Tabakepidemie vs. Ebola-Epidemie: Finden Sie den Unterschied

Es ist hoch an der Zeit, auch an dieser Stelle Professor Günter Ropohls sehr gelungenes schmales, aber außerordentlich gehaltvolles Buch „Besorgnisgesellschaft“ zu würdigen, eine meisterhafte Analyse des Zusammenwirkens einer gesellschaftlichen Grundstimmung voller diffuser Ängste, in der das Schüren dieser Ängste durch sogenannte „Experten“ zum lukrativen Verkaufsartikel wird und sich für die zugehörige Nachfrage ein entsprechendes Angebot bildet. Bei Amazon finden Sie nicht nur das Buch selbst, das ich Ihnen hiermit wärmstens empfehlen möchte, sondern auch meine Rezension dazu … und Sie können sich außerdem auf ein Interview mit Professor Ropohl hier im Blog freuen. Demnächst!

Ein aktueller Anlass rief mir ein Zitat aus meiner Rezension in Erinnerung:

Die weltpolitischen Entwicklungen – Syrien, Irak, Ukraine – lassen zuweilen die Ahnung aufblitzen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, sich mit solcher Ausdauer mit einem Scheinproblem wie der Bekämpfung des Tabakgebrauchs befassen zu können. Die Hartnäckigkeit der WHO und der ihr zuarbeitenden staatlichen, halbstaatlichen, nichtstaatlichen und kommerziellen Organisationen bei der weltweiten Durchsetzung der FCTC, der „Rahmenvereinbarung zur Eindämmung des Tabakgebrauchs“, hat nichts damit zu tun, dass die Welt neuerdings keine anderen Sorgen mehr hätte. Hinter dieser Hartnäckigkeit stecken Funktionäre aus Weltregionen, in denen die Lebenserwartung um die 80 Jahre beträgt und wo man seit Jahrzehnten ein friedliches Leben ohne größere Gefahren für den auf ewig garantierten Normalfall hält (unterstützt von Pharmakonzernen, die wiederum ihre eigenen gewinnorientierte Agenda im Gepäck haben). 

In diesen von jahrzehntelangem Wohlstand verwöhnten Kreisen will man es nicht mehr für normal halten, dass das menschliche Leben endlich ist und ein Alter irgendwo zwischen 80 und 90 Jahren eine Grenze, die bei guter Gesundheit und klarem Verstand auch in Zukunft nur wenigen zu überschreiten vergönnt bleiben wird. Diese lebensfremden Funktionäre, die sich zu Hütern unserer Gesundheit aufgeschwungen haben und sich dabei vielfach im Ernst einbilden, wenn sie uns nur erst den Genuss beim Essen, Trinken und Rauchen ausgetrieben haben, dann würden wir gesund und glücklich werden und ihnen ewig dafür dankbar sein: Was werden diese Leute wohl tun, sollten sie jemals mit einer wirklichen, massenhaft auftretenden akuten Bedrohung konfrontiert werden?

Die Entwicklung der Ebola-Epidemie in Westafrika, bei der die Weltgesundheitsorganisation ihr klägliches Versagen in einem Stadium der Ausbreitung jener Viruserkrankung, als sie noch beherrschbar gewesen wäre, nun durch besonders lautstarkes Wehklagen und Vorwürfe gegen andere zu vertuschen versucht, darf man wohl als Antwort auf meine Frage verstehen.

Im Kampf gegen den Tabak wählt die WHO ja bekanntlich gerne dramatisches Vokabular. Um eine „weltweite Tabakepidemie“ soll es sich ihrer Darstellung nach handeln, an der bis zum Jahr 2030 acht Millionen Menschen zugrunde gehen werden, sollte man nicht schärfste Gegenmaßnahmen ergreifen. Und achtzig Prozent dieser Todesfälle sollen in Entwicklungsländern erfolgen. Dasselbe soll übrigens für alle sogenannten „nichtübertragbaren Krankheiten“ gelten, für die die Weltgesundheitsorganisation in erster Linie den Lebensstil der Erkrankten verantwortlich macht. An anderer Stelle hatte ich meinen Zweifeln an speziell dem letzten Punkt folgendermaßen Ausdruck verliehen:

Nichtübertragbare Krankheiten sind „eine Gruppe von Erkrankungen, zu der Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, chronische Atemwegserkrankungen und psychische Störungen gehören“. Weltweit sollen „nach Angaben der WHO im Jahr 2008 schätzungsweise 36 Millionen der weltweit 57 Millionen Sterbefälle auf nichtübertragbare Krankheiten zurückzuführen [gewesen sein]“, davon „9 Millionen Menschen vor Erreichen des 60. Lebensjahrs“ und fast „80 Prozent dieser Sterbefälle auf Entwicklungsländer [entfallen]“. 

Diese Zahlen versetzen ein wenig in Erstaunen. In Afrika mit etwa 12,5 Millionen Todesfällen jährlich lauten die zehn häufigsten Todesursachen beispielsweise: 

  • Aids
  • Malaria
  • Erkrankungen der Atemwege
  • Durchfallerkrankungen
  • Kindstod
  • Herz-Kreislaufkrankheiten
  • Tuberkulose
  • Herzmuskelerkrankungen
  • Masern
  • Verkehrsunfälle 

Die nichtübertragbaren Krankheiten scheinen in den Entwicklungsländern (mindestens in Afrika) bei den Todesfällen also nur eine Nebenrolle zu spielen.

Das kopfschüttelnde Staunen über eine WHO, die ausgerechnet in Entwicklungsländern den Kampf gegen vermeintliche Epidemien, erzeugt durch Tabak, Alkohol und zu reichliche Ernährung, zu einer angeblich enormen Bedrohung hochstilisiert, ist angesichts des Trauerspiels um die Ausbreitung des Ebolafiebers ungläubigem Zorn gewichen. Denn in diesem Fall liegt tatsächlich eine Epidemie im eigentlich gemeinten Sinne vor, nicht nur ein im Stil der Produktwerbung gehyptes PR-Produkt, ein Popanz also, der uns durch die dramatische Wortwahl lediglich erschrecken und auf diese Weise politische und gesellschaftliche Akzeptanz für die geforderten Maßnahmen erzeugen soll.

Die Folgen der Ebola-Epidemie sind für die gesamte Bevölkerung der betroffenen Gebiete unmittelbar sicht- und spürbar. Denn nicht nur die an Ebolafieber Erkrankten selbst leiden. Wo Gesundheitspersonal selbst erkrankt – das geschieht in beängstigendem Ausmaß – oder aus Angst vor Ansteckung nicht mehr zur Arbeit kommt – was ebenfalls häufig genug geschieht –, können auch andere Patienten nicht behandelt werden, und die Gefahr, an eigentlich behandelbaren Krankheiten zu sterben, nimmt zu. Und wo nicht vor allem alte und bereits kranke Menschen, sondern vielfach zuvor gesunde Erwachsene im Alter zwischen 30 und 45 sterben, da bleiben Waisenkinder, unversorgte alte Menschen und unbestellte Felder zurück, womit weiteres Elend in einem Teufelskreis vorprogrammiert ist, der noch jahrelang nachwirken kann.

Wann hätte man je davon gehört, dass zum Beispiel die „Diabetesepidemie“ solche Folgen mit sich gebracht hätte?

Bei einer Epidemie geht es nämlich nicht, wie es die Weltgesundheitsorganisation uns in den letzten Jahren eingehämmert hat, um das massenhafte Vorhandensein von wirklichen oder vermeintlichen Krankheitsrisiken, die eventuell – oder vielleicht auch nicht – dazu führen könnten, dass in ein paar Jahrzehnten mehr Krankheitsfälle bestimmter Erkrankungsarten unter älteren Menschen auftreten werden. Auch wenn Wikipedia bereits gehorsam wiedergibt, nur in einem „engeren Sinne“ seien mit diesem Begriff Ausbrüche von Infektionskrankheiten gemeint, hat die Beschränkung auf Infektionskrankheiten, wie an obigen Nebenwirkungen ersichtlich, sehr wohl einen Sinn. Eine „zeitliche und örtliche Häufung“ von Krankheitsfällen, wie Wikipedia die Sache nüchtern wiedergibt, meint im Falle einer Infektionskrankheit eine rasante und kaum noch aufzuhaltende Ausbreitung der Krankheit, sobald eine kritische Masse von Erkrankungsfällen überschritten ist. Im Falle von Ebola bedeutet das: Tausende von Krankheitsfällen alleine innerhalb der nächsten Wochen werden momentan prognostiziert, und inzwischen schließen Experten eine über viele Monate, möglicherweise sogar länger als ein Jahr weiter andauernde Epidemie mit Zigtausenden von Erkrankungsfällen nicht mehr aus, da die Krankheit nun auch die liberianische Hauptstadt Monrovia erreicht hat, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Es rächt sich bitter, dass da ein Mittel zur Eindämmung der Epidemie nur halbherzig gesucht und deshalb auch nicht gefunden wurde, solange sie sich auf ländliche und schwächer besiedelte Räume beschränkt hatte.

Statistisch wird (mindestens!) jeder zweite der neuen Erkrankungsfälle auch einen neuen Todesfall bedeuten. Einen neuen Todesfall, wohlgemerkt, meist innerhalb von Tagen nach Krankheitsausbruch, und viele dieser Todesfälle werden erwachsene Menschen noch vor oder um die Mitte ihres Lebens betreffen. Dass Europa von einem Überschwappen der Epidemie bislang als vergleichsweise wenig gefährdet gilt, da die Übertragung nur durch direkten Kontakt mit Erkrankten oder deren Körperflüssigkeit erfolgt (also noch nicht während der Inkubationszeit, wenn die Krankheit noch nicht zum Ausbruch gekommen ist), ist weder tröstlich noch beruhigend. Erstens ist ein Menschenleben in Afrika ebenso viel wert wie bei uns. Zweitens darf die Gefahr nicht unterschätzt werden, dass sich auf dem Weg der Mutation Ebolafieber-Varianten bilden, deren Übertragung man auch in Europa nicht mehr ohne weiteres Herr werden könnte.

Dass der Ebola-Ausbruch dieses Mal bedrohliche Dimensionen angenommen hat, ist inzwischen endlich auch der Weltgesundheitsorganisation aufgefallen:

As WHO Director-General Dr Margaret Chan told agencies and officials last week in New York City and Washington, DC, development partners need to prepare for an “exponential increase” in Ebola cases in countries currently experiencing intense virus transmission. 

Many thousands of new cases are expected in Liberia over the coming 3 weeks. 

WHO and its Director-General will continue to advocate for more Ebola treatment beds in Liberia and elsewhere, and will hold the world accountable for responding to this dire emergency with its unprecedented dimensions of human suffering.

Die Weltgesundheitsorganisation macht also präventiv schon mal „die Welt“ dafür verantwortlich, falls sich die Lage verschlimmern sollte. Das ist ein starkes Stück, denn eigentlich wäre es ja die Aufgabe der WHO gewesen, eine Ausbreitung der Seuche schon in einem Stadium zu verhindern, als sie noch beherrschbar war. Nach Angaben der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die in jener Phase verzweifelt gegen sie ankämpfte, hat die WHO aber nicht nur monatelang nicht auf ihre Warnungen reagiert und das Ausmaß des Problems herunterzuspielen versucht, sondern auch in der Zeit vor und sogar während (!) des Ebola-Ausbruch in Afrika Personal abgezogen. Erst mehrere Monate nach dem Ausbruch der Epidemie konnte sich die WHO dazu entschließen, den internationalen medizinischen Notfall auszurufen.

Der bisherige Verlauf der Epidemie: Der sogenannte „Patient null“ wurde im Nachhinein für Dezember 2013 im westafrikanischen Guinea ermittelt. Ab Februar 2014 wurden die ersten Fälle von Ebolafieber in jenem Land publik, dessen Gesundheitsministerium dann am 23. März 2014 die WHO offiziell von einem Ausbruch von Ebolafieber unterrichtete. Zu diesem Zeitpunkt waren 49 Erkrankungsfälle, davon 29 mit tödlichem Verlauf bekannt.

Bis zum Juni 2014 hatte sich die Epidemie auf zwei weitere Länder, Sierra Leone und Liberia, ausgebreitet. Die Zahl der Todesopfer wurde von der WHO zu jenem Zeitpunkt mit 350 beziffert. Seitdem verbreitet sich das Virus immer rasanter, und als sich die WHO am 8.8.2014 endlich dazu durchrang, die Krankheit als internationalen Notfall zu deklarieren, war die Verbreitung längst viel zu weit fortgeschritten, um die Katastrophe noch aufzuhalten. Am 4. September lagen 2.106 bestätigte Erkrankungsfälle und 1.050 Todesfälle vor. Der Stand drei Tage später, am 7. September: 2.639 bestätigte Erkrankungsfälle und 1.386 Todesfälle. Nachbarländer kämpfen verzweifelt gegen ein Überschwappen der Epidemie auch auf ihr Staatsgebiet, indem die Grenzen zu den betroffenen Ländern geschlossen werden. Einzelne bestätigte Erkrankungsfälle liegen aber längst auch aus manchen anderen afrikanischen Ländern vor, etwa Nigeria, dem Senegal und Benin. Ob es gelingt, eine weitere Ausbreitung zu verhindern, ist noch ungewiss. Sicher ist aber, dass in den betroffenen Ländern das Schlimmste erst noch bevorsteht.

Als die Weltgesundheitsorganisation im Sommer 2009 die Schweinegrippe zur Pandemie erklärte und die Welt monatelang in den Panikmodus versetzte, ging es um eine Erkrankung, bei der ein meist milder Verlauf längst dokumentiert war und die Zahl der dokumentierten Todesfälle im kleinen dreistelligen Bereich lag. So ist es kein Wunder, dass über eine Einflussnahme der Pharmaindustrie bei jener umstrittenen Entscheidung gemunkelt wurde, die an der Herstellung von Impfstoffen, die dann kaum gebraucht wurden, ja auch nicht schlecht verdient haben soll. Da gegen Ebola bislang weder Impfstoffe noch Medikamente entwickelt wurden, lag in diesem Fall ja vielleicht einfach kein Anreiz vor? Über die Milliardenbeträge, die von der WHO im Kampf gegen die Scheinepidemien im Bereich Ernährung/Alkohol/Tabak verpulvert werden, sodass sie nun, da eine wirkliche Epidemie vorliegt, mit dem Klingelbeutel herumgehen muss, mag man vollends gar nicht mehr nachdenken.

Vor wenigen Wochen erst hatte ich es prophezeit: Die WHO, dieselbe Organisation, die sich ihrer vermeintlichen „Erfolge“ im Kampf gegen den Tabak gar nicht genug brüsten kann – Erfolge, die auf reinen Zahlenspielereien beruhen, denn es fehlt jeder Nachweis, dass ihre Bemühungen Todesfälle verhindert haben oder künftig verhindern können –, hat kläglich versagt, sobald sie mit einer realen Bedrohung konfrontiert wurde. Die Erkrankten der letzten Wochen sind auch Opfer der Inkompetenz von Gesundheitsfunktionären, die schon so lange hauptsächlich PR-Schattenboxen gegen Scheinprobleme betreiben, dass sie gar nicht mehr wissen, wie man echte Probleme bekämpft. Das muss sich dringend ändern.

Veröffentlicht unter Medizin | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 6 Kommentare

Rechtsstaat oder Bananenrepublik?

Liebe Leser, stellen Sie sich vor, Ihre Wohnung zu verlieren. Keine angenehme Vorstellung, oder? Gerade in der heutigen Zeit, in der die Mieten explodieren. Stellen Sie sich nun weiter vor, Sie würden damit eine sehr preisgünstige Wohnung verlieren, für deren Warmmiete Sie aber dennoch ungefähr die Hälfte ihres monatlichen Einkommens ausgeben müssen, weil Sie Rentner mit einem Einkommen von deutlich unter 1000 Euro monatlich sind. Und nun stellen Sie sich außerdem noch vor, Sie hätten in dieser Wohnung vierzig Jahre lang gewohnt, in einem Gebäude, das Sie den größten Teil dieser Zeit als dessen Hausmeister betreut haben, und Ihre Vermieterin hat Ihnen gerade fristlos gekündigt wegen etwas, das Sie dort die ganzen vierzig Jahre lang getan haben, nämlich in Ihrer Wohnung zu rauchen. Und ein Gericht findet das völlig in Ordnung.

Genau das ist in Düsseldorf am 26.6.2014 einem Mann namens Friedhelm Adolfs passiert.

Es wird ja heute gerne so getan, als seien Raucher schon immer auch in ihrer eigenen Wohnung viel lieber auf den Balkon zum Rauchen gegangen. Tatsächlich wäre das bis vor wenigen Jahren noch als seltsames Verhalten empfunden worden. Besuchte man nichtrauchende Freunde, ging man als Raucher auf den Balkon, aber bei Rauchern wurde normalerweise fast immer in der Wohnung geraucht. Das Rauchen sogar in der eigenen Wohnung zu „denormalisieren“, scheint inzwischen jedenfalls bei jüngeren Leuten bis zu einem gewissen Grad gelungen zu sein. Was sie tatsächlich tun, sei dahingestellt, aber dass vor Dritten die „politisch korrekte“ Antwort lauten muss: Ich rauche nur auf dem Balkon, hat inzwischen wohl jeder unter 30 verinnerlicht.

Wer, wie Herr Adolfs, schon seit vierzig Jahren in seiner Wohnung raucht, dessen Gewohnheiten haben sich aber natürlich nicht geändert. Er macht also das, was er schon die ganze Zeit getan hat, und dafür soll er nun aus seiner Wohnung geworfen werden. So will das seine Vermieterin, und nach dem Amtsgericht Düsseldorf hat ihr nun auch das Düsseldorfer Landgericht recht gegeben: Das Rauchen in der Wohnung sei zwar weiter Bestandteil der Privatsphäre, so das Gericht, und damit kein zulässiger Grund zur Kündigung. Aber dass der Rauch aus Friedhelm Adolfs‘ Wohnung ins Treppenhaus dringe und dabei eine Belästigung für die Nachbarn darstelle, sei sehr wohl ein Kündigungsgrund.

Auf die zahlreichen Fragen, die das Urteil aufwirft, werde ich nachstehend noch eingehen, an dieser Stelle aber zunächst ein Appell an die Leser meines Blogs:

Friedhelm Adolfs hat sich entschieden, weiter um seine Wohnung zu kämpfen und strebt eine Revision des Urteils durch den Bundesgerichtshof an. Allerdings wird er seine Wohnung dennoch spätestens zum Jahresende verlieren, sollte er nicht eine Sicherheitsleistung in Höhe von 4200 Euro erbringen. Auch dies hat das Landgericht Düsseldorf entschieden, wohlwissend, dass Herr Adolfs schon die Sicherheitsleistung für die zweite Instanz nicht aus eigener Kraft aufbringen konnte. Denn wo sollte jemand mit seinem niedrigen Einkommen solche Beträge herzaubern? Sein Rechtsanwalt ruft deshalb zu Spenden auf. Diesem Aufruf möchte ich mich anschließen.

Spendenkonto:

IBAN: DE20 2001 0020 0663 2812 02

BIC: PBNKDEFF

Kontoinhaber: Martin Lauppe-Assmann, Rechtsanwalt

Verwendungszweck: Sicherheitsleistung Raucherprozess

Ein weiteres Spendenkonto wurde vom „Netzwerk Rauchen“ eingerichtet:

Netzwerk Rauchen e.V.

Volksbank Mittelhessen eG

IBAN: DE 82513900000070025809

BIC: VBMHDE5FXXX

Kennwort: Ein Dach für Raucher

Obwohl die gesamte Spendensumme auf beiden Konten inzwischen einen vierstelligen Betrag ausmacht, reicht dies noch lange nicht aus, um die skandalös hohe Sicherheitsleistung zu erbringen. Bitte verbreiten Sie deshalb meinen Aufruf auch über Ihnen Blog, über Facebook und Diskussionsforen weiter. Herr Adolfs sollte seine Wohnung wenigstens bis zur höchstrichterlichen Entscheidung sicher haben.

Unter den üblichen Verdächtigen gibt es natürlich auch dieses Mal Empathieunfähige, die sich über das Unglück eines alten Mannes sogar noch freuen. „Ein guter Tag für Mieter!“ befindet etwa ein gewisser Lothar Binding, ein wenig bekannter Bundestagsabgeordneter der SPD, der sich einzig und alleine als Kämpfer gegen die Raucher einen gewissen Namen gemacht hat und deshalb zu solchen Anlässen gerne befragt wird. In solchen Situationen wird immer deutlich, wie sehr sich die SPD von der Interessenvertretung der Arbeiter, ihrer einstigen Zielgruppe, inzwischen abgewandt hat – in der der Anteil der Raucher nach wie vor höher liegt als in anderen gesellschaftlichen Gruppen.

