Raucherentwöhnung schadet Ihrer Gesundheit. Teil 1.

In einer Umfrage gaben 15 Prozent der Befragten an, sie würden für einen wirksamen Schutz vor Übergewicht auch einen zehn Jahre früheren Tod in Kauf nehmen. Ob das dieselben Leute sind, denen man den Verzicht auf das Rauchen mit dem Gewinn von acht Lebensjahren schmackhaft gemacht hat? (Grieshaber: Passivrauchen – Götterdämmerung der Wissenschaft)

Lieber tot als Raucher? Champix: Die dunkle Seite der Raucherentwöhnung

Mit dem Rauchen aufhören: Angeblich wollen das die meisten Raucher. Oft ist die Rede von siebzig bis achtzig Prozent, aber mithilfe besonders suggestiver Fragestellungen können ehrgeizige Umfrageexperten auch bis zu 96 Prozent herausbekommen. Wem drängt sich bei solchen Zahlen nicht der Gedanke auf, dass es eine besonders schwere, unheilvolle Form der Sucht sein muss, die jene Raucher daran hindert, ihre Wünsche auch umzusetzen?

In Wirklichkeit ist das natürlich alles viel komplizierter. Schon der online inzwischen nicht mehr verfügbaren Studie, die jener Sensationsmeldung mit den 96 Prozent zugrunde lag, konnte man entnehmen, dass ein Drittel aller befragten Raucher in Wirklichkeit überhaupt noch nie versucht hatte, mit dem Rauchen aufzuhören. Weitere 23 Prozent hatten es noch nicht häufiger als einmal versucht. Besondere Eile scheint die Mehrheit der Raucher also beim Rauchstopp nicht zu haben. Es handelt sich bei solchen Umfrageergebnissen dem Augenschein nach allenfalls um unverbindliche Absichtserklärungen, die möglicherweise von vielen auch nur aus Höflichkeit geäußert werden, weil es von einem Raucher einfach erwartet wird, dass er viel lieber Nichtraucher wäre. Dass in Umfragen „sozial erwünschte“ Antworten häufiger gegeben werden als „unerwünschte“ ist ein Faktor, der bei deren Auswertung viel zu selten berücksichtigt wird. Das gilt natürlich ganz besonders, wo man es aus PR-Gründen für zweckmäßig hält, wenigstens den Anschein erfolgreicher Arbeit zu erwecken, wenn man sonst nicht viel vorzuweisen hat. Die tatsächliche Erfolgsquote bei der Raucherentwöhnungsmaßnahmen liegt nämlich bei bescheidenen um die 5 bis 7 Prozent.

Gesundheitsexperten ist der Rauchstopp möglichst aller Raucher aber natürlich ein viel zu dringendes Anliegen, um sich damit zufriedenzugeben, lediglich Umfrageergebnisse durch Suggestivfragen zu beeinflussen. Aus Rauchern Nichtraucher zu machen, ist ein Ziel, das sich meinem Eindruck nach in den letzten Jahren zu einem Selbstzweck verselbstständigt hat. Das übergeordnete, eigentlich damit zu verfolgende Ziel, Krankheiten zu verhindern, ist allen Lippenbekenntnissen zum Trotz längst zweitrangig geworden. Wie anders ließe es sich erklären, dass man mit den bei der Raucherentwöhnung propagierten Mitteln auf so gefährliche Abwege geraten ist?

Normalerweise wird mit einem Suchtmittelentzug die Hoffnung verbunden, einen Menschen von einem seiner Persönlichkeit fremden Zwangsverhalten wieder zu seinem eigentlichen Wesen zurückzuführen. Paradoxerweise geht man beim Tabakentzug mit den Entwöhnungsmitteln „Champix“ und „Zyban“ genau den umgekehrten Weg. Beide Mittel sind dazu gedacht, dem Raucher die Lust auf das Rauchen zu nehmen, indem medikamentös in sein Nervensystem eingegriffen wird. Die zahlreichen Beschwerden über die Nebenwirkungen dieser Medikamente schließen auch Klagen über Persönlichkeitsveränderungen mit ein, die teilweise weit über die Behandlungsdauer hinaus anhalten können. Kennt man die Wirkungsweise der eingesetzten Wirkstoffe, ist das nicht sonderlich überraschend. Den wenigsten Patienten ist aber klar, worauf sie sich bei dieser Art der Raucherentwöhnung einlassen.

