Raucherentwöhnung schadet Ihrer Gesundheit, Teil 3

Teil 3: Pillen statt Zigaretten = Gesundheit?

Burn-out, gerne als reine Modediagnose ohne ernsten Hintergrund abgetan, ist vor allem eine Erschöpfungskrankheit. Gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen repräsentiert der dramatische Anstieg solcher Leiden die Folgen der heutigen Arbeitswelt, und zwar sowohl der Erwerbstätigen als auch der Erwerbslosen, denn die letzteren sind bekanntermaßen besonders gefährdet, psychisch zu erkranken. In beiden Fällen spielt der Verlust der Kontrolle über das eigene Leben eine Schlüsselrolle – über diese Wirkung sollten alle nachdenken, die aus aufrichtiger Überzeugung, Gutes damit zu tun, Kontrolle über einen weiteren Teilbereich des Lebensalltags zu erlangen versuchen. Der psychische Zusammenbruch steht aber erst am Ende einer meist langen Krankheitsgeschichte, in der der Konsum sogenannter psychotroper Substanzen oft eine wichtige Rolle spielt.

Psychotrop (oder psychoaktiv) ist, um die Wikipedia-Definition aufzugreifen, „jeder von außen zugeführte Stoff, der Veränderungen der Psyche und des Bewusstseins eines Menschen zur Folge hat“ – darunter fallen übrigens auch Kaffee und Tabak. Bei einer Erkrankung, die unter „Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen“ klassifiziert ist, kommen aber natürlich Kaffee und Zigaretten nur in seltenen Einzelfällen vor. Neben Alkohol (mit den höchsten Fallzahlen) spielen illegale Drogen von Cannabis bis Heroin und daneben Medikamente die wichtigste Rolle.

Ein auffälliger Anstieg bei der Verordnung von Psychopharmaka ist bei allen Krankenkassen ab etwa 2006 feststellbar. Im verlinkten Beispielfall der Techniker Krankenkasse begannen die Verordnungen ab 2007 vorher nicht gekannte Werte zu erreichen.

Den Diagnosedaten der Krankenhäuser kann man wiederum entnehmen, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen mit solcher Diagnose ebenfalls angestiegen ist. In der BGN fiel bei der Auswertung unserer Forschungsergebnisse wiederum auf, dass in manchen Berufsgruppen der BGN-Versicherten der Verbrauch psychotroper Substanzen in den letzten Jahren sehr viel stärker angestiegen sein muss als in anderen. Die Krankmeldungen, die uns in diesem Zusammenhang vorlagen, hatten erheblich stärker als in der Erwerbsbevölkerung zugenommen, und Krankmeldungen repräsentieren ja, was den Gesamtverbrauch betrifft, nur die Spitze des Eisbergs. Beispielhaft stelle ich dies anhand der Berufsgruppe der Köche dar.

Psychotrope Substanzen

Die Zahl der Erkrankungsfälle hat erstens bei den weiblichen stärker als bei den männlichen Köchen zugenommen. Zweitens liegen beide Geschlechter dabei klar über der übrigen Erwerbsbevölkerung. Dass die berufsspezifischen Belastungen von den Köchinnen insgesamt dennoch besser überstanden werden als von ihren männlichen Kollegen, zeigt die männliche und weibliche Altersverteilung der Köche im Verhältnis zur übrigen Erwerbsbevölkerung. Individualuntersuchungen führten uns zu der Annahme, dass die männlichen Köche ihre Psyche eher aus dem Grund stabilisierten, um es in einem ungeliebten Beruf auszuhalten (ein Wechsel ist gewünscht, aber – jedenfalls momentan – nicht möglich), die weiblichen Köche, um im Beruf durchzuhalten.