Es sind nicht alleine rauchende Mieter, denen dieses Urteil Kopfschmerzen bereiten sollte, ja, es sind nicht einmal alleine die Mieter, sondern auch den Vermietern sollte es zu denken geben. Geruchsbelästigungen im Treppenhaus konnten nämlich zwar schon bisher für einen Mieter zur Kündigung bzw. für seinen Vermieter zur Mietminderung durch die belästigten Nachbarn des Mieters führen, aber die Schwelle, ab der ein Geruch als „unerträglich“ bzw. „unzumutbar“ und damit als Grund für eine Kündigung/Mietminderung ins Feld geführt werden kann, wird voraussichtlich um einiges sinken, wenn dies beim Tabakrauch – zunächst als Sonderfall – so eingeführt werden sollte. Hierzu mehr an späterer Stelle.

Ein Rechtsgelehrter bin ich zwar nicht, aber einiges an diesem Urteil spricht zumindest dem gesunden Menschenverstand Hohn. Das gilt, obwohl mir klar ist, dass die Rechtswissenschaft keine exakte Wissenschaft ist, es also immer Spielräume gibt, die mit dem eigenen Ermessen dessen gefüllt werden, der das Urteil spricht. Ärgerlich wird die Sache aber dann, wenn die Faktengrundlage, auf der verhandelt wird, je nach Gusto entweder berücksichtigt wird oder der daran unpassende Teil unter den Tisch fällt. Da können die Gesetze noch so gut sein, in diesem Fall ist man plötzlich doch alleine vom subjektiven Empfinden des Richters abhängig, und ein solches Urteil enthält dann auch nicht weniger Willkür, als befände man sich in einer viertklassigen Bananenrepublik anstelle eines Rechtsstaats.

Nach der Klageschrift“, wird im Volltext des Urteils erläutert, „liegt der Kündigungsgrund alleine in der Tatsache, dass der Beklagte in seiner Wohnung raucht, dass der Zigarettenrauch in das Treppenhaus des Mehrfamilienhauses zieht und angeblich eine Gesundheitsgefährdung für die übrigen Hausbewohner darstellt.“ Dass das Rauchen in der Wohnung als solches keinen Kündigungsgrund – weder für eine fristlose noch für eine ordentliche Kündigung – darstellt, wird anschließend ausdrücklich betont. „Der schwerwiegende schuldhafte Pflichtverstoß des Beklagten“, so heißt es dann weiter, „der die fristlose Kündigung rechtfertigt, liegt vorliegend alleine darin, dass der Beklagte keine Maßnahmen dafür trifft um zu verhindern, dass Zigarettenrauch in den Hausflur zieht, sondern dies durch sein vertragswidriges Verhalten sogar noch fördert.“

Vielleicht sähe ein Jurist diesen Punkt ja anders, aber es bleibt mir dunkel, was der letzte Halbsatz zum Ausdruck bringen soll. Hat Herr Adolfs somit aktiv und mit krimineller Energie dafür gesorgt, dass Zigarettenrauch ins Treppenhaus vordrang, etwa durch ständiges Offenlassen seiner Wohnungstür? Leitete er gar die Abluft aus seiner Wohnung dorthin? Noch viel aufschlussreicher ist aber, was an dieser Stelle fehlt: Auf die Frage der Gesundheitsgefährdung, die von der Klägerin so betont worden war, wird nämlich seltsamerweise gar nicht weiter eingegangen. Im gesamten Urteil hat sie keine Rolle gespielt.

Meistens sind es die Faktoren, die „versehentlich“ unter den Tisch gefallen sind, die man als Wissenschaftler näher unter die Lupe nehmen sollte, weil sich in ihnen die Schwachstellen einer Argumentation verbergen. Bei Rechtsstreitigkeiten ist das offenbar ähnlich. Ahnte der Richter, dass er sich in dieser Frage auf vermintes Gelände begeben würde? Oder gab es vielleicht sogar einen Wink von interessierter dritter Seite, die Frage der Gesundheitsgefährdung zu ignorieren?

Diese Frage enthält nämlich einigen Sprengstoff. Denn auch wenn man es gegen jede Lebenserfahrung überhaupt für möglich halten würde, dass durch eine geschlossene Wohnungstür hindurch so viel Rauch ins Treppenhaus dringen kann, dass eine „intensive, nicht mehr hinnehmbare, unzumutbare und unerträgliche Geruchsbelästigung von dort ausgeht und erhebliche Mengen an Zigarettenqualm aus dieser Wohnung in das Treppenhaus ziehen mit der Folge, dass es im gesamten Gebäude stark nach Zigarettenrauch riecht“ – so das Urteil in dramatischen Worten, man sieht regelrecht die Rauchschwaden durch das Treppenhaus wabern –, nicht einmal in diesem Fall wäre es möglich, eine Gesundheitsgefahr für die anderen Hausbewohner glaubhaft zu machen.

Das gilt auch dann, wenn man die Ergebnisse der berüchtigten „Passivrauchstudie“ als Maßstab zugrundelegt, auf denen unsere gesamte Nichtraucherschutz-Gesetzgebung basiert. Klammern wir meine Kritik an jener Studie – die ich weiterhin aufrechterhalte – für den Moment einmal aus: Was dort, egal ob richtig oder falsch, gemessen wurde, ist die Gefährdung von Nichtrauchern, die sich, so die Studie, „tagsüber oder abends häufig in Räumen aufhalten, in denen geraucht wird“. Dies betrifft nichtrauchende Partner von Rauchern in der eigenen Wohnung oder Beschäftigte an einem Arbeitsplatz, wo geraucht wird. Die fünf bis zehn Minuten pro Tag, die man sich in einem Treppenhaus aufhält, wären aber auch dann, wenn er regelmäßiger Raucher-Treffpunkt für ein halbes Dutzend Kettenraucher wäre, im Vergleich dazu beinahe einer Nullbelastung gleichzusetzen.

Aber Herrn Adolfs wird nicht vorgeworfen, im Treppenhaus zu rauchen. Es geht vielmehr um die Schadstoffe, die aus einer Wohnung mit verschlossener Tür, hinter der geraucht wird, nach außen ins Treppenhaus dringen. Die Aufnahme an gesundheitsgefährdenden Stoffen in der Raumluft in einer solchen Situation ist auch dann, wenn man eine äußerst mangelhaft abgedichtete Tür voraussetzt, allerschlimmstenfalls derjenigen gleichzusetzen, die zum Beispiel entstehen würde, wenn jemand in seiner Wohnung eine Kerze anzündet – woran einstweilen noch niemand wegen gesundheitlicher Bedenken gehindert wird. Das Betreten der Straße nach dem Durchqueren des Treppenhauses führt wegen der dortigen Emissionen durch den Autoverkehr aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer erheblich höheren Schadstoffaufnahme – was übrigens auch im Falle von Herrn Adolfs‘ Souterrain-Wohnung beim Lüften anzunehmen ist. Dies müsste auf Befragen sogar die WHO-Filiale beim DKFZ einräumen.

Das alles hätte in diesem Prozess in zweiter Instanz zur Sprache kommen können, doch es ist nicht geschehen. Dabei wurde doch gerade mit der Begründung, angesichts „der veränderten Beurteilung der Gefahren des Passivrauchens“ sei die Kündigung gerechtfertigt, Herrn Adolfs zunächst sogar die Prozesskostenhilfe verweigert – und zwar von demselben Richter, der dann später – nachdem der Beklagte sich die Prozesskostenhilfe beim Landgericht erkämpft hatte – dessen Fall in der ersten Instanz verhandelte und, was unter diesen Umständen nicht ganz überraschend kam, der Vermieterin recht gab. Die Frage, ob eine Gesundheitsgefährdung vorliegt oder nicht, ist in diesem Fall durchaus von Bedeutung und wird deshalb nachvollziehbarerweise auch in der Berufungsschrift des Anwalts angesprochen. Von den Richtern des Düsseldorfer Landgerichts wurde dieser Punkt aber leider vollständig unter den Tisch fallen gelassen. Es ist zu hoffen, dass der Bundesgerichtshof sie wieder aufgreifen wird, denn eine Gesundheitsgefährdung ist nun einmal etwas qualitativ anderes als eine Geruchsbelästigung.

Die „unzumutbare und unerträgliche“ Geruchsbelästigung war es also, worauf das Gericht sein Urteil begründete, und es waren einige Pirouetten nötig, um dies zu begründen. In der ersten Instanz wurde die Geruchsbelästigung noch als unstreitig vorausgesetzt, da Herr Adolfs bzw. seine damaligen Rechtsanwältin dem Vorwurf nach Meinung des Richters nicht rechtzeitig widersprochen hätten. In der zweiten Instanz wurde diese Rechtsauffassung aber verworfen. Die Geruchsbelästigung wurde nun aber deshalb für glaubhaft gehalten, weil die Klägerin einen Zeugen dafür beigebracht hatte, einen Mann, der ausweislich des Urteils mit der Klägerin befreudet und „schon seit über 30 Jahren als Makler und Immobilienkaufmann“ sie tätig ist – was, wie das Gericht sich aus irgendwelchen Gründen zu betonen bemüßigt sieht, aber nicht dazu führe, „dass begründete Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit bestehen“. Dieser Mann hatte angegeben, im Auftrag der Klägerin mehrmals vor Ort gewesen zu sein. Er war es, der die Geruchsbelästigung als „unerträglich“ einschätzte, und auch in diesem Punkt hatte das Gericht offenbar keine „begründeten Zweifel“ an seiner Glaubwürdigkeit.

Es mag ja tatsächlich so sein, dass es in Juristenkreisen üblich ist, Zeugen unter solchen Umständen als glaubwürdig zu betrachten, aber warum das subjektive Urteil einer Einzelperson als maßgeblich gelten soll, kommt mir seltsam vor. Anscheinend war er ja sogar der einzige Zeuge, dessen Einschätzung Berücksichtigung fand, denn im Urteil wird auf keinen anderen Zeugen Bezug genommen. Die Frage ist nämlich, warum das Gericht darauf verzichtet hat, nun auch die Mieter des Gebäudes zu befragen. Immerhin sind sie es doch, die belästigt worden sein sollen. Haben sie überhaupt Tabakgeruch im Treppenhaus wahrgenommen? Und wenn ja, war das Ausmaß des Geruchs ihrem Empfinden nach „unerträglich“ und „unzumutbar“? Erstinstanzlich hatte die Vermieterin außerdem behauptet, sie habe mit ihrer Kündigung auf Beschwerden von Mietern reagiert. Warum hat das Gericht sich nicht vergewissert, dass es diese Mieterbeschwerden überhaupt gibt und wie sie gelautet hatten? In einem Zeitungsbericht hatten sich nämlich im Gegenteil mehrere Mieter explizit so geäußert, dass aus ihrer Sicht von Herrn Adolfs keine Belästigung ausgegangen sei.

Das subjektive Gefühl der Unerträglichkeit bei einer einzelnen Person – oder in diesem Falle: zwei Personen, nämlich der Vermieterin und des mit ihr befreundeten „Zeugen C“ – darf für ein für den Beklagten so folgenschweres Urteil eigentlich nicht als ausreichend gelten. Es müsste vielmehr plausibel gemacht werden, dass es sich eine Belästigung handelt, die auch von anderen – es läge in diesem Fall nahe: von den anderen Mietern des Hauses – für unerträglich gehalten würde. Vergleichbare Fälle von Prozessen um Geruchsbelästigung, soweit sie im Internet zu finden sind, beziehen sich größtenteils auf Geruchsquellen im Treppenhaus selbst, häufig sind das Exkremente, vor allem Hundekot und -urin. Hinter verschlossener Tür müssen schon extreme Gerüche auftreten, um auch im Gemeinschaftsbereich zu einer Belästigung zu führen, etwa Verwesungsgeruch. Dass Rauchen in der Wohnung eine solche Wirkung haben soll, ist schon eine eigenartige Vorstellung.

Herr Adolfs, so wurde von der Vermieterin und dem „Zeugen C“ behauptet, habe zwar auch schon früher geraucht, aber in der Zeit vor der Kündigung sein Verhalten verändert: Er habe die Fenster ständig verschlossen gehalten und seine Aschenbecher nicht mehr geleert. Dies habe, anders als zuvor, jene Geruchsbelästigung im Treppenhaus verursacht.  Entspricht es aber wirklich den üblichen Erfahrungswerten, dass so etwas mehr als allerhöchstens einen leichten Tabakgeruch in unmittelbarer Nähe der Wohnungstür auslösen kann? Ich habe nämlich den Verdacht, dass es den vom Gericht vorausgesetzten „intensiven“ Geruch, der das komplette Treppenhaus – über alle Geschosse hinweg – betraf, nie gegeben hat. Mir scheint eher, dass hier jemand in Aktion getreten ist, der schon den leisesten Hauch von Tabakgeruch für absolut unerträglich und unzumutbar hält, und dies aller Wahrscheinlichkeit nach deshalb, weil er ihn mit einer Gesundheitsgefahr assoziiert. Damit wären wir also wieder bei der Frage angelangt, ob die Gesundheit der Hausbewohner denn in diesem Falle wirklich gefährdet wäre. Und bei der Antwort, dass dies nicht der Fall ist.

Mit der Besorgnis eigentlich ganz normaler, vernünftiger Leute um solche Lächerlichkeiten wie eine vermeintliche Gesundheitsgefährdung durch Tabakgeruch im Treppenhaus erntet die Antitabakbewegung die Früchte ihrer gesellschaftsspaltenden Denormalisierungskampagnen. Was im Hause WHO bestimmt als großer Erfolg gefeiert wird, dass nämlich ein Teil der Bevölkerung – immerhin ein Drittel der Erwachsenen – plötzlich behandelt werden darf, als habe sie kein Dach mehr über ihrem Kopf verdient, ist für eine Gesellschaft kaum ein Grund zum Jubeln. Das subjektive Urteil „Unerträglich“, wie es in diesem Fall vom Landgericht Düsseldorf ungeprüft von einem einzigen Zeugen übernommen wurde, darf nicht generell von der Justiz für maßgeblich gehalten werden, andernfalls wäre der blanken Willkür gegen rauchende Mieter oder rauchende Nachbarn Tür und Tor geöffnet.

Apropos Willkür: Man sollte ja eigentlich meinen, dass die Argumentation eines Berufungsgerichts in sich eine gewisse Folgerichtigkeit aufweist. Was aber ist in dieser Hinsicht vom Schlussabsatz des Urteils zu halten?

„Andererseits fällt ins Gewicht, dass die Kammer davon ausgeht, dass der Beklagte sein vertragswidrigen Verhalten auch nach der Verurteilung zur Räumung nicht – vollständig – abstellen wird. Der Umstand, dass der Beklagte nach seinem Vortrag nun aber beim Rauchen ein Gerät in seiner Wohnung anschaltet, dass den Zigarettenrauch neutralisieren soll, zeigt, dass er sich mittlerweile darum bemüht, die Auswirkungen des Rauchens für Besucher und Mitbewohner zu begrenzen“, liest man dort. Weiter oben im Urteil hieß es aber noch ausdrücklich: Ein allgemeines vertragliches Rauchverbot und ein Verstoß hiergegen ergibt sich zu Lasten des Beklagten vorliegend allerdings nichtund der schwerwiegende schuldhafte Pflichtverstoß des Beklagten, der die fristlose Kündigung rechtfertigt,liege „vorliegend alleine darin, dass der Beklagte keine Maßnahmen dafür trifft um zu verhindern, dass Zigarettenrauch in den Hausflur zieht, sondern dies durch sein vertragswidriges Verhalten sogar noch fördert“.

Dass der Richter ganz zum Schluss des Urteils auf einmal das Rauchen selbst für vertragswidrig zu erklären scheint, ist ein eklatanter innerer Widerspruch in seiner Argumentation. Ebenso widersprüchlich ist es, dass ein Luftreinigungsgerät von ihm nicht als „Maßnahme … um zu verhindern, dass Zigarettenrauch in den Hausflur zieht“ akzeptiert wird, obwohl solche Geräte doch dazu dienen, die Luft in dem Raum, in dem geraucht wird, von Schadstoffen zu reinigen. Auch wenn die gereinigte Luft eventuell aus der Wohnung in das Treppenhaus ziehen würde, kann sie nach einer Reinigung ja kaum noch nennenswerte Gerüche mit sich führen. Geschweige denn eine „intensive, nicht mehr hinnehmbare, unzumutbare und unerträgliche Geruchsbelästigung […] und erhebliche Mengen an Zigarettenqualm“.

Das Urteil ist also lückenhaft, in sich widersprüchlich und schludrig. Alleine schon deshalb ist die Revision durch den Bundesgerichtshof wichtig. Aber auch die grundsätzliche Bedeutung seines Urteils kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der Münchener Mieterverein wurde letztes Jahr in einem Zeitungsbericht folgendermaßen zum Thema zitiert: „Die vielen Anfragen, die uns erreichen, kamen bislang nicht von besorgten rauchenden Mietern, sondern ausschließlich von Nichtrauchern, die jetzt gegen ihre rauchenden Nachbarn vorgehen wollen.“

Lassen solche Aussagen wirklich nur mich frösteln? Die Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum ist in den letzten Jahren vor allem in größeren Städten extrem geworden. Nicht zuletzt Entmietungsprofis würden sich über neue Möglichkeiten freuen, langjährige Mieter mit einer neuen Ausrede einfach loswerden zu können. Langjährige Mieter sind aber meist ältere Menschen, so wie Herr Adolfs, und oft verfügen sie nur über ein niedriges Einkommen. Der Tag, an dem Friedhelm Adolfs vom Düsseldorfer Landgericht zur Räumung seiner Wohnung verurteilt wurde, war also, anders als Herr Binding behauptet, überhaupt kein guter, sondern ein rabenschwarzer Tag für Deutschlands Mieter. Es ist zu hoffen, dass der Bundesgerichtshof die Tragweite dieser offensichtlichen Fehlentscheidung erkennt und sie korrigiert.

Veröffentlicht unter Ohne Kategorie | 7 Kommentare

Stellen Sie sich vor …

… der Kampf gegen das Rauchen, der in den sechziger Jahren einsetzte und im Lauf der siebziger und achtziger Jahre zu einem so starken Rückgang des Bevölkerungsanteils der Raucher führte, wie er später nie wieder erreicht wurde, hätte nicht stattgefunden. Rauchen wäre immer noch in Mode, keine Tabakproduktrichtlinien oder Rauchverbote. Was, meinen Sie, wäre die Folge davon?

Ausgerechnet die Weltgesundheitsorganisation liefert darauf – zwar nur in einem Teilbereich, aber einem der wichtigsten – eine verblüffende Antwort. Genauer gesagt: Die International Agency for Research on Cancer (IARC) der WHO. Geht man nach diesem Material, dann wäre die Entwicklung beim Lungenkrebs nämlich in diesem Szenario wohl nicht viel anders verlaufen, als es tatsächlich, also inklusive all den Tabakbekämpfungsmaßnahmen, geschehen ist.

Aber der Reihe nach. Betrachten wir erst einmal den Bevölkerungsanteil der Raucher und dessen Entwicklung in den letzten, sagen wir, ungefähr vierzig Jahren. Vierzig Jahre, das ist in etwa die Latenzzeit, die man rechnen sollte zwischen dem Beginn des Zigarettenrauchens einer Person und dem Einsetzen der tabakbedingten Erkrankungen, die sie riskiert. Mit anderen Worten, wenn im Jahre 1970 der Bevölkerungsanteil der Raucher höher lag als 1960, wäre zwischen den Jahren 2000 und 2010 ein steigender Anteil an Lungenkrebsfällen zu erwarten. War es umgekehrt, dann müsste er gesunken sein.

Ist das auch wirklich so? Das lässt sich herausfinden. Wie sich der Bevölkerungsanteil der Raucher in Deutschland entwickelt hat, ist beispielsweise gut dokumentiert.

Raucher Deutschland

 

Dasselbe gilt für die Entwicklung in den USA.

Raucher USA

Vergleicht man die enthaltenen Daten des Jahres 1965, so rauchten in Deutschland um die 70 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen (ab 14 Jahren). In den USA waren es knapp über 50 Prozent der Männer und 35 Prozent der Frauen (ab 18 Jahren). Völlig identisch ist nicht, was gemessen wurde, aber deutlich erkennbar ist trotzdem, dass weniger amerikanische Männer zu jener Zeit, also vor ca. 50 Jahren, rauchten als deutsche Männer (ca. 20 Prozentpunkte weniger, das ist ein ziemlich großer Unterschied), während bei den Frauen die Amerikanerinnen häufiger als Deutsche rauchten (7 Prozentpunkte mehr).

Dreißig Jahre später, im Jahr 1995, sahen die Zahlen so aus:

  • Deutschland, Männer: ca. 39 Prozent
  • Deutschland, Frauen: ca. 27 Prozent
  • USA, Männer: ca. 33 Prozent
  • USA, Frauen: ca. 27 Prozent

Der Rückgang bei den Männern war in Deutschland zwar stärker ausgefallen als bei den Amerikanern (minus ca. 30 Prozentpunkte vs. minus 17 Prozentpunkte), aber dennoch war in den USA der Anteil der rauchenden Männer, wenn auch nur noch um wenige Prozentpunkte, geringer als in Deutschland. Bei den Frauen in den USA (minus 7 Prozentpunkte) und Deutschland (kein Rückgang) waren die Anteile nun ungefähr identisch.