Die beiden erwähnten Medikamente sollen ihren Zweck mit unterschiedlichen Mitteln erfüllen: Zyban mit dem Wirkstoff Bupropion ist ein Antidepressivum. Chemisch gehört es in die Verwandtschaft der Amphetamine, aber auch der Katecholamine, d. h. Dopamin, Serotonin usw. Bei der Raucherentwöhnung ist es nur bei Patienten mit einer bestimmten Genvariante wirksam, während es bei anderen wirkungslos bleibt. Champix (Wirkstoff Vareniclin) beeinflusst hingegen die sogenannten Nikotinrezeptoren im menschlichen Nervensystem. Was genau dabei geschieht, ist schwer zu erklären, zumal die komplexen Wirkmechanismen noch längst nicht vollständig verstanden sind. Modellhaft können Sie sich aber vorstellen, dass Nikotinrezeptoren auf dieselbe Weise aktiviert werden wie ein Türschloss: Der Schlüssel muss passen. Ist das nicht der Fall, geschieht gar nichts. Passt er, werden die Rezeptoren aktiv.

Der Vergleich fängt allerdings an der Stelle zu hinken an, wenn zwei ähnliche Schlüssel – Nikotin und Vareniclin – existieren, die beide imstande sind, ein und dasselbe Schloss zu öffnen. Dass man, je nachdem, welchen Schlüssel man verwendet, zwei völlig verschiedene Räume betritt, passiert bei Türen allenfalls in Fantasy-Romanen. Im vorliegenden Fall bei den Nikotinrezeptoren geschieht es hingegen tatsächlich: Je nachdem, welcher der beiden Schlüssel verwendet wird, geschehen sehr verschiedene Dinge.

Die Nikotinrezeptoren haben trotz ihres Namens, der nur eine einzige Funktion suggeriert, sehr vielfältige Aufgaben. Sie steuern über die Muskelendplatte auch die koordinierte Überleitung von Nervensignalen auf den Muskel, sitzen als Hauptakteure am vegetativen Nervensystem mit seinen physischen Erhaltungs- und Notfallaktivitäten und sind im Zentralnervensystem (ZNS) sehr stark verbreitet. Man kennt inzwischen auch die Untergruppen der Nikotinrezeptoren, die via Serotonin oder Dopamin die Glücksgefühle steuern, auch für das Sättigungsgefühl und den Appetit zuständig sind und daneben auch den Mengenbedarf an Genussmitteln je nach Rezeptortyp ansteuern. Nenne man es „Gier“, „Sucht“ oder „Genuss“ – das sind letztlich alles nur Kampfbegriffe, mit denen physische Vorgänge moralisch bewertet werden, die sich der Kontrolle des Einzelnen entziehen und die auch nur schwer von außen beeinflusst werden können.

Ein komplexes System wie das Nervensystem mit einzelnen Zellgiften anzusteuern, wie dies im Moment von der Pharmakologie her getan wird, ist für den Patienten ein riskantes Spiel. Trotz fortschreitendem gentechnischem Wissen ist nämlich noch längst nicht ausreichend durchschaut, wie viele und welche Aufgaben die Nikotinrezeptoren innerhalb des Nervensystems im Einzelnen erfüllen und auf welche Weise das geschieht. Aber je mehr Fortschritte das genetische Wissen macht, desto mehr deutet darauf hin, dass sie innerhalb des komplexen nervalen Steuerungssystems, das den Menschen steuert und ihn letztendlich als bio-psycho-soziales System – also als ganzen Menschen – ausmacht, eine zentrale Stellung einnehmen. Die unselige Verhaftung im deterministischen Denken wird deutlich, wenn linear, also nach dem Prinzip: Ich mache A, und dann passiert B, mit Medikamenten in so komplexe und erst in Bruchstücken verstandene Strukturen wie Gehirn und Nervensystem eingegriffen wird. Macht man A, verabreicht also das Medikament, passiert halt nicht nur B, also, der Patient verliert die Lust auf das Rauchen. Es geschieht noch vieles mehr, und was im Einzelnen geschieht, kann bei jedem Menschen anders ausfallen. Das meiste davon ist nach heutigem Wissensstand beim besten Willen nicht vorhersehbar. Manches davon ist außerdem nicht im Sinn des Patienten und mit zum Teil lebensbedrohlichen Risiken verbunden.

