Ich zähle täglich meine Sorgen, denn ich sorg‘ mich sehr…

Prof. Günter Ropohl im Interview

Was Anfang der 60er Jahren im Schlager – übrigens von keinem Geringeren als Peter Alexander Schmalz triefend geträllert – sorglos unterhaltsam und damit spöttisch als triviale Liebelei abgetan wurde, ist ein halbes Jahrhundert später längst das beherrschende gesellschaftliche Thema geworden. Man sorgt sich über Dies und Jenes. Über Großes und Kleines. Über Wichtigkeiten oder Banalitäten. Meist jedoch nur ob Nichtigkeiten. Somit nicht selten wider jede Vernunft: Denn je sicherer unsere Welt statistisch betrachtet von Tag zu Tag wird, umso größer wird anscheinend unsere Angst.

besorgnisgesellschaftGünter Ropohl, Technikphilosoph und Verfasser von diversen Monographien, hat die Problematik in seinem neuen Buch aufgegriffen. „Besorgnisgesellschaft“ lautet der Titel seines kürzlich im Berliner Parados Verlag erschienenen Werkes. Es handelt von einer – beinahe global entwickelten – German Angst im Allgemeinen sowie von einem in dessen Fahrwasser prächtig gedeihenden Kampf gegen vermeintliche gesellschaftliche Laster im Besonderen. Einem mitunter irrational anmutenden Kampf gegen Süchte und Genüsse jeglicher Couleur – im Konkreten aber: die Tabakwaren.

Grund genug, den Autor um ein Gespräch unter vier Augen zu bitten:

 

Frage: Herr Professor Ropohl, haben Sie eine Verschwörung aufgedeckt?

Antwort: Das wäre zu viel gesagt. Inzwischen wird die Tabakbekämpfung („tobacco control“) in aller Öffentlichkeit betrieben.

Zu Beginn war dies anders?

In den Anfängen hatte sie verschwörungsähnliche Züge. Schon 1975 hat eine Konferenz der Weltgesundheitsorganisation ein Programm entworfen, das seither planmäßig verwirklicht worden ist. Dazu gehören: die Umdeutung des Rauchens in eine sozialschädliche Suchtkrankheit; die gesellschaftliche Stigmatisierung und Ausgrenzung der rauchenden Menschen; die Verbreitung der Behauptung, Spuren von Tabakrauch würden Nichtraucher ernsthaft gefährden (also die Lehre vom „Passivrauchen“, für die es 1975 noch nicht einmal sogenannte „Studien“ gab); die Kriminalisierung der Tabakindustrie; drastische Preiserhöhungen für Tabakwaren; usw. usw.

Das heißt, die Anfänge der Nichtraucherbewegung fanden ausschließlich hinter verschlossenen Türen statt?

In der amerikanischen Bevölkerung hat es natürlich immer tabakkritische Bewegungen gegeben, die Anfang des 20. Jahrhunderts schon einmal zeitweilige Rauchverbote in mehreren Bundesstaaten durchgesetzt hatten. An den Plänen von 1975 war aber nur eine kleine Gruppe von Tabakgegnern beteiligt, und die breitere Öffentlichkeit blieb außen vor. Auch die Strategie, auf dieser Grundlage ein weltweit verbindliches Abkommen durchzusetzen, war der Öffentlichkeit kaum bekannt. Wenn diese Strategie erfolgreich war, hat es dafür bestimmt eine gehörige Hinterzimmerdiplomatie gebraucht, einschließlich verschiedenartigster Pressionen gegen Personen, Organisationen und Staaten. Da liegt der Verschwörungsverdacht nahe.

Dennoch ist es dieser Gruppe gelungen, bereits in den 70ern Kojak das Rauchen im Fernsehen „abzugewöhnen“, um nicht zu sagen, zu verbieten, und dem beliebten TV-Ermittler einen nicht weniger berühmten Lolli aufzuzwingen.  So unbedeutend kann diese „kleine Gruppe“ von Tabakgegnern also schon damals nicht gewesen sein, zumindest nicht in den USA.