Wieder zehn Jahre später, womit die erwähnten vierzig Jahre voll wären:

  • Deutschland, Männer: ca. 35 Prozent
  • Deutschland, Frauen: ca. 24 Prozent
  • USA, Männer: ca. 26 Prozent
  • USA, Frauen: ca. 20 Prozent

Erneut in beiden Ländern ein eindeutiger Rückgang, der in den USA aber stärker ausfiel als in Deutschland. Wie kommt es dann aber, dass die Entwicklung bei den Todesfällen durch Lungenkrebserkrankungen ausweislich der Daten des IARC so aussieht?

Männer GER USA

Warum lag die Rate der Lungenkrebs-Todesfälle in den USA eigentlich über vierzig Jahre hinweg höher als in Deutschland, obwohl doch hier der Raucheranteil seit fünfzig Jahren höher und zeitweise sogar sehr viel höher lag als im Heimatland der Tabakkontrolle?

Bei den Damen ist die Differenz sogar noch auffälliger:

Frauen GER USA

Dieser Kurvenverlauf passt noch viel weniger als der bei den Männern zur Entwicklung des Rauchverhaltens. Auf dem dortigen Höhepunkt der Lungenkrebssterblichkeit Mitte der neunziger Jahre starben fünfmal so viele Amerikanerinnen an Lungenkrebs als Deutsche, obwohl der Anteil der Raucherinnen in Deutschland seit den Nachkriegsjahren zwar niedriger lag als in den USA, aber nie so viel niedriger, um diese Differenz erklären zu können.

Anders als in den USA ist der Höhepunkt der Lungenkrebssterblichkeit in Deutschland noch nicht erreicht. Es gibt aber Anzeichen dafür, dass dies in allernächster Zukunft der Fall sein könnte. Bei den jüngeren Altersgruppen (unter 60 Jahren) steigen ausweislich der Todesfallstatistik des Statistischen Bundesamts (zu finden unter www.gbe-bund.de) auch in Deutschland bei Frauen die Werte seit ein paar Jahren nicht mehr weiter an.

Weitere Recherchen in der Datenbank der IARC liefern neue Rätsel. Zwar sind die Rauchgewohnheiten in der Russischen Föderation während der letzten fünf Jahrzehnte längst nicht so gut dokumentiert wie die in den USA und Deutschland, doch dass in Russland die Männer große Tabakfreunde vor dem Herrn waren und sind, ist kein großes Geheimnis. Anders als in westlichen Ländern wurde dort auch kein sinkender Tabakkonsum verzeichnet. Eher im Gegenteil hat der Bevölkerungsanteil der Raucher untypischerweise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugenommen. (Quelle http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2598552/) Der Anteil der Raucherinnen hat sich von einem niedrigen Niveau aus mehr als verdoppelt – ein Phänomen, das in praktisch allen Ländern messbar ist, in denen der Wohlstand so weit zugenommen hat, dass mehr als die Grundbedürfnisse befriedigt werden können. In der postsowjetischen Zeit und besonders der Ära Putin (Jahr 2000 bis heute), was man auch immer sonst gegen den aktuellen Präsidenten der Russischen Föderation für Einwände hat, ist dies der Fall gewesen.

Die Tabakkontrolle macht aber natürlich längst auch vor Russland nicht mehr Halt, und so wurde auch dort dem Rauchen der Kampf angesagt, einstweilen aber ohne nennenswerten Einfluss auf die Zahl der Raucher: Der WHO-Länderreport von 2009 (http://www.who.int/tobacco/surveillance/gats/en/index.html) verzeichnet einen Anteil von ca. 60 Prozent Rauchern unter den russischen Männern und ca. 22 Prozent bei den russischen Frauen. Bei einem dort ebenfalls ausgewiesenen Anteil von nur knapp über 20 Prozent Niemals-Rauchern unter den Männern, aber fast 70 Prozent unter den Frauen darf außerdem davon ausgegangen werden, dass der hohe Anteil aktiver Raucher unter den Männern sowie der niedrige Anteil der Raucherinnen unter den Frauen über die letzten Jahrzehnte bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion keine allzu hohen Schwankungen aufgewiesen hat.

Nun zur Lungenkrebssterblichkeit in Russland im Vergleich zu den USA und Deutschland:

Männer GER USA RUS

Die Kurven in allen drei Ländern verlaufen im Fall der Männer ähnlich und erreichen ihren Höhepunkt Anfang der neunziger Jahre. Seitdem geht die Lungenkrebssterblichkeit zurück, und zwar nicht nur in den beiden Ländern mit einem Rückgang des Tabakkonsums, sondern auch in Russland, wo der Tabakkonsum in den dreißig Jahren zuvor gar nicht zurückgegangen war, sondern als konstant vorausgesetzt werden kann und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sogar angestiegen ist. Der Rückgang verlief dort sogar besonders steil, wenn auch von einem höheren Niveau aus.

Bei den Damen ist auffällig, dass die Entwicklung in Russland völlig anders war als in den beiden anderen Ländern:

Frauen GER USA RUS

Überraschenderweise ist die Lungenkrebssterblichkeit bei den Frauen in Russland ebenso wie die der Männer nach Beginn der neunziger Jahre gesunken und verharrt seit einigen Jahren auf in etwa gleichbleibenden Werten. Und das, obwohl sich der Anteil der Raucherinnen zwischen 1992 und 2003 verdoppelt hat!

Nach der aktuell gültigen Lehrmeinung folgt die Entwicklung bei den Lungenkrebserkrankungen einer Zu- bzw. Abnahme der Zahl der Raucher mit etwa dreißig Jahren Abstand. Das Ausmaß von Zu- und Abnahme ist dabei abhängig von der Zu- bzw. Abnahme der Prävalenz des Rauchens. Eigentlich müsste also spätestens in den Jahren um 2005 und danach bei den Russinnen eine Zunahme erkennbar sein.

Tobacco Epidemic

Dieses Modell zum Verlauf der „weltweiten Tabakepidemie“, das zum allgemein anerkannten Stand der Wissenschaft zählt, darf angesichts dieser Zahlen als in Frage gestellt gelten. Damit aber wird die überragende Rolle des Rauchens bei der Entstehung von Lungenkrebs – angeblich, je nach Quelle, für ca. 85 bis 90 Prozent aller Lungenkrebsfälle ursächlich verantwortlich – ebenfalls fraglich.

Angesichts der vorgelegten Zahlen behaupte ich, Rauchen wird bei der Entstehung von Lungenkrebs über- und andere Faktoren werden unterschätzt. Die Suche nach den Faktoren, die bewirken

  • dass in den USA trotz geringerer Raucherzahlen Lungenkrebs häufiger als in Deutschland auftritt
  • dass in Russland von den Männern so viel geraucht wird wie eh und je und dennoch die Erkrankungshäufigkeit sinkt
  • dass Frauen in den USA fast doppelt so häufig wie deutsche an Lungenkrebs erkranken, obwohl der Anteil der Raucherinnen bei ihnen seit ca. zwanzig Jahren gleich hoch oder niedriger liegt und schon in den sechziger Jahren nie mehr als maximal 50 % höher lag
  • und sogar mehr als viermal so häufig wie Russinnen von Lungenkrebs betroffen sind,
  • obwohl sich der Bevölkerungsanteil der Raucherinnen in Russland seit 1992 mindestens verdoppelt hat, während gleichzeitig die Zahl der Lungenkrebserkrankungen sinkt,

wäre, nicht zuletzt für auffallend häufiger von Lungenkrebs betroffene Staaten und Bevölkerungsgruppen, enorm wichtig. Die verbohrte Fixierung auf das Rauchen als Hauptfaktor von Lungenkrebs muss kritisiert werden, weil sie die Erkrankten stigmatisiert, gleichzeitig aber verhindert, dass andere Schlüsselfaktoren ins Visier genommen werden, die die ganze Zeit vernachlässigt worden sind und möglicherweise eine weit größere Rolle spielen als gedacht. Verdächtige gäbe es ja genug, von gesundheitsschädlichen Faktoren der Arbeit in Industriebetrieben bis zum Ausmaß der Luftverschmutzung, von Atomtests bis zu natürlichen Faktoren wie Radon, von Medikamentennebenwirkungen bis zu psychischen Belastungen. Und so weiter.

„Rauchen verursacht Lungenkrebs.“ Eine „Wahrheit“, die sich jeder Wissenschaftler seit Jahrzehnten zu hinterfragen hütet, wenn ihm seine Karriere lieb ist und er die Forschungsförderung seines Instituts nicht gefährden will. Dennoch geben die Daten des IARC diese Schlussfolgerung beim besten Willen nicht her.

Was also ist dran an diesem und anderen Mythen rund um das Thema „Rauchen und Gesundheit“? Kann wirklich nichts Besseres für die Gesunderhaltung möglichst vieler Menschen getan werden, als möglichst viele Raucher vom Rauchen abzubringen? Ich behaupte: Auch das ist ein Mythos. Welche Risiken mit dieser Public-Health-Strategie verbunden sein und welche Nebenwirkungen beobachtet werden können, damit werde ich mich in den nächsten Wochen befassen.

Veröffentlicht unter Medizin, Ohne Kategorie, Prävention / Gesundheitsförderung | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 31 Kommentare

Lobbyisten und Ideologen

An dieser Stelle hätte eigentlich ein Beitrag zu den Risiken und Nebenwirkungen der Raucherentwöhnung beginnen sollen, der in mehreren Teilen verschiedene Aspekte der Problematik näher beleuchtet. In diesem Zusammenhang wollte ich auch endlich einmal auf die elektronische Zigarette näher eingehen. Aus aktuellem Anlass, nämlich der Entscheidung des Europaparlaments über die Tabakproduktrichtlinie, werde ich heute aber doch noch einmal politisch.

Dass die Institutionen der Europäischen Union Objekt der Beeinflussung für Interessenvertretungen aller möglichen finanzstarken Gruppierungen mit meist höchst materiellen Eigeninteressen sind, sogenannter Lobbyisten, ist ein offenes Geheimnis. Jeder weiß es, und wie die Beeinflussungsversuche in der Praxis aussehen, wurde von manchen Abgeordneten auch schon öffentlich beschrieben. Dennoch will aber, fragt man die der Einflussnahme Ausgesetzten, keiner persönlich diesem Einfluss jemals gegen Vergünstigungen nachgegeben haben.

Das gilt natürlich aber nicht für die Vertreter der jeweils anderen, der eigenen entgegegengesetzten Meinung; denen solche Vorwürfe zu machen, ist in der Politik üblich. Ziel dabei ist normalerweise nicht etwa die Aufklärung der Öffentlichkeit, die ein realistisches Bild gewinnen soll, sondern die propagandistische Ausschlachtung eines negativen Bilds von der Gegenseite, das die Öffentlichkeit gewinnen soll, und zwar zum Vorteil der eigenen, in der Regel nicht weniger interessengeleiteten Position. Aus dem Blickwinkel kritischer Beobachter sollten solche Vorwürfe längst nicht mehr nur gegen den Beschuldigten, sondern ebenso gegen den Ankläger sprechen.

Nun sollte man fairerweise aber auch anmerken, dass Lobbyismus grundsätzlich durchaus seine Existenzberechtigung hat. Dummerweise ist es nun einmal so, dass die Experten in einer bestimmten Sachfrage, die eine Branche oder gesellschaftliche Gruppe betreffen, in der Regel für diese Branche arbeiten bzw. dieser Gruppe angehören und damit natürlich auch bis zu einem gewissen Grad interessengeleitet argumentieren. Aufgabe der Politik wäre es, ihre Argumente anzuhören und sich ein eigenes Bild zu machen, ob bzw. in welchen Teilen sie sachlich zutreffend sind, oder ob lediglich gegenüber anderen Branchen oder gesellschaftlichen Gruppen unberechtigte und die anderen benachteiligenden Vorteile herausgeschlagen werden sollen. Dazu bedarf es allerdings einer grundsätzlichen Sachkenntnis auf Seiten der Politiker. Fehlt es an der Sachkenntnis und/oder lassen sich Politiker durch Geld oder andere Vergünstigungen davon „überzeugen“, gegen die Sachargumente zu entscheiden, ist Lobbyismus natürlich unzweifelhaft schädlich.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Tabakindustrie sowie der Tabakhandel versucht haben, die Abstimmung über die Tabakproduktrichtlinie zu beeinflussen. Alles andere wäre ja auch sehr merkwürdig, immerhin haben beide ja auch die geschäftlichen Konsequenzen der EU-Entscheidung zu tragen, also warum sollten sie dann nicht auch jedes Recht haben, ihren Standpunkt zu Gehör zu bringen? Es ist eine Unsitte, dass dieses Recht jeder Interessenvertretung im Grundsatz zugestanden wird, nur die Tabakindustrie soll es anscheinend überhaupt nicht haben.

Weniger bekannt ist, dass auch die Pharmaindustrie bei der Entscheidungsfindung ihren Einfluss in die Waagschale geworfen hat, deren Interessenvertreter dabei in innigster Zweisamkeit mit Europaparlamentariern handelten, die eine möglichst rigide Regulierung des Tabakhandels verlangen. Weniger bekannt ist es deshalb, weil die Medien es nicht für nötig befunden haben, die „Aufklärung“ der Öffentlichkeit auch auf diesem Gebiet mit ähnlicher Engagiertheit zu betreiben, mit der sie in den Monaten vor der Abstimmung die Rolle der Tabaklobby dramatisch überhöht haben. Es liegt aber auch daran, dass der Einfluss der Pharmaindustrie zum größten Teil indirekt über die Finanzierung von sogenannten NGOs, also vermeintlich unabhängigen Organisationen, erfolgt. Der jüngst ausgestrahlte Bericht des WDR über die Finanziers vermeintlich unabhängiger Organisationen, die sich dem Kampf gegen das Rauchen verschrieben haben, ist meines Wissens sogar der erste seiner Art. Mehr von dieser Sorte investigativem Journalismus wäre zu wünschen, um die Geldflüsse und eigennützigen Einflussnahmen der Pharmaindustrie in Sachen Tabakbekämpfung besser durchschauen zu können.

War diese Einflussnahme vielleicht auch der Grund für die „geradezu unglaubliche Hexenjagd“, die von der CDU-Abgeordneten Dr. Renate Sommer in einer Pressemitteilung angeprangert wurde? Wörtlich schreibt sie weiter: „… der all diejenigen zum Opfer fallen, die eine sachliche, wissenschaftlich fundierte Regelung forderten. Wer nicht blind der sozialistischen Parlamentsberichterstatterin folgt, die ungeachtet aller Rechtsgrundsätze eine regelrechte Vernichtungskampagne gegen alle Tabakerzeugnisse fährt, wird als böse, menschenverachtend und von der Tabaklobby geschmiert an den Pranger gestellt. So viel Bösartigkeit habe ich in meiner 14-jährigen Zugehörigkeit zum Europäischen Parlament noch nicht erlebt.“

Willkommen im Club, Frau Dr. Sommer. Diese Erfahrung haben vor Ihnen schon viele andere gemacht, darunter auch ich selbst. Und ja, dass es sich um eine Vernichtungskampagne handelt, haben Sie gut erkannt. Das Ziel, das die WHO als Endergebnis ihrer Rahmenvereinbarung zum Tabakgebrauch (FCTC) anstrebt, die auch Grundlage der EU-Gesetzgebung ist, besteht ja bekanntlich in einer Welt ohne jeden Tabakgenuss.

Die Debatte vor der Abstimmung über die Tabakproduktrichtlinie am 8.10.2013 war offensichtlich nicht mehr dazu gedacht, irgendjemanden von irgendetwas zu überzeugen – der Plenarsaal war währenddessen abgesehen von den Rednern gähnend leer –, lediglich bestimmte Positionen wurden noch einmal wiedergegeben, gewissermaßen, um noch einmal mit diesen vertretenen Positionen im Protokoll zu stehen. Die Abstimmung selbst sah hingegen ein volles Haus, und ihr Ergebnis bestand aus einem Kompromiss, also etwas, das am Ende der meisten strittigen Fragen in der Politik zu erwarten ist. Besonderes Kennzeichen des Kompromisses ist, dass niemand völlig zufrieden mit ihm sein, aber ihm dennoch auch einige positive Seiten abgewinnen kann.

Da meine Bedenken gegen die Tabakproduktrichtlinie grundsätzlicher Natur sind und der Kompromiss die meisten der von mir befürchteten Folgen nicht verhindern wird, brauche ich kein Geheimnis daraus zu machen, dass ich mit dem Ergebnis unzufrieden bin – genaugenommen bin ich sogar entsetzt. Als einen Sieg der Pharmalobby würde ich es aber dennoch nicht bezeichnen, denn in einem sehr wichtigen, vielleicht sogar dem entscheidenden Punkt hat sie ihr eigentlich angestrebtes Ziel verfehlt: Die von den Herstellern von Raucherentwöhnungsmitteln so sehr gewollte, aber nach allen gesundheitspolitischen Gesichtspunkten geradezu irrsinnige Eliminierung ihres wohl zu erfolgreich gewordenen Konkurrenzproduktes E-Zigarette ist gescheitert. Das immerhin lässt hoffen, dass der Einfluss von Lobbygruppen seine Grenzen dort findet, wo ihre Wünsche erstens dem gesunden Menschenverstand Hohn sprechen und gleichzeitig massiver Druck aus der Bevölkerung die Volksvertreter daran hindert, sich dennoch von Interessenvertretungen „überzeugen“ zu lassen.

Bei der herkömmlichen Zigarette gab es diesen Druck zwar auch, dies wurde aber von den Empfängern meist pauschal unter „Einfluss der Tabakindustrie“ abgetan. Auf meinen offenen Brief, der vermutlich bei den meisten Empfängern ebenfalls – irrtümlich – als „Tabaklobby-beeinflusst“ im Papierkorb landete, habe ich nur von zwei Abgeordneten wenigstens eine Textbaustein-Antwort bekommen. Dass sich auch nur einer der Empfänger des Briefes inhaltlich mit meinen Bedenken auseinandergesetzt hat, ist nicht anzunehmen. Ich bin ziemlich sicher, dass man dies früher oder später bedauern wird, aber im Moment muss man sich damit eben abfinden.

Folgerichtigerweise sind nahezu alle Regulierungen, die nicht die E-Zigarette, sondern Tabakprodukte betreffen, vollständig oder mindestens zum Teil durchgesetzt worden. Ob die Schockbilder nun 65 oder 75 Prozent der Schachtel bedecken, was macht das für einen Unterschied für den einzelnen Raucher, der an der Supermarktkasse eine Schachtel Zigaretten kauft? Das Verkaufsverbot für Menthol-Zigaretten ist ebenfalls abgenickt worden, und dass die Übergangsfrist so lang ausgefallen ist, war vermutlich weniger dem Einfluss der Tabakindustrie geschuldet als dem langen Schatten von Helmut Schmidt, dem die EU immerhin genug zu verdanken hat, um ein Verbot seiner Zigarettenmarken aus einem Rest von Schamgefühl heraus vielleicht lieber erst nach seinem Ableben in Kraft treten lassen zu wollen.

Was sagt es aber über eine der politischen Kräfte auf EU-Ebene aus, wenn sie dieses Ergebnis, einen Kompromiss, in dem sie den bei weitem größten Teil der von ihr gewünschten Vorlage durchsetzen konnten, soweit sie Tabakprodukte betraf, immer noch als einen „Triumph der milliardenschweren Tabakindustrie“ zu verkaufen versucht? Im Wortlaut der betreffenden Pressemitteilung:

„Was hier heute passiert ist, steht im krassen Gegensatz zur Aufgabe der Abgeordneten, die Interessen der Bürgerinnen und Bürger zu vertreten“, so das eindeutige Fazit der Grünen Fraktionsvorsitzenden, Rebecca Harms. Noch ist aber nicht alles verloren. Nach der Abstimmung im Europaparlament beginnen jetzt die Verhandlungen mit dem Rat der Mitgliedsstaaten. Die Grünen werden sich weiter für den Gesundheitsschutz der europäischen Bürgerinnen und Bürger stark machen.“

Nur um die Absurdität zu verdeutlichen, in den Augen der Grünen ist auch das Scheitern des Verbots der E-Zigarette ein „Triumph der Tabakindustrie“, und das, obwohl die E-Zigarette für jene ebenso ein Konkurrenzprodukt ist wie für die Pharmalobby:

„Leider scheiterte auch der Einsatz der Grünen für eine künftige Zulassung der so genannten E-Zigarette als Medizinprodukt. Da diese mehrheitlich ebenfalls Nikotin enthalten, wäre eine Gleichbehandlung mit beispielsweise Nikotinpflastern angemessen gewesen.“

Das politische Instrument des Kompromisses ist in den Augen von Ideologen, die eine reine Lehre durchzusetzen haben, natürlich immer ein Sieg der Gegenseite. Ideologen finden es im Grunde genommen auch verzichtbar, andere Meinungen überhaupt zuzulassen. Das, was Frau Dr. Sommer pointiert, aber zutreffend als Hexenjagd beschrieben hat, ist ein Ausdruck dieses Unwillens. Das aber macht Ideologen zu einer Gefahr für die Demokratie. Was die Akzeptanz demokratischer Spielregeln betrifft, verbindet die Grünen-Fraktion im Europaparlament mit ihrer Vorsitzenden Rebecca Harms einen fast schon stalinistischen Umgang mit Andersdenkenden mit einem demonstrativ paternalistischen – und damit ebenfalls elementarische demokratische Spielregeln verletzenden – Sendungsbewusstsein desjenigen, der sich völlig sicher ist, ganz genau zu wissen, was für andere gut ist, und der fest entschlossen ist, ihnen diese Segnungen um jeden Preis zu verschaffen, und denjenigen, die sie gar nicht haben wollen, gerade erst recht.