Rezeptorgifte, die das vegetative Nervensystem lähmen und dadurch zu Atemlähmung und Herzstillstand führen, sind schon seit grauer Vorzeit bekannt, beispielsweise das Gift des Schierlings. Auch das Gift des Goldregens (Cytisin) bringt erhebliche zentralnervöse Nebenwirkungen mit sich, wie Psychosen und Epilepsien. Der „Champix“-Wirkstoff Vareniclin ist ein synthetischer Abkömmling von Cytisin. Er gelangte 1998 in den klinischen Versuch und hat 2006 in den USA (dortige Markenbezeichnung: „Chantix“) die Zulassung als Medikament zur Raucherentwöhnung bekommen. Ein Jahr später erfolgte die Zulassung auch in Deutschland. In den USA war Chantix ab Mai 2006 im Handel und wurde für seinen Hersteller, den Pharmakonzern Pfizer, aus dem Stand zum Kassenschlager. Bis Ende 2007 wurde das Medikament etwa vier Millionen Patienten verschrieben, und alleine im Jahr 2007 erzielte der Hersteller damit einen Umsatz von 883 Millionen Dollar. Nach aktuellen Angaben ist das Medikament derzeit in 100 Ländern zugelassen und wurde seit seiner Zulassung 18 Millionen Patienten verschrieben, darunter 9 Millionen in den USA, wo es im ersten Quartal 2014 über eine halbe Million Mal über den Ladentisch ging.

Im Jahr nach der Markteinführung, 2007, tauchten aber in Patientenforen im Internet auch schon zahlreiche Patientenberichte auf, in denen teilweise gravierende Nebenwirkungen beschrieben wurden. Ungewöhnlich rasch, nämlich schon Anfang 2008, wurde dann auch seitens der Regierungsbehörden vor einem möglichen Zusammenhang zwischen Vareniclin und einer erhöhten Suizidrate gewarnt. Im selben Jahr wurde angesichts der schweren Nebenwirkungen – neben aggressivem oder suizidalem Verhalten auch Sehstörungen, Herz-Kreislauf-Probleme und Bluthochdruck – in den USA Piloten, Fluglotsen, Busfahrern und LKW-Fahrern die Einnahme verboten. Dass Chantix im Vergleich zu anderen Medikamenten nachweislich mit einer deutlichen Zunahme von gewalttätigen Vorfällen verbunden ist, stellte eine Studie zwei Jahre später fest. Im Jahr 2011 wurde der Liste der Nebenwirkungen noch eine negative Wirkung auf das Herz hinzugefügt, eine Wirkung, die auch Cytisin aufweist. Depressionen, Selbstmorde und Selbstmordversuche, die in Zusammenhang mit verschiedenen Medikamenten standen, waren Thema einer weiteren Studie im selben Jahr. Sie brachte an den Tag, dass 90 Prozent aller dokumentierten Vorfälle im Zusammenhang mit Chantix geschehen waren, obwohl der Untersuchungszeitraum von 1998 bis 2011 dauerte und Chantix erst seit 2006 überhaupt auf dem Markt gewesen war.

Alltäglich ist es nicht, dass bei einem neu zugelassenen Medikament in so kurzer Zeit solche Häufungen schwerwiegender Nebenwirkungen zutage treten, darunter eine mindestens dreistellige Zahl von Todesfällen. Der jüngste Medikamentenskandal in Frankreich beispielsweise um das Diabetes-Medikament Mediator, das erst 2009 vom Markt genommen wurde, obwohl seine Gefährlichkeit da schon zehn Jahre lang bekannt war, betraf ein Medikament, das während eines Zeitraums von über 30 Jahren verwendet wurde. Zwischen 500 und 2000 Todesfälle unter den ca. 5 Millionen Patienten, die es einnahmen, werden ihm während dieses Zeitraums zugeschrieben.

In den USA mit ihrer Tradition millionenschwerer Schadenersatzklagen rieben sich vor allem die darauf spezialisierten Anwälte die Hände. Pfizer stand dort zeitweilig unter ähnlichem Druck wie seinerzeit die Tabakindustrie, als die Klagewelle gegen sie losbrach, auch wenn die US-Gesundheitsbehörden Warnhinweise auf dem Beipackzettel für ausreichend zu halten scheinen. Nicht zuletzt erwies sich dies auch als ein PR-Desaster: Angesichts der alarmierenden Medienberichte gingen die Umsätze zwischen 2007 und 2013 weltweit um 26 Prozent zurück . Mehr als 2700 Klagen hatte sich der Konzern zu erwehren und hat es sich einiges kosten lassen, den Klägern – geschädigten Patienten oder deren Angehörigen – mit sechsstelligen Vergleichssummen den Mund zu stopfen. Etwa 2500 Klägern wurden insgesamt um die 300 Millionen Dollar bezahlt – durchschnittlich erhielt also jeder von ihnen um die 120.000 Dollar. Der nächste Schritt der PR-Strategie des Pharmakonzerns, nämlich eine Rücknahme der Warnhinweise, gelang allerdings nicht: Kürzlich entschied die US-Gesundheitsbehörde mit überwältigender Mehrheit, sie beizubehalten.