Zum Fall Kojak kann ich nichts sagen. Allgemein ist im Hollywood-Kino bis Anfang des neuen Jahrtausends kräftig geraucht worden und wird es teilweise immer noch. Es wäre doch auch sehr unrealistisch, die Gewohnheiten von Millionen Menschen von der Leinwand zu verbannen.

Jedenfalls hätte das anfängliche Komplott wenig gebracht, wenn es nicht später in der aufkommenden „Gesundheitsreligion“, die ich als „Sanitarismus“ bezeichne, starke Resonanz gefunden hätte. Das ist die These meines Buches: Die Tabakbekämpfung speist sich gleichermaßen aus der Horrorpropaganda von Gesundheitsfunktionären und aus der übermäßigen Gesundheitsbesorgnis weiter Teile der Bevölkerung.

Auf den letzten Punkt möchte ich gleich näher eingehen. Doch zuvor sollten Sie den Begriff „Sanitarismus“ erklären.

Als „Sanitarismus“ bezeichne ich eine inzwischen verbreitete Ideologie, die den Wert der Gesundheit verselbständigt und darüber alle anderen Werte eines guten Lebens und demokratischen Gemeinwesens – Freiheit, Gerechtigkeit, Vernunft, Lebensfreude usw. – hintanstellt.

Kampagnen gegen das Rauchen – mit Bestandteilen, die man Horrorpropaganda nennen kann – gab es ja schon vor 1975. Passivrauchen spielte aber erst viel später eine Rolle. In Deutschland war noch vor zehn Jahren nicht einmal der Begriff allgemein bekannt, aber in den USA wurde das Rauchen im Flugzeug schon in den achtziger oder spätestens Anfang der neunziger Jahre verboten. Dabei ging es bestimmt auch schon um Passivrauchen. Warum eigentlich wurden die Vereinigten Staaten in dieser Angelegenheit zum Vorreiter?

Da werden mehrere Gründe zusammengekommen sein. Erstens war wohl schon damals in den USA eine geradezu hysterische Gesundheitsbesorgnis verbreitet. Zweitens hängt fast die Hälfte der Bevölkerung christlich-puritanischen Sekten an, in denen Genussfeindlichkeit und Askese gepredigt werden; vielfach gilt jedes unbeschwerte Vergnügen (Tanzen, Kartenspielen, Trinken, Rauchen usw.) als sündhaft. Drittens haben viele Amerikaner ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein und meinen, mit der Lebensweise, die sie selbst für richtig halten, die ganze Welt glücklich machen zu müssen. Schließlich gibt es dort wohl häufiger als anderswo unbeirrbare „Predigerfiguren“, in den erwähnten Sekten ebenso wie in anderen organisierten Gruppen, die mit der Verkündigung ihrer Botschaft sozusagen nebenbei auch ganz gut verdienen. All das war natürlich ein Nährboden, auf dem die Tabakbekämpfung erfolgreich gedeihen und sich über die amerikanisch dominierte Weltgesundheitsorganisation international verbreiten konnte.

Dabei ist der Gesundheitsschutz doch – und mit ihm der Verbraucherschutz – ein sehr erstrebenswertes Gut und nicht per se eine Ideologie. Ein Gut, für das noch vor wenigen Jahrzehnten – und ich denke: zu Recht – energisch gestritten wurde. Nicht selten gegen mannigfaltige Widerstände. Man denke beispielsweise an Ralph Naders Kampf gegen die amerikanische Automobilindustrie in den 60er und 70er Jahren. – Was hat sich aus Ihrer Sicht gesellschaftlich Entscheidendes geändert, dass sich ein im Grunde sinnvoller, in vielen Bereichen sogar notwendiger Gesundheitsschutz zu einem, wie Sie es titulieren, äußerst fragwürdigen Sanitarismus entwickelt hat?