Die bundesdeutsche Grünen-Spitze ist in dieser Hinsicht hoffentlich schon ein bisschen weiter. Sie musste ja bei der Bundestagswahl, bei der sie mit genau derselben paternalistischen Haltung angetreten war, gewaltig Federn lassen, und es hat den Anschein, als seien die Wähler angesichts der nicht endenwollenden kleinlichen Maßregelungen in ihrem Privatleben jetzt mit ihrer Geduld doch endlich am Ende. Die Reaktionen normaler Bürger auf die Beschlüsse des EU-Parlaments deuten in dieselbe Richtung: Konnte man beim Kampf gegen das Rauchen eigentlich immer unter der nichtrauchenden Bevölkerungsmehrheit mit mehrheitlicher Zustimmung für die jeweilige Maßnahme rechnen, stößt die Tabakproduktrichtlinie – ohne dass ich allerdings bislang eine Umfrage dazu gesehen hätte – auch bei auffallend vielen Nichtrauchern auf blankes Unverständnis, wenn nicht gar auf Zorn.

Im Mai nächsten Jahres ist Europawahl, und schon jetzt zeichnet sich ab, dass die EU-kritischen Parteien in zahlreichen Ländern hohe Stimmenanteile erringen werden, möglicherweise sogar in bislang nie gekannter Höhe. Auch die EU-kritische Alternative für Deutschland, die den Einzug in den Bundestag nur knapp verpasst hat, wird voraussichtlich im Europaparlament vertreten sein. Und die Grünen? Im Moment gibt es keine Umfragewerte für die Europawahl. Aber was den Teilnehmern bei Facebook zu der grünen Position zur Tabakproduktrichtlinie mehrheitlich einfällt, sollte ihnen doch zu denken geben.

Ob nun Lobbyismus oder ideologische Verblendung der Grund sein sollte, warum die Partei der Grünen es vorzieht, den Wähler weiterhin mit paternalistischer Herablassung zu behandeln, sie spielt dabei mit dem Feuer. Dass die Grünen mit einem niedrigeren Stimmenanteil als die Linkspartei in den Bundestag eingezogen sind, muss ja noch nicht die letzte Demütigung für sie gewesen sein. Vielleicht wird sie bei der Europawahl am Ende sogar noch dankbar dafür sein müssen, dass in jenem Fall drei Prozent der Wählerstimmen für den Parlamentseinzug ausreichend sind.

Veröffentlicht unter Ohne Kategorie | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Gastbeitrag von Bernd Palmer: Offener Brief an die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie

 

Die Berichte über die Wunder, die Rauchverbote auf die Häufigkeit von Herzinfarkten angeblich bewirkt haben sollen, reißen nicht ab, und sie haben schon in mehreren meiner Blogbeiträge ihre Bewertung gefunden. In Kürzestfassung: Ich fand nicht eine einzige Studie darunter, die einer näheren Betrachtung standgehalten hätte. Dennoch übernehmen Fach- und Publikumsmedien – entgegen ihrer eigentlichen Aufgabe – solche Studien völlig unkritisch, Fachleute berufen sich der Öffentlichkeit gegenüber auf sie, Widerspruch dringt nicht bis in die Medien vor. Es ist deshalb wichtig, andere Publikationsformen zu nutzen, um diese Omertà zu überwinden, und je mehr Leute davon Gebrauch machen, umso besser. 

Der folgende Text aus der Feder von Bernd Palmer wurde ursprünglich als Kommentar zu meinem letzten Blogartikel gepostet. Er enthält eine Reihe sehr berechtigter kritischer Fragen an die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie zu einem schweizerischen Fall eines „Herzinfarktwunders“ in Form eines offenen Briefes, und es ist mir ein Vergnügen, diesen Brief als Gastbeitrag zu veröffentlichen. 

Prof. Dr. med. Romano Grieshaber 

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V. befasst sich hauptsächlich mit der Publikation von medizinischen Leitlinien und wissenschaftlichen Studien für Kardiologen:

„Mit unserem neuen Internet-Portal http://www.kardiologie.org kommt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) ihrer Verpflichtung nach, die Ärzteschaft über alle Innovationen im kardiovaskulären Umfeld auch online zu informieren“, so Professor Dr. Eckart Fleck, geschäftsführender Herausgeber für die DGK.

„Springer Medizin als erfahrener und führender Partner an unserer Seite macht es möglich, dass gesichertes Expertenwissen über neueste Entwicklungen zeitnah für 30.000 Fachleute in Klinik und Praxis abrufbar wird.“

Zumindest eine dieser Studien wird diesem Anspruch nicht gerecht und liegt weit unter dem Niveau, das man von einer Gesellschaft für Kardiologie erwarten dürfte. Dies ist Anlass für einen offenen Brief meinerseits. Ich bin gespannt auf die Antwort.

Offener Brief

————————————————————

Sehr geehrter Herr Professor Fleck,

Ich beziehe mich auf die Publikation der DGK Rauchverbote wirken: Herzinfarktrate geht zurück die sich ihrerseits auf ein an der ESC-Konferenz 2013 präsentiertes Papier bezieht:

STEMI incidence falls in Southern Switzerland after smoking ban implemented

Wie nachstehend dargestellt, weist dieses Papier einige Unstimmigkeiten auf, die man klären müsste, bevor es zur Publikation insbesondere für die Medien freigegeben wird.

Ein Trend? Welcher Trend?

Wenn man über die in der Studie gezeigte Grafik eine Trendlinie (angenähert) legt, erkennt man leicht, dass es sich um einen fortlaufenden Trend ohne Besonderheiten handelt. Die Schwankungen erklären sich leicht durch die geringe Zahl von Fällen.

Die Prozentwerte über den blauen Säulen beziehen sich auf den Mittelwert der 3 roten Säulen, damit fallen die Prozentwerte höher aus, als sie eigentlich sind. Die Resultate sind „geschönt“.

Grafik 1A

Rauchverbot gut für Rentner?

Aus der altersstandardisierten Grafik ist nur die Kurve für Männer über 65 bemerkenswert. Es ist kaum anzunehmen, dass diese Altersklasse zu den übermäßig Passivrauch ausgesetzten Fällen gehört, zumindest dürfte sich darunter kaum Servierpersonalfinden. Auch ist der Anteil an Frauen bei Servierpersonal beträchtlich höher, das Rauchverbot scheint aber auf sie keine Wirkung zu haben.

Bemerkenswert ist allerdings der Ausreißer 2005-06; dem Passivrauch kann er kaum zugeordnet werden. Solange man diesen Ausreißer nicht erklären kann, ist es müßig, für andere Variationen den Passivrauch verantwortlich zu machen.

Man beachte auch, dass der stärkste Abfall zwischen 2005-06 und 2006-07 stattfindet, also noch vor dem Rauchverbot. Gibt es dafür eine Erklärung?

Grafik 1B

STEMI oder NSTEMI?

Die Tessiner Studie beschränkt sich auf STEMI-Fälle. Ander ESC-Konferenz 2011 wurde der Studienautor Di Valentino gefragt, weshalb er nur die STEMI-Fälle zeige.

Er gab als Grund an, dass die Diagnosemethode ab 2007 durch den zunehmenden Einsatz von Troponin I beträchtlich verbessert wurde. Auch die Differenzierung zwischen STEMI und NSTEMI hat sich  dank verbesserter Diagnosehilfen im Lauf der Zeit geändert.

 “ … In fact, there is actually no clear line that inherently divides STEMI, NSSTEMI, and unstable angina. Where cardiologists draw the line between a STEMI and an NSTEMI, or between an NSTEMI and unstable angina, is a relatively arbitrary decision. Indeed, the definitions of these three types of ACS have changed substantially over the years,“

 Richard N. Fogoros, M.D.

Es gibt keinen biologischen Grund, warum sich Rauchverbote nicht auch auf NSTEMI-Fälle auswirken sollten. Die Entwicklung der NSTEMI-Fälle zeigt aber eine beträchtliche Zunahme:

 Grafik 2

 

Wie man durch Addition der STEMI- und NSTEMI-Fälle zeigen kann, müsste also die Zahl der diagnostizierten Herzerkrankungen signifikant zugenommen haben.

Grafik 3

Im Gegensatz dazu zeigen die Statistiken des eidgenössischen Bundesamts, dass die Sterbeziffern für Herzerkrankungen im Tessin seit Jahren kontinuierlich fallen, und vor allem, dass das Rauchverbot keine Spuren hinterlassen hat.

Grafik 4

Vergleich mit anderen Kantonen

In Ihrer Pressemitteilung wird auch der Vergleich mit dem Kanton Basel-Stadt erwähnt, in dem während der Beobachtungsperiode kein Rauchverbot galt.

Gemäß offiziellen Statistiken nahmen in Basel-Stadt (fette gestrichelte blaue Linie) die Sterbeziffern zwischen 2006 und 2008 signifikant ab, ähnlich wie im Tessin (fette gestrichelte rote Linie) und in vielen anderen Kantonen, in denen es in diesem Zeitraum kein Rauchverbot gab. Der Vergleich mit Basel-Stadt ist irrelevant.

Grafik 5

Es ist verwunderlich, dass die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie eine solche Studie publiziert, ohne sie auf  ihre Plausibilität zu prüfen. Ich wende mich deshalb an Sie, geehrter Herr Professor Fleck, mit der Bitte um eine Erklärung oder Stellungnahme.

Freundliche Grüsse

Bernd Palmer

Dipl. Ing. ETH

 

Veröffentlicht unter Diskussionen, Medizin, Passivrauchen, Wissenschaftliche Prinzipien | Verschlagwortet mit , , , , , | 3 Kommentare

Offener Brief an Frau Dr. Martina Pötschke-Langer

Sehr geehrte Frau Kollegin,

Sie und mich verbindet mehr, als man auf den ersten Blick glauben sollte. Dazu zählt nicht nur die räumliche Nähe von Leimen und Heidelberg. Wir gehören auch in etwa derselben Generation an, und nur noch ein paar Jahre, dann treten auch Sie in den Ruhestand ein, so wie ich vor wenigen Jahren. Dass aber mich, den lebenslangen Nichtraucher, mit Ihnen, der Ex-Raucherin, ausgerechnet das Rauchen einmal in solchem Maße verbinden – in Gegnerschaft verbinden – würde, wie es in den letzten Jahren der Fall gewesen ist, hätte ich mir wahrhaftig nicht träumen lassen. Gestatten Sie mir, ein weiteres Mal auf dem Weg eines offenen Briefes mit Ihnen in Verbindung zu treten, auch wenn diese Verbindung vermutlich einseitig bleiben wird. Was ich mich nämlich frage: Wie viel von dem, was Sie öffentlich vertreten, glauben Sie eigentlich selbst auch noch nach Feierabend? Und wie viel davon würden Sie auch dann vertreten, wenn Sie damit in Medien und Gesellschaft auf stärkeren Widerspruch stoßen würden?

Von einigen Ihrer bekanntesten Verlautbarungen bin ich sicher, dass Sie selbst sie nicht glauben. Das gilt etwa für das Umfrageergebnis, das Sie jüngst in den Medien lanciert haben. „Vier von fünf Deutschen stimmen für konsequenten Nichtraucherschutz“, behauptete Ihre Pressemitteilung in der Überschrift. Die Medien übersetzten sich das dann so: „Laut Umfrage 80 Prozent für striktes Rauchverbot in Kneipen“. Das schreiben Sie so zwar in der Pressemitteilung nirgends, aber diese Übersetzung liegt nahe, denn als „konsequenter Nichtraucherschutz“ wurde seinerzeit in Bayern ein ausnahmsloses Rauchverbot propagiert. Näher betrachtet hatten die Befragten sich allerdings lediglich für eine der folgenden beiden Wahlmöglichkeiten zu entscheiden:

•          Grundsätzlich begrüße ich ein Rauchverbot in Gaststätten.

•          Ich lehne ein Rauchverbot in Gaststätten grundsätzlich ab.

Es geht hier also weder speziell um Kneipen, noch lässt sich sagen, wie die Befragten speziell zum Rauchen in Kneipen stehen. Wer zu dieser Frage „Nein“ sagt, der hält, nimmt man an, dass mit den beiden Fragen das komplette Spektrum möglicher Antworten abgedeckt sein soll, Rauchverbote vielmehr ausnahmslos und in allen Arten von Gaststätten von vornherein für falsch. Was aber der meint, der „Ja“ gesagt hat, lässt sich nicht sicher sagen.

Natürlich ist die Sache in Wirklichkeit aber sogar noch komplizierter. Die beiden Fragen lassen so viel Spielraum für Interpretationen (auch bei den Callcenter-Leuten, die Anrufern die Frage stellen und alleine schon durch ihre Betonung eine bestimmte Bedeutung suggerieren können), dass man in Wirklichkeit auch bei der Antwort „Nein“ nicht sicher sagen kann, was derjenige meinte, der sie gegeben hat. Mit anderen Worten: Die Ergebnisse dieser Umfrage sagen tatsächlich überhaupt nichts aus. Nach einer Umfrage von infratest dimap, die jüngst im Handelsblatt zitiert wurde, lehnen aber jedenfalls in NRW mehr als die Hälfte der Befragten das dortige ausnahmslose Rauchverbot ab, während nur 38 Prozent es befürworten. Dies lässt ahnen, dass es um die Zustimmung zu Totalrauchverboten in der Gastronomie in Wirklichkeit ganz anders bestellt ist, als es die Medien auf Basis Ihrer suggestiv formulierten Pressemitteilung behaupten.

Ich schaue mir dieses Spiel jetzt ja schon ein paar Jahre lang an, denn der Zweiseiter aus Ihrem Hause mit den Ergebnissen dieser Umfrage erscheint in jährlichem Rhythmus. Da Sie den ebenfalls jedes Jahr wiederholten und jedes Mal unweigerlich falschen medialen Interpretation des Inhalts der Fragestellung nie widersprochen und auch Ihre eigene Wortwahl nicht verändert haben, um künftig nicht mehr missverstanden zu werden, liegt die Vermutung nahe, dass solche Missverständnisse von Ihrer Seite her ausdrücklich erwünscht sind. Die Mehrheit der Leser solcher Meldungen, die ein ausnahmsloses Rauchverbot in der Gastronomie höchstwahrscheinlich ablehnt oder wenigstens für überflüssig hält, soll offenbar glauben, dass sie mit ihrer Meinung in der Minderheit sei. Dass die Meinung der Mehrheit eine Sogwirkung ausübt, ist Werbestrategen spätestens seit den Zeiten Edward Bernays‘ – Neffe von Sigmund Freud und unfreiwilliger Inspirator von Joseph Goebbels – bekannt. Wie man der in der Tat zu beobachtenden Zunahme der „grundsätzlichen“ Zustimmung zu Rauchverboten in der Gastronomie entnehmen kann, funktioniert diese Methode der Meinungsmanipulation bis heute noch ganz ausgezeichnet.

Haben Sie sich eigentlich jemals gefragt, was es für den tatsächlichen Wert der Sache bedeutet, die Sie vertreten, wenn es solcher machiavellistischen Winkelzüge bedarf, um sie erfolgreich öffentlich vertreten zu können? Hand aufs Herz: Beschleichen Sie nicht doch manchmal selbst leise Zweifel daran, ob Sie auf der richtigen Seite stehen? Wenn ich versuche, nachzuvollziehen, was Sie antreibt, und dabei all die profanen Gründe ausklammere, die dabei auch in Frage kommen oder nebenbei eine Rolle spielen könnten – Ihre herausgehobene Stellung als Leiterin des WHO-Kollaborationszentrums, dass Sie für das, was Sie tun, gut bezahlt werden und vielleicht ja auch noch weitere Vergünstigungen genießen und so weiter –, dann fällt es mir eigentlich ja gar nicht schwer zu begreifen, wie Sie in Ihre derzeitige Rolle hineingeraten sind. Bei dem Kampf gegen das Rauchen geht es ja um ein Ziel, das jedem anständigen Mediziner am Herzen liegen muss: Möglichst viele Menschen vor schweren und oft tödlichen Erkrankungen zu bewahren.

Verloren haben Sie mein Verständnis aber in dem Moment, als Sie der Versuchung nicht widerstanden haben, die Manipulation von Ergebnissen als vermeintlich gerechtfertigtes Mittel einzusetzen, um das so wichtige Ziel nicht zu gefährden. Auch die Versuchung kann ich dabei noch nachvollziehen. Wem, fragt sich bestimmt der eine oder andere, wird denn Schaden zugefügt durch die Suggestion, es gäbe eine viel größere Zustimmung zu ausnahmslosen Rauchverboten in der Bevölkerung, als es den Tatsachen entspricht? Aber die Täuschung in diesem Fall ist erstens kein Einzelfall, sondern dieses Vorgehen hat bei Ihnen seit vielen Jahren Methode. Zweitens bedeutet es, dass Sie die unmanipulierten Argumente für Ihre Sache offenbar selbst nicht für überzeugend halten. Die Beugung wissenschaftlicher Methoden und/oder deren wissentliche Fehlinterpretation ist drittens nicht nur eine Entwertung wissenschaftlicher Redlichkeit und Freiheit, ihr Ergebnis besteht zwangsläufig in einem Abdriften in die Unwissenschaftlichkeit. Und die gefährdet das angestrebte Ziel. Es muss letztlich auch Ihnen klar sein, dass Sie auf diese Weise nur Potemkinsche Dörfer der Epidemiologie bauen. Dass die gesundheitspolitischen Erfolge, die Sie der Öffentlichkeit verkünden, in Wirklichkeit gar keine sind, ist Ihnen sicherlich ebenso gut bewusst wie mir. Ein Erfolg tritt dann ein, wenn eine Maßnahme von einem Rückgang der Erkrankungshäufigkeit gefolgt wird. Diesen Rückgang nur vorzutäuschen, wie im Fall der Herzinfarktwunder, beeindruckt vielleicht Politik und Öffentlichkeit, aber auf einen wirklichen gesundheitlichen Nutzen, mit dem Sie sich am Ende vor sich selbst rechtfertigen könnten, warten Sie in Wirklichkeit doch immer noch. Fragen Sie sich zuweilen vielleicht sogar, ob er wirklich noch kommen wird?

Er wird nicht kommen, da bin ich ziemlich sicher. Welche Folgen auch immer das aktive Rauchen für sich alleine haben mag, Sie sorgen ja selbst aktiv dafür, dass sich, je mehr Raucher drangsaliert werden, die Folgen für ihre Gesundheit noch weiter verschlimmern müssen. Das aber ist dann nicht mehr die Schuld von Philip Morris  – Sie sind dafür hauptverantwortlich. Und wie positiv die gesundheitliche Wirkung des Rauchstopps tatsächlich ausfällt, die man dem gegenüberstellen könnte, müsste man aus all diesem Wust von Marketing-„Wahrheiten“, die in Wirklichkeit gar keine sind, erst einmal herausklauben. Gesundheitlicher Nutzen Ihrer Aktivitäten minus deren gesundheitlicher Schaden: Was mag dabei herauskommen? Solange niemand das untersucht, muss die Frage offen bleiben, aber ich tippe im allergünstigsten Fall höchstens auf ein Nullsummenspiel. Die Folgen Ihres Kampfs gegen die E-Zigaretten wären wiederum ausgerechnet dann, wenn Sie beim aktiven Rauchen mit jedem einzelnen Wort recht behalten würden, geradezu als verheerend zu bezeichnen.

Dass Sie der Politik suggerieren, es ließen sich durch die von Ihnen angestrebten Maßnahmen, wenigstens mittelfristig, Gesundheitskosten sparen, ist dagegen nicht nur fraglich, sondern eine glatte Lüge. Sie und ich wissen genau, dass die Gesundheitskosten in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren in jedem Fall erheblich steigen werden, und das ganz unabhängig vom Rauchen: durch die alternde Bevölkerung. Aber davon einmal abgesehen sind die Gesundheitskosten in den „fortgeschrittenen“ Antirauchernationen im Vergleich zu den unseren keineswegs in geringerem Maße angestiegen oder gar gesunken. In den USA gab es sogar parallel zum Rückgang des Bevölkerungsanteils der Raucher einen besonders hohen Anstieg der Gesundheitskosten. Was, wenn dies bei uns mit zunehmendem Fortschritt im Kampf gegen das Rauchen ebenfalls geschieht?