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch, dass Pfizer von der wissenschaftlichen Welt mit aller Selbstverständlichkeit für unvoreingenommen genug gehalten wird, um selbst glaubwürdige Studien über die Gefährlichkeit des von dem Konzern verkauften Medikaments anzustellen, deren Ergebnisse im Jahr 2017 vorgestellt werden sollen. Würde ein Tabakkonzern sich dazu erdreisten, dasselbe zu tun – das gäbe einen Skandal!

Einen großen Teil der Gewinne am Medikament Chantix/Champix musste Pfizer also bereits wieder hergeben, und die Ausgaben für Werbung – 90 Millionen Dollar im Jahr 2013, liegen bei immerhin 14 Prozent des Umsatzes. Umso nachdrücklicher bemüht sich der Konzern, das Medikament in Europa optimal zu vermarkten und insbesondere als stetig sprudelnde Geldquelle die Krankenkassen zu erschließen. Noch nämlich müssen Patienten eine Raucherentwöhnung mit Champix aus eigener Tasche bezahlen. Die in letzter Zeit immer lauter werdenden Forderungen, Raucherentwöhnung zur Kassenleistung zu machen – sogar die Bundesdrogenbeauftragte hatte sich ihnen angeschlossen –, lassen sich in mindestens einem Fall auf direktem Weg zu Pfizer zurückverfolgen.

Vergleichsweise wenig war in deutschen Medien bislang über die alarmierende Datenlage zu Nebenwirkungen von Champix zu lesen. Der Spiegel brachte Ende 2007 lediglich eine kurze Notiz, als die US-Behörden erstmals in der Sache tätig wurden. Obwohl gerade in jenem Jahr Champix auch in Deutschland eingeführt worden war und man, ohne lange zu suchen, auch aus Deutschland Erfahrungsberichte von Patienten finden kann, in denen von denselben schweren Nebenwirkungen berichtet wird, wie sie auch aus den Vereinigten Staaten bekannt wurden, dauerte es bis zum November 2011, bis man sich zu einem weiteren kritischen Bericht entschließen konnte. Seither ist wieder Funkstille im deutschen Blätterwald.

Die Forderungen nach Raucherentwöhnung als Krankenkassenleistung werden hingegen regelmäßig von Neuem aufgegriffen. In der Schweiz hat Pfizer sein Ziel inzwischen erreicht: Raucherentwöhnung mit Champix ist dort jetzt eine Kassenleistung. In Deutschland steht der Erfolg der Lobbyarbeit des Konzerns noch aus. Vor einem Jahr sind aber mit Unterstützung einer gewissen „Deutschen Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung e. V.“ Gerichtsverfahren angelaufen, welche die Krankenkassen zwingen sollen, die Behandlungskosten für Rauchentwöhnungstherapien zu tragen. Zeitweise hatte die Organisation auf ihrer Website auch auf die zuvor erwähnte gleichlautende, nur notdürftig als wissenschaftliche „Studie“ kaschierte Pfizer-Forderung Bezug genommen und sie verlinkt; mittlerweile wurden alle Spuren, die zu dem Pharmakonzern führen könnten, aber beseitigt.

Angesichts der Datenlage steht man vor solchen Entwicklungen geradezu fassungslos – das gilt vor allem, wenn man parallel dazu die WHO-Kampagne gegen die E-Zigarette betrachtet, mit der bis dato nicht ein einziger Todesfall in Zusammenhang gebracht werden konnte. Wie anders als mit einer erheblichen Interessensteuerung ließe sich diese massive Unterstützung für ein Medikament denn erklären, gegen das so schwerwiegende gesundheitliche Bedenken bestehen?

In Frankreich wird jetzt im weiter oben erwähnten Fall „Mediator“ gegen die Arzneimittelaufsicht ermittelt, die das Verbot des Medikaments lange hinausgezögert hat. Den Verantwortlichen droht eine Klage wegen fahrlässiger Tötung, ein Risiko, dass ihnen eigentlich hätte bewusst sein müssen. Was die deutschen Gesundheitsbehörden, die jenes Medikament nie zugelassen hatten, dazu veranlasst, im Fall von Champix ganz ähnlich vorzugehen wie ihre französischen Kollegen, darüber kann man nur spekulieren. Da in absehbarer Zeit nicht damit zu rechnen ist, dass man Champix die Zulassung entzieht, fände ich es angebracht, dann wenigstens Schockbilder wie diejenigen, welche die EU unbedingt auf Zigarettenpackungen angebracht haben will, auch auf Champix-Verpackungen anzubringen. Auf ihnen sollte gezeigt werden müssen, was absehbar einem Teil der Patienten geschehen wird, von Horrorfilmszenen für die Albträume, die zu den häufigen Nebenwirkungen gehören, über Fotos von Autounfällen bis hin zu den Verletzungen eines Kinds, dessen Elternteil durch Champix grundlos in unkontrollierbare Wut geraten ist. Es sollte wenigstens sichtbar gemacht werden müssen, was dieses Medikament anrichten kann.