Verbraucherschutz hat nicht nur mit Gesundheit zu tun. Da gilt es vor allem, die Verbraucher vor schlechter Produktqualität zu schützen, weil sie das selber oft kaum beurteilen können. So ist es auch richtig, wenn Verbraucher über problematische Praktiken der Lebensmittelindustrie aufgeklärt werden. Inzwischen aber meinen manche Verbraucherschützer, sie wären zur Krankheitsprävention berufen. So haben sie durchgesetzt, dass auf Verpackungen lange Listen von Inhaltsstoffen – möglichst klein gedruckt übrigens – genannt werden müssen, mit denen der Durchschnittsmensch überhaupt nichts anfangen kann. Gerade eben noch konnte verhindert werden, dass dort farbige Punkte nach Art einer Verkehrsampel erscheinen sollten, beispielsweise ein Rot für „gesundheitlich bedenklich“ (wie immer das zu definieren wäre).

Was konkret stört Sie an dieser „Gesundheitsampel“?

Das wäre viel zu pauschal. Was würde denn „rot“ bedeuten? Zu viel Salz? Zu viel Fett? Zu viel Zucker? Wer würde die Grenzwerte festlegen? Und für wen? Was für den schlechten Fettverwerter vielleicht zu viel ist, macht einem anderen Menschen gar nichts aus. Mit einem Wort: Die „Ampel“ würde nicht aufklären, sondern irreführen.

Dass manche Verbraucherschützer inzwischen allein die Gesundheit in den Mittelpunkt ihrer Betätigung stellen, darin sehe ich einen Ausfluss des Sanitarismus. In ihm kommt ein gesellschaftlicher Wertwandel zum Ausdruck, der zunächst einmal festgestellt werden muss. Erklären kann man das wohl nur mit sozialpsychologischen Vermutungen, etwa damit, dass ein möglichst langes gesundes Leben den Menschen jenes Heil ersetzen soll, das früher die Religionen für das Jenseits versprochen hatten und an das heute viele nicht mehr glauben.

Sie verwenden in diesem Kontext häufig den Begriff „Religion“. Hat das Streben nach vollkommener, möglichst langer Gesundheit etwa den Charakter einer Ersatzreligion angenommen? In einer Zeit, in der die klassischen Religionsgemeinschaften – zumindest in Mitteleuropa – mehr und mehr an Bedeutung verlieren …

Davon bin ich überzeugt.

Ich tue mich dennoch schwer damit, übertrieben gesundheitsbewussten Mitmenschen allein ob ihrer Gesundheitsfürsorge eine Spiritualität zu unterstellen. Auch der römische Dichter Juvenal, dessen bekanntes Zitat „mens sana in corpore sano“ (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper) in diesem Kontext oft und gerne angeführt – um nicht zu sagen: missbraucht – wird, dürfte das ähnlich gesehen haben. Juvenal war schließlich weniger ein Vertreter moralisierender Weisheiten denn Satiriker …

Die Gesundheitsgläubigkeit ist eine Ersatzreligion, und da muss man wohl angeben, wie das beschaffen war, was davon ersetzt wird. Es sind, scheint mir, typische Elemente einer vor allem christlichen Religionsauffassung, die dem größten Teil unserer Zeitgenossen in Kindheit und Jugend sozusagen andressiert wurde: die Idee des ewigen Heils, die Vorstellung von der Schuldbeladenheit des menschlichen Daseins („Erbsünde“), das Programm der Erlösung durch asketische Selbstdisziplin und gute Werke, insgesamt die Überzeugung, dass der Mensch eigentlich schlecht ist und nur dann Aussicht auf die ewige Seligkeit hat, wenn er gewissenhaft das „Böse“ meidet und das „Gute“ tut, sowie die Gewissheit, mit diesen Ideen ein besserer Mensch zu sein als die „Heiden“.