Durchschnittsalter

Auch wenn ich hierzu keine Grafiken vorliegen habe, die ich abbilden könnte: Neuere Daten für den Zeitraum 2007 bis 2012 zeigen parallel zu dem weiteren Anstieg, den auch die Krankenversicherungen für jenen Zeitraum gemeldet haben, bei den Köchinnen und Köchen weiterhin einen höheren Anstieg auf nun ungefähr 10-fach erhöhte Werte. Die Art des Berufes spielt im Verbrauch und in der Nebenwirkungsrate offensichtlich eine entscheidende Rolle.

Dem Anstieg eines Konsums psychotroper Substanzen bei den Köchen mit in einer steigenden Zahl von Fällen der Folge von Arbeitsunfähigkeit entspricht die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung mit einer Zunahme an psychischen Erkrankungen sowie der Verordnung entsprechender Medikamente als Mittel gegen jene. Beides erfolgt parallel zu einem Rückgang des Rauchens, der von einer zunehmenden sozialen Stigmatisierung der Raucher begleitet wird. Ein zufälliges Zusammentreffen, oder besteht da ein ursächlicher Zusammenhang? Es läge daneben nahe, speziell im Fall der Köche auch nach einem Zusammenhang mit den Rauchverboten zu forschen, die ab Sommer 2007 einsetzten, die Gastronomie – und zwar vor allem die Speisegastronomie – zu erheblichen Anpassungsleistungen zwang und dabei in den einzelnen Lokalen nicht selten wirtschaftliche Turbulenzen auslöste. Gesellschaftliche und individuelle wissenschaftliche Analysen solcher Zusammenhänge sind eigentlich unverzichtbar, und sie vorzunehmen, wäre Aufgabe der Epidemiologie. Noch vor 10 Jahren wären solche möglichen Zusammenhänge auch noch ganz unbefangen erforscht worden. Da dies im Fall von „unpassenden“ Ergebnissen politische und ideologische Lieblingsspielplätze wie den Kampf gegen das Rauchen in Gefahr bringen könnte, ist heute noch nicht einmal mehr eine Projektformulierung in diese Richtung möglich, und so geschieht es auch nicht. Diese beiden Fragen müssen also offen bleiben.

Die Summe aller Krankheiten scheint jedenfalls auch beim Kampf gegen das Rauchen wieder unter dem Strich gleich zu bleiben. Das ist für sich genommen noch kein Grund, sich die Haare zu raufen, wenn nämlich gefährlichere Krankheiten durch weniger gefährliche ersetzt werden oder solche, die junge Leute dahinraffen, durch andere, die erst in späterem Lebensalter auftreten. Aber ist es gesundheitlich gesehen denn wirklich ein besonders guter Tausch für die Betroffenen, wenn das Rauchen durch problematischen Konsum anderer Substanzen ersetzt wird?

Zu den Indizien, die auf einen Zusammenhang zwischen dem Rückgang des Rauchens und der Zunahme eines riskanten Arzneimittelkonsums hindeuten, gehört auch der kometenhafte Aufstieg von sogenannten Neuro-Enhancern, „Hirndoping“-Mitteln wie dem Wirkstoff Methylphenidat, vor allem bekannt unter der Markenbezeichnung Ritalin. Ritalin ist eigentlich ein Medikament, das Kindern mit ADHS, dem sogenannten Zappelphilipp-Syndrom, verordnet wird. 1944 wurde es entwickelt, geriet danach lange Zeit in Vergessenheit und wurde in den neunziger Jahren wiederentdeckt. Der Verbrauch hat sich seitdem verzigfacht.

Der Grund dafür ist nicht alleine in einer Zunahme der ADHS-Diagnosen zu finden, obwohl auch dies geschehen ist (und vielfach kritisiert wird). Ritalin hat aber parallel dazu vor allem als leistungssteigerndes Mittel bei Studenten vor dem Examen, aber auch in besonderen Stress-Berufen von sich reden gemacht. In Mode kam es in dieser Funktion, wie könnte es anders sein, zunächst in den USA. Das Präparat hatte im Jahr 2002 einen Umsatz von 196 Millionen Dollar in den USA erzielt. 2008 lag der Umsatz bereits bei knapp einer Milliarde Dollar. Über die Wirkung von Neuroenhancern war in dem verlinkten Artikel zu lesen:

„…wach und besser drauf zu sein genügt nicht mehr. Neue Wirkstoffe sollen die Gehirntätigkeit direkt anregen, indem sie Hirnzellen stimulieren. […] Solche Fähigkeiten sind gefragt in einer Arbeitswelt, für die Mittelmaß und Durchschnitt Stillstand sind. Unternehmen können immer mehr Leistungen überall auf der Welt einkaufen und deshalb werden die Jobs immer unsicherer und kaum noch planbar. Da ist es wenig erstaunlich, dass Medikamente, die den Geist schneller machen, die Stimmung aufhellen und die Belastbarkeit erhöhen, immer beliebter werden.“

Eine vergleichbare Wirkung wird von Rauchern – und zwar nicht ohne Berechtigung – auch der Zigarette zugeschrieben, deren Verbrauch bekanntermaßen rückläufig ist.

Ritalin

 

Zigarettenverbrauch

verordnte Tagesdosen

Auch wenn die Statistik der verkauften Zigaretten das Bild nicht ganz korrekt wiedergibt – seit den Steuererhöhungen ab 2002 wird der zuvor deutlich niedrigere Anteil der Schmuggelzigaretten auf zwanzig Prozent aller gerauchten Zigaretten geschätzt –: Die Bemühungen, insbesondere junge Leute vom Rauchen abzuhalten, sind bestimmt nicht völlig wirkungslos geblieben. An Gymnasien sollen sie angeblich besonders erfolgreich gewesen sein. Möglicherweise besteht dann ja auch zu folgendem Phänomen ein Zusammenhang: Unter Studenten ist nach dem TK-Gesundheitsbericht 2011 der Techniker-Krankenkasse die Verschreibung von Psychopharmaka im Vergleich zu Nichtstudierenden derselben Altersgruppe auffällig erhöht. Der Verdacht liegt nahe, dass ein Teil des Anstiegs auf „Hirndoping“-taugliche Medikamente zurückzuführen ist.

Sie meinen, ich orakle hier vieles daher, das ich so richtig ja auch wieder nicht beweisen könne? Sie haben völlig recht! Ich kann ja kaum als Einzelkämpfer im Ruhestand sämtliche Versäumnisse der Fachwelt nachholen, deren Aufgabe es eigentlich wäre, solche Fragen nach allen Regeln der Kunst zu untersuchen und damit meine These entweder zu bestätigen oder zu widerlegen. Was ich aber kann und mir nicht nehmen lasse, ist, Auffälligkeiten, die mit Händen zu greifen sind, in einen übergeordneten Zusammenhang einzuordnen und dies der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus meinen Berufszeiten ist mir dieser Umgang mit einem „Anfangsverdacht“ vertraut genug, um mir auch jetzt noch Vermutungen über Zusammenhänge erlauben zu können.

Indizien, die meine These stützen, gibt es mehr als genug. Eines davon besteht darin, dass es im Gesamtspektrum der psychischen Erkrankungen bei den Versicherten verschiedener Krankenkassen auffällige Unterschiede gibt. Im Jahre 2008 lag der Anteil der psychischen Erkrankungen an allen Krankheitstagen in der AOK bei 8,3 %. Bei der Barmer-GEK waren es 16,8%. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass in der AOK auch der Raucheranteil deutlich höher liegt als bei anderen Krankenkassen: Industriearbeiter, Mitarbeiter am Bau und in Handwerksberufen waren früher traditionell meist in der AOK pflichtversichert und sind es häufig bis heute geblieben, darunter viele Berufsgruppen mit besonders hohen Raucheranteilen. Es wäre schon interessant zu wissen, ob das nun ein zufälliges Zusammentreffen ist oder ein Kausalzusammenhang besteht. Dasselbe gilt natürlich auch für das Zusammentreffen eines sinkenden Zigarettenkonsums mit einem steilen Anstieg des Verbrauchs von Präparaten wie Ritalin.