Alles, was für gewöhnlich der Tabakindustrie vorgeworfen wird, trifft auf den Pharmariesen anscheinend ebenfalls zu, der dieses Medikament auf Teufel komm raus vermarkten will. Nun könnte man in diesem Zusammenhang noch vieles über die Raffgier von Konzernen schreiben und deren Bereitschaft, über Leichen zu gehen, und sich darüber publikumswirksam aufregen. Der eigentliche Skandal liegt aber an anderer Stelle. Er besteht darin, dass gerade diejenigen, deren Aufgabe es eigentlich wäre, Menschenleben zu retten, anscheinend ebenfalls bereit sind, über Leichen zu gehen. Denn das ethische Selbstverständnis sowohl der Medizin, der Public-Health-Branche wie unserer gesamten Gesellschaft wird in seinen Grundfesten erschüttert, wenn es plötzlich als legitim gilt, die Menschenleben, die die Raucherentwöhnung mit diesem Mittel voraussichtlich selbst kosten wird, gegen die möglichen späteren vorzeitigen Todesfälle durch das Rauchen aufzurechnen und als vermeintlich nicht zu hohen Preis in Kauf zu nehmen. Wer mit dem Leben und der Gesundheit seiner Patienten wissentlich Russisches Roulette spielt, dem ist eindeutig sein ethischer Kompass abhanden gekommen.

Im Einzelfall ist es der Arzt, der entscheiden muss, ob die möglichen Nebenwirkungen des von ihm verordneten Medikaments in einem angemessenen Verhältnis zu möglichen Erkrankungen eines Rauchers im späteren Lebensalter stehen. Jedem Patienten, der den Arzt seines Vertrauens danach fragt, wie er am besten vorgehen solle, wenn er das Rauchen aufgeben wolle, ist zu wünschen, dass jener zu den Ärzten zählt, die noch über einen ethischen Kompass verfügen.

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11 Antworten zu Raucherentwöhnung schadet Ihrer Gesundheit. Teil 1.

  1. Bernd Palmer schreibt:

    Pfizer hat die Krankenkassen-Zulassung von Champix auch gleich publizistisch ausgeschlachtet:
    Zürich, 02. Juli 2013: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat Champix® (Vareniclin) auf die Spezialitätenliste gesetzt. Damit wird die seit 2006 in der Schweiz zugelassene Behandlungsoption zur Raucherentwöhnung für Erwachsene per 01. Juli 2013 von der obligatorischen Grundversicherung unter Berücksichtigung der gültigen Limitatio1 vergütet.
    http://www.lunge-zuerich.ch/fileadmin/ablage/dokumente/01_aktuell/01_news/Champix_Medienmitteilung.pdf

    Die Bedingung für die individuelle Zulassung: Bestehen einer Abhängigkeit, bei welcher der Fagerström-Test für Nikotinabhängigkeit einen Score von 6 oder mehr ergibt.
    Der Fagerström-Test ist ein einfacher Fragebogen. Die Fragen sind so durchsichtig, dass man das Ergebnis beliebig manipulieren kann. Mein Score ist 1, ohne dass ich übertrieben geschummelt hätte, ich hätte auch spielend 6 erreichen können; die Schlüsselfragen sind die Anzahl Zigaretten und die Zeit, die morgens verstreicht, bis man die erste Zigarette (b)raucht.

  2. Nur ein Mensch schreibt:

    Auch nicht zu vergessen ist die statistische Unsinnigkeit der Verteilung der Antworten bei solchen Erhebungen. Die Tatsache ist ja, dass selten eine vorher anerkannte Skala existiert, sondern diese durch die vorgeschlagenen Antworten mitgebracht wird. Wer aber sagt, dass diese Vorschläge überhaupt in der Lage sind, alle Werte zu repräsentieren, die man auf so eine Frage geben könnte? Und selbst wenn, wer sagt, dass die Antworten dann richtig skaliert sind?

    Wer kennt nicht die Fragen von gewissen Marktforschungsinstituten oder nach Werkstattbesuchen bei einem Autohaus das den Namen des Herstellers trägt? Waren Sie „außerordentlich zufrieden“, „sehr zufrieden“, „zufrieden“ oder „unzufrieden“?