Aber eine derartige Religionsauffassung ist doch einer Mehrheit längst nicht mehr bewusst …

Die meisten haben diese Vorstellungswelt sozusagen mit der Muttermilch in sich aufgenommen. Man muss sich nicht unbedingt auf Sigmund Freud berufen, um anzunehmen, dass eine solche Prägung der frühen Jahre viele ihr ganzes Leben lang begleitet, auch wenn sie besondere Glaubenslehren über ein höchstes Wesen, eine alleinseligmachende Kirche usw. längst hinter sich gelassen haben. Es ist diese den meisten kaum bewusste Bodenhefe, die unentwegt weiterwirkt und sich neue Gärgefäße sucht.

Jetzt muss man jene Elemente der Religiosität bloß in die Sphäre der Gesundheit übersetzen, und man hat das Syndrom des Sanitarismus: „Erbsünde“ = Krankheit, „Heil“ = ewiges Wohlbefinden, „Askese“ = Verzicht auf genussvolle Lebensfreuden, „gute Werke“ = ständige Arbeit an der körperlichen Vortrefflichkeit, „Gewissen“ = fortgesetzte Prüfung der eigenen Heilsbemühungen, schließlich die Unduldsamkeit gegenüber den „Heiden“, die den Gesundheitskult ignorieren. Die Ersatzreligion des Sanitarismus füllt jene Leerstelle, die von den herkömmlichen Religionen zurückgelassen wurde.

Augenzwinkernd möchte ich mit einem Satz des Philosophen Herbert Spencer antworten, der mir ansonsten inhaltlich eher fremd ist: „Es sollte angestrebt werden, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohnt.“ – Aber ist die von Ihnen angeführte Gesundheitsbewegung nicht in sich inkonsequent? Sie stürzt sich zwar energisch auf das Sucht- und Genussmittel Nikotin und trägt dafür Sorge, dass sich die Menschheit künftig auf dem Oktoberfest in klinisch rauchfreier Luft dem Suff hingeben kann, aber gegenüber anderen, nicht minder gefährlichen Genussmitteln scheint sie zu schweigen. Um zwei Beispiele zu nennen: Fastfood oder Zucker.

Das sehe ich anders. Beim Tabak sind lediglich die gesetzlichen Verbote schon besonders drastisch geworden. Doch bei den anderen Reizthemen – Alkohol, Fett, Zucker, Salz – sind die Sanitaristen doch längst auf dem Vormarsch. Hier ein paar Beispiele, die mir zufällig bekannt sind: Verkaufsverbot für alkoholische Getränke in den Nachtstunden in Baden-Württemberg, Buttersteuer in Dänemark, Mengenbegrenzung für zuckerhaltige Erfrischungsgetränke in New York, Salzstreuerverbot in mexikanischen Restaurants. Die Liste ließe sich wohl beliebig verlängern. „Inkonsequent“ sind die Sanitaristen überhaupt nicht. Sie sind von der fürchterlichen Konsequenz, die allen Fundamentalisten eigen ist.

Ich bezweifle keineswegs die Konsequenz von Fanatikern oder Fundamentalisten. Für mich macht es dennoch einen Unterschied, ob eine Minderheit eine gesellschaftliche Veränderung durchsetzen möchte oder ob ihr dies bereits geglückt ist. – Manch Außenstehender dürfte sich zudem fragen, wie konnte es zu diesem gesellschaftlichen Wandel – der auch eine zentrale Rolle in Ihrem neuen Buch einnimmt – kommen? Was hat in den letzten zwei, drei Jahrzehnten den … Sie sagen: Sanitaristen, ich verwende lieber den Begriff „übertrieben Gesundheitsbewussten“ … derart in die Hände gespielt, dass plötzlich der Boden bereitet war für ein umfassendes Rauchverbot oder für erste umfangreiche Alkoholbeschränkungen in der Öffentlichkeit. Bei Letzterem scheint Baden-Württemberg ja eine gewisse Vorreiterrolle eingenommen zu haben.