Hirndoping hat inzwischen das Muskel- und Stoffwechsel- bzw. Hormondoping in einem solchen Ausmaß überflügelt, dass daraus der Schluss gezogen werden kann, unsere Leistungsgesellschaft sei dem Lernpensum in Schule und Hochschule sowie den Anforderungen der Arbeitswelt ohne reizabschirmende oder leistungssteigernde pharmakologische Hilfsmittel beim besten Willen nicht mehr gewachsen. Individualrisiken wie das Rauchen – so riskant sie für den Einzelnen sein mögen – aus politischer und ideologischer Motivation heraus für möglichst jedes Übel der Welt verantwortlich zu machen, ist mitursächlich dafür, dass die strukturellen Gesundheitsgefahren unserer Lern- und Arbeitswelt, die in Wirklichkeit höchstwahrscheinlich einen sehr viel größeren Teil dieser Übel verursachen, weniger Beachtung finden, als es nötig wäre, um ihnen zu Leibe zu rücken.

Das gescheiterte Präventionsgesetz, das 2013 eigentlich noch vor der Wahl durchgepeitscht werden sollte, aber vom Bundesrat abgelehnt und an den Vermittlungsausschuss verwiesen wurde, hatte genau diesen Umstand erneut komplett ignoriert und denselben falschen und seit Jahrzehnten erfolglosen Ansatz wie immer zugrunde gelegt: das widerborstige und lasterhafte Individuum durch Zuckerbrot und Peitsche von seinem hartnäckig „ungesunden Leben“ abzubringen:

  • Krankenkassen sollten zu gezielten Programmen verpflichtet werden.
  • Ärzten die Pflicht auferlegt werden, Versicherte auf einen riskanten Lebensstil hin zu untersuchen.
  • Betriebe und ihre Arbeitnehmer sollen von den Kassen Boni erhalten, wenn die Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz klappt.

Mit anderen Worten: Wer bislang mit voller Absicht einen großen Bogen um all die Präventionsangebote gemacht hat, die einem schon jetzt eher aufgedrängt als vorenthalten werden – anders ist ja kaum zu erklären, warum sie nicht in Anspruch genommen werden –, der sollte nach dem Willen des Gesetzgebers künftig effektiver als bislang drangsaliert und dadurch mürbe gemacht werden, seine Verweigerungshaltung möglichst aufgeben und „freiwillig“ ein „Angebot“ annehmen, das in Wirklichkeit längst keinen normalen Angebotscharakter mehr gehabt hätte.

Aber das war noch längst nicht alles. Die Krankenkassen sollten

auf konkrete Gesundheitsziele verpflichtet werden, darunter auch die Senkung des Erkrankungsrisikos für Diabetes mellitus Typ 2 sowie die Reduzierung des Tabakkonsums.

Die eingesetzten Mittel wären also dieselben wie seit vierzig Jahren gewesen, nur die Intensität ihrer Anwendung sollte wieder einmal gesteigert und gleichzeitig aber eine Erfolgsverpflichtung eingeführt werden. Da jene Mittel aber seit vierzig Jahren notorisch erfolglos sind, fragt sich, auf welche Weise die Krankenkassen dann einer solchen Verpflichtung nachgekommen wären, die sie absehbar beim besten Willen so nicht erfüllen können. Man musste kein Prophet sein, um kommen zu sehen, dass Benachteiligungen bei der Krankenversicherung für Übergewichtige und Raucher bei Zustandekommen dieses Gesetzes bald wieder öffentlich diskutiert und vielleicht diesmal wirklich umgesetzt worden wären, aus schierer Verlegenheit der Krankenkassen über die unerfüllbaren Pflichten, die ihnen auferlegt wurden.