    Hier sollte man sich schon fragen, warum es keine goldene Mitte gibt, die weder das eine noch das andere bevorzugt vertritt UND warum selbst die zweitschlechteste Bewertung unter 4 immer noch „zufrieden“ heißt.

    Immer, wenn einem Befragten die Antworten vorgeschrieben werden und man sich diese maximal aussuchen kann, steckt ein bestimmter Sinn dahinter.

    Und Statistiken bedeuten in der Regel immer eine Verzerrung der Realität. Wenn ein Hase auf dem Feld sitzt und ein Jäger 2 mal schießt, der erste Schuss einen Meter links vorbei geht und der zweite einen Meter rechts vorbei geht, hat der Jäger im statistischen Mittel 2 Volltreffer gelandet. Dies ändert aber nichts daran, dass der Hase erschreckt davon hoppelt und vielleicht vom nächsten Auto überfahren wird.

    Was die verschiedenen Medikamente angeht, ich weise nur mal auf Grünewald hin, so wird doch schon seit Jahrzehnten nur das allernötigste getan, um Folgeschäden auszuschließen. Aber viel schlimmer ist doch, dass die Verursacher dann meinen, mit Geld sei jeder Schaden wieder gut zu machen.

    Die Tabakkonzerne sind vielleicht ein „Opfer“ der WHO, was die Umsätze der letzten Jahre und Jahrzehnte angeht. Aber es ist nicht richtig, die einen für das selbe zukritisieren – nämlich dafür, dass sie der Aufklärung über mögliche Folgen / Schäden nicht genüge tun – , was die anderen auch getan haben. Wenn demnächst ein Beipackzettel bei der Zigarrettenschachtel Pflicht wird,
    auf dem genauestens alle Inhaltsstoffe und deren Wirkung, mögliche Nebenwirkungen und Schäden auf den Organismus erklärt werden, bin ich mit Ihnen einer Meinung, dann sollte auch auf der Verpackung von Chantix ein Bild gehören, durch das man abgeschreckt wird.

    Und vielleicht sollte die Zigarrettenindustrie noch einen Schritt weiter gehen, indem sie auch den Sinn und Zweck der Zusatzstoffe mit aufführt.
    Aber solange Big Tobacco das nicht tut, halte ich diese Darstellung als Opferrolle nicht für angemessen.

  3. Bernd Palmer schreibt:

    „Und vielleicht sollte die Zigarrettenindustrie noch einen Schritt weiter gehen, indem sie auch den Sinn und Zweck der Zusatzstoffe mit aufführt.“
    Und was genau wollen Sie mit dieser Liste der Zusatzstoffe bezwecken? Glauben Sie wirklich, dass diese Zusatzstoffe in ihrer ursprünglichen Form in der Lunge und im Körper ankommen, nachdem sie über einige hundert Grad erhitzt wurden?
    Wie sollen Konsumenten beurteilen, welche gesundheitlichen Wirkungen bei welchen Dosierungen diese Stoffe haben?
    Hier ist die Liste, deren Veröffentlichung in den USA gesetzlich vorgeschrieben ist:
    http://www.rjrt.com/tobaccoingredients.aspx

    Most of these ingredients are commonly used in foods and beverages, or permitted for use in foods by the U.S. Food and Drug Administration (FDA), or have been given the status „Generally Recognized as Safe in Foods“ (GRAS) by FDA, the Flavor and Extract Manufacturers Association (FEMA) or other expert committees.

  4. Nur Ein Mensch schreibt:

    Hallo Bernd Palmer,

    Ich freue mich, dass dieser Kommentar noch gelesen wurde. Wollen Sie behaupten, dass alle in Zigarrettentabak befindlichen Zusatzstoffe ungefährlich sind?

    Und selbst wenn, mir geht es hier ja nicht darum, die Tabakzigarrette zu Unrecht zu verteufeln, sondern eher darum, dass Forderungen nach Gleichbehandlung beider Parteien – in diesem Fall Tabakkonzerne und Pharmakonzerne – nicht einseitig betrachtet werden sollte. Der Beipackzettel steckt nun einmal in der Medikamentenschachtel und klärt doch über mehr Gefahren auf, als es die Zigarretten-Warnungen tun, die auf die Schachteln gedruckt werden oder werden sollen.

    Ferner täte es gut, wenn man dazu sagt, dass Nebenwirkungen, die auf Beipackzetteln aufgelistet werden, auch dann aufgelistet werden müssen, wenn keinerlei kausaler Zusammenhang mit der Einnahme des Medikamentes nachgewiesen werden kann.

    Also gleiches Recht für alle?