Natürlich scheinen uns Veränderungen in öffentlichen Meinungen und Vorlieben ziemlich geheimnisvoll. Bekanntestes Beispiel ist die Mode. Wie kommt es etwa, dass sich dieses Jahr fast alle jungen Frauen in hautenge Hosen zwängen? Ich weiß gar nicht einmal, wie sie das mit dem Anziehen und Ausziehen bewerkstelligen; auf jeden Fall muss es lästig sein. Die ersten, die damit angefangen haben, wurden als Vorbilder angesehen, und alle anderen machten es nach. So geht es auch mit Wertvorstellungen und Vorurteilen. Wie etwas tonangebend wird, ist schwer verständlich, aber sobald es so wahrgenommen wird, will niemand mehr als Abweichler gelten. An einer Theorie der öffentlichen Meinung haben sich Leute wie Hermann Haken und Elisabeth Noelle-Neumann versucht, aber so wirklich schlüssig ist das alles nicht. Mit einem Wort: Ihre Frage, wie „herrschende Meinungen“ mehr oder weniger plötzlich aufkommen, kann die Wissenschaft bislang nicht befriedigend beantworten. Schon Theodor Fontane soll gesagt haben: „Wenn eine Dummheit zur Mode geworden ist, kommt keine Klugheit dagegen an“. Im konkreten Fall muss ich meine Vermutung wiederholen, dass religiöse Bedürfnisse, die von den Kirchen nicht mehr befriedigt werden, sich neue Erfüllungsfelder suchen.

Eine Modewelle ist eine Sache, zudem meist eine sehr temporäre, eine gesellschaftliche Veränderung hingegen greift m. E. viel tiefer. Modetrends kommen und gehen. Was heute noch hip ist, kann morgen sehr schnell out und ebenso schnell uninteressant oder langweilig sein. Mich stören nicht die „herrschenden Meinungen“ bzgl. eines zeitlich begrenzten und somit vergänglichen Trends – gegen den kann sich ein Jeder leicht wehren. Man kann ihn mitmachen, oder es einfach sein lassen. Punkt. Aus. – Mich besorgt die „herrschende Meinung“ in Bezug auf einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Ein Wandel, der derzeit geprägt scheint von einem übertriebenen Gesundheits- und Sicherheitsbedürfnis – oft bar jeder Vernunft. Wenn ich mich diesem widersetze, verweigere ich mich nicht einfach einem modischen und vergänglichen Trend, ich verweigere mich vielmehr den …  so wirkt es jedenfalls … den hehren Prinzipien Gesundheit und Sicherheit. Und wer könnte gegen diese Grundprinzipien irgendetwas haben? Sprich: Ich sorge mich nicht genug, wenn ich mich weigere, ich schließe mich de facto aus … aus der Besorgnisgesellschaft.

Ist die Besorgnisgesellschaft eine langfristige Tendenz oder eine kurzfristige Mode? Das kann heute niemand mit Sicherheit voraussagen. Gewiss ist lediglich, dass sich auch länger währende Tendenzen in der gleichen Art und Weise aufbauen wie Moden. Die Kleidermode, die sich tatsächlich in sehr kurzen Zyklen ändert, ist bloß ein banales Beispiel. Mittelfristige Modezyklen gibt es nicht nur in der öffentlichen Meinung, sondern sogar in Wissenschaft und Philosophie. Beispielsweise war Martin Heidegger vor 30 Jahren für die meisten ein wolkiger Kryptofaschist. Gegenwärtig sind Heerscharen von jüngeren Leuten am Werk, in Heideggers geheimnisvollem Raunen die tiefste Weisheit erkennen zu wollen. Und möglicherweise kippt nach Veröffentlichung seiner tatsächlich kryptofaschistischen Tagebücher diese Vergötterung auch schnell wieder um. Selbst die Aufklärungsphilosophie, die wohl wirklich ein säkularer Fortschritt des abendländischen Denkens ist, die sich dem Diktat unvernünftiger Moden und Vorurteile stets widersetzt hat und die natürlich den Hintergrund für meine Kritik der Besorgnisgesellschaft bildet, wird von eilfertigen Zeitgeistschlingeln inzwischen als überholte Mode denunziert, die der Beliebigkeit der „Postmoderne“ zu weichen habe. Es ist wirklich nicht einfach, gegenüber dem „Pluralismus“ der Marktschreier einen kühlen Kopf zu bewahren.