Aus diesem Grund trauere ich als Präventionsfachmann jenem Präventionsgesetz nicht weiter nach. Der Gesundheit jener beiden Gruppen, der Raucher und der Übergewichtigen, hätte es vollends gar nichts genützt, sich untauglichen bis gesundheitsgefährdenden Bußübungen unterwerfen zu müssen, finanziell geschröpft werden und zusätzlich unausweichlich einem stigmatisierenden Effekt ausgesetzt zu sein, der geeignet gewesen wäre, soziale Isolation hervorzurufen oder zu verstärken. Die gesundheitliche Wirkung von Einsamkeit wurde aber als ebenso gesundheitsgefährdend wie aktives Rauchen eingestuft. Tödlich sein kann nachweislich auch der Nocebo-Effekt, die finstere Kehrseite des bekannteren Placebo-Effekts. Alles nur alberner Hokuspokus? Erklären Sie das einmal Ihrem Gehirn, denn dort können die Spuren der negativen Nocebo-Botschaft ebenso wie die der positiven Placebo-Botschaft gemessen werden.

„Mit ihren Worten können Ärzte […] nicht nur heilen und lindern, sondern auch verletzen und sogar töten“, umreißt Werner Bartens das Problem in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung und in einem anderen Artikel: „Voreilige Diagnosen können ebenso massiv schaden wie übertriebene Warnungen vor Risiken und Nebenwirkungen von Medikamenten oder Therapien.“ (Hervorhebung durch mich) Das gilt sogar für Dinge, die kleingedruckt in einem Beipackzettel stehen. Wie sollte es dann ausgerechnet für die pausenlos über alle Medien verbreiteten Botschaften zur Tödlichkeit des Rauchens nicht gelten? Und wie sollte eine Steigerung der Anzahl und Intensität solcher Botschaften, etwa in Form der auf EU-Ebene beschlossenen Schockbilder auf Zigarettenschachteln, als Wirkung nicht mindestens denselben Schaden wie die Beipackzettel verursachen?

Wie viele vermeidbare Todesfälle pro Jahr produziert die WHO wohl gerade zusätzlich zu denen, die tatsächlich durch das Rauchen ausgelöst werden? Der Satz „Raucher sterben früher“ war vermutlich noch nie richtiger als gerade heute, seit die WHO angefangen hat, ihre Ausstoßung aus der Gesellschaft voranzutreiben, und sollte sich, wie sich möglicherweise schon abzeichnet herausstellen, dass die Lebenserwartung von Rauchern in den letzten zehn Jahren im Vergleich zu Nichtrauchern tatsächlich gesunken ist, braucht niemand nach weit hergeholten Erklärungen zu suchen, denn sie liegen auf der Hand.

Inzwischen wurde ein neuer Anlauf genommen und ein Gesetzentwurf für ein Präventionsgesetz publiziert, der aber in dieselbe falsche Richtung geht. Es wurde sogar bereits Kritik daran laut, die in dieselbe Richtung wie meine zielt:

„Es gibt eine große Übersicht von einer Forschungsgruppe namens Cochrane Collaboration, und diese Kollaboration hat sich darum bemüht, die Studien, die es in den vergangenen Jahren gab, dass diese Studien allemal zusammen gerechnet wurden, und da zeigt sich kein Vorteil. Man sieht keine Veränderung in der Mortalität. Kritiker haben gesagt, das sind ja alles Studien, die sind schon zwanzig Jahre alt. Ja, das ist richtig. Aber umgekehrt muss man fragen, gibt es denn irgendwelche neueren Studien, die zeigen, dass man vielleicht jetzt mit neueren Methoden, ob man da jetzt irgendwas mehr erreichen kann.“

In welchem Ausmaß die WHO-Mission einer Bekämpfung vermeintlich lebensstilbedingter nichtübertragbarer Krankheiten – und damit auch der Bekämpfung von Menschen, die den bekämpften Lebensstil pflegen – neuerdings von der Realität ad absurdum geführt wird, zeigt der Warnruf ausgerechnet eines ihrer eigenen Wissenschaftler im Public-Health-Bereich, Martin McKee: Messbar stärker als bislang gefährdet sei die Gesundheit der Europäer neuerdings nämlich auch durch die Finanzkrise, wird McKee quer durch alle Medien zitiert: „Wir sehen die Rückkehr von Malaria nach Griechenland, das Auftauchen von Dengue-Fieber dort“, so McKee, „wir sehen eine explosionsartige HIV-Epidemie in Griechenland infolge eines Anstiegs intravenösen Drogenkonsums.“ Daneben kam es vor allem in den besonders stark von der Finanzkrise betroffenen Länder wie Griechenland, Spanien und Portugal auch zu steigenden Selbstmordraten.