Die Unterstützung der Öffentlichkeit haben Sie sich gesichert, indem Sie die nichtrauchende Mehrheit gegen die rauchende Minderheit aufgehetzt haben. Diese Strategie trägt unbekömmliche Früchte, das lässt sich in den Kommentarbereichen jeder x-beliebigen Zeitung nachlesen. Dass Sie sich dabei strikt an eine emotionsfreie „wissenschaftliche“ Sprachregelung halten, kann nicht verbergen, dass die angestrebte Wirkung darin besteht, bei Lesern Emotionen zu erzeugen. Natürlich haben Sie beispielsweise selbst noch niemals gesagt: „Raucher raus aus allen Mietwohnungen!“ Sie sagen stattdessen Dinge wie: „Rauchen in Mietwohnungen ist generell ein Problem, durch ein solches Urteil können Wohnungsnachbarn besser geschützt werden.“ Es sind die Leser, die sich das dann als: „Raucher raus aus allen Mietwohnungen!“ übersetzen. Entsprechendes gilt für Aussagen, in denen Rauchern in derselben roboterhaften, vorgeblich neutralen Sprache ihre angeblichen Produktivitätsausfälle (der Leser übersetzt: „Raucher raus aus meinem Betrieb!“) oder ihre Krankheitskosten (der Leser übersetzt: „Raucher raus aus der Krankenversicherung!“) vorgerechnet werden. Es bedarf keiner wertenden Sprache, denn die Wertung liegt im Inhalt der Aussage.

Die Leser verstehen bei der Deutung Ihrer Wertung offensichtlich auch nichts falsch, denn bis heute habe ich noch nicht ein einziges Mal erlebt, dass Sie versucht hätten, eine solche Wiedergabe als Missverständnis richtigzustellen, auch dann nicht, wenn sie in menschenverachtendes Vokabular und menschenverachtende Forderungen entgleiste. Ihr Schweigen werte ich als stillschweigende Billigung solcher Äußerungen. Wenn aber Raucher in Mietshäusern „generell ein Problem“ sein sollen, sollten Sie außerdem die Katze schon aus dem Sack lassen und verraten, wie denn Lösungsvorschläge für dieses Problem Ihrer Vorstellung nach aussehen müssten. Würden Sie es denn begrüßen, wenn Raucher vor die Wahl Rauchen oder Obdach gestellt werden, wie dies in manchen Ländern bereits praktiziert wird? Und wie lauten Ihre Empfehlungen für den Umgang mit denjenigen Rauchern, die sich dann für das Rauchen entscheiden oder beim heimlichen Rauchen in ihrer Wohnung ertappt werden?

Sie beteiligen sich seit etlichen Jahren aktiv und systematisch an einer sozialen Spaltung der Gesellschaft mit dem Ziel einer Ächtung der Raucher, und das sehr erfolgreich, denn diese ist in einem Ausmaß fortgeschritten, wie es sich noch 2005, dem Jahr, als Sie die 3301 Passivrauchtoten verkündet haben, niemand hätte vorstellen können. Ich möchte Ihnen gerne glauben, dass Sie das einmal aus aufrichtiger Überzeugung, der Gesellschaft damit Gutes zu tun, begonnen haben. Glauben Sie aber auch im Jahre 2013 immer noch daran, dass Sie damit auf dem richtigen Weg sind, um die Menschen gesünder zu machen, oder müssen Sie manchmal nicht doch gegen ungute Gefühle ankämpfen? Haben Sie dabei vielleicht gar das Gefühl, Sie könnten es sich gar nicht erlauben, unguten Gefühlen nachzugeben? Weil, wer A gesagt hat, ja auch B sagen müsse?

Sie wissen ja sehr genau, wie ich selbst samt meinen Mitarbeitern ins Fadenkreuz geraten bin, als die Ergebnisse unserer Forschung – noch dazu der für Deutschland größten und aussagefähigsten tabakassoziierten Studie überhaupt –, eine wissenschaftliche Grundlage für die von Ihnen geforderte rigide Verbotspolitik beim besten Willen nicht hergaben und damit nicht zu den Brauchbarkeitskriterien der WHO im Kampf gegen den Tabak passen wollten. Da unsere Forschung noch dazu unabhängig war und von dem sonst so wirkungsvollen Mittel einer Steuerung des Flusses von Fördergeldern weder beeinflusst noch ausgebremst werden konnte, fielen wir dem wissenschaftlichen Bann und der Ächtung der UNO/WHO anheim, sekundiert von verschiedenen medizinischen Fachverbänden und Gruppierungen, die von der Gegnerschaft zur Tabakwirtschaft ganz gut leben und offensichtlich nicht die Absicht haben, sich von irgendjemandem die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Dabei hatten wir nur Fakten und Messergebnisse vorgetragen.

Genau das scheint der Apparat, dem Sie angehören, aber wie der Teufel das Weihwasser zu fürchten, denn alle publizierten Ergebnisse müssen offenbar unbedingt zu denen passen, die auf Basis der mathematischen Modelle bisheriger WHO-Epidemiologie errechnet wurden. Zu den Merkwürdigkeiten der heutigen Forschung, die mir in diesem Zusammenhang auffielen, gehört nämlich, dass zum Beispiel gerade die größte Datensammlung zur Kindergesundheit in Deutschland (KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts) zwar auch eine akribische Auswertung über die Passivrauchbelastung von Kindern enthält, die von überdurchschnittlicher Qualität im Vergleich zu den meisten sogenannten Studien ist, da sie nicht nur auf reinen Befragungen der Eltern oder der Kinder basieren, sondern auch auf den Cotininwerten der Kinder. Die als vermeintlich bewiesene Tatsache postulierte höhere Erkrankungswahrscheinlichkeit von Kindern in Raucherhaushalten hätte damit einen qualitativ einwandfreien Nachweis finden können. Nur wurde dies merkwürdigerweise gar nicht ausgewertet; jedenfalls gibt es dazu keine Publikation.

Ähnliches lässt sich auch für die DEGS-Studie aus demselben Hause sagen, in der die Gesundheit der Erwachsenen unter die Lupe genommen wurde. Alle möglichen Aspekte der Gesundheit, die man sich nur vorstellen kann, sind dabei Gegenstand von Untersuchungen gewesen, von der Allergie bis zur Depression und vom Schlaganfall über Herzinfarkt bis Diabetes. Ebenso war auch das Rauchverhalten ein offenbar so wichtiges Thema, dass ihm eine eigene Teilpublikation gewidmet wurde. Was aber auffallenderweise bei den einzelnen ausgewerteten Erkrankungsarten durchweg fehlt, ist der Rauchstatus. An fehlenden Daten kann dies kaum gelegen haben. Haben Sie irgendeine Erklärung dafür, warum ausgerechnet so naheliegende Auswertungen unterblieben sind? Ich jedenfalls habe den Verdacht, dass deren Ergebnisse nur schlecht zu Ihren eigenen Ergebnissen gepasst hätten und deshalb für nicht publikationstauglich befunden wurden. Das aber führt wieder zu der Frage zurück, welcher gesundheitspolitische Gegenwert dem angestrengten Ignorieren unliebsamer wissenschaftlicher Erkenntnisse eigentlich gegenübersteht.

Es mag sein, dass Raucher früher sterben, wenn das auch nicht unter allen Rahmenbedingungen zuzutreffen scheint, dies jedenfalls deuten unsere Forschungen unter den Kellnern an. Aber leben die Nichtraucher, die dank Ihrer Bemühungen das Rauchen nie angefangen haben, oder die Ex-Raucher, die dank Ihrer Bemühungen das Rauchen wieder aufgegeben haben, wirklich länger und/oder in besserer Lebensqualität? Parallel zu dem Rückgang des Bevölkerungsanteils der Raucher nimmt schließlich der Konsum anderer, nicht weniger bedenklicher Substanzen (Designerdrogen, Ritalin, Antidepressiva) und ebenso die Entwicklung von riskanten Verhaltensweisen mit Suchtcharakter zu (exzessiver Ausdauersport, exzessive Arbeitsbelastung). Es wäre fahrlässig, die Faktoren, die hier eine Rolle spielen, von den zahllosen anderen Risikofaktoren bis zu den genetischen Prägungen, die unser Leben begrenzen, einfach unter den Tisch fallen zu lassen, nur weil mit dem Rauchen ein so bequemer Sündenbock gefunden wurde.

Dass Sie Ihre Rolle als Leiterin des WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle als einer nicht wissenschaftlich, sondern politisch mit dem Ziel der Beeinflussung von Politik, Medien und Öffentlichkeit arbeitenden Institution vorbildlich im Sinne Ihrer Auftraggeber ausgefüllt haben, ist angesichts des momentanen Stands bei Gesetzgebung, Rechtsprechung und öffentlicher Meinung offensichtlich. Dies alles betrifft aber längst nicht mehr nur die Raucher. Die Verfahren und Strategien, die im Kampf gegen die Raucher und die Tabakindustrie so erfolgreich umgesetzt wurden, werden ja längst auch auf Alkohol, Lebensmittel und andere Genussmittel übertragen. Die WHO-Doktrin zum Alkohol wollte aber einer Ihrer Mitstreiter gegen das Rauchen, Professor Keil aus Münster, dann schon nicht mehr mittragen.

Sie hingegen scheinen weniger Berührungsängste zu haben. Schaut man auf das Programm der im Dezember anstehenden Konferenz für Tabakkontrolle, findet man auch folgenden Programmpunkt: „10 Jahre Tabakrahmenkonvention, 5 Jahre Aktionsplan Übergewicht – Was ist übertragbar?“ Darunter werden zum Beispiel Vorträge angekündigt mit dem Titel: „Regularien am Beispiel Lebensmittelsteuer „gegen“ Übergewicht und Tabaksteuer und Rauchverhalten“ oder „Individuelle und gesellschaftliche Verantwortung am Beispiel Adipositas“.

So, wie es aussieht, sind Sie also sogar schon mittendrin in der Organisation der wissenschaftlichen Grundlage für eine spätere Hexenjagd auf Übergewichtige. Und die trifft Sie und mich möglicherweise eines Tages auch persönlich – eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Ihnen und mir. Wenn wir uns dann beide im Lager der Verfolgten und Diskriminierten wiederfinden, wie gehen wir damit dann um? Sollen wir dann das Rauchen anfangen , um dem Idealgewicht näherzukommen? Oder sollen wir uns gar zusammentun und versuchen, gemeinsam, zum Beispiel mit Verweis auf das „Adipositas-Paradoxon„, das uns ja zu einer Lebenserwartung verhelfen kann, die diejenige von Normalgewichtigen übertrifft, die Lehrmeinung anzugreifen, die uns mit aller Gewalt von einer Sache heilen will, die in Wirklichkeit einen Überlebensvorteil bietet?

Sie sollten einmal ernsthaft mit sich zu Rate gehen, ob Sie für die längerfristigen gesundheitspolitischen Konsequenzen Ihres beruflichen Wirkens wirklich die Verantwortung tragen wollen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Man macht sich sein Leben wahrhaftig nicht einfacher, wenn man sich weigert, die Wahrheit nach momentaner Opportunität zu verbiegen. Aber letztlich schläft man doch sehr viel besser. Und wie schon Bertolt Brecht wusste: Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.

Mit kollegialen Grüßen

Prof. Dr. med. Romano Grieshaber

Veröffentlicht unter Medizin, Passivrauchen, Prävention / Gesundheitsförderung, Wissenschaftliche Prinzipien | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 26 Kommentare

Warum die neue EU-Tabakproduktrichtlinie grundfalsch ist

Urlaubsbedingt hätte ich beinahe die Abstimmung im Europaparlament zur neuen EU-Tabakproduktrichtlinie (worum es dabei geht, siehe hier, Volltext der Gesetzesvorlage hier) verpasst. Erfreulicherweise wurde die Abstimmung aber auf den 8. Oktober verschoben. Diese Gelegenheit habe ich genutzt, um in einem offenen Brief an die deutschen Abgeordneten des Europaparlaments (mit Ausnahme der Abgeordneten der Grünen) zu appellieren, dieser Vorlage nicht zuzustimmen:

Sehr geehrter Herr/Frau …,

die Abstimmung über die Tabakproduktrichtlinie, ursprünglich geplant für Anfang September, wurde in den Oktober verschoben, und prompt wird das in allen Medien als ein „Sieg der Tabaklobby“ verkauft. Ein bloßer Aufschub um einen Monat löst eine solche aufgeregte Reaktion aus! Man könnte darüber lachen, wenn nicht gleichzeitig dieselben Lobbygruppen – die sich dem Kampf gegen den Tabak verschrieben haben und deren Interessenvertretungen weder an Geldmangel leiden noch weniger engagierten Einsatz als die Tabakindustrie zeigen – die Mär von der dringenden gesundheitspolitischen Notwendigkeit jener Richtlinie auf allen Kanälen verbreiten würden.

Als Humanmediziner und Präventionsfachmann (und lebenslanger Nichtraucher), der bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand ein Berufsleben lang intensiv die tabakassoziierten Erkrankungen im Rahmen berufsgenossenschaftlicher Forschung wissenschaftlich untersucht hat, drängt es mich, dieser behaupteten Notwendigkeit mit Nachdruck zu widersprechen und im Gegenteil vor den gesundheitspolitischen Folgen dieser Richtlinie zu warnen, die absehbar nicht positiv, sondern negativ ausfallen werden.

Der Rechtsausschuss des Europaparlaments hat verfassungsrechtliche Bedenken an einer Reihe von Punkten geäußert, so etwa zu den sogenannten „Ekelbildern“, Darstellungen von angeblich durch das Rauchen verursachten Krankheiten von geradezu pornographischer Widerlichkeit, die nach diesem Entwurf verbindlich eingeführt werden sollen. Der Einwand aus juristischer Sicht bezieht sich u. a. auf die Markenrechte und weitere Rechte der Hersteller, und in der Tat scheint es mir ein bedenklicher Präzedenzfall, dass die Tabakindustrie für so böse gehalten wird, dass rechtsstaatliche Prinzipien ihr gegenüber nach Meinung der EU-Gesundheitskommission anscheinend nicht mehr gelten müssen. Mein Einwand bezieht sich aber nicht darauf, sondern auf die Konsumenten von Zigaretten, also die Raucher.

Es wurden ja in den letzten Jahren reihenweise Weichenstellungen vorgenommen, die dazu gedacht waren bzw. jedenfalls die praktische Wirkung hatten, Raucher Schritt für Schritt immer stärker gesellschaftlich verächtlich zu machen und ihnen ihre Verächtlichkeit auch deutlich zu vermitteln. Das beginnt bei der schulischen Erziehung (wo Kindern beigebracht wird, dass sie nicht nur selbst nicht rauchen, sondern dass sie rauchende Erwachsene verabscheuen sollen – was selbstverständlich dazu führt, dass sie auf Raucher entsprechend reagieren) und hört bis zum Altersheim nicht auf, wo das Recht, noch rauchen zu dürfen, in vielen Heimen mit der eigenen Fähigkeit, noch bis vor die Tür zu humpeln, steht und fällt. Solche Maßnahmen können Sie mit noch so unschuldig klingenden Bezeichnungen versehen, diejenigen, die davon betroffen sind, verstehen trotzdem ganz richtig, als was es eigentlich gemeint ist, nämlich als – unverdiente – Bestrafung.

Als Präventionsfachmann muss ich Ihnen sagen, dass das ehrenwerte Ziel, mit solchen Mitteln aus möglichst vielen Rauchern glückliche und gesunde Nichtraucher zu machen, auf diese Weise gar nicht erreicht werden kann. Stress erhöht bei Rauchern das Bedürfnis zu rauchen, und sie hohem Stress auszusetzen verringert die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Rauchstopps. Gleichzeitig werden ihnen dazu noch potentiell krankmachende Botschaften vermittelt, denn dass Angst vor Krankheit selbst ein Krankheitsauslöser sein kann (sogenannter „Nocebo-Effekt“) und dass dasselbe auch für die soziale Isolation gilt, in die Raucher wissentlich getrieben werden sollen, um sie damit unter Druck zu setzen, Nichtraucher zu werden, ist ebenfalls längst nachgewiesen. Lassen Sie sich nämlich nicht weismachen, dass die fünf Prozent Raucher, die als Folge des zunehmenden Drucks dann vielleicht wirklich zu Nichtrauchern werden, die negativen gesundheitlichen Folgen von stark stresserzeugenden Kampagnen für die verbleibenden 95 Prozent Raucher aufwiegen können. Fünf Prozent weniger Raucher als Folge von Ekelbildern, vom Verbot bestimmter Arten von Zigaretten und der anderen Maßnahmen wären aber schon mehr, als ich erwarte, wenn ich die Erfahrungen in „antitabakpolitisch fortgeschrittenen“ Ländern so betrachte. Da irrwitzigerweise mit der Tabakproduktrichtlinie auch die in den letzten zwei, drei Jahren von vielen Ex-Rauchern erfolgreich als Ausstiegshilfe genutzte E-Zigarette de facto verboten wird, ist im Gegenteil sogar eher mit einer Zunahme des Raucheranteils in der Bevölkerung zu rechnen.

Die EU befindet sich aber nicht nur im konkreten Beispielfall der Ekelbilder sowie der Tabakproduktrichtlinie insgesamt auf einem Irrweg. Die gesamte Herangehensweise einer „Eindämmung des Tabakgebrauchs“ auf EU-Ebene, die letztlich auf WHO-Konzepten basiert, die der FCTC, dem weltweiten Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs, zugrunde liegen, ist zum Scheitern verurteilt, weil in ihr Mittel und Ziel verwechselt werden. Das Ziel besteht in besserer Gesundheit. Die von der WHO angestrebte Eindämmung des Rauchens ist lediglich ein Mittel, mit dem jenes Ziel angestrebt wird. Das ist dort aber längst in Vergessenheit geraten. Die Eindämmung des Rauchens gilt als eine Art Wert an sich, und Abwägungen von Nutzen und Schaden einer Maßnahme wagt kaum noch jemand vorzunehmen, denn dies wird unweigerlich als ethisch verwerflich gebrandmarkt. Wenn Sie aber ein Volksvertreter im eigentlichen Wortsinn sein wollen, sollten Sie den Mut aufbringen, sie dennoch vorzunehmen.

Eine Eindämmung des Rauchens durch Beschämung, Beschimpfung, Bedrohung und Bestrafung von Rauchern wird sich meiner Überzeugung nach mit absoluter Sicherheit als gesellschaftlich wie gesundheitspolitisch kontraproduktiv erweisen:

  • Erstens, weil es in der praktischen Umsetzung eine Spaltung der Gesellschaft mit den Rauchern in der Rolle der Sündenböcke anstrebt. Das ist gefährliche Zündelei mit unvorhersehbaren möglichen Folgen. Als aktuelles Beispiel für die Art von Folgen, die ich meine, sei der Düsseldorfer Rentner genannt, dessen Vermieterin ihn wegen Rauchens aus der Wohnung geklagt hat. Auch wenn das Urteil die nächste Instanz nicht überdauern sollte – was dem Mann sehr zu wünschen ist –, hat es doch alleine durch seine Existenz bereits eine Flut weiterer Klagen von Vermietern und Nachbarn gegen Raucher ausgelöst, die nichts Schlimmeres getan haben, als in ihren eigenen vier Wänden oder im Freien auf dem Balkon zu rauchen. Mit beidem ist aber keinesfalls eine gesundheitliche Gefahr für Außenstehende verbunden. Raucher auf dem in vielen Städten sehr angespannten Wohnungsmarkt zu Freiwild zu machen, birgt hingegen erhebliche soziale und damit verbunden leider auch gesundheitliche Risiken.
  • Zweitens, weil die Pädagogik, was solche Mittel betrifft, bereits alle nötigen Lernerfahrungen gemacht hat, die der Public-Health-Branche, die beim Thema Tabak ja den Ton angibt, leider offenbar bis heute unbekannt sind: Die Mittel der sogenannten schwarzen Pädagogik haben noch nie die Wirkung gehabt, die ihnen nun im Fall der Raucher ein weiteres Mal zugeschrieben wird. Jeder Lehrer oder Erzieher, der im Umgang mit Kindern solche Mittel heute noch anwendet, würde rasch aus dem Dienst entfernt werden. Nicht nur, weil solche Mittel als entwürdigend empfunden werden, sondern auch deshalb, weil sie nachweislich ungeeignet sind, um erzieherische Ziele zu erreichen. Aber im Umgang mit erwachsenen Rauchern sollen sie auf einmal bestens funktionieren! Es sollte auch Ihnen einleuchten, dass an diesem Gedankengang etwas nicht stimmen kann.

Dass Horrorbilder der „Verbraucherinformation“ dienen oder auch nur dazu gedacht sein könnten, Informationen zu transportieren, ist eine absurde Vorstellung. Diese Bilder transportieren keine Informationen, sondern Emotionen, und diese Emotionen lauten: Angst, Ekel, Wut. Die EU wurde gegründet, um solche Emotionen gegenüber einstigen Kriegsgegnern abzubauen, die ebenfalls einmal mutwillig erzeugt und immer wieder neu angefacht worden waren. Wer glaubt, es sei gesund für ein Gemeinwesen, solche Emotionen nun in Bezug auf eine andere Gruppe zu erzeugen, handelt leichtfertig, und ihm droht früher oder später ein unsanftes Erwachen.

