungsfällen überschritten ist. Im Falle von Ebola bedeutet das: Tausende von Krankheitsfällen alleine innerhalb der nächsten Wochen werden momentan prognostiziert, und inzwischen schließen Experten eine über viele Monate, möglicherweise sogar länger als ein Jahr weiter andauernde Epidemie mit Zigtausenden von Erkrankungsfällen nicht mehr aus, da die Krankheit nun auch die liberianische Hauptstadt Monrovia erreicht hat, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Es rächt sich bitter, dass da ein Mittel zur Eindämmung der Epidemie nur halbherzig gesucht und deshalb auch nicht gefunden wurde, solange sie sich auf ländliche und schwächer besiedelte Räume beschränkt hatte.

Statistisch wird (mindestens!) jeder zweite der neuen Erkrankungsfälle auch einen neuen Todesfall bedeuten. Einen neuen Todesfall, wohlgemerkt, meist innerhalb von Tagen nach Krankheitsausbruch, und viele dieser Todesfälle werden erwachsene Menschen noch vor oder um die Mitte ihres Lebens betreffen. Dass Europa von einem Überschwappen der Epidemie bislang als vergleichsweise wenig gefährdet gilt, da die Übertragung nur durch direkten Kontakt mit Erkrankten oder deren Körperflüssigkeit erfolgt (also noch nicht während der Inkubationszeit, wenn die Krankheit noch nicht zum Ausbruch gekommen ist), ist weder tröstlich noch beruhigend. Erstens ist ein Menschenleben in Afrika ebenso viel wert wie bei uns. Zweitens darf die Gefahr nicht unterschätzt werden, dass sich auf dem Weg der Mutation Ebolafieber-Varianten bilden, deren Übertragung man auch in Europa nicht mehr ohne weiteres Herr werden könnte.

Dass der Ebola-Ausbruch dieses Mal bedrohliche Dimensionen angenommen hat, ist inzwischen endlich auch der Weltgesundheitsorganisation aufgefallen:

As WHO Director-General Dr Margaret Chan told agencies and officials last week in New York City and Washington, DC, development partners need to prepare for an “exponential increase” in Ebola cases in countries currently experiencing intense virus transmission. 

Many thousands of new cases are expected in Liberia over the coming 3 weeks. 

WHO and its Director-General will continue to advocate for more Ebola treatment beds in Liberia and elsewhere, and will hold the world accountable for responding to this dire emergency with its unprecedented dimensions of human suffering.

Die Weltgesundheitsorganisation macht also präventiv schon mal „die Welt“ dafür verantwortlich, falls sich die Lage verschlimmern sollte. Das ist ein starkes Stück, denn eigentlich wäre es ja die Aufgabe der WHO gewesen, eine Ausbreitung der Seuche schon in einem Stadium zu verhindern, als sie noch beherrschbar war. Nach Angaben der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die in jener Phase verzweifelt gegen sie ankämpfte, hat die WHO aber nicht nur monatelang nicht auf ihre Warnungen reagiert und das Ausmaß des Problems herunterzuspielen versucht, sondern auch in der Zeit vor und sogar während (!) des Ebola-Ausbruch in Afrika Personal abgezogen. Erst mehrere Monate nach dem Ausbruch der Epidemie konnte sich die WHO dazu entschließen, den internationalen medizinischen Notfall auszurufen.

Der bisherige Verlauf der Epidemie: Der sogenannte „Patient null“ wurde im Nachhinein für Dezember 2013 im westafrikanischen Guinea ermittelt. Ab Februar 2014 wurden die ersten Fälle von Ebolafieber in jenem Land publik, dessen Gesundheitsministerium dann am 23. März 2014 die WHO offiziell von einem Ausbruch von Ebolafieber unterrichtete. Zu diesem Zeitpunkt waren 49 Erkrankungsfälle, davon 29 mit tödlichem Verlauf bekannt.

Bis zum Juni 2014 hatte sich die Epidemie auf zwei weitere Länder, Sierra Leone und Liberia, ausgebreitet. Die Zahl der Todesopfer wurde von der WHO zu jenem Zeitpunkt mit 350 beziffert. Seitdem verbreitet sich das Virus immer rasanter, und als sich die WHO am 8.8.2014 endlich dazu durchrang, die Krankheit als internationalen Notfall zu deklarieren, war die Verbreitung längst viel zu weit fortgeschritten, um die Katastrophe noch aufzuhalten. Am 4. September lagen 2.106 bestätigte Erkrankungsfälle und 1.050 Todesfälle vor. Der Stand drei Tage später, am 7. September: 2.639 bestätigte Erkrankungsfälle und 1.386 Todesfälle. Nachbarländer kämpfen verzweifelt gegen ein Überschwappen der Epidemie auch auf ihr Staatsgebiet, indem die Grenzen zu den betroffenen Ländern geschlossen werden. Einzelne bestätigte Erkrankungsfälle liegen aber längst auch aus manchen anderen afrikanischen Ländern vor, etwa Nigeria, dem Senegal und Benin. Ob es gelingt, eine weitere Ausbreitung zu verhindern, ist noch ungewiss. Sicher ist aber, dass in den betroffenen Ländern das Schlimmste erst noch bevorsteht.

Als die Weltgesundheitsorganisation im Sommer 2009 die Schweinegrippe zur Pandemie erklärte und die Welt monatelang in den Panikmodus versetzte, ging es um eine Erkrankung, bei der ein meist milder Verlauf längst dokumentiert war und die Zahl der dokumentierten Todesfälle im kleinen dreistelligen Bereich lag. So ist es kein Wunder, dass über eine Einflussnahme der Pharmaindustrie bei jener umstrittenen Entscheidung gemunkelt wurde, die an der Herstellung von Impfstoffen, die dann kaum gebraucht wurden, ja auch nicht schlecht verdient haben soll. Da gegen Ebola bislang weder Impfstoffe noch Medikamente entwickelt wurden, lag in diesem Fall ja vielleicht einfach kein Anreiz vor? Über die Milliardenbeträge, die von der WHO im Kampf gegen die Scheinepidemien im Bereich Ernährung/Alkohol/Tabak verpulvert werden, sodass sie nun, da eine wirkliche Epidemie vorliegt, mit dem Klingelbeutel herumgehen muss, mag man vollends gar nicht mehr nachdenken.

Vor wenigen Wochen erst hatte ich es prophezeit: Die WHO, dieselbe Organisation, die sich ihrer vermeintlichen „Erfolge“ im Kampf gegen den Tabak gar nicht genug brüsten kann – Erfolge, die auf reinen Zahlenspielereien beruhen, denn es fehlt jeder Nachweis, dass ihre Bemühungen Todesfälle verhindert haben oder künftig verhindern können –, hat kläglich versagt, sobald sie mit einer realen Bedrohung konfrontiert wurde. Die Erkrankten der letzten Wochen sind auch Opfer der Inkompetenz von Gesundheitsfunktionären, die schon so lange hauptsächlich PR-Schattenboxen gegen Scheinprobleme betreiben, dass sie gar nicht mehr wissen, wie man echte Probleme bekämpft. Das muss sich dringend ändern.

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