Einen Übeltäter hatte McKee auch schon ausgemacht: Die EU-Kommission und die Rosskur der Sparpolitik, der sich Krisenländer unterziehen müssen und die auch das Gesundheitswesen betreffen. Was ihn dabei besonders in Harnisch bringt: Eine Überprüfung der gesundheitlichen Folgen, zu der die EU eigentlich verpflichtet wäre, fand bislang nicht statt. Der Wissenschaftler geht deshalb sogar so weit, der EU-Kommission sowie einzelnen Mitgliedsstaaten Verschleierungstaktiken im Stil der Tabakindustrie vorzuwerfen, ein Vorwurf, dessen Stichhaltigkeit ich an dieser Stelle nicht beurteilen will. Allerdings kann ich mir den Hinweis nicht verkneifen, dass die WHO sich damit natürlich ins Glashaus setzt, da ihr selbst solche Taktiken ja auch nicht fremd sind.

Korrekt dargestellt wurde von McKee allerdings indirekt die Tatsache, dass die sogenannten „lebensstilbedingten nichtübertragbaren Krankheiten“ das sind, was übrig bleibt, wenn es in einem Land eine gut funktionierende medizinische Versorgung gibt. Was die Alternative dazu ist, erleben wir, wenn wie in einigen EU-Ländern als Folge der Finanzkrise eine solche Versorgung nicht mehr finanzierbar ist. Wir sollten uns nicht zu sicher sein, dass nicht auch bei uns solche Zustände eintreten könnten, denn die unerbittliche Durchökonomisierung hat auch in unserem Gesundheitssystem bereits erhebliche Verwüstungen angerichtet, ohne freilich dessen Kosten zu senken. Wenn zum Beispiel eine Klinik wie ein gewinnorientiertes Unternehmen arbeiten muss, dann tut sie das ohne Bedenken auch auf Kosten der Krankenkassen und der Patienten, und in viel zu vielen Fällen auch zum gesundheitlichen Schaden der letzteren.

Und was eigentlich, wenn die nächste Epidemie einer lebensgefährlichen ansteckenden Krankheit ein höheres Ansteckungsrisiko mit sich bringen sollte als das jetzt in Westafrika wütende Ebola? Schon mit den wenigen Ebola-Fällen, die in Europa und den USA aufgetreten sind, wirkten die betreffenden Gesundheitssysteme, aber auch die Öffentlichkeit heillos überfordert. Die heutige Konzentration auf nichtübertragbare Krankheiten wäre in einem solchen Fall so oder so rasch Geschichte, aber man sollte nicht damit rechnen, dass die strukturellen Fehlanreize innerhalb unseres Gesundheitssystems sich nicht noch für einen viel zu langen Zeitraum ungünstig für eine solche Notfallsituation auswirken würden. Es gäbe also viele gute Gründe für eine umfassende Neuordnung des Gesundheitssystems – einschließlich eines Präventionsgesetzes, das frei von der Illusion ist, es sei möglich und sinnvoll, den einzelnen Patienten zu seinem vermeintlichen Glück zu nötigen.