Oder, um Albert Einstein ins Spiel zu bringen: „Es ist schwieriger, eine vorgefertigte Meinung zu zertrümmern, als ein Atom.“ – Gesundheitshysterien mit moralischem Anstrich gab es ja schon früher, man denke etwa an die Warnungen bezüglich Masturbation und Rückenmarksschwindsucht im 19. Jahrhundert. Und irgendwann nahm das ein Ende. Wenn ich Sie richtig verstehe, besteht also durchaus noch Hoffnung, dass das auch in diesem Fall eines Tages geschehen wird?

Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat zur Tabakbekämpfung einmal gesagt, in 20 Jahren sei der ganze Spuk vorbei. Vielleicht hat er ja Recht, doch manche von uns, wie wohl auch Schmidt selbst, würden das nicht mehr erleben. Aber anders als Schmidt kann unsereins die Rauchverbote nicht einfach „kraft Amtes“ ignorieren.

Ich möchte noch einmal auf den Gesundheitskult zu sprechen kommen, dem Sie in Ihrem Buch ein eigenes Kapitel widmen. Sie beschreiben darin u. a., dass sich auch der gängige Gesundheitsbegriff im Laufe der letzten Jahrzehnte entscheidend verändert hat und mit ihm die Frage: Wie definiere ich Gesundheit? Wann ist ein Mensch gesund?

So leicht diese Frage zu stellen ist, so schwierig ist eine vernünftige Antwort. Das habe ich in dem erwähnten Kapitel, auch unter Berufung auf Professor Grieshaber, ausführlich dargelegt und kann hier nicht alles wiederholen. Wichtig ist mir folgende Veränderung: Früher war Gesundheit eine Angelegenheit des persönlichen Befindens; fühlte man sich wohl, hielt man sich für gesund. Heute versteht ein Heer von Gesundheitsexperten alle denkbaren Risiken, so unwahrscheinlich sie auch sein mögen, bereits als wirkliche Krankheit und erzeugt bei vielen Menschen völlig unrealistische Gesundheitsängste. Gesundheit wäre, dieser Auffassung zufolge, der Zustand völliger Risikolosigkeit – natürlich ein völlig unsinniges Konzept.

Nun, nicht jeder, der sich subjektiv gesund fühlt, ist – objektiv betrachtet – auch wirklich gesund. Nicht jede Erkrankung geht einher mit sofort spürbaren Symptomen. Will sagen, das Gefühl „Ich bin gesund“ kann mitunter sehr trügerisch sein. – Unabhängig davon beschreiben Sie erneut eine überaus und vor allem in sich widersprüchliche und inkonsequente Entwicklung. Denn scheinbar versucht derzeit … ich unterstelle … eine Mehrheit der Bevölkerung und mit ihr die Politik, bestimmte Gesundheitsrisiken auf Teufel komm raus zu meiden bzw. auszuradieren – z. B. das Rauchen. Andere Risiken werden im gleichen Atemzug ebenso stringent ignoriert oder im Einzelfall sogar als gesundheitsfördernd abgetan. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Grillen mit Holzkohle wird immer beliebter, das Angrillen erfolgt bereits im späten Winter. Kaum ein Nichtraucher stört sich daran, dass er mit jedem gegrillten Stück Fleisch oder Gemüse die Giftstoffe von Dutzenden Zigaretten zu sich nimmt. – Der Verdacht drängt sich manchmal auf, dem von Ihnen sogenannten Sanitarismus geht es womöglich gar nicht primär um das Thema Gesundheit, sondern um etwas völlig anderes. Der Gesundheitskult könnte demnach ein nur vorgeschobener Kult sein …

Beim Grillen sind die Sanitaristen durchaus konsequent und erklären die herkömmlichen Verfahren für völlig ungesund. Auch mehren sich im Angebot die „gesunden“ Grillgeräte, bei denen das Grillgut vor jedem Rauch, aber auch vor den besonderen Geschmacksnuancen „bewahrt“ wird, die sonst durch das Grillen auf der Holzkohlenglut erzeugt werden. Also wieder einmal Gesundheit statt Genuss!

Gewiss werden beim Erhitzen organischer Substanzen Spuren von „Gefahrstoffen“ freigesetzt. Das gibt es beim Rauchen, Braten, Grillen, Frittieren, beim kirchlichen Weihrauch und beim Kerzenlicht. Köche in der Gastronomie, sagt man, atmen am Herd mehr Schadstoffe ein als ihre Kollegen, die das Essen dann in einem Raucherlokal servieren. Da muss ich an den alten Paracelsus erinnern: Alle Stoffe sind giftig, aber es kommt auf die Dosis an!

Die beiden letzten Sätze Ihrer Frage könnten wieder zu einer Entlarvungstheorie verleiten, nach dem Muster: Die Sanitaristen sagen Gesundheit, und sie meinen Herrschaft und Unterdrückung. Ganz abwegig ist diese Vermutung nicht. Immer schon hat es Menschen gegeben, die eine merkwürdige Freude dabei empfinden, ihren Mitmenschen unter beliebigen Vorwänden die Freiheit der eigenen Lebensführung streitig zu machen. Darum halte ich den Sanitarismus für gefährlich: weil er die Grundlagen demokratischer Freiheit bedroht!

Eine Schlussfrage, Herr Professor Ropohl. Wie kommt es , dass sich ausgerechnet ein Technikphilosoph um gesellschaftliche Veränderungen im Gesundheitswesen sorgt?

Als Technikphilosoph bemühe ich mich, allgemeine Überlegungen auf konkrete Probleme anzuwenden. Dazu gehört die Technikbewertung, die Chancen und Risiken bestimmter Techniken untersucht. Nun sind auch Tabakerzeugnisse technische Produkte, deren gesundheitliche Risiken seit einiger Zeit dramatisiert werden. Entgegen den Grundsätzen der Technikbewertung, möglichst alle Wertgesichtspunkte einzubeziehen, z.B. das psychische Wohlbefinden, die freie Selbstbestimmung oder den sozialen Zusammenhalt,  ist die Tabakdebatte allein auf die Gesundheitsrisiken fixiert. Das hat mich herausgefordert, diese Einseitigkeit kritisch zu durchdenken und dabei notwendigerweise die Problematik der zugrundeliegenden Gesundheitsvorstellungen in den Blick zu nehmen. Meinen Beitrag zur Tabakdebatte betrachte ich als angewandte Technikphilosophie.

***

Das Interview führte Thomas Peick

  • besorgnisgesellschaftGünter Ropohl
  • Besorgnisgesellschaft – Hintergründe der Tabakbekämpfung
  • Parodos Verlag, Berlin
  • ISBN 978-3-938880-67-8
  • 14,90 Euro
  • Broschur
  • 153 Seiten

Das Buch kann u.a. direkt beim Parodos Verlag bestellt werden.

http://www.parodos.de/buechershop/Sozialwissenschaften/Besorgnisgesellschaft.html

 

 

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