Eine EU, die in so vielen lebenswichtigen Fragen immer eingeschränktere Handlungsmöglichkeiten hat, sollte der Versuchung außerdem unbedingt widerstehen, auf symbolpolitischen Feldern Stärke zu suggerieren, Gebieten, auf denen man scheinbar nicht vieles falsch machen kann. Im Fall der Bekämpfung des Rauchens scheint es mir ein Schlüsselproblem zu sein, dass quer durch alle Parteien der Eindruck besteht, wenigstens in diesem Bereich sei Richtig und Falsch ganz deutlich zu unterscheiden. Auch das edle Ziel Gesundheitsschutz heiligt aber nicht jedes Mittel. Die Leitgedanken, die der Tabakproduktrichtlinie der EU zugrunde liegen, stehen im Widerspruch zu allem, was eine freie Gesellschaft in ihrem Wesen ausmacht. Spätestens aber dann, wenn ein Mittel das Ziel von vornherein ad absurdum führen würde, muss es unbedingt verworfen werden.

Wenn sogar ein ausgewiesener Europa-Freund wie Helmut Schmidt stangenweise Mentholzigaretten bunkert, um sich vor dem bevorstehenden Verbot zu schützen, anstatt sich in sein Schicksal zu fügen, braucht man nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was Mentholzigaretten-Raucher, die diese Möglichkeit nicht haben, künftig tun werden: Sie werden ihre Zigaretten dann eben beim freundlichen Schmuggler an der Straßenecke kaufen – und glauben Sie wirklich, dass der das Jugendschutzgesetz einhalten wird, wie es die meisten Einzelhändler tun? Nicht, dass ich das Jugendschutzargument im Fall von Mentholzigaretten für irgendwie stichhaltig halten würde. Jugendliche rauchen doch keine „Hustenbonbons“. Aber die Gesetze von Angebot und Nachfrage werden es dann schon regeln. Der Schmuggler an der Straßenecke, nicht in allen Regionen gleich stark verbreitet, wird künftig überall zu finden sein, wo es Nachfrage nach seinen im Handel nicht mehr erhältlichen Produkten gibt, und er wird all das im Repertoire haben, wofür er Abnehmer findet. Jugendliche werden besonders dankbare Abnehmer sein.

Die Tabakproduktrichtlinie treibt ohne jede sachliche Notwendigkeit bislang unbescholtene Bürger in die Hände von Kriminellen, und Sie dürfen darauf wetten, dass es bei einigen von ihnen nicht bei dieser „Einstiegsdroge“ in die Kriminalität bleiben wird. Die US-Alkoholprohibition lässt grüßen! Bekanntermaßen musste diese ja wieder aufgegeben werden, nachdem kein einziges der damit verfolgten gesundheitspolitischen Ziele erreicht, sondern im Gegenteil nichts als Schaden damit angerichtet worden war und die organisierte Kriminalität unerhörte Ausmaße angenommen hatte, mit Folgen, an denen die USA noch bis heute herumlaborieren.

Wird in Brüssel eigentlich wahrgenommen, dass die EU-Skepsis europaweit zunimmt? Die Tabakproduktrichtlinie und ihre möglichen Folgen nehmen sich harmlos aus im Vergleich zu den möglichen Folgen der Schuldenkrise und deren Auswirkungen auf die Einstellung der Bürger zur Europäischen Union. Dennoch kann sie am Ende der Strohhalm sein, der dem Esel das Kreuz bricht, und sei es nur deshalb, weil die von einer wachsenden Zahl von Bürgern empfundene Bevormundung durch die EU in ihren Augen immer unerträglicher wird, sodass auf jede neue als Schikane empfundene Vorschrift die Reaktionen heftiger ausfallen. Man ist ja angesichts der Ausmaße der Schuldenkrise versucht, sich zu fragen, ob es auf einen solchen Strohhalm hin oder her überhaupt noch ankommt. Aber dieses Gebiet ist nun einmal mein Fachgebiet, und es liegt mir am Herzen. Deshalb lege ich auch Ihnen ans Herz, das Zustandekommen der neuen Tabakproduktrichtlinie zu verhindern.

Mit freundlichen Grüßen

R. Grieshaber
Professor für Prävention und Gesundheitsförderung
an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Veröffentlicht unter Prävention / Gesundheitsförderung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 21 Kommentare

Malen nach Zahlen / Denialisten wie Sie und ich … und Dr. Kuhn

An dieser Stelle sollte nun eigentlich der letzte Teil der „Fundamentalkritik“ stehen. Aus aktuellem Anlass gibt es dazu erst einmal noch eine längere Vorrede, in deren Anschluss dann aber auch noch dieses Kapitel folgt. Man staunt ja immer, wie lebendig Dr. Kuhn auf einmal wird, wenn er glaubt, mir einen Fehler nachweisen zu können. Gerade eben hatte er sich noch solche Mühe gegeben, möglichst keine Diskussionen mehr um meinen Blog aufkommen zu lassen, und auf einmal entwickelt er wieder so viel Temperament!

Allerdings hätte er auch selbst merken können, dass es nicht gerade ein besonders seriöser Vergleich ist, die Kellnerdaten aus meiner regional begrenzten Studie (größtenteils aus den Regionen Sachsen und Nordrhein) mit denen der Pflichtversicherten in ganz Deutschland zu vergleichen. Ebensowenig ist es die feine englische Art, eine Widerlegung einer in Fünf-Jahres-Schritten wiedergegebenen Grafik mit einer Grafik in Zehn-Jahres-Schritten vorzutäuschen, denn selbstverständlich fallen in einer solchen Grafik die Ausschläge sehr viel größer aus und erwecken den Eindruck erheblicher Unterschiede. Die Daten zu den Pflichtversicherten (rote Linie in der nachstehenden Grafik)

Grieshaber_Alter2

sehen zum Beispiel in Fünf-Jahres-Schritten ganz anders aus:

gkv Pflichtversicherte

Was an jener Grafik eine Widerlegung meiner Angaben sein soll, ist mir aber unabhängig davon schleierhaft. Der starke Ausschlag bei den 20- bis 29-Jährigen führt selbstverständlich zu einem noch niedrigeren Kurvenverlauf bei allen anderen Altersgruppen; dies ist aber vor allem der viel gröberen Darstellung geschuldet.

Anstelle der Kellnerdaten hatte ich, wie Kuhn richtig bemerkt, eine Grafik für die Gesamtgastronomie in meinen Blogartikel eingefügt, aus der die Häufung jüngerer Mitarbeiter – um die es ja eigentlich ging – ebenfalls leicht abzulesen ist. Diese im Text erwähnte Häufung sollte durch die Grafik illustriert werden und dazu wollte ich die Erwerbsbevölkerung als Vergleichsgruppe verwenden können. Auf meine alten Tage werde ich mir die Unsitte nämlich nicht mehr angewöhnen, Daten aus unterschiedlichen Quellen, erhoben nach verschiedenen Erhebungsprinzipien, einfach durcheinanderzumengen. BGN-Hochrechnungen nach geleisteten Arbeitsstunden ergeben beispielsweise eine um etwa 1 Million Beschäftigte höhere Zahl von angestellten Mitarbeitern in der Gastronomie, als das Statistische Bundesamt sie im Mikrozensus 2005 ausgewiesen hat. Unabhängig von den Gründen für diese Abweichungen wäre ein Vergleich der jeweiligen Ergebnisauswertungen ihretwegen nun einmal kaum sinnvoll.

Dass die Gastronomiedaten in jener Grafik aus derselben Quelle stammten wie die der Erwerbsbevölkerung, nämlich eine Teilmenge aus derselben Datenquelle sind, kann, wer lesen kann, der Bildunterschrift mühelos entnehmen. Richtig ist allerdings, dass ich es versäumt habe, auch im Text darauf hinzuweisen, dass diese Grafik nicht die Kellnerdaten darstellt. Es war mir einfach eine zu große Selbstverständlichkeit, dass die Altersverteilung der Kellner, beide Geschlechter zusammengenommen, kaum von derjenigen in der Gesamtgastronomie abweicht. Dies ist eine langjährige, immer wieder aufs Neue bestätigte Erfahrung aus zahlreichen BGN-Projekten, aber natürlich kann ich das nicht einfach bei Außenstehenden als bekannt voraussetzen und hätte dies deutlicher machen müssen. Um dies vorwegzunehmen: Beweisen kann ich diese Gleichverteilung von Kellnern und Gesamtgastronomie auf die Schnelle allerdings nicht. Sie haben also nur die Wahl, mir entweder zu glauben, dass ich damit die Erfahrungen meines Berufslebens wahrheitsgetreu wiedergebe, oder es mir meinetwegen auch nicht zu glauben. Da die Grafik, die Dr. Kuhn als vermeintliche Widerlegung anbietet, in Wirklichkeit gar nichts widerlegt, ist die Frage, um die es dabei geht, letztlich auch ein unbedeutender Nebenkriegsschauplatz.

Die Zahlen der Pflichtversicherten sind als Vergleichszahlen – sofern man eine nicht regional begrenzte Vergleichsgruppe hat – grundsätzlich weder nennenswert besser noch schlechter für einen Vergleich mit einer bestimmten Berufsgruppe als die der Erwerbsbevölkerung. Dass beide Kurven sehr ähnlich verlaufen, ergibt sich ja sogar aus Dr. Kuhns Grafik. Ihm scheint allerdings nicht bekannt zu sein, dass keineswegs alle Pflichtversicherten auch erwerbstätig sind. Tatsächlich trifft das nämlich sogar auf einen ziemlich großen Teil der Pflichtversicherten nicht zu, und ausgerechnet im betreffenden Zeitraum fiel dieser Anteil sogar besonders hoch aus.

Im Jahre 2005 etwa gab es 28,5 Millionen GKV-Pflichtmitglieder. Von denen waren aber 5,5 Millionen gar nicht erwerbstätig, sondern

  • ·         arbeitslos (4,5 Millionen)
  • Student, Praktikant oder Auszubildender ohne Entgelt (etwas über eine halbe Million)

Eine weitere halbe Million verteilt sich auf:

  •  Landwirtschaftliche Unternehmer
  • Selbständige Künstler und Publizisten
  • In Reha
  • Mitarbeitende Familienangehörige
  • Vorruhestandsempfänger

Dass diese nicht erwerbstätigen Pflichtversicherten vor allem in zwei Altersgruppen zu Buche schlagen, nämlich bei den unter Dreißigjährigen und den über Fünfzigjährigen, kann sich mühelos jeder selbst zusammenreimen, und falls jemand daran Zweifel haben sollte, lässt es sich natürlich auch nachweisen. Dass die Altersstruktur der Arbeitslosigkeit daneben im Osten (der in der Kellner-Auswertung überrepräsentiert ist) einen überdurchschnittlichen Anteil an über Fünfzigjährigen umfasst, kann ich wohl auch als allgemein bekannt voraussetzen.

Somit wären in Dr. Kuhns Grafik genau die beiden Bereiche durch einen hohen Anteil nicht Erwerbstätiger verzerrt und entsprechend zu korrigieren, in denen er glaubt, gravierende Abweichungen zum Kurvenverlauf in meiner Grafik gefunden zu haben. Nach einer entsprechenden Korrektur bestehen keine nennenswerten Abweichungen mehr mit Ausnahme der, sicherheitshalber wiederhole ich es noch einmal, besonders stark vertretenen Altersgruppe zwischen 20 und 29 bei den Kellnern. Dass deren besonders hoher prozentueller Anteil selbstverständlich dazu führt, dass alle anderen Altersgruppen niedriger als in der Erwerbsbevölkerung vertreten sind, hatte ich bereits erwähnt.

Kommen wir nun aber noch einmal zurück zu der Frage, ob es denn nun aus Dr. Kuhns Sicht nun weiterhin denkbar sei, dass ein Healthy-Worker-Effect dafür verantwortlich ist, dass Kellner so wenige Lungencarzinome bekommen, oder ob er diese Auffassung inzwischen gar nicht mehr vertritt. Denn um diese Frage ging es ja eigentlich, und irgendwie habe ich den Eindruck, als wäre dieses „Malen nach Zahlen“ nur deshalb vorgenommen worden, damit sich möglichst niemand mehr an diese eigentliche Frage erinnert, so wie bei dem uralten Taschendieb-Trick, „Haltet den Dieb“ zu rufen, um selbst nicht ertappt zu werden.

Die Kernthese bezüglich des Healthy-Worker-Effects lautete ja, dass Kellner in erheblich stärkerem Maße als andere Erwerbstätige krankheitsbedingt aus dem Beruf aussteigen und in ihm nur die gesünderen „healthy worker“ zurückbleiben. Dafür ergibt sich aus der statistischen Altersverteilung aber keinerlei Anhaltspunkt, ob nun die Erwerbsbevölkerung oder die Pflichtversicherten als Vergleichsgruppe herangezogen werden. Auffallend ist nur die Altersgruppe unter 30, und für deren Ausscheiden gibt es sehr viel plausiblere Begründungen als ausgerechnet einen Berufsausstieg aus Krankheitsgründen zu vermuten.

Dr. Kuhn will anscheinend darauf hinaus, dass Kellner im Alter über 40 kaum noch in ihrem Beruf tätig sind. Da er ja mein Buch besitzt, kann ich ihm nur empfehlen, darin die Zahlen für Kellner und Köche, die beiden hauptsächlichen Berufsgruppen in der Gastronomie, miteinander zu vergleichen. Dann wird er nämlich feststellen, dass unter den untersuchten Versicherten männliche Kellner in den Altersgruppen über 40 prozentual sogar stärker vertreten sind als männliche Köche. Bei den Damen sind die Altersgruppen bis 29 allerdings so dominierend, dass sie zusammengenommen mehr als die Hälfte aller Kellnerinnen stellen; damit fallen die älteren Altersgruppen natürlich zwangsläufig im Vergleich dazu prozentual noch sehr viel stärker ab.

Da Dr. Kuhn in seiner Grafik Männlein und Weiblein unter den Kellnern ungeachtet dieser Unterschiede einfach zusammengeworfen hat, hier ein Vergleich der beiden Berufsgruppen Köche und Kellner, wenn beide Geschlechter zusammen betrachtet werden, sowie der Vergleichsgruppe, der Erwerbsbevölkerung im betreffenden Krebsregistergebiet.

Kellner Köche Einwohner Auch hier enthält der Altersverlauf aller drei Gruppen ab einem Alter von 30 Jahren keine auffallenden Abweichungen mehr, wenn der besonders starke Ausschlag bei den 20- bis 29-Jährigen herausgerechnet und der hohe Anteil von nicht Erwerbstätigen unter den jungen Leuten und den über Fünfzigjährigen in der Erwerbsbevölkerung berücksichtigt wird.

So viel hierzu. Dafür, dass es sich bei der Frage um einen reinen Nebenkriegsschauplatz handelt, habe ich mich ziemlich lange mit ihr aufgehalten. Auch im letzten Kapitel der Fundamentalkritik spielt dieses Phänomen eine Rolle: Wenn Dr. Kuhn über Passivrauchen schreibt, dann geht es nämlich eher selten um den Kern der Sache.

6. Denialisten wie Sie und ich

… und wie Dr. Kuhn

In Wissenschaften, die sich auf die Meinung und das Belieben stützen, sind die Vorausnahmen und die Dialektik von gutem Gebrauch, da es hier darauf ankommt, die Zustimmung zu erzwingen, nicht den Gegenstand zu bezwingen. (Francis Bacon, Neues Organon)

Dr. Kuhns Verteidigung der 3301-Schrift enthält nur wenige Argumente zur Sache, die konkret auf jene Bezug nehmen. Im Wesentlichen geht es in seinem Aufsatz auch nicht um Epidemiologie, sondern um die Majestätsbeleidigung, die nicht nur Ropohls Kritik, sondern Kritik an der DKFZ-Arbeit zum Passivrauchen überhaupt darstellt. Dabei wird den Kritikern vorgeworfen, „pseudowissenschaftliche Argumentationen im Dienste außerwissenschaftlicher Interessen“ zu vertreten. Auch Ropohl wird dieser Vorwurf gemacht. 

Am nächsten kämen einer Auseinandersetzung in der Sache noch Dr. Kuhns Bemühungen, Professor Ropohl eine falsche Herangehensweise bei seiner Kritik an ihr nachzuweisen, die leider den Schönheitsfehler haben, dass er die Herangehensweise einfach nicht verstanden hatte. Auf Laien immerhin mögen sie eindrucksvoll gewirkt haben, denen auch ein sehr bezeichnender Schnitzer (im Zitat hervorgehoben) nicht aufgefallen sein wird. 

Dabei bezeichnet er (Ropohl) genau das als Mangel, was unaufhebbar die analytische Anstrengung charakterisiert, etwas über die Ursachen von Sterbefällen herauszufinden. Als Ideal setzt er (Rophol) das bloße Zählen von Sterbefällen dagegen, aus dem man aber, abgesehen von ursächlich mehr oder weniger offenkundigen, bereits auf dem Totenschein verzeichneten Unfällen und Selbstverletzungen, nie etwas über die Hintergründe des jeweiligen Sterbefalls erfahren kann.

Kuhn legt sich mit diesem Satz darauf fest, dass epidemiologische Verfahren Hintergründe – also kausale Beziehungen – vermitteln können. Ropohl zitiert er in diesem Zusammenhang (zutreffend) wie folgt:

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind reale Ergebnisse der empirischen Sterbefallstatistik, die Zahlen von Pötschke-Langer dagegen fiktive Rechenergebnisse.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass Kuhn, nachdem er selbst dem DKFZ gerade das Wunder zugetraut hat, auf Basis fiktiver Rechenergebnisse Kausalität zu beweisen, nun zur Attacke auf der persönlichen Ebene übergeht und Ropohl das vorwirft, was Diethelm und McKee als „Denialism“ beschreiben: eine „gegen Kritik immunisierte Darstellung von Sachverhalten“, „verschwörungstheoretische Unterstellungen gegenüber dem wissenschaftlichen Konsens“, „falsches Expertentum, selektives Heranziehen von Studien, überzogene Anforderungen an den Nachweis von Effekten und falsche Analogieschlüsse bzw. logische Sprünge in der Argumentation“ sowie „gezielte Strategien der Zersetzung von unerwünschten wissenschaftlichen Befunden“.

Einmal davon abgesehen, dass eine seriöse wissenschaftliche Auseinandersetzung eigentlich anders aussehen sollte: Professor Ropohls These galt eigentlich in der Wissenschaft vor der „Passivrauchära“ schon einmal als unumstößlich – auch bei epidemiologischem Vorgehen herkömmlicher Art! –, dass nämlich mit epidemiologisch-statistischen Methoden in komplexen (biologisch-psychosozial-technologischen) Systemen keine Kausalitäten im deterministischen Sinne ermittelt werden können:

Bei epidemiologischen Studien wird die Bevölkerung in einer realen Situation untersucht. […] Aber im wirklichen Leben können die Randbedingungen nicht kontrolliert werden. Was gefunden wird, ist das Ergebnis vieler Einflussfaktoren, die auch nicht immer bekannt sind. […] Epidemiologische Studien können Kausalität nie beweisen, aber doch wahrscheinlich machen, wenn bestimmte Anforderungen erfüllt sind. (Quelle)

 Der Denialismusvorwurf fällt folglich auf die Gegenseite zurück, denn das Beharren auf der vermeintlich existierenden Möglichkeit, Kausalität durch epidemiologische Studien zu beweisen, ist ja auch nichts anderes als eine „gegen Kritik immunisierte Darstellung von Sachverhalten“ und eine „verschwörungstheoretische Unterstellung gegenüber dem wissenschaftlichen Konsens“. Mit seiner Kausalitätsbehauptung hat Kuhn selbst eine Eintrittskarte in den Verein der Denialisten eingelöst.

Wie bereits erwähnt, sind realitätsgerechte Ergebnisse von vornherein praktisch unmöglich, in jedem Fall aber sehr unwahrscheinlich, wenn man die Ergebnisse einer (monokausalen) Studie als Berechnungsgrundlage für neue Arbeiten verwendet und diese Ergebnisse, etwa ein bestimmtes relatives Risiko, dabei als gegeben voraussetzt, wie dies bei den 3301-Berechnungen geschehen ist. Der Weg, den Ropohl und ich gegenüber jener Arbeit beschritten haben, war der, dass wir prüften, ob in der Realität weniger oder gleich viele oder mehr Erkrankungen herauskommen, als gemäß jenen Berechnungen zu erwarten wäre. Unabhängig voneinander und auf verschiedenen Wegen – Professor Ropohl nahm eine Überschlagsrechnung anhand der Gesamtbevölkerung vor, deren Ungenauigkeiten leicht mit „bewährten epidemiologischen Methoden“ herausgerechnet werden könnten – haben wir das Ergebnis herausbekommen, dass mehr Erkrankungen gegenüber der Vergleichsgruppe der übrigen Bevölkerung nicht herauskommen. In diesem Fall kann der Einflussfaktor Passivrauchen gar keine ursächliche Beziehung zu einer erhöhten Erkrankungsrate haben, da jene nicht nachweisbar ist und damit über den Status einer reinen Fiktion nicht hinausgelangt.