Es sei in diesem Zusammenhang auch daran erinnert, dass es die WHO selbst ist, die „Gesundheit“ einmal folgendermaßen definiert hat: „…ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Diese WHO-Definition hat ihre bedenklichen Seiten. Nach ihr ist Gesundheit nämlich ein genaugenommen für niemanden erreichbarer fiktiver Zustand, und wir sind alle miteinander krank – was wiederum unserem Idealzustand in den Augen der Pharmaindustrie entgegenkäme, für die es ja am vorteilhaftesten ist, uns weder durch einen frühzeitigen Tod noch durch fehlenden Bedarf an ihren Produkten als Konsumenten zu verlieren. Aber dass Gesundheit nicht alleine aus dem Ausbleiben von Krankheiten besteht, ist völlig korrekt. Es wäre zu wünschen, dass die WHO eines Tages auch noch zu der Einsicht kommt, dass sie ebenso nicht alleine von Blutdruck, Cholesterinwerten, BMI und Lungenfunktion abhängt, dass ein Raucher bei ansonsten gleichen gesundheitlichen Voraussetzungen nicht zwangsläufig weiter von dem fiktiven und unerreichbaren Idealfall entfernt ist als ein Nichtraucher und dass ein Ex-Raucher sich unter Umständen gerade durch den Rauchstopp weiter davon entfernt haben kann.

Eine heikle Teilproblematik in diesem Zusammenhang ist aber auch die Frage, wie eigentlich Lebensqualität (nämlich „geistiges und soziales Wohlbefinden“ während der Lebenszeit) und -quantität zueinander ins Verhältnis gesetzt werden müssen. Angenommen, ein Mensch verliert zehn Lebensjahre, wie es ja dem Raucher zugeschrieben wird, kann aber zuvor siebzig Jahre ein gutes Stück näher an dem von der WHO propagierten Idealzustand verbringen: Ist es dann ethischer, ihn achtzig schlechtere Jahre leben lassen zu wollen, als es ihm eigentlich möglich wäre, oder sind siebzig bessere Jahre vorzuziehen? Und wer soll darüber eigentlich entscheiden dürfen? Ein selbsternannter Experte für das, was im Leben des Menschen als gut, richtig und erstrebenswert zu gelten habe – oder nicht vielleicht doch eher der Betroffene selbst, der dieses Leben führt?

Im Rahmen berufsethischer Überlegungen habe ich mir die WHO-Definition zur Gesundheit vor vielen Jahren selbst zu eigen gemacht. Dass sie von der Nachfolgegenerationen ihrer Schöpfer pervertiert und verraten wurde, ist einer der Gründe, warum ich als wissenschaftlicher Deserteur in diesem von der WHO ausgerufenen Weltkrieg gegen die Raucher erscheine, in dem Wissenschaft und Medien sich so bereitwillig als Hilfstruppen missbrauchen lassen, oft sogar gegen besseres Wissen.

Raucher sind genauso wertvolle Menschen wie Nichtraucher, und das friedliche soziale Miteinander beider, wie es vor dem WHO-Einsatz ganz normal war, halte ich für ein hohes Gut. Seine mutwillige Zerstörung im Namen eines Gesundheitsbegriffs, der gar nichts mehr mit der WHO-Definition zu tun hat, ist ein Akt sinnloser Gewalt am sozialen Gefüge, mit dem die WHO all ihre hehren Ziele ad absurdum führt. Denn im Falle des Rauchens wird von ihr ausschließlich mit der „Freiheit von Krankheit“ argumentiert, die jede Zerstörung geistigen und sozialen Wohlbefindens rechtfertige. Und noch nicht einmal jenes Versprechen der Befreiung von Krankheiten löst sie in Wirklichkeit ein. Denn jedes Mal, wenn die WHO eine neue Attacke gegen das soziale Wohlbefinden der Raucher reitet, bleibt dennoch die überwältigende Mehrheit der Raucher dabei, weiterzurauchen und damit die gesundheitlich negativen Wirkungen der Attacke zusätzlich in Kauf zu nehmen. Wie es aber um die Freiheit von Krankheit bei den anderen ein bis zwei Prozent bestellt ist, die dem Druck nachgeben, darüber kann man allenfalls spekulieren, da niemand sich ernsthaft mit dieser Frage befasst.

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