    Okay, dann ist die Frage, wer den ersten Schritt machen sollte.

    „Butter bei die Fische“! Beides sind Konzerne, beide seit Jahren auf Gewinn bedacht und keiner von beiden ist – was mein Erachten betrifft – eine Ansammlung von allgemein als „Gutmenschen“ bekannten Personen.

    Wenn es so sein sollte, dass die Verbrennungsprodukte des Zigarrettentabaks gänzlich ungefährlich sind, was spricht dann gegen einen Beipackzettel, der mindestens genauso ausführlich ist, wie der eines Medikamentes?

    Grüße,

    ein Mensch

    • Bernd Palmer schreibt:

      Ich verstehe nicht so recht, was Sie mit einem Beipackzettel wollen!
      „Wenn es so sein sollte, dass die Verbrennungsprodukte des Zigarrettentabaks gänzlich ungefährlich sind“. Im Gegenteil, es ist der Rauch der schädlich ist. Mit moderner Analysetechnik kann man im Zigarettenrauch über 10’000 chemische Stoffe nachweisen. Es sind u.a. die selben Stoffe, die man in verbrannten Salatblättern, in geräuchertem Lachs, in grilliertem Fleisch oder in Backwaren nachweisen kann. Sie würden wohl kaum dafür Beipackzettel fordern, ebenso wenig für die nachfolgenden Nahrungsmittel

      Bratkartoffeln enthalten Ethylalkohol und Kaffeesàure
      Rohe Äpfel enthalten Acetaldehyd, Benzaldehyd, Estragol, Äthylacrylat, Kaffeesäure
      Kaffee enthält B(a)P, Benzaldehyd, Benzofuran, Furan, Furfural, Wasserstoffperoxyd, Benzol
      Wein enhält Ethylalkohol, Ethylkarbamat.
      Alle diese Substanzen gelten als krebserregend … bei Ratten und in ausreichend hoher Dosis.

      Sind wir wirklich so weit, dass wir nicht mehr unbeschwert geniessen können, was uns schmeckt und gefällt, ohne gleich an Krankheit und Tod zu denken? Stellen Sie sich Leben so vor?

      Übrigens: Rauchen Sie? Wenn nicht, warum fordern Sie dann Beipackzettel?

  5. Carolus Magnus schreibt:

    @ Nur ein Mensch
    In Deutschland sterben jedes Jahr 68.000 Menschen an Falschmedikation und/oder Überdosierungen von Medikamenten. Wohlgemerkt in Krankenhäusern, also unter konstanter ärztlicher Aufsicht. Das sind weit mehr, als an illegalen Drogen UND am Tabakgenuß sterben. Mindestens zwei Drittel aller verschreibungspflichtiger Medikamente müßten zwingend den Satz «Dieses Medikament fügt Ihnen und Ihrer Umgebung schweren Schaden zu», wenn man die WHO-konstruierte Mortalitätsrate gleich ernst nehmen würde, wie beim Passivtabakrauchen. Sie werden aber auf keinem einzigen Beipackzettel, egal welchen Medikamentes, lesen: «Das Schlucken dieser Pille kann tödlich sein» – obwohl es den Tatsachen entspricht, im Gegensatz zum Passivtabakrauch! Und sofern man den reißerischen und unbewiesenen WHO-Zahlen Glauben schenken will, denn nichts andres als paar-religiöser Glaube ist die Gefährlichkeit des Passivtabakrauchkonstrukts, dann sterben jährlich noch immer mehr als 95 Prozent an Falschmedikation (68.000) als an Passivtabakrauch (3.301), obwohl bis heute kein einziger Passivtabakrauchtoter gefunden und identifiziert werden konnte. Wie denn auch?

    Wie gläubig sind Sie?

    Carolus Magnus

  6. Carolus Magnus schreibt:

    Sorry für den Formatierungsfehler – hier die Korrektur:

    dann sterben jährlich noch immer mehr als 95 Prozent an Falschmedikation (68.000) als an Passivtabakrauch (3.301), obwohl bis heute kein einziger Passivtabakrauchtoter gefunden und identifiziert werden konnte. Wie denn auch?

    Wie gläubig sind Sie?