Die zahlreichen weiteren Unstimmigkeiten bei der 3301-Publikation sind dabei noch gar nicht gewürdigt worden. In meinem Buch habe ich sie ausführlich behandelt, also seien sie hier nur kurz gestreift: Einmal davon abgesehen, dass eine multifaktorielle Herangehensweise auch bei größtem Wohlwollen nur in sehr reduzierter Form erkennbar ist – so wurde etwa auch das Alter als bedeutendste Todesursache völlig ausgeblendet, obwohl zwei Drittel der errechneten Todesfälle im Alter von über 75 Jahren geschehen sollen –, es wurden außerdem ganze Datenblöcke verrechnet, deren Herkunft nie geklärt werden konnte, denn es lag für die Altersgruppe 80+ ja gar keine Datengrundlage über die Exposition mit Passivrauch vor. 

 Am Ende kann festgestellt werden, dass Kuhns wissenschaftstheoretische Einblendung in seiner Veröffentlichung politisch-ideologisch durchaus begründbar gewesen wäre, aber eben nicht wissenschaftlich. Politisch Rauchverbote zu wollen, ist an sich ja durchaus legitim: Man braucht dann eben Mehrheiten, die das auch wollen. Nicht legitim ist es, lediglich den Anschein zu erwecken, ein haltbares wissenschaftliches Ergebnis erzielt zu haben, das ein solches Verbot unverzichtbar machen würde, mit dem Ziel, diese Mehrheiten für sein Anliegen zu gewinnen. Oder in Dr. Kuhns eigenen Worten: „pseudowissenschaftliche Argumentationen im Dienste außerwissenschaftlicher Interessen“ vorzubringen. Noch viel weniger ist es legitim, jede Überprüfung dieses Ergebnisses aktiv zu hintertreiben, wie in Kapitel 2 beschrieben. Parlamente und Gerichte vertrauen auf die Verlässlichkeit wissenschaftlicher Ergebnisse und richten ihre Gesetzgebung und Rechtsprechung an ihnen aus. Sie sollten sich auf ihre Richtigkeit dann auch verlassen können. Wenn aber politisch gewollt ist, was wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden kann, ist es unredlich, eine haltbare wissenschaftliche Grundlage nur vorzutäuschen, sich dabei auf die Unverständlichkeit der angeblich allein maßgeblichen komplizierten mathematisch-statistischen Verfahren sowie die Zahlenblindheit der Allgemeinheit zu verlassen, die gar nicht in der Lage ist zu beurteilen, ob ein Kritiker den Sachverhalt richtig erfasst hat oder nicht.

Dass die Unredlichkeit sich in den Augen ihrer Urheber bislang gut ausgezahlt hat, will ich aber gar nicht bestreiten, denn längst sind wir ja an dem Punkt angelangt, an dem durch Festlegung, dass bei politischen Entscheidungen nur bestimmte wissenschaftliche Modelle angewandt werden dürfen, Parlamente und Gerichte auch über die wissenschaftliche Richtung der Lehrmeinung entscheiden.

Fachleute und Nichtfachleute haben ihre außerwissenschaftlichen Gründe, die Gefährlichkeit des Passivrauchens keinesfalls in Frage stellen zu wollen. Aber es muss doch auch heute noch Wissenschaftler geben, die den ernsthaften Wunsch haben, Menschen helfen zu wollen. Sie kann es nicht zufriedenstellen, wenn die Epidemiologie einen Beweis erbringen zu können scheint – das muss auch gar nicht speziell das Passivrauchen betreffen –, aber jene Ergebnisse dazu gar nichts beitragen. Die Einsicht, dass allein mit quantitativem Messen ohne qualitatives Werten komplexe Systeme nicht ausreichend durchdrungen werden können, und eine systemorientierte Herangehensweise bieten einen Ansatzpunkt, um auf anderem Wege erfolgreicher als bisher bei der Forschung nach Krankheitsursachen zu sein. 

Als Appell an die Wissenschaft kann aber außerdem nicht oft genug wiederholt werden, dass mit der momentanen Fixierung auch der finanziellen Mittel für Forschungen auf die tabakrauchassoziierten bösartigen Erkrankungen – wobei absurderweise immer geringere Spuren von Tabakrauch zu immer größeren Gefahren aufgebauscht werden, neuerdings ja neben dem Passivrauch auch der sogenannte Third-Hand-Smoke – völlig aus dem Blickfeld gerät, welche realen und oft sogar mit bloßem Auge erkennbaren Gesundheitsgefahren die Menschen in Wirklichkeit bedrohen. Ihre Bedeutung wird nicht selten heruntergespielt, um die bedrohliche Kulisse nicht zu beschädigen, die für nötig gehalten wird, um möglichst viele potentielle Tabakkonsumenten vom Rauchen abzuhalten. Wenn diese Art der Abschreckung ihren ursprünglichen Sinn, nämlich weniger Erkrankungen, nicht selbst ad absurdum führen soll, darf und muss die Frage gestellt werden, ab welchem Punkt bei einem solchen Vorgehen schlimmere Gefahren in Kauf genommen werden, als man zu beseitigen hofft. Meiner Meinung nach haben wir diesen Punkt schon lange hinter uns gelassen, und diese Meinung werde ich in den nächsten Wochen auch noch ausführlich in diesem Blog begründen. 

Diese Überzeugung sowie diejenige, dass der Nutzen von „kleinen Unwahrheiten zum Wohle der Allgemeinheit“, die manchmal sehr verführerisch sein können, in der Wissenschaft den damit zwangsläufig verbundenen Schaden niemals aufwiegen kann und ein solches Vorgehen außerdem einen zutiefst unwissenschaftlichen Geist offenbart, muss kein Epidemiologe mit mir teilen, um sich diese wichtige Kosten-Nutzen-Analyse ab und zu vor Augen zu halten und über die tatsächliche Wirkung seiner Arbeit nachzudenken. Denn dies zeichnet einen guten Wissenschaftler viel mehr aus als noch so viele peer-reviewte Veröffentlichungen.  

Veröffentlicht unter Diskussionen, Naturwissenschaften, Passivrauchen, Wissenschaftliche Prinzipien | Verschlagwortet mit , , , , , , | 2 Kommentare

Zwischenfazit

Ein notwendiger Einschub vor dem letzten Teil der „Fundamentalkritik“.

Von acht Teilen meiner Fundamentalkritik der Epidemiologie sind nun sieben erschienen, und es war ganz aufschlussreich, das Echo darauf zu beobachten, wie es sich vor allem im Blog von Dr. Joseph Kuhn niederschlug. Die Teile 1 bis 2 wurden von ihm unter lebhafter Beteiligung seiner Anhängerschaft noch mit großem Interesse kommentiert. Ab Teil 3, als es fachlich endlich in die Tiefe ging, fing der Blogautor aber plötzlich an, sehr einsilbig zu werden – obwohl er sich bis dahin jederzeit dankbar auf jede kleinste Chance gestürzt hatte, mir wirklich oder vermeintlich einen Fehler nachzuweisen. Seine Gefolgschaft hätte sichtlich gerne weiterdiskutiert, Kuhn selbst gab sich aber ebenso sichtliche Mühe, sie auszubremsen. Angeblich war ihm die Beschäftigung mit mir auf einmal zu langweilig geworden.

Nach der Publikation von Kapitel 4.1 „Der eingesprungene Aushilfskellner“ scheint sein Interesse plötzlich wieder aufgeflammt zu sein. In diesem Kapitel hatte ich die von Dr. Kuhn in einem früheren Blogbeitrag aufgeworfene Frage beantwortet, ob es womöglich einen sogenannten „Healthy-Worker-Effect“ geben könne, der dazu führe, dass Kellner von mir irrtümlich für weniger lungenkrebsanfällig gehalten würden, ohne dies in Wirklichkeit aber zu sein. Im Kommentarbereich seines Blogartikels, in dem er sich mit meiner „Fundamentalkritik“ befasst kann man – jedenfalls derzeit noch – folgende Einlassung von ihm nachlesen:

Kommentar editiert 9.6.2013, 1:55 Uhr: Eigentlich wollte ich doch noch einmal etwas ausführlicher auf Grieshaber eingehen, weil er in seinem aktuellen Blogbeitrag zum Healthy Worker Effekt einen bedenkenswerten und diskussionswürdigen Punkt anspricht (die fehlende Frühsymptomatik beim Lungenkrebs). Ich habe den ursprünglich dazu formulierten Kommentar wieder gelöscht, weil die Sache bei näherer Betrachtung ziemlich komplex wird und letztlich für die Aussagekraft seiner Kellner-Epidemiologie auch nicht entscheidend ist. Gleiches gilt für die Frage, warum er zur Berufsausstiegsdynamik nun Daten des Statistischen Bundesamtes präsentiert, obwohl er die Altersverteilung der von ihm ausgewerteten Kellner mit der Altersverteilung z.B. aller Pflichtversicherten vergleichen müsste und diese Kurven nicht so schön parallel verlaufen wie die von ihm jetzt präsentierten. Aber wie gesagt, ich habe genug Zeit mit seinen Sachen verbracht.

Betrachtet man die Uhrzeit, zu der er sich aus dem Bett gequält haben muss, um die ihm woher auch immer zugeflogene Eingebung, seinen ursprünglichen Kommentar zu löschen, möglichst gleich umzusetzen, hat man den Eindruck, die Sache muss ihm regelrecht den Schlaf geraubt haben.

Dass er abschließend ein weiteres Mal verkündete, er habe genug Zeit damit verbracht, sich mit meiner Wenigkeit zu befassen, bedeutet indes nur, dass er den Vorsatz gefasst hat, sich mit wissenschaftlichen Aussagen zu den Risiken des Rauchens und Passivrauchens nicht mehr zu befassen. Das Thema Rauchen als solches lässt ihn aber auf einer ganz anderen und keineswegs wissenschaftlichen Ebene augenscheinlich weiterhin nicht los. Schon einen Tag später nämlich geht er in einem neuen Blogbeitrag stattdessen eben auf einen Philosophen los, der sich erdreistet hatte, ein Buch mit herauszugeben in dem das Rauchen, Gott behüte, gelobt wurde.  

Ich werde Dr. Kuhn ganz bestimmt nicht vorschreiben, womit er sich in seinen Blogbeiträgen zu befassen hat, aber es fällt doch auf, dass das Thema Gesundheit – welches ja das übergeordnete Thema seines Blogs darstellt – hier nicht einmal mehr am Rande gestreift wird. Kuhns Beitrag über das Buch „Hätten Sie mal Feuer?“, herausgegeben von Robert Pfaller enthält keine Spur wissenschaftlicher Information zu irgendeinem Thema, sondern hat augenscheinlich nur das Ziel, sich an etwas abzuarbeiten, das man als „persönliche Feindbilder“ deuten könnte – dem Rauchen, den Rauchern und allen, die beides nicht uneingeschränkt negativ beurteilen und darstellen. Kuhn hat dieser Obsession sogar so weit nachgegeben, dass er einen Beschwerdebrief an eine österreichische Behörde schrieb und abschickte, von der besagte Buchpublikation anscheinend bezuschusst wurde. Der Antwortbrief, der er erhielt, wurde von ihm in einem Kommentar (Nr. 16, 11.6.2013) publiziert und sich ausgiebig darüber ereifert, dass die Behörde an ihrem Tun nichts Falsches sah.

Und das alles bei einem Thema, aus dem seinen Bekundungen nach zu den Gesundheitsaspekten gar nichts mehr zu diskutieren sei! Bestätigt er damit letztlich nicht gerade das, was der von ihm kritisierte Autor, Robert Pfaller, und andere Kritiker behaupten? Dass es nämlich den Kämpfern gegen das Rauchen in Wirklichkeit gar nicht um Gesundheit gehe? Dass da völlig andere Dinge dahinterstecken?

Ein früherer Kommentar Kuhns zum selben Blogartikel (Nr. 6, 10.6.2013) ist sogar noch aufschlussreicher. Darin kommt er nämlich auf die “Endgame-Diskussion” zu sprechen, die von Teilen der Tabakkontrolle in anderen Ländern geführt wird. Dabei geht es um Strategien, den Tabakhandel weitgehend zu unterbinden (z.B. durch weitere Steuererhöhungen, Werbeverbote, Rauchverbote in öffentlichen Räumen etc.) […], was aber in Deutschland und Österreich politisch bisher nicht auf der Agenda stehe. (Hervorhebung durch mich.) Bücher wie die von Hofstadler und Pfaller, mutmaßt Kuhn, zielen vermutlich “präventiv” darauf ab, eine ernste “Endgame-Diskussion” gar nicht erst aufkommen zu lassen, also der Entnormalisierung der Rauchens frühzeitig etwas entgegenzusetzen.

Anzumerken ist hier zweierlei: Erstens, auf diese Endgame-Diskussion, deren Urheber und ihre Ziele habe ich bereits in meinem Buch sowie auf die führende Rolle der WHO bei dem Ziel, den Tabakkonsum vollständig von der Erde zu tilgen, in mehreren Blogbeiträgen (Beispiel 1, Beispiel 2) hingewiesen und dies jeweils auch mit kaum anzweifelbaren Belegen versehen. Bislang wurde aber gerade von Dr. Kuhn gerne suggeriert, das alles sei doch nur eine alberne Verschwörungstheorie von mir, ohne im Detail darauf einzugehen – erfreulich also, dass er endlich einmal die prohibitionistische Katze aus dem mit „Nichtraucherschutz“ beschrifteten Sack lässt. Zweitens ist das Ende des Tabakhandels natürlich auch das Ende des (legalen) Tabakkonsums als Genussmittel. Dieses Ziel, egal ob man es für erreichbar oder nicht erreichbar, für wünschenswert oder nicht wünschenswert hält, kann mit erheblicher Berechtigung totalitär genannt werden. Drittens, dass international schon jetzt solche Ziele verfolgt werden und auch in Deutschland und Österreich künftig dies zu erwarten sei (siehe von mir hervorgehobene Wortwahl von Dr. Kuhn!), bestätigt Sätze wie

„Längst geht es nicht mehr um Nichtraucherschutz, sondern um ein Totalverbot des Rauchens, um den Endsieg“,

in vollem Umfang. Genau über solche Vorwürfe hat sich Kuhn bei zahlreichen Gelegenheiten und ebenso in jenem Blogartikel lustig gemacht und dabei den Eindruck zu vermitteln versucht, solche Vorwürfe hätten keine inhaltliche Substanz. Das „Endgame“ steht dem „Endsieg“ sprachlich wie inhaltlich nahe (ein „Endkampf“ oder „Endspiel“, an dessen Ende nicht ein „Endsieg“ erhofft würde, entbehrt jeder Logik), also entspricht der zitierte und angeblich kritisierenswerte Satz inhaltlich fast exakt dem, was Kuhn über die globalen gesundheitspolitischen Zukunftsvisionen zum Thema Tabak schreibt.

Aber nun doch noch einmal kurz zurück zu den Kellnern. Auch wenn ich nie erfahren werde, wie der ursprüngliche Text lautete, mit dem Kuhn als Antwort auf die Healthy-Worker-Frage zu brillieren hoffte, seine nächtliche Neufassung jener Einlassung, Zitat siehe weiter oben, verdient ebenfalls eine kritische Würdigung. Wieso Kuhn nun auf einmal behauptet, die fehlende Frühsymptomatik beim Lungenkrebs sei nicht entscheidend für die Kellner-Epidemiologie, obwohl mir zuvor doch expressis verbis von ihm vorgeworfen worden war, ich hätte möglicherweise einen massiven healthy-worker-effect ignoriert, bleibt mir nämlich dunkel. Mit wissenschaftlicher Logik ist dies nämlich genauso wenig zu erklären wie seine zuvor mit gewichtiger Miene vorgetragene Auffassung, jener Effekt sei im Falle von Lungenkrebs bei Kellnern auch nur denkbar und habe dann eine verfälschende Wirkung.

Kuhns Behauptung, er habe Kenntnis von statistischen Daten, in der die Altersverteilung der Krankenversicherten im Gastgewerbe im Vergleich zu allen Pflichtversicherten nicht den in meiner Grafik dargestellten parallelen, sondern einen anderen Verlauf nähme, nehme ich gerne zum Anlass, ihn zur Veröffentlichung dieser Daten in seinem Blog aufzufordern. Ich lasse mich gerne davon überzeugen, dass diese Daten tatsächlich existieren, wenn ich sie einmal zu sehen bekomme. Nur auf sein ehrliches Gesicht hin glaube ich sie ihm nicht.

Neue statistische Daten auch zur Gesundheit im Gastgewerbe bietet derweil der Gesundheitsreport 2013 der Techniker-Krankenkasse. Dieser kürzlich veröffentlichte Bericht enthält verschiedene Auswertungen zu der gesundheitlichen Lage der knapp 3,8 Millionen Versicherten bei der TK – davon übrigens immerhin ein gutes Viertel aus Nordrhein-Westfalen –, aufgeschlüsselt nach Berufsgruppen. Darunter auch ca. 57.000 Beschäftigte in Hotel- und Gaststättenberufen (1,5 % aller Versicherten). Da sich ja in NRW die Landesregierung jüngst erst zum Schützer der Gesundheit der Kellner aufgeschwungen hat, also ein hochinteressanter Datenbestand! Auch wenn sie nicht besonders tief ins Detail gehen, die publizierten Auswertungen deuten wahrhaftig nicht darauf hin, dass die Berufe im Gastronomieservice, so die Bezeichnung im Report (S. 27) dieses Schutzes in Wirklichkeit bedurft hätten.

Kellner zählen zu den fünfzig häufigsten Berufen der TK-Versicherten, sind also in einem Umfang vertreten, den man schon als repräsentativ gelten lassen sollte. Auf 13,7 Krankheitstage im Jahr bringen es die Kellner durchschnittlich, das entspricht aufs Haar dem Durchschnittswert für alle Versicherten. Betrachtet man Männer und Frauen getrennt, stellt man fest: Kellnerinnen sind geringfügig häufiger krank als die durchschnittliche weibliche Beschäftigte (15,5 Tage vs. 15,1), männliche Kellner liegen dafür deutlich unter dem männlichen Durchschnitt (10,1 Tage vs. 12,5). Beide Geschlechter sind außerdem, um diesen Vergleich noch einmal zu ziehen, seltener krank als die beruflich nicht passivrauchbelasteten Köchinnen und Köche (Männer/Frauen 12,6/22,4 Tage), und ebenso, um auch noch einige andere Berufe herauszugreifen, die Beschäftigten in der Gesundheits- und Krankenpflege (15,7/20,4 Tage), in der öffentlichen Verwaltung (13,2/17,6), in der Kinderbetreuung und Erziehung (14,2/18,5) oder im Verkauf (11,9/18,5). Bislang fühlt sich aber offenbar niemand dazu berufen, die Gesundheit jener Berufsgruppen zu schützen.

Wollte man auf Basis der persönlichen Gesundheitsperspektive anhand der Datenauswertung der Techniker-Krankenkasse bestimmte Berufstätigkeiten empfehlen oder von ihnen abraten, dann gibt es zwar gute Gründe, vom Dialogmarketing (einem der krankmachendsten Berufe überhaupt) oder der Kranken- und Altenpflege sowie dem Wachdienst oder einer Reinigungstätigkeit abzuraten. Aber den Job in der Kneipe kann man aus diesem Blickwinkel durchaus empfehlen. Auch so gesehen ist es ein Jammer, dass sich nach knapp zwei Monaten Rauchverbot in NRW bereits abzeichnet, dass das Angebot solcher Jobs auf dem Arbeitsmarkt voraussichtlich deutlich schrumpfen wird. Die Aussichten für die entlassenen Mitarbeiter sind auch aus Gesundheitsaspekten trübe. Die wenigsten von ihnen werden wohl in die Softwareentwicklung (Arbeitsunfähigkeitstage: 5,7/8,4), in Geschäftsführer- und Vorstandsposten (6,9/9,6) oder gar in die besonders „gesunde“ Hochschullehre und -forschung (3,2/5,0) wechseln können. Putzjobs (18,5/23,9) oder solche als Altenpflegehelfer (19,9/27,0) sind da schon sehr viel wahrscheinlicher.