    Carolus Magnus

  7. Pingback: Teil 2: Nicht um jeden Preis | Grieshabers Wissenschaftsdialog

  8. Pingback: Sackstark! | E-Zigarette: Unsinnige Forderung von Langzeitstudien

  9. Klaus Jacobi schreibt:

    Ich rauche seit meinem 21. Lebensjahr eine gute deutsche Marke, naturrein und ohne Filter. In den 80ern hatte ich mich entschlossen, damit aufzuhören. Einige Monate später bekam ich plötzlich Magengeschwüre, ohne daß sich im privaten oder beruflichen Umfeld oder auch in meinen sonstigen Lebensgewohnheiten etwas geändert hätte. Das habe ich 2 1/2 Jahre ausgehalten. Danach hatte ich die Schnauze voll und habe wieder mit dem „Quarzen“ angefangen. Meiner Lieblingssorte bin ich bis heute treu geblieben, hatte seit der Wiederaufnahme meiner „Sucht“ keine Magengeschwüre mehr und bestehe heute den jährlichen Fitnesstest regelmässig mit „sehr gut“. Ich bin jetzt 64 Jahre alt, habe einmal im Jahr eine Erkältung oder grippalen Infekt und kann nur kopfschüttelnd lächeln, wenn meine ständig verrotzten Nachbarn mir erklären wollen, wie ungesund mein „Laster“ ist.

  10. Nur ein Mensch schreibt:

    Hi nochmal an Euch alle!

    ich habe mich vielleicht missverständlich ausgedrückt.
    Ist jetzt aber meiner Meinung auch egal.
    Ich bin kein Freund von big pharma und auch keiner der tabakkonzerne.
    Ich fand nur, dass der Vergleich, Bilder auf die Verpackungen von Medikamenten drucken zu müssen, etwas unrealistisch, weil es dann wohl alle Medikamente haben müssten, und bei welcher Häufgkeit der möglichen NW soll da angefangen werden?
    Ist wahrscheinlich ohnehin nicht ernst gemeint gewesen, vom Autoren.

    Eigentlich will ich in diesem Post nur 2-3 Sachen mal bestätigen, nämlich den Wahnsinn, den man verfolgt, indem man aus Ursache und vermeintlich direkter Wirkung direkt einen kausalen Zusammenhang vermutet.
    Mediziner und Pharmazeuten sind ja anscheinend große Freunde von Studien und demzufolge muss ich auch annehmen, dass ihnen Statistik und Stochastik ein beherrschtes Handwerkszeug ist. Aber wie man aus solchen Annahmen „Wenn A dann folgt B“ und deren direkte Übertragung in die Anwendung folgern kann, besteht offenbar ein Zwan, den kausalen Zusammenhang als gegeben anzunehmen und Schluss.
    Da in der Statistik bei multilinearen Zusammenhängen aber häufig die Korrelation alleine nicht reicht, ist man hier auf dem Irrweg, häufig ist ein System von zusammenhängenden Größen (interkorrelation) vorhanden und die Untersuchung der Interkorrelation ist meist auch nur ein Ausschnitt aus der Realität, denn sie kann nur auf beobachtete Größen angewandt werden.
    Genauso einfach macht man es sich, wenn man folgert, dass Helicobakter Pylori Magenkrebs verursacht, nur weil er manchmal da ist, wenn der Krebs da ist. Wenn es brennt, ist manchmal auch die Feuerwehr da und wird sie deswegen als Verursacher angenommen und bekämpft?
    Man beobachtet ja keinen zeitlichen Verlauf, sondern immer nur eine Momentaufnahme und meint, dann auf die Systematik folgern zu können.
    Ich denke, es ist nicht vermessen, wenn ich sage, dass der (menschliche) Organismus für den Menschen und den Mediziner noch immer als Blackbox gesehen werden muss.
    Die Aroganz, mit der ein weißer Kittel einen Menschen dazu bringt, anzunehmen, er verstünde, was vor sich geht, dann aber dem Patienten nur bunte Pillen in den Rachen zu schmeißen, ist alarmierend.
    Wenn man dazu bedenkt, dass JEDER Pharmakonzern ein gewinnorientiertes Unternehmen der Chemieindustrie ist, man sich verinnerlicht, was vielen Menschen bei dem Wort „Chemie“ als erstes assoziiert ist (oft „Gift“, „Umweltverschmutzung“…), dass KEIN Pharmakonzern einen Eid geschworen hat, Menschen zu helfen und dass jeder Mensch, der auch nur bis 3 zählen kann, sich denken kann, dass man an einem kranken Menschen als Pharma mehr verdient als an einem gesunden, UND dass viele Studien, die als Erkenntnisgewinnung gelten, den Ärzten nach Abschluss ihres Studiums als wichtige Erkenntnisquelle dienen, sie aber von Pharmakonzernen „powered“ sind, dann kann man sich auch denken, wie viel ein Arzt tatsächlich noch zur Gesundung seines Patienten tun kann. Da vertraue ich einer „Kräuteroma“, die selbstgemachte Salben in den Alpen verkauft, 100 mal mehr.

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