Veröffentlicht unter Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren, Diskussionen, Medizin, Naturwissenschaften, Passivrauchen, Prävention / Gesundheitsförderung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Statistik als surreales Kunstwerk

Die wunderbare Welt der „3301-Studie“

Eine Fundamentalkritik der Epidemiologe. Teil 5 

Jene verweilt so viel bei dem Einzelnen der Dinge, dass sie die gemeinsame Wirksamkeit unbeachtet lässt; die übrigen betrachten dagegen diese Wirksamkeit mit solchem Erstaunen, dass sie zur Einfachheit der Natur nicht hindurchdringen. Deshalb muss man mit diesen Betrachtungsweisen wechseln und eine neben der andern gebrauchen; dann wird der Verstand sowohl durchdringend als empfänglich, und die früher erwähnten daraus hervorgehenden Uebel und Götzenbilder werden vermieden. (Francis Bacon, Neues Organon) 

Eigentlich dachte ich ja, über die DKFZ-Publikation „Passivrauchen – ein unterschätztes Risiko, die „3301-Studie“, in der nämlich 3301 Todesfälle durch Passivrauchen errechnet wurden, hätte ich längst alles gesagt, was zu ihr zu sagen ist. Aufgrund der prinzipiellen Bedeutung der Aussagen von Professor Günter Ropohl zur Kausalität seien nun aber doch einige Abschnitte aus seinem Artikel „Passivrauchen als statistisches Konstrukt“ wiederholt, mit denen er sich auf jene Publikation bezieht. Ropohl schreibt: 

Unschwer erkennt man in diesem Gedankengang (3.301 Tote) die problematischen Voraussetzungen der Epidemiologie, zum einen die monokausale Reduktion auf einen einzigen Faktor, hier den Umgebungsrauch, und zum anderen die Annahme, eine statistische Korrelation beweise einen Kausalnexus.“ Vor allem dieser grundlegende Denkfehler belastet das Papier, für das „ein kausaler Zusammenhang zwischen Passivrauch und Lungenkrebs als nachgewiesen gilt“, obwohl die herangezogenen Quellen lediglich statistische Korrelationen ermittelt haben. Das Papier genügt also elementaren wissenschaftstheoretischen Standards in keiner Weise. […] Die statistischen Manipulationen arbeiten mit quantitativen Annahmen, deren Brauchbarkeit selbst in der Epidemiologie umstritten ist. Statistische Korrelationen, wie immer sie zustande gekommen sind, werden unreflektiert zu Kausalerklärungen umgedeutet.

Ropohl, der als Autor eines Grundlagenwerks zur Allgemeinen Systemtheorie sehr genau im Bilde darüber ist, dass multifaktorielle Analysen nicht dasselbe sind wie eine systemorientierte Herangehensweise, hat die damit einhergehende Problematik folgendermaßen beschrieben (Hervorhebungen durch mich):  

Die medizinische Wissenschaft will Erkrankungen mit eindeutigen Ursachen erklären, um prophylaktisch und therapeutisch gegen solche Ursachen anzugehen und damit die Erkrankungen zu vermeiden oder zu heilen. Diese ätiologische Perspektive ist das medizinwissenschaftliche Ideal: Immer wenn eine bestimmte Ursache auftritt, folgt daraus notwendig eine bestimmte Erkrankung. Doch schon für die Infektionskrankheiten muss die ursprüngliche Annahme ergänzt werden, weil von zwei Personen, die derselben Erregerkontamination ausgesetzt sind, u.U. nur die eine erkrankt, während die andere mit ihrem Immunsystem die Infektion erfolgreich abwehrt. Korrigiert heißt dann die Hypothese: Immer wenn eine externe Ursache auftritt und eine interne Bedingung vorliegt, folgt daraus die Erkrankung. Aber auch diese Erklärung ist vielen Erkrankungen nicht angemessen. Für den Lungenkrebs kommen zwei Dutzend, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sogar mehr als 200 mögliche Ursachen in Betracht. Die ätiologische Hypothese nimmt dann die folgende Form an: Immer wenn eine oder mehrere externe Ursachen auftreten und eine oder mehrere interne Bedingungen vorliegen, folgt daraus die betreffende Erkrankung. In dieser multifaktoriellen Formulierung ist diese Hypothese nun zwar logisch korrekt, doch in substanzieller Hinsicht stellt sie den Medizinwissenschaftler vor kaum überwindbare Anwendungsprobleme. […] Vielfach ist es unmöglich, eine Erkrankung ganz bestimmten externen oder internen Faktoren eindeutig zuzuschreiben.

Dr. Joseph Kuhn schreibt in seiner Replik (Hervorhebung durch mich): 

Die durch das Passivrauchen verursachten zusätzlichen Sterbefälle lassen sich nur in mathematisch aufwendigen Verfahren ermitteln, wenn man Sterberaten von Passivrauchexponierten und Nichtexponierten so vergleicht, dass möglichst viele andere Einflussfaktoren auf die Sterblichkeit herausgerechnet werden. 

Kuhn sagt hier also sinngemäß, ein multifaktorielles Vorgehen (nämlich eines, das „möglichst viele andere Einflussfaktoren“ erfasst) sei sinnvoll und erforderlich (und suggeriert zugleich, es sei auch ausreichend), um realitätsnahe Ergebnisse zu erhalten. Er scheint nicht bemerkt zu haben, dass damit Ropohls Behauptung keineswegs widerlegt ist, ein multifaktorielles Vorgehen stelle vor gravierende Anwendungsprobleme und ändere dennoch nichts daran, dass es vielfach unmöglich sei, die Ursache einer Erkrankung genau zu ermitteln – das letztere deckt sich mit Erfahrungen, die auch die meisten Laien schon einmal gemacht haben, wenn sie von ihrem Arzt gerne erfahren hätten, was sie nun eigentlich krank gemacht habe.  

Völlig absurd wird es an der folgenden Stelle, wenn Kuhn ausgerechnet dem Fachmann Ropohl komplexe Systeme zu erklären versucht. Man verzeihe mir den Vergleich: Das ist, als ob ein Truthahn sich dazu berufen fühlte, einem Adler das Fliegen beizubringen: 

Ropohl versucht dagegen, die Komplexität des Themas zu umgehen. Er simuliert verständliche Wissenschaft, indem er der Unanschaulichkeit der multifaktoriellen Analysen in der Epidemiologie eine scheinbar einfache Rechnung entgegensetzt […]

Wohl jeder von uns hat in der Schule gelernt, wie man Überschlagsrechnungen macht. Taugte der Lehrer etwas, wissen wir auch, wozu so etwas gut ist: Nicht, um die exakte Rechnung zu ersetzen, sondern um mit einfachen Hilfsmitteln zu prüfen, ob die exakte, aber unanschauliche Rechnung auf dem Papier oder mit einem Taschenrechner oder Computerprogramm überhaupt stimmen kann. Manchmal ist das nämlich nicht der Fall, etwa weil man sich vertippt oder einen Rechenfehler eingebaut hat. In diesem Fall ist die Zahl aus der Überschlagsrechnung wesentlich näher an der Realität als das zunächst exakt erscheinende Ergebnis. 

Die einfache Rechnung des Professor Ropohl dient einem ähnlichen Zweck. Sie simuliert nichts, sie wendet nur ein einfaches Verfahren an, um zu prüfen, ob die epidemiologischen Berechnungen bei einem Vergleich mit tatsächlichen Todesfällen denn in etwa so stimmen können, wie sie dastehen. Seiner Meinung nach haben die 3301-Berechnungen diese Grobüberprüfung nicht bestanden, und ich stimme ihm zu. 

Das ergibt sich alleine schon, wenn man diese Berechnungen an der Messlatte wissenschaftlicher Standards misst, wie denen von Bradford Hill, durch deren Einhaltung epidemiologisch-wissenschaftliche Aussagen anerkanntermaßen an einen höheren Grad der Wahrscheinlichkeit für Kausalität herangeführt werden können (auch wenn ein Beweis damit immer noch nicht vorliegt). Die Bradford-Hill-Kriterien sind in der Epidemiologie allgemein akzeptiert, in einem Maße, dass ihre Erfüllung, was wiederum falsch ist, als Beweis für Kausalität missverstanden wird. Diesen Anspruch hat Bradford Hill zu Recht auch nie erhoben. Seine Kriterien orientieren sich, das ist ihre Schwäche, an der deterministisch-mechanistischen Methode (also Ursache x führt zu Wirkung y) und sind damit in einer systemorientierten Betrachtung zum Teil gar nicht anwendbar bzw. müssten modifiziert werden. Aber wer die deterministisch-mechanistische Methode anzuwenden gewohnt ist, für die sollten die Bradford-Hill-Kriterien keine ganz unwichtige Messlatte sein, um die Qualität von epidemiologischen Aussagen zu beurteilen. 

Der Begriff der Ätiologie hat schon immer die gesamten Wirkfaktoren, die eine Erkrankung auslösen, als Grundlage gehabt. Beim Passivrauchen ist diese Definition der Ätiologe ebenso wie eine Prüfung nach den Bradford-Hill-Kriterien als Standard wissenschaftlich-epidemiologischer Kausalbetrachtung weltweit kaum je berücksichtigt worden, wenn es um die getroffenen Aussagen ging. Weder das klassische noch das moderne, geschweige denn das systemorientierte Vorgehen standen also Pate, wo beispielsweise die Autoren der 3301-Publikation von einem „nachgewiesenen“ oder „bestätigten“ Kausalzusammenhang zwischen Passivrauchen und dem Lungencarcinom schrieben (etwa auf S. 20 jener Publikation). Ein solcher Nachweis wurde weder von ihnen selbst geführt, noch konnten sie auf ihn zurückgreifen.

Legen wir einmal die Bradford-Hill-Kriterien an die Ergebnisse der Forschungen zum Passivrauchen an,wie sie die Grundlage der 3301-Publikation waren. Beschreibt die beobachtete Assoziation nach diesen Kriterien mit Wahrscheinlichkeit eine Ursache-Wirkungs-Beziehung? 

1. Stärke des Effekts

Stark erhöhte Risiken sprechen eher für einen kausalen Zusammenhang als gering erhöhte Risiken.

Antwort: Nein.

Das relative Risiko wird in der 3301-Studie wie folgt wiedergegeben:

Lungencarcinom: 1,25

COPD: 1,24 (Männer)/1,26 (Frauen)

Schlaganfall: 1,18

Herzinfarkt: 1,25

Wie bereits beschrieben, ist damit die einfache Wahrscheinlichkeit – es spricht mehr für als gegen einen Kausalzusammenhang – nicht gegeben, denn der Mindestwert dafür läge bei einem RR von 2,0. Die Stärke der Assoziation ist in den aufgezählten Fällen niemals ausreichend, zumal dieser Wert noch nicht einmal das Passivrauchen als einzigen Einwirkfaktor für die spezifische Passivrauchexposition wiedergibt. Dass es sich auch keineswegs um „das relative Risiko von Passivrauchern“ in einem allgemeinen Sinne handelt, verdient ebenfalls eine Erwähnung, denn untersucht wurden zum weitaus größten Teil die Erkrankungswahrscheinlichkeiten der nichtrauchenden Partnerinnen von Rauchern durch Rauchen in der eigenen Wohnung, während die Erkrankungsrisiken, die auf eine Exposition in der Öffentlichkeit (Arbeitsplatz, Freizeit, Gastronomie) zurückzuführen wären, sehr viel seltener untersucht wurden. 

2. Konsistenz 

Mehrere Studien an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten führen zu gleichen Ergebnissen.

Antwort: Nein.

Die Ergebnisse, aus denen in der 3301-Studie als „Mittelwert“ ein RR von 1,25 für Lungenkrebs herausdestilliert wurde, liegen weit auseinander. Beispielhaft eine der Metaanalysen, die dabei ihren Angaben gemäß eingeflossen sind. Verarbeitet wurden 37 Studien zum Lungencarcinom und Passivrauchen von nichtrauchenden Partnern von Rauchern mit zusammengenommen 4626 Erkrankungsfällen bei weiblichen sowie 274 bei männlichen Patienten, die relative Risiken zwischen 0,75 und 2,68 ergeben hatten. (Betrachtet man nur die 13 aussagekräftigeren Studien mit einer Fallzahl von mindestens 100, schwanken die Ergebnisse zwischen 0,79 und 1,66.) Aus diesen 37 Einzelergebnissen wurde ein relatives Risiko von 1,24 als Gesamtergebnis errechnet, das dank komplexer mathematischer Berechnungsformeln angeblich das Risiko realistischer wiedergeben soll als die jeweiligen Einzelergebnisse. 

Das Instrument der Meta-Analyse offenbart ein Kernproblem der Epidemiologie der Passivrauchforschung: Die Überführung in eine abstraktere Form ist nämlich das Gegenteil dessen, was sinnvoll wäre, um in der Frage der Kausalität Antworten zu finden. Im Vergleich zu den einzelnen Studienergebnissen entfernt sich die Meta-Analyse von einer Abbildung der Realität, statt sich ihr weiter anzunähern. Wie bereits in meinem Buch beschrieben, sind Meta-Analysen daneben fehler-, aber auch fälschungsanfällige Instrumente, wie eine Replikationsstudie ergab, die wir in Auftrag gegeben hatten (dabei ging es um eine andere als die oben erwähnte, nämlich eine Metaanalyse, bei der 22 Studien zum Lungencarcinom durch Passivrauchen am Arbeitsplatz zusammengefasst worden waren).  

In meinem Buch fasste ich das Urteil des Gutachters zusammen: 

Es gibt unterschiedliche methodische Ansätze, die bei Meta-Analysen angewandt werden können. Wurde die Methode der Autoren übernommen, dann ließ sich ihr Ergebnis nachvollziehen – Fehler hatten sie also keine gemacht. Dennoch war ihr Ergebnis letzten Endes ein Zufallsergebnis. Denn wählte man andere, ebenso gebräuchliche Ansätze, veränderte man damit auch das Ergebnis. Die Spannbreite reichte von RR 1,0 – also einem Null-Risiko – bis zu 1,7, einer Risikoerhöhung von 70 Prozent. Der Zufall als ergebnisbeeinflussender Faktor spielte aber auch an anderer Stelle eine Rolle, die eigentlich nicht sein dürfte: Nahm man eine einzelne Studie von den 22 aus der Meta-Analyse heraus, konnte das, je nachdem, welche der Studien man wählte, in manchen Fällen das Ergebnis stark verändern. Im Fall einer dieser Studien war etwa plötzlich gar kein statistisch bedeutsamer Zusammenhang mehr zwischen Dauer der Passivrauchbelastung und Erkrankungsgefahr mehr vorhanden. Die Herausnahme einer anderen Studie hingegen verstärkte diesen Faktor ganz erheblich.

Aus systemorientierter Sicht ist das nicht überraschend. Die verschiedenen Untersucher haben es mit unterschiedlichen gleichzeitig mit dem Passivrauchen vorliegenden Wirkfaktoren zu tun, die nicht berücksichtigt werden oder gar nicht bekannt sind, von den Wechselwirkungen gar nicht erst anzufangen. Vor allem die asiatischen Studien sind mit größter Vorsicht zu genießen, wo die Lebensgewohnheiten (Koch- und Heizfeuer, toxische Küchendämpfe, Arbeitsumgebung etc.) sowie die genetischen Voraussetzungen völlig anders als bei den Vergleichsgruppen sind. 

3. Spezifität 

Die Exposition löst ein ganz spezifisches Krankheitsbild eines bestimmten Organs aus.

Antwort: Nein.

Dass eine Ursache zu einer Wirkung führen muss, ist in einem komplexen System von vornherein nicht möglich. Dies sei an dieser Stelle ausgeklammert, da die Bradford-Hill-Kriterien ja auf eine deterministische Betrachtungsweise angelegt wurden. Mit Interventionsmaßnahmen wie Nichtraucherschutzgesetzgebung mit Erfolgsmessung über experimentelle Epidemiologie gelingt das im seriösen Wissenschaftsbereich nicht, wenn schon vor der Intervention keine erhöhten Erkrankungswerte vorlagen, also die Exposition offenbar kein Krankheitsauslöser ist.

4. Temporalität

Die Exposition geht zeitlich der Wirkung voraus.

Antwort: Ja.

5. Biologischer Gradient

Das Erkrankungsrisiko ist bei stärkerer Exposition höher als bei niedriger Exposition.

Antwort: Nicht nachweisbar.

Nicht feststellbar, da es sich bei der 3301-Studie um rein mathematisch-statistische Berechnungen ohne Untersuchung der Realität handelte. Probleme würden sich andernfalls auch bei der Messstrategie ergeben, da die Latenzzeiten und die multifaktorielle Ätiopathogenese im Weg stehen.

6. Plausibilität 

Ein Zusammenhang ist biologisch plausibel.

Antwort: Nicht nachweisbar.

Wirkmechanismen mit Latenzzeiten von Jahrzehnten und einem breiten Spektrum von Einwirkungen anderer Art mit gleichem Erkrankungsergebnis lassen eine biologisch plausible Kausalbetrachtung nicht mehr zu. Bisher sind als biologisch grundsätzlich plausibel einige Schädigungsmechanismen durch Tabakrauch bekannt, während die gewaltigen Ressourcen der Reparaturmechanismen – die prinzipiell auch bekannt sind – aber ebenfalls zu berücksichtigen wären, die z. B. dafür mitverantwortlich sein könnten, dass 90 Prozent der aktiven Raucher nicht an Lungenkrebs erkranken. Hier ist angesichts des rasch fortschreitenden Wissens um genetische Faktoren darauf zu hoffen, dass neue Erkenntnisse den Faktor finden, der im Falle des Passivrauchens dann ebenfalls beachtet werden könnte.

7. Kohärenz 

Der vermutete Zusammenhang steht im Einklang mit anderen Ergebnissen (statistische Morbiditiät und Mortalität)

Nein.

In Experimentaluntersuchungen ließen sich zwar Störungen des Zellverbands nachweisen, bei denen aber nicht mituntersucht wurde, inwieweit eine Elimination des Schadens über Neutralisation durch Organ- oder Zellantwort erfolgt. Anders als im Falle des aktiven Rauchens ist eine Wirkung des Passivrauchens bei den in Deutschland untersuchten Großgruppen wie Kellner, Büroangestellte, Flugbegleitpersonal statistisch nicht nachweisbar, also schlagen sich die Laborergebnisse nicht in relevanten Erkrankungszahlen nieder.

8. Experiment

Interventionen, die einen vermuteten Risikofaktor reduzieren, sollten zu einer Senkung der Erkrankungsraten führen.

Antwort: Nicht zu ermitteln.

Dies ist eines der wichtigsten Kriterien zur epidemiologischen Kausalität, nicht nur in der deterministischen Herangehensweise, sondern auch bei der Betrachtung komplexer Systeme und der Ursachenbündel, die krankheitsauslösend wirken können, wie im Fall des Bäckerasthmas. Auf Basis hochgerechneter Zahlen ist eine Prüfung dieses Kriteriums allerdings von vornherein nicht möglich. Das Vorliegen dieses Kriteriums wenigstens zu simulieren wird im Moment im Bereich funktionaler Beziehungen von Herzinfarkten zu den Nichtraucherschutzgesetzen versucht, zu deren gravierenden Mängeln ich mich bereits an anderer Stelle geäußert habe. 

9. Analogie 

Es besteht eine Analogie mit einer anderen Erkrankung oder Exposition.

Antwort: Ja.

Etwa zu Dieselruß, Industrieemissionen oder Radon. Die Analogbetrachtung ist allerdings dazu gedacht, die Aussage zu einer Einzelursache einzuschränken, nicht sie zu bestätigen. Denn je mehr unterschiedliche Einwirkungen eine bestimmte Erkrankung hervorrufen können, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte unter diesen Einwirkungen sie hervorgerufen hat.

Dies ist eines der Bradford-Hill-Kriterien, die sich nicht für die Analyse komplexer Systeme eignen, da jene eine Fülle von Ursachenbündeln unterschiedlichster Zusammensetzung für ein und dieselbe Erkrankung anbieten, die in einem biosozial-psycho-technologischen System begründet sind, während dieses Kriterium sich im Wesentlichen auf Exposition mit stofflichen Einzelelementen, die allerdings auch in Vielzahl auftreten können, befasst. Variablen des Individuums, wie Genetik, Rahmenbedingungen stofflicher und nichtstofflicher Natur, soziale ,psychische und technologische Faktoren bleiben unberücksichtigt. Allerdings verbessert dieses Kriterium die graduelle Evidenz im Sinne des Zusammentragens von Indizien, wie es Kreienbrock beschreibt.

Ergebnis: Außer der „zeitlichen Abfolge“ erfüllt die 3301-Studie keines der Bradford-Hill-Kriterien zur Verbesserung der Aussagen zur Erhöhung der Wahrscheinlichkeit der epidemiologischen Kausalitätsaussage und erfüllt damit eindeutig nicht den wissenschaftlichen Standard. Auch unter Zugrundelegung deterministischer Wissenschaftsmethodik können die Ergebnisse jener Arbeit keine Kausalität beweisen oder auch nur nahelegen. 

Was hat es also zu bedeuten, dass diese mangelhafte Arbeit in Dr. Kuhn einen so engagierten Verteidiger gefunden hat? Dieser Frage werde ich im abschließenden Teil nachgehen. 

Veröffentlicht unter Diskussionen, Medizin, Naturwissenschaften, Passivrauchen, Prävention / Gesundheitsförderung, Wissenschaftliche Prinzipien | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen