Teil 2: Nicht um jeden Preis

Über die Verhältnismäßigkeit der Mittel bei der Raucherentwöhnung

Rauchverzicht hat keinen Wert aus sich selbst heraus. Längeres Leben und bessere Gesundheit sind das eigentliche Ziel, das mit dem Mittel des Rauchverzichts verfolgt werden sollte. Wenn begründete Zweifel daran bestehen, dass das übergeordnete Ziel mit diesem Mittel erreicht werden kann, ist es sinnloser Aktionismus, einem Patienten dieses Mittel aufdrängen zu wollen.

Dass es ein ungewohnter Gedanke ist, auch nur in Teilen an der segensreichen Wirkung des Rauchverzichts zu zweifeln, verstehe ich natürlich schon. Aber halten Sie es wirklich für ausgeschlossen, dass meine einleitenden Sätze jedenfalls für manche Raucher zutreffend sein könnten? Würden Sie, nur als Beispiel, auch einem Todkranken, der nur noch wenige Wochen zu leben hat, unbedingt das Rauchen vor seinem Tod noch abgewöhnen wollen? Wenn ja oder falls Sie schon auf den einleitenden Absatz spontan mit Schnappatmung reagiert haben, empfehle ich aus gesundheitlichen Gründen, an dieser Stelle die Lektüre zu beenden. Denn natürlich habe ich mit dem Teil angefangen, über den man sich am leichtesten einig werden kann.

Auf diesen konsensfähigen Teil will ich mich im Folgenden berufen, wenn ich näher ausführe, warum ich der stetigen Steigerung des Drucks auf Raucher, unbedingt zu Nichtrauchern zu werden, höchst skeptisch gegenüberstehe, die in den letzten Jahren unter Federführung der WHO stattgefunden hat. Das hat mehrere Gründe, und keiner davon lautet: „Alles, was über die Gesundheitsgefahren des Rauchens verbreitet wird, ist glatt gelogen.“ Im Wesentlichen habe ich zu kritisieren, dass jenen Gesundheitsgefahren leichtfertig neue, zusätzliche Gesundheitsgefahren hinzugefügt werden:

  • Für aufhörwillige Raucher, wenn gesundheitsgefährdende Raucherentwöhnungsmethoden (etwa durch Medikamente wie Champix propagiert werden,
  • für die Minderheit unter jenen, bei denen der Rauchstopp gelingt, wenn niemand der Frage nachgeht, ob die neu gewonnenen Ex-Raucher – oder bestimmte Gruppen unter ihnen – tatsächlich gesünder sind als Raucher oder lediglich anders und vielleicht sogar schwerwiegender krank werden,
  • für die verbliebenen Raucher, wenn niemand untersucht, welchen gesundheitlichen Einfluss der permanent spürbare und immer weiter zunehmende Druck auf ihre Gesundheit hat.

Der letzte Punkt ist mit besonders heiklen ethischen Problemen behaftet. Sollte sich nämlich herausstellen, dass die massiven Ausgrenzungs-, Beschämungs- und Bedrohungskampagnen einen negativen Einfluss auf deren Gesundheit haben und sie als Folge der Kampagnen noch häufiger krank werden und noch früher sterben, wäre eine Debatte zwingend erforderlich, ob ein Gesundheitsrisiko, das vorzeitigen Tod verursachen kann, wirklich bekämpft werden darf, indem man einen noch erheblich vorzeitigeren Tod eines Teils der Zielgruppe wissentlich verursacht und damit unter Umständen sogar, entsprechenden Zynismus vorausgesetzt, eine raschere „Problemlösung“ zu erreichen hofft. Denn wenn „Gesundheit“ nur noch durch Zahlen in einer Statistik gemessen wird, ergäbe es in einer verdrehten Logik durchaus einen Sinn, Raucher schneller „wegsterben“ zu lassen, um sich anschließend an einer als Folge dessen vermuteten rasch steigenden Lebenserwartung erfreuen zu können.

Dass von denen, die das Rauchen bekämpfen, niemand Interesse daran hat, im derzeitigen Stadium der gesundheitspolitischen Debatte solche ethisch heiklen Fragestellungen versehentlich aufzuwerfen, leuchtet ein, und ihr Blickwinkel dominiert die gesundheitspolitische Debatte so vollständig, dass es für eine wissenschaftliche Institution schier unmöglich wäre, ihnen gegen deren Willen auf den Grund zu gehen. Man kann also einstweilen nur darauf hoffen, dass Antworten sich eines Tages als versehentlich erzeugtes Nebenprodukt anderer Untersuchungen ergeben. Indizien deuten aber schon jetzt darauf hin, dass die gesundheitspolitische Bilanz des Kampfs gegen das Rauchen längst nicht so positiv ausfällt, wie man das uns gerne weismachen möchte.

Zu denken gibt in diesem Zusammenhang auch eine australische Studie, über die im Jahre 2013 in den Medien kolportiert wurde, sie habe ergeben, dass Rauchen sogar noch viel tödlicher sei als bislang angenommen: Nicht 50 Prozent, wie bisher angenommen, sondern sogar zwei Drittel aller Raucher sollen es nach dieser Studie sein, die am Rauchen sterben. Die Studie selbst scheint allerdings aus welchen Gründen auch immer bis heute nicht publiziert worden zu sein, deshalb sind jene Aussagen über ihren Inhalt natürlich nur mit großer Vorsicht zu bewerten. Bekannt ist immerhin, dass sie Bestandteil einer großen Erhebung ist, der 45-and-up-Studie zur Untersuchung der betreffenden Altersgruppe, und deren Teilnehmer wurden ab 2006 rekrutiert.

Australien aber hat in den Jahren ab ca. 2005 den Druck auf Raucher ganz massiv und stärker als die meisten Länder auf der Welt erhöht. Neben den auch hierzulande bekannten Rauchverboten, etwa in der Gastronomie, gibt es dort in einzelnen Bundesstaaten auch:

  • Rauchverbote im Freien (Strände, Parks, Einkaufsstraßen)
  • Rauchverbote in Mehrfamilienhäusern
  • Rauchverbote in Außenbereichen der Gastronomie
  • Rauchverbote im eigenen Auto
  • Rauchverbote in Eingangsbereichen von Gebäuden bzw. in einer Zone von einigen Metern um Gebäude herum

Seit 2006 gibt es in Australien daneben auch Schockbilder auf Zigarettenschachteln. Auch das „Plain Packaging“, eine „neutrale“ Zigarettenschachtel, gesetzlich vorgeschrieben seit 2012, ist keineswegs wirklich so „plain“, wie behauptet wird: Als einziges gestalterisches Merkmal – also: einzig zugelassenes und gleichzeitig gesetzlich zwingend vorgeschriebenes Gestaltungsmittel – enthält sie jene Schockbilder.

Nicht auszuschließen ist deshalb, dass die beschriebenen Studienergebnisse in Australien – falls sie den Tatsachen entsprechen sollten – in Wirklichkeit gar nicht bislang unerkannte Folgen des Rauchens, sondern vor allem die zusätzlich aufgetretenen Folgen der dortigen Raucherverfolgung aufgedeckt haben, mit der die Gesundheitsrisiken für die Raucher, die ungeachtet der Drohungen, Beschämungen und Bemühungen um ihre möglichst umfassende soziale Isolation weiter Raucher geblieben sind, sich noch dramatisch verschärft haben. Da alle drei Faktoren nachweislich einen negativen Einfluss auf die Gesundheit haben, ist dies auch kein weit hergeholter Gedanke.

Der Bevölkerungsanteil der Raucher, das wissen wir alle, ist seit Jahrzehnten rückläufig. Weniger bekannt ist erstens, dass der größte Teil dieses Rückgangs zwischen den sechziger und den achtziger Jahren stattgefunden hat, während von den neunziger Jahren bis heute nur noch recht geringfügige Schwankungen zu beobachten waren, und zweitens, dass er hauptsächlich bei Männern stattfand, während der Bevölkerungsanteil der Raucherinnen sich im selben Zeitraum nur um ganz wenige Prozentpunkte verändert hat.

Raucher im Trend

 

Von schlichteren Gemütern wird der Umstand, dass ein so großer Teil der Raucher beharrlich weiterraucht, gerne mit den Schlagworten erklärt, die bereits jeder Fünftklässler in der Schule lernt: Raucher seien in jungen Jahren durch die Werbung verführt, dadurch süchtig geworden und nun seien sie – gegen ihren Willen – nicht mehr in der Lage, das Rauchen aufzuhören. Woher die um die 19 Millionen Ex-Raucher in Deutschland – immerhin ca. ein Viertel der Gesamtbevölkerung – dann eigentlich gekommen sind, diese Frage bleibt dabei unbeantwortet.

Insgeheim wissen alle Wissenschaftler, dass es ganz so einfach auch wieder nicht ist, wie es die Erklärung mit der sogenannten Sucht suggeriert. Warum Raucher rauchen, ist eine Frage, die die Wissenschaft durchaus beschäftigt, und dabei wurden in den letzten Jahren auch interessante Erkenntnisse gewonnen. So wurde etwa in den letzten Jahren festgestellt, dass die unterschiedlichen Arten von Nikotinrezeptoren im Gehirn, die das Rauchverhalten des Einzelnen steuern, genetisch bedingt sind. Hoch signifikant war dabei nachweisbar, dass diese unterschiedliche genetische Veranlagung auch dafür verantwortlich war, wie viele Zigaretten von einem Raucher durchschnittlich am Tag geraucht wurden. Dieses Ergebnis war aus der Zusammenarbeit eines internationalen Forschungskonsortiums unter Leitung der Oxford University zustande gekommen, an dem auch die Universität Greifswald beteiligt war. Vor dem zu befürchtenden Autodafé fanatischer Rauchgegner rettete diese Erkenntnis wohl ihre streng orthodoxe Kommentierung, die sich auf Überlegungen konzentrierte, diese unterschiedlichen Nikotinrezeptoren pharmakologisch zu blockieren oder sogar Agonisten mit derselben Wirkung auf die Rezeptoren wie Tabakrauch zu entwickeln.

Dass Tabakrauch tatsächlich für einen Teil der Raucher so erheblichen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden hat, dass nach einem Rauchstopp für sie kein Gewinn, sondern ein Verlust von Lebensqualität zu erwarten ist, ist eine von Wissenschaft und Medien hartnäckig unbeachtete Erkenntnis, die aus dieser Studie gewonnen werden kann. Auch die Bemühungen, gentechnisch veränderte Tabakpflanzen ohne Nikotin herzustellen, um die verhaltenstherapeutische Entwöhnung voranzutreiben, werden bei dieser genetischen Ausgangslage wenig bewirken. Nicht zuletzt sind solche Ansätze blanker Unsinn, da die gesundheitlichen Risiken beim Rauchen durch das Inhalieren von Verbrennungsrauch entstehen und damit auch durch nikotinfreien Tabak und sogar dann entstehen würden, wenn man Kräutertee rauchen würde.

Noch bedenklicher sind die im Entwicklungsstadium befindlichen Impfungen gegen „Nikotinsucht“, bei denen über Antikörperbildung das zugeführte Nikotin gebunden werden soll, um nicht die Blut-Hirn-Schranke zu passieren. In einer von der Britischen Arzneimittelzulassungsbehörde (MHRA) mitfinanzierten Studie wurden zwar psychische Nebenwirkungen jener Impfung untersucht, jedoch nicht bezüglich ihrer physischen Folgewirkungen, wie Bewusstlosigkeit, Verwirrtheit, Schläfrigkeit, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Muskelkrämpfe und Spastiken, Sehstörungen, ganz zu schweigen von daraus entstehenden Unfällen und Verletzungen.

Dass es keineswegs so ist, dass Zigaretten auf alle Raucher dieselbe Wirkung haben, lässt noch andere Rückschlüsse und Spekulationen zu. Es könnte zum Beispiel erklären, warum der Bevölkerungsanteil der männlichen Raucher ab den sechziger Jahren so rasch zurückging, obwohl zu jener Zeit noch nahezu überall geraucht werden durfte und es keinerlei Druckmittel gab außer eben den Warnungen, Rauchen schade der Gesundheit. Es könnte daneben auch einen Erklärungsansatz dafür bieten, warum manche Leute Zigaretten ausprobieren, sie scheußlich finden und daraufhin Nichtraucher bleiben, während andere Raucher werden und wieder andere sich in Gesellschaft ab und zu eine Zigarette schnorren, obwohl sie im Alltag sonst nicht rauchen.

Die letztere Gruppe der – ganz offensichtlich nicht süchtigen – Gelegenheitsraucher weist auf einen weiteren Faktor hin, den ich wenigstens am Rande erwähnen möchte: Rauchen ist mehr als nur die reine Nikotinaufnahme. Es enthält unzählige tief in unserer Alltagskultur verankerte soziale Codes, etwa die Gelegenheit zum Flirt (indem man z. B. um Feuer bittet), die Möglichkeit, eine Arbeitspause zu begründen, und so weiter. Es kann auch tief im Selbstbild verwurzelt sein. Wäre es anders, dann wären Nikotinpflaster und -kaugummis die erfolgversprechendsten Mittel beim Rauchstopp, aber E-Zigaretten mit nikotinfreien Liquids, die von verblüffend vielen ehemaligen Rauchern als völlig ausreichender Ersatz für die Zigarette empfunden werden, blieben Ladenhüter. Dieser Faktor, dass also Rauchen nicht mit Nikotinaufnahme gleichgesetzt werden kann, macht natürlich alles noch komplizierter. An dieser Stelle möchte ich aber bei der Wirkung des Nikotins bleiben, die ja als solche nicht angezweifelt werden kann, auch wenn sie nur bei einem Teil der Raucher die Hauptrolle zu spielen scheint.

Die stimulierenden Effekte des Nikotins lösen im Gehirn bekanntermaßen eine Dopamin- und Serotoninausschüttung aus mit Wirkung auf das kreative Denken, die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit, die Steigerung des Wohlbefindens. Das wird heutzutage nicht mehr gerne gehört und deshalb von manchen Tabakbekämpfern als Ausgeburt der Phantasie süchtiger Raucher abgetan, allerdings können diese Leute dann wieder nicht erklären, warum die nachweisbare Reaktion der Nikotinrezeptoren auf das Nikotin eine solche – damit natürlich auch zu erwartende – Wirkung denn nicht mit sich bringen soll. Dass diese stimulierende Wirkung nicht bei jedem Raucher in derselben Intensität auftritt, ist aber eine naheliegende Schlussfolgerung, wenn die Rezeptoren bei verschiedenen Menschen auf das Nikotin unterschiedlich reagieren. Dies brachte die Forscher dazu, über andere Methoden der Raucherentwöhnung zu diskutieren. Leider wurde dabei die Frage ganz unter den Tisch fallen gelassen, ob dann auch eine Raucherentwöhnung unterschiedliche und möglicherweise auch negative Folgen haben könnte. Das scheint mir eine bedenkliche Unterlassung zu sein.

Der Kampfbegriff von der Nikotinsucht, der ein krankhaftes Verhalten unterstellt, das geheilt werden könne und müsse, um die Gesundheit der daran Erkrankten zu schützen, geht am Sachverhalt meinem Eindruck nach weitgehend vorbei, wenn eine genetische Ausgangslage vorliegt, die den Raucher vom Rauchen mental profitieren lässt. Aus seiner (unbewussten) Sicht verliert er jetzt, im Moment, mehr, als er durch einen möglicherweise zu erwartenden Gewinn von Lebensjahren irgendwann einmal viel später gewinnen würde. Das ist nicht dasselbe wie eine Sucht, auch wenn jener Raucher dies einem Außenstehenden natürlich nicht nachvollziehbar erklären kann, falls er selbst – etwa angesichts des steigenden sozialen Drucks – den erklärten Wunsch hat, Nichtraucher zu werden. Mit Aufbietung aller Willenskraft kann es auch in solchen Fällen einen erfolgreichen Rauchstopp geben. Die Frage ist, welchen Preis er dann kostet. Dass ein genetisch vorgeprägtes Verlangen das Risiko eines Ausweichens auf Ersatzstoffe zum verweigerten Genusserleben enthält, kann man nämlich getrost voraussetzen.

Dass Ex-Raucher vermehrt zu Süßem als Ersatz zur Zigarette greifen und in der Regel an Gewicht zulegen, ist schon bekannt, seit es Ex-Raucher gibt; es verschlechtert die Gesundheitsbilanz eines Rauchstopps, auch wenn dieser Effekt von einschlägigen Organisationen gerne heruntergespielt wird. Noch bedenklicher kann es aber werden, wenn Ersatzstoffe für den „Doping“-Effekt des Rauchens gesucht werden, also Mittel, die das kreative Denken, die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit in vergleichbarer Weise stimulieren.

Realistisch betrachtet, ist es – ob Raucher oder Nichtraucher – schon lange schwer geworden, ohne solche Hilfsmittel der heute üblichen Arbeitswelt neurologisch gewachsen zu sein; das ist an der Entwicklung der Erkrankungsstatistiken deutlich ablesbar. Es gibt im Moment weder den gesundheitspolitischen Willen noch, gäbe es ihn, gangbare Wege mit Sofortwirkung, um etwas daran zu ändern. Solange sich daran aber nichts ändert, werden die Beschäftigten Mittel und Wege suchen und finden, um sich mittels der einen oder anderen Form von „Doping“ die nötige Leistungsfähigkeit zu verschaffen. Wenn Zigaretten angesichts des wachsenden Drucks, nicht zu rauchen, nicht mehr in Frage kommen, sind das dann eben andere Mittel.

Vermutlich war es gerade der Stress der modernen Zeiten, der den Siegeszug der Zigarette einläutete. Ich rede hier von den modernen Zeiten vor hundert Jahren, als der Siegeszug z.B. von Industriearbeit, Elektrifizierung, Straßenbahn, Automobil und Telefon die zuvor gewohnten Lebensrhythmen dramatisch veränderte. Schon damals nämlich wurde das atemberaubende Tempo der Veränderungen nicht zuletzt von Medizinern beklagt und für krankmachend erklärt. Just in dieser Zeit, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, begann sich auch die Zigarette zu verbreiten und ihrer großen Schwester, der Zigarre, Konkurrenz zu machen. Anders als für letztere oder ihren gemeinsamen Urahn, die Tabakspfeife, benötigte man nicht viel Zeit und Muße, um sich ihrem Genuss hinzugeben. Fünf Minuten Pause, die sprichwörtliche Zigarettenpause, war alles, was man nötig hatte. Aber auch die Langeweile von Wartezeiten ließ sich mit ihr bekämpfen, und sie linderte Ängste und Nervosität – alles Eigenschaften, mit denen sie sich dann, als der Krieg ausbrach, auch in den Schützengräben bewährte. Als der Erste Weltkrieg zu Ende war, kamen die überlebenden Soldaten aller beteiligten Länder zum großen Teil als Zigarettenraucher nach Hause.

Um den Stress von damals kann man die Menschen vor hundert Jahren rückblickend fast beneiden. Diese fünf Minuten Pause für eine Zigarette werden heute, da Raucher fast überall zum Rauchen das Büro oder die Werkstatt verlassen und dabei zum Teil weite Wege zurücklegen müssen, zum Gegenstand des Neides von Nichtrauchern, die glauben, Raucher bekämen auf diese Weise mehr Pausen als sie selbst. Auch von „Experten“ werden die Rauchpausen akribisch zusammengezählt, um den Rauchern ihre „Unproduktivität“ zu beweisen. Schon dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die Kurzatmigkeit, mit der heutige Arbeitstage getaktet sind, und ebenso auf ein rein mechanisches Verständnis von Arbeit, das von blankem Unverständnis für den Wert etwa kreativer oder kommunikativer Leistungen zeugt, die sich in ein auf diese Weise messbares Schema beim besten Willen nicht pressen lassen. Nach einem solchen Verständnis von Arbeit leistet derjenige am meisten, der am längsten am Arbeitsplatz anwesend ist. Dieses Denken ist nicht neu, aber eine Pro-forma-Anwesenheit reicht inzwischen meistens auch nicht mehr aus. Jemandem, der lange am Arbeitsplatz anwesend ist, kann man diesen verlängerten Arbeitstag ja auch so mit Aufgaben füllen, dass er jede Minute davon voll konzentriert ans Werk gehen muss.

Man könnte unser Zeitalter das „Nervenzeitalter“ nennen: Wer am meisten psychischen Druck aushält, der ist ein Gewinner – jedenfalls so lange, bis ihn der Burn-out doch erwischt. Reste der Erinnerung an das „Muskelzeitalter“, als körperliche Kraft noch entscheidend war, bringen die Hochleistungssportler mit. Aber weil auch hier genau derselbe Optimierungswahn wie im Berufsleben nach immer neuen Rekorden verlangt, die aus eigener Kraft der Athleten beim besten Willen nicht mehr zu leisten sind, wird auch hier die Grenzüberschreitung mit pharmakologischen Mitteln zu erreichen versucht. Der Kampf gegen Doping im Sport ist nahezu aussichtslos, solange das Erreichen des eigentlich Unmöglichen viel Geld und viel Ehre verspricht. Im Arbeitsleben wiederum sind die Anreize vergleichbar, sich ständig über seine Belastungsgrenze hinaus zu verausgaben. Anders als im Sport geht es dabei aber in der Regel nicht um eine körperliche Belastung, sondern um eine Entgrenzung: einen so umfassenden Zugriff des Arbeitgebers auf das Leben, das seine Mitarbeiter führen – nicht nur durch Überstunden, sondern auch durch ständige Erreichbarkeit über das Handy –, dass es für sie keinen Feierabend mehr gibt, wie man ihn früher kannte. Das hält natürlich niemand auf die Dauer aus, wenn er auf seine eigenen, normalen und naturgegebenen Kräfte angewiesen ist.

Je größer ein Unternehmen ist, desto mehr wird im Namen der Prävention zwar bereits getan, das nach allgemeiner Meinung und ganz besonders in den Augen der Gesundheitsexperten eigentlich geeignet sein müsste, um die Mitarbeiter trotz dieser neuen Zusatzbelastungen gesund zu erhalten. Da fällt es aber natürlich besonders auf, wie stark speziell die Krankheitstage in Folge von psychischen Erkrankungen ausgerechnet in den letzten Jahren in die Höhe geschnellt sind.

Leider sieht die betriebliche Gesundheitsförderung häufig so aus, dass ein Unternehmen seine Angestellten zusätzlich zur Arbeitszeit auch noch in den Pausenzeiten oder in ihrer Freizeit zur „freiwilligen“ Teilnahme an sportlichen Übungen nötigt und ihnen „ungesunde“ Gewohnheiten wie zum Beispiel das Rauchen durch Zuckerbrot (Belohnung fürs Nichtrauchen) und/oder Peitsche (Repressalien gegen rauchende Mitarbeiter) auszutreiben versucht. Das Engagement mag noch so gut gemeint sein, die Entgrenzung der Arbeitswelt und die damit verbundene Belastung der Mitarbeiter verringert das natürlich keineswegs, sondern treibt sie im Gegenteil noch auf die Spitze.

Die WHO fühlt sich scheinbar nicht dazu berufen, die Auswüchse der modernen Arbeitswelt anzuprangern, geschweige denn, dass sie in diesem Fall den sprichwörtlichen Kampf „David gegen Goliath“, wie sie ihn ja angeblich so tapfer gegen die Tabakindustrie führt, aufnehmen wollen würde. Im Gegenteil, dort, wo der Arbeitgeber unter Berufung auf die Gesundheit immer weitreichendere Attacken auf die letzten verbliebenen privaten Nischen seiner Mitarbeiter unternimmt, findet das ihren ausdrücklichen Beifall. Den Rest nimmt sie nicht zur Kenntnis, jedenfalls einstweilen noch. Sollten die Erkrankungszahlen bei psychischen Krankheiten im selben Tempo noch einige Jahre weiter hochschnellen, wird sie es aber auf Dauer nicht ignorieren können.

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Raucherentwöhnung schadet Ihrer Gesundheit. Teil 1.

In einer Umfrage gaben 15 Prozent der Befragten an, sie würden für einen wirksamen Schutz vor Übergewicht auch einen zehn Jahre früheren Tod in Kauf nehmen. Ob das dieselben Leute sind, denen man den Verzicht auf das Rauchen mit dem Gewinn von acht Lebensjahren schmackhaft gemacht hat? (Grieshaber: Passivrauchen – Götterdämmerung der Wissenschaft)

Lieber tot als Raucher? Champix: Die dunkle Seite der Raucherentwöhnung

Mit dem Rauchen aufhören: Angeblich wollen das die meisten Raucher. Oft ist die Rede von siebzig bis achtzig Prozent, aber mithilfe besonders suggestiver Fragestellungen können ehrgeizige Umfrageexperten auch bis zu 96 Prozent herausbekommen. Wem drängt sich bei solchen Zahlen nicht der Gedanke auf, dass es eine besonders schwere, unheilvolle Form der Sucht sein muss, die jene Raucher daran hindert, ihre Wünsche auch umzusetzen?

In Wirklichkeit ist das natürlich alles viel komplizierter. Schon der online inzwischen nicht mehr verfügbaren Studie, die jener Sensationsmeldung mit den 96 Prozent zugrunde lag, konnte man entnehmen, dass ein Drittel aller befragten Raucher in Wirklichkeit überhaupt noch nie versucht hatte, mit dem Rauchen aufzuhören. Weitere 23 Prozent hatten es noch nicht häufiger als einmal versucht. Besondere Eile scheint die Mehrheit der Raucher also beim Rauchstopp nicht zu haben. Es handelt sich bei solchen Umfrageergebnissen dem Augenschein nach allenfalls um unverbindliche Absichtserklärungen, die möglicherweise von vielen auch nur aus Höflichkeit geäußert werden, weil es von einem Raucher einfach erwartet wird, dass er viel lieber Nichtraucher wäre. Dass in Umfragen „sozial erwünschte“ Antworten häufiger gegeben werden als „unerwünschte“ ist ein Faktor, der bei deren Auswertung viel zu selten berücksichtigt wird. Das gilt natürlich ganz besonders, wo man es aus PR-Gründen für zweckmäßig hält, wenigstens den Anschein erfolgreicher Arbeit zu erwecken, wenn man sonst nicht viel vorzuweisen hat. Die tatsächliche Erfolgsquote bei der Raucherentwöhnungsmaßnahmen liegt nämlich bei bescheidenen um die 5 bis 7 Prozent.

Gesundheitsexperten ist der Rauchstopp möglichst aller Raucher aber natürlich ein viel zu dringendes Anliegen, um sich damit zufriedenzugeben, lediglich Umfrageergebnisse durch Suggestivfragen zu beeinflussen. Aus Rauchern Nichtraucher zu machen, ist ein Ziel, das sich meinem Eindruck nach in den letzten Jahren zu einem Selbstzweck verselbstständigt hat. Das übergeordnete, eigentlich damit zu verfolgende Ziel, Krankheiten zu verhindern, ist allen Lippenbekenntnissen zum Trotz längst zweitrangig geworden. Wie anders ließe es sich erklären, dass man mit den bei der Raucherentwöhnung propagierten Mitteln auf so gefährliche Abwege geraten ist?

Normalerweise wird mit einem Suchtmittelentzug die Hoffnung verbunden, einen Menschen von einem seiner Persönlichkeit fremden Zwangsverhalten wieder zu seinem eigentlichen Wesen zurückzuführen. Paradoxerweise geht man beim Tabakentzug mit den Entwöhnungsmitteln „Champix“ und „Zyban“ genau den umgekehrten Weg. Beide Mittel sind dazu gedacht, dem Raucher die Lust auf das Rauchen zu nehmen, indem medikamentös in sein Nervensystem eingegriffen wird. Die zahlreichen Beschwerden über die Nebenwirkungen dieser Medikamente schließen auch Klagen über Persönlichkeitsveränderungen mit ein, die teilweise weit über die Behandlungsdauer hinaus anhalten können. Kennt man die Wirkungsweise der eingesetzten Wirkstoffe, ist das nicht sonderlich überraschend. Den wenigsten Patienten ist aber klar, worauf sie sich bei dieser Art der Raucherentwöhnung einlassen.

Die beiden erwähnten Medikamente sollen ihren Zweck mit unterschiedlichen Mitteln erfüllen: Zyban mit dem Wirkstoff Bupropion ist ein Antidepressivum. Chemisch gehört es in die Verwandtschaft der Amphetamine, aber auch der Katecholamine, d. h. Dopamin, Serotonin usw. Bei der Raucherentwöhnung ist es nur bei Patienten mit einer bestimmten Genvariante wirksam, während es bei anderen wirkungslos bleibt. Champix (Wirkstoff Vareniclin) beeinflusst hingegen die sogenannten Nikotinrezeptoren im menschlichen Nervensystem. Was genau dabei geschieht, ist schwer zu erklären, zumal die komplexen Wirkmechanismen noch längst nicht vollständig verstanden sind. Modellhaft können Sie sich aber vorstellen, dass Nikotinrezeptoren auf dieselbe Weise aktiviert werden wie ein Türschloss: Der Schlüssel muss passen. Ist das nicht der Fall, geschieht gar nichts. Passt er, werden die Rezeptoren aktiv.

Der Vergleich fängt allerdings an der Stelle zu hinken an, wenn zwei ähnliche Schlüssel – Nikotin und Vareniclin – existieren, die beide imstande sind, ein und dasselbe Schloss zu öffnen. Dass man, je nachdem, welchen Schlüssel man verwendet, zwei völlig verschiedene Räume betritt, passiert bei Türen allenfalls in Fantasy-Romanen. Im vorliegenden Fall bei den Nikotinrezeptoren geschieht es hingegen tatsächlich: Je nachdem, welcher der beiden Schlüssel verwendet wird, geschehen sehr verschiedene Dinge.

Die Nikotinrezeptoren haben trotz ihres Namens, der nur eine einzige Funktion suggeriert, sehr vielfältige Aufgaben. Sie steuern über die Muskelendplatte auch die koordinierte Überleitung von Nervensignalen auf den Muskel, sitzen als Hauptakteure am vegetativen Nervensystem mit seinen physischen Erhaltungs- und Notfallaktivitäten und sind im Zentralnervensystem (ZNS) sehr stark verbreitet. Man kennt inzwischen auch die Untergruppen der Nikotinrezeptoren, die via Serotonin oder Dopamin die Glücksgefühle steuern, auch für das Sättigungsgefühl und den Appetit zuständig sind und daneben auch den Mengenbedarf an Genussmitteln je nach Rezeptortyp ansteuern. Nenne man es „Gier“, „Sucht“ oder „Genuss“ – das sind letztlich alles nur Kampfbegriffe, mit denen physische Vorgänge moralisch bewertet werden, die sich der Kontrolle des Einzelnen entziehen und die auch nur schwer von außen beeinflusst werden können.

Ein komplexes System wie das Nervensystem mit einzelnen Zellgiften anzusteuern, wie dies im Moment von der Pharmakologie her getan wird, ist für den Patienten ein riskantes Spiel. Trotz fortschreitendem gentechnischem Wissen ist nämlich noch längst nicht ausreichend durchschaut, wie viele und welche Aufgaben die Nikotinrezeptoren innerhalb des Nervensystems im Einzelnen erfüllen und auf welche Weise das geschieht. Aber je mehr Fortschritte das genetische Wissen macht, desto mehr deutet darauf hin, dass sie innerhalb des komplexen nervalen Steuerungssystems, das den Menschen steuert und ihn letztendlich als bio-psycho-soziales System – also als ganzen Menschen – ausmacht, eine zentrale Stellung einnehmen. Die unselige Verhaftung im deterministischen Denken wird deutlich, wenn linear, also nach dem Prinzip: Ich mache A, und dann passiert B, mit Medikamenten in so komplexe und erst in Bruchstücken verstandene Strukturen wie Gehirn und Nervensystem eingegriffen wird. Macht man A, verabreicht also das Medikament, passiert halt nicht nur B, also, der Patient verliert die Lust auf das Rauchen. Es geschieht noch vieles mehr, und was im Einzelnen geschieht, kann bei jedem Menschen anders ausfallen. Das meiste davon ist nach heutigem Wissensstand beim besten Willen nicht vorhersehbar. Manches davon ist außerdem nicht im Sinn des Patienten und mit zum Teil lebensbedrohlichen Risiken verbunden.

Rezeptorgifte, die das vegetative Nervensystem lähmen und dadurch zu Atemlähmung und Herzstillstand führen, sind schon seit grauer Vorzeit bekannt, beispielsweise das Gift des Schierlings. Auch das Gift des Goldregens (Cytisin) bringt erhebliche zentralnervöse Nebenwirkungen mit sich, wie Psychosen und Epilepsien. Der „Champix“-Wirkstoff Vareniclin ist ein synthetischer Abkömmling von Cytisin. Er gelangte 1998 in den klinischen Versuch und hat 2006 in den USA (dortige Markenbezeichnung: „Chantix“) die Zulassung als Medikament zur Raucherentwöhnung bekommen. Ein Jahr später erfolgte die Zulassung auch in Deutschland. In den USA war Chantix ab Mai 2006 im Handel und wurde für seinen Hersteller, den Pharmakonzern Pfizer, aus dem Stand zum Kassenschlager. Bis Ende 2007 wurde das Medikament etwa vier Millionen Patienten verschrieben, und alleine im Jahr 2007 erzielte der Hersteller damit einen Umsatz von 883 Millionen Dollar. Nach aktuellen Angaben ist das Medikament derzeit in 100 Ländern zugelassen und wurde seit seiner Zulassung 18 Millionen Patienten verschrieben, darunter 9 Millionen in den USA, wo es im ersten Quartal 2014 über eine halbe Million Mal über den Ladentisch ging.

Im Jahr nach der Markteinführung, 2007, tauchten aber in Patientenforen im Internet auch schon zahlreiche Patientenberichte auf, in denen teilweise gravierende Nebenwirkungen beschrieben wurden. Ungewöhnlich rasch, nämlich schon Anfang 2008, wurde dann auch seitens der Regierungsbehörden vor einem möglichen Zusammenhang zwischen Vareniclin und einer erhöhten Suizidrate gewarnt. Im selben Jahr wurde angesichts der schweren Nebenwirkungen – neben aggressivem oder suizidalem Verhalten auch Sehstörungen, Herz-Kreislauf-Probleme und Bluthochdruck – in den USA Piloten, Fluglotsen, Busfahrern und LKW-Fahrern die Einnahme verboten. Dass Chantix im Vergleich zu anderen Medikamenten nachweislich mit einer deutlichen Zunahme von gewalttätigen Vorfällen verbunden ist, stellte eine Studie zwei Jahre später fest. Im Jahr 2011 wurde der Liste der Nebenwirkungen noch eine negative Wirkung auf das Herz hinzugefügt, eine Wirkung, die auch Cytisin aufweist. Depressionen, Selbstmorde und Selbstmordversuche, die in Zusammenhang mit verschiedenen Medikamenten standen, waren Thema einer weiteren Studie im selben Jahr. Sie brachte an den Tag, dass 90 Prozent aller dokumentierten Vorfälle im Zusammenhang mit Chantix geschehen waren, obwohl der Untersuchungszeitraum von 1998 bis 2011 dauerte und Chantix erst seit 2006 überhaupt auf dem Markt gewesen war.

Alltäglich ist es nicht, dass bei einem neu zugelassenen Medikament in so kurzer Zeit solche Häufungen schwerwiegender Nebenwirkungen zutage treten, darunter eine mindestens dreistellige Zahl von Todesfällen. Der jüngste Medikamentenskandal in Frankreich beispielsweise um das Diabetes-Medikament Mediator, das erst 2009 vom Markt genommen wurde, obwohl seine Gefährlichkeit da schon zehn Jahre lang bekannt war, betraf ein Medikament, das während eines Zeitraums von über 30 Jahren verwendet wurde. Zwischen 500 und 2000 Todesfälle unter den ca. 5 Millionen Patienten, die es einnahmen, werden ihm während dieses Zeitraums zugeschrieben.

In den USA mit ihrer Tradition millionenschwerer Schadenersatzklagen rieben sich vor allem die darauf spezialisierten Anwälte die Hände. Pfizer stand dort zeitweilig unter ähnlichem Druck wie seinerzeit die Tabakindustrie, als die Klagewelle gegen sie losbrach, auch wenn die US-Gesundheitsbehörden Warnhinweise auf dem Beipackzettel für ausreichend zu halten scheinen. Nicht zuletzt erwies sich dies auch als ein PR-Desaster: Angesichts der alarmierenden Medienberichte gingen die Umsätze zwischen 2007 und 2013 weltweit um 26 Prozent zurück . Mehr als 2700 Klagen hatte sich der Konzern zu erwehren und hat es sich einiges kosten lassen, den Klägern – geschädigten Patienten oder deren Angehörigen – mit sechsstelligen Vergleichssummen den Mund zu stopfen. Etwa 2500 Klägern wurden insgesamt um die 300 Millionen Dollar bezahlt – durchschnittlich erhielt also jeder von ihnen um die 120.000 Dollar. Der nächste Schritt der PR-Strategie des Pharmakonzerns, nämlich eine Rücknahme der Warnhinweise, gelang allerdings nicht: Kürzlich entschied die US-Gesundheitsbehörde mit überwältigender Mehrheit, sie beizubehalten.

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch, dass Pfizer von der wissenschaftlichen Welt mit aller Selbstverständlichkeit für unvoreingenommen genug gehalten wird, um selbst glaubwürdige Studien über die Gefährlichkeit des von dem Konzern verkauften Medikaments anzustellen, deren Ergebnisse im Jahr 2017 vorgestellt werden sollen. Würde ein Tabakkonzern sich dazu erdreisten, dasselbe zu tun – das gäbe einen Skandal!

Einen großen Teil der Gewinne am Medikament Chantix/Champix musste Pfizer also bereits wieder hergeben, und die Ausgaben für Werbung – 90 Millionen Dollar im Jahr 2013, liegen bei immerhin 14 Prozent des Umsatzes. Umso nachdrücklicher bemüht sich der Konzern, das Medikament in Europa optimal zu vermarkten und insbesondere als stetig sprudelnde Geldquelle die Krankenkassen zu erschließen. Noch nämlich müssen Patienten eine Raucherentwöhnung mit Champix aus eigener Tasche bezahlen. Die in letzter Zeit immer lauter werdenden Forderungen, Raucherentwöhnung zur Kassenleistung zu machen – sogar die Bundesdrogenbeauftragte hatte sich ihnen angeschlossen –, lassen sich in mindestens einem Fall auf direktem Weg zu Pfizer zurückverfolgen.

Vergleichsweise wenig war in deutschen Medien bislang über die alarmierende Datenlage zu Nebenwirkungen von Champix zu lesen. Der Spiegel brachte Ende 2007 lediglich eine kurze Notiz, als die US-Behörden erstmals in der Sache tätig wurden. Obwohl gerade in jenem Jahr Champix auch in Deutschland eingeführt worden war und man, ohne lange zu suchen, auch aus Deutschland Erfahrungsberichte von Patienten finden kann, in denen von denselben schweren Nebenwirkungen berichtet wird, wie sie auch aus den Vereinigten Staaten bekannt wurden, dauerte es bis zum November 2011, bis man sich zu einem weiteren kritischen Bericht entschließen konnte. Seither ist wieder Funkstille im deutschen Blätterwald.

Die Forderungen nach Raucherentwöhnung als Krankenkassenleistung werden hingegen regelmäßig von Neuem aufgegriffen. In der Schweiz hat Pfizer sein Ziel inzwischen erreicht: Raucherentwöhnung mit Champix ist dort jetzt eine Kassenleistung. In Deutschland steht der Erfolg der Lobbyarbeit des Konzerns noch aus. Vor einem Jahr sind aber mit Unterstützung einer gewissen „Deutschen Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung e. V.“ Gerichtsverfahren angelaufen, welche die Krankenkassen zwingen sollen, die Behandlungskosten für Rauchentwöhnungstherapien zu tragen. Zeitweise hatte die Organisation auf ihrer Website auch auf die zuvor erwähnte gleichlautende, nur notdürftig als wissenschaftliche „Studie“ kaschierte Pfizer-Forderung Bezug genommen und sie verlinkt; mittlerweile wurden alle Spuren, die zu dem Pharmakonzern führen könnten, aber beseitigt.

Angesichts der Datenlage steht man vor solchen Entwicklungen geradezu fassungslos – das gilt vor allem, wenn man parallel dazu die WHO-Kampagne gegen die E-Zigarette betrachtet, mit der bis dato nicht ein einziger Todesfall in Zusammenhang gebracht werden konnte. Wie anders als mit einer erheblichen Interessensteuerung ließe sich diese massive Unterstützung für ein Medikament denn erklären, gegen das so schwerwiegende gesundheitliche Bedenken bestehen?

In Frankreich wird jetzt im weiter oben erwähnten Fall „Mediator“ gegen die Arzneimittelaufsicht ermittelt, die das Verbot des Medikaments lange hinausgezögert hat. Den Verantwortlichen droht eine Klage wegen fahrlässiger Tötung, ein Risiko, dass ihnen eigentlich hätte bewusst sein müssen. Was die deutschen Gesundheitsbehörden, die jenes Medikament nie zugelassen hatten, dazu veranlasst, im Fall von Champix ganz ähnlich vorzugehen wie ihre französischen Kollegen, darüber kann man nur spekulieren. Da in absehbarer Zeit nicht damit zu rechnen ist, dass man Champix die Zulassung entzieht, fände ich es angebracht, dann wenigstens Schockbilder wie diejenigen, welche die EU unbedingt auf Zigarettenpackungen angebracht haben will, auch auf Champix-Verpackungen anzubringen. Auf ihnen sollte gezeigt werden müssen, was absehbar einem Teil der Patienten geschehen wird, von Horrorfilmszenen für die Albträume, die zu den häufigen Nebenwirkungen gehören, über Fotos von Autounfällen bis hin zu den Verletzungen eines Kinds, dessen Elternteil durch Champix grundlos in unkontrollierbare Wut geraten ist. Es sollte wenigstens sichtbar gemacht werden müssen, was dieses Medikament anrichten kann.

Alles, was für gewöhnlich der Tabakindustrie vorgeworfen wird, trifft auf den Pharmariesen anscheinend ebenfalls zu, der dieses Medikament auf Teufel komm raus vermarkten will. Nun könnte man in diesem Zusammenhang noch vieles über die Raffgier von Konzernen schreiben und deren Bereitschaft, über Leichen zu gehen, und sich darüber publikumswirksam aufregen. Der eigentliche Skandal liegt aber an anderer Stelle. Er besteht darin, dass gerade diejenigen, deren Aufgabe es eigentlich wäre, Menschenleben zu retten, anscheinend ebenfalls bereit sind, über Leichen zu gehen. Denn das ethische Selbstverständnis sowohl der Medizin, der Public-Health-Branche wie unserer gesamten Gesellschaft wird in seinen Grundfesten erschüttert, wenn es plötzlich als legitim gilt, die Menschenleben, die die Raucherentwöhnung mit diesem Mittel voraussichtlich selbst kosten wird, gegen die möglichen späteren vorzeitigen Todesfälle durch das Rauchen aufzurechnen und als vermeintlich nicht zu hohen Preis in Kauf zu nehmen. Wer mit dem Leben und der Gesundheit seiner Patienten wissentlich Russisches Roulette spielt, dem ist eindeutig sein ethischer Kompass abhanden gekommen.

Im Einzelfall ist es der Arzt, der entscheiden muss, ob die möglichen Nebenwirkungen des von ihm verordneten Medikaments in einem angemessenen Verhältnis zu möglichen Erkrankungen eines Rauchers im späteren Lebensalter stehen. Jedem Patienten, der den Arzt seines Vertrauens danach fragt, wie er am besten vorgehen solle, wenn er das Rauchen aufgeben wolle, ist zu wünschen, dass jener zu den Ärzten zählt, die noch über einen ethischen Kompass verfügen.

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Die WHO setzt Prioritäten

Ebola? War da was?

In den Augen von Margaret Chan scheinbar nicht. Die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation ließ es sich nicht nehmen, anlässlich der sechsten Weltkonferenz der WHO-Tobacco Free Initiative zur „Weiterentwicklung“ der FCTC (Framework Convention on Tobacco Control), also der Rahmenvereinbarung zur Eindämmung des Tabakgebrauchs, nach Moskau zu reisen, dort auch mit Wladimir Putin vor der Kamera zu posieren und sogar eine Art Bückling vor dem Mann zu machen, der vielen als der gefährlichste Mann der Welt gilt.

Dass der russische Präsident Frau Dr. Chan bei dieser Gelegenheit – vermutlich stark geschönte – Zahlen über den sinkenden Bevölkerungsanteil der Raucher in Russland präsentierte – nach seiner Darstellung sei der Anteil der regelmäßigen Raucher, der 2010 noch bei 40 Prozent der Bevölkerung gelegen sei, im vergangenen Jahr um 16 oder 17 Prozent gesunken –, ist dabei allenfalls eine Fußnote wert. Solche Bilder stehen symbolisch und symptomatisch für den Tunnelblick der WHO, die sich bei ihrem Kampf gegen den Tabak für keinen noch so zweifelhaften Bündnispartner zu schade zu sein scheint. Mit den USA und Kanada hingegen haben zwei wichtige und im Kampf gegen die Raucher weit „fortgeschrittene“ Akteure die Teilnahme an der Konferenz wegen der Bedenken gegen diesen Gastgeber abgesagt und damit andere Prioritäten gesetzt: Der Kampf gegen den Tabak, den beide Länder ja bitterernst nehmen, gilt ihnen im Vergleich zur veränderten weltpolitischen Lage durch den Ukraine-Krieg vernünftigerweise als nachrangig.

Um noch eine weitere Fußnote zu Russland zu ergänzen: In einem früheren Blogbeitrag  hatte ich darauf hingewiesen, dass in den USA, Deutschland und Russland trotz sehr unterschiedlichen Entwicklungen beim Bevölkerungsanteil der Raucher die Entwicklung bei den Lungenkrebserkrankungen verblüffenderweise ungefähr denselben Verlauf genommen hat, mit einem Höhepunkt Anfang der neunziger Jahre, gefolgt von einem stetigen Rückgang … und zwar auch in Russland, wo der Anteil der Raucher keineswegs zurückgegangen war.

Dies spiegelt aber nicht etwa auch die Entwicklung bei anderen Krebsarten wider. Tatsächlich haben vor allem Männer in Russland ein weit höheres Risiko, an Krebs zu sterben, als in Europa oder den USA. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch, dass die durchschnittliche Lebenserwartung russischer Männer bestürzend niedrig liegt und mit der viel positiveren Entwicklung bei den Frauen in Russland nicht mithalten konnte: Jeder vierte Todesfall bei russischen Männern trifft eine Person, die jünger als 55 Jahre alt ist. Das wiederum bedeutet, dass tödlich verlaufende Krebserkrankungen bei russischen Männern durchschnittlich auch in viel jüngeren Jahren auftreten als in Europa oder den USA. Es wird ja gerne darauf hingewiesen, dass Rauchen bei vielen Krebsarten eine bedeutende Rolle spiele. Wenn dies aber in Russland der Grund für die Krebshäufigkeit wäre, was vielleicht nun mancher einwenden möchte, warum sollte dann eigentlich ausgerechnet beim Lungenkrebs die Erkrankungshäufigkeit zurückgehen?

Russian_male_and_female_life_expectancy

Ein Zusammenhang mit Tabakkonsum ist bei der Entwicklung der Lebenserwartung in Russland auch bei WHO-freundlichster Betrachtung nicht zu erkennen. Tatsächlich deutet die in den Jahren 1993 bis 1995 sowie später noch einmal zwischen 2000 bis 2006 im Vergleich zu den unmittelbaren Vorjahren sichtbar gesunkene Lebenserwartung – vor allem bei Männern – auf einen Zusammenhang mit militärischen Einsätzen hin: Beide Zeiträume umfassen nämlich die russischen Kriege in Tschetschenien. Vor, zwischen und nach den Tschetschenien-Einsätzen lag die Lebenserwartung von Männern höher als während dieser Kriege. Das Ausmaß des verdeckten militärischen Engagements Russlands in der Ukraine im Jahre 2014 wird man also wahrscheinlich ebenfalls an der Entwicklung der Lebenserwartung russischer Männer ablesen können: Falls sie weiter steigt, spricht das gegen russische Einsätze größeren Umfangs. Sollte sie aber sinken, darf man den Gerüchten wohl Glauben schenken, nach denen in den letzten Monaten mehrere Tausend überwiegend noch sehr junge russische Soldaten im Nachbarland zu Tode gekommen seien.

Russischen Statistikern und Medizinern ist bestimmt völlig klar, dass der Kampf gegen das Rauchen keinen nennenswerten Einfluss auf die Lebenserwartung russischer Männer haben wird. Aber was der WHO recht ist, kann ja einem Wladimir Putin nur billig sein: Auch in Russland gibt es ein politisches Interesse daran, durch entsprechenden Medienrummel von den wirklichen Erkrankungs- und Todesfallrisiken, die nicht „individuellem Fehlverhalten“ wie dem Rauchen und dem Alkohol entspringen, nach Kräften abzulenken.

Zurück zu der WHO-Konferenz in Moskau, die noch aus anderen Gründen erwähnenswert ist. In das Kreuzfeuer der Kritik geriet die WHO nämlich nicht nur wegen der exorbitanten Kosten dieser Veranstaltung – 1,6 Millionen Dollar in Zeiten, in denen die Weltgesundheitsorganisation ständig über ihren Geldmangel klagt, das Budget kürzt  und eigentlich jeder verfügbare Dollar in die Ebola-Gebiete fließen müsste –, bei der es sich die Delegierten aus 175 Ländern bei Kaviar und Champagner wohl sein ließen und ihre Nächte in den besten Luxushotels von Moskau verbrachten, sondern auch, weil kurzfristig entschieden wurde, dass sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden werde: Die Presse wurde nicht zugelassen. Kritische Vergleiche wurden insbesondere auch mit dem eher nachlässigen Umgang der Weltgesundheitsorganisation mit der Ebola-Epidemie gezogen. Die Medien zitierten Mariano Lugli, Direktor für Internationale Einsätze der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, der noch im Oktober nur feststellen konnte, dass er überhaupt noch keinen WHO-Repräsentanten bei den zahlreichen Sitzungen in den Krisenländern gesehen habe.  Die Nerven der Leiterin der Hilfsorganisation, Joanne Liu, liegen offenbar inzwischen vollkommen blank, denn sie wirft der WHO kurzerhand Versagen vor.

Betrachtet man die aktuellen Erkrankungs- und Todesfallzahlen, wundert man sich nicht mehr über solche Reaktionen: 10.141 Erkrankungs- und 4922 Todesfälle (Stand: 25.10.). Zur Erinnerung und zum Vergleich hier die Zahlen vom 7. September aus meinem letzten Blogbeitrag: 2.639 bestätigte Erkrankungsfälle und 1.386 Todesfälle. Beide Werte haben sich innerhalb von ca. sieben Wochen also ungefähr vervierfacht. Dass die tägliche Zunahme der Neuerkrankungsfälle Ende Oktober nicht mehr, wie Anfang September, bei 150 bis 200, sondern „nur“ noch knapp unter 100 Fällen lag, ist angesichts der in Europa (Spanien) und den USA aufgetretenen Neuerkrankungen bei Pflegepersonal – trotz bester Schutzmaßnahmen – nur ein schwacher Trost, denn offenbar liegt das Infektionsrisiko höher als erwartet.

Dass die WHO sich nicht alleine aus Pflicht- und freiwilligen Zahlungen ihrer Mitgliedsländer, sondern in stetig wachsendem Umfang auch über Sponsoring durch allerlei Organisationen und Unternehmen – darunter auch solche der Pharmaindustrie – finanziert, ist ein offenes Geheimnis. Weniger bekannt ist, dass die Sponsoren anscheinend auch Einfluss darauf haben, wofür die WHO die von ihnen „gestifteten“ Gelder verwendet. Das heißt: Wenn die Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung in ihrer unendlichen Güte einige Millionen Dollar für den Kampf gegen das Rauchen zur Verfügung stellt – und die Gates-Foundation ist einer der großen Sponsoren von WHO-Programmen, jedenfalls von solchen, die ihr in den Kram passen –, ist die WHO nicht berechtigt, mit diesem Geld einen unerwarteten Ausbruch einer vielleicht die ganze Welt akut bedrohenden Seuche zu bekämpfen, egal, wie dringend diese Bekämpfung sein mag und wie teuer es auch die Heimatländer der edlen Spender zu stehen kommen mag, falls sie unterbleibt. Sie muss warten, bis der Sponsor bereit ist, auch hierfür zweckgebunden Geld zur Verfügung zu stellen – was im Falle der Gates-Stiftung und Ebola im September dann doch noch geschehen ist. Nur war im September 2014 das Kind längst in den Brunnen gefallen.

Bereits im Jahre 2010 geriet die Weltgesundheitsorganisation in massive Kritik, weil sie sich auch nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti dem darauf folgenden Choleraausbruch nicht im Entferntesten gewachsen zeigte. Zu jener Zeit wurde die Gates-Foundation ihr noch als leuchtendes Beispiel, wie man es besser machen könne, gegenübergestellt. Wie sich im Falle von Ebola zeigt, wäre es aber nicht empfehlenswert, sein Schicksal ausgerechnet einer privaten Stiftung anzuvertrauen, die ihre Gelder nach eigenem Gutdünken und begrenztem Urteilsvermögen verteilt.

Die WHO Tobacco Free Initiative ficht das im Moment, wie man sieht, noch nicht so richtig an. Sichtet man die Dokumentation ihrer einwöchigen und opulenten Moskauer FCTC-Konferenz, die nach eigener Aussage der WHO besonders erfolgreich gewesen sei, ist augenfällig, dass ihre Akteure nicht einmal im Traum daran dächten, Ebola für wichtiger als den Kampf gegen den Tabak zu halten. Sogar aus einem der von Ebola hauptbetroffenen Länder, nämlich Guinea-Bissau, wurde ein Delegierter nach Moskau geschickt – als hätte dieses Land keine anderen Sorgen! Aber dies ist auch die Folge des prestigeträchtigen Status solcher Posten innerhalb der regionalen WHO-Bürokratie insbesondere in ärmeren Ländern. Deren Inhaber müsste ja verrückt sein, eine solche Gelegenheit, es sich einmal richtig gut gehen zu lassen, ungenutzt verstreichen zu lassen! Ja, man wundert sich geradezu, dass der Ebolaausbruch von der WHO nicht ebenfalls zu den „hinterhältigen“ Methoden der Tabakindustrie gezählt wird, deren Margaret Chan die Tabakindustrie in ihrer Eröffnungsrede bezichtigte, die angeblich „immer härter und über jeden möglichen Kanal“ zurückschlage, um die WHO am Erfolg ihres Kampfes zu hindern.

Man wünscht sich ja manchmal fast schon, die Tabakindustrie wirklich einmal ernsthaft zurückschlagen zu sehen, nur damit der Unterschied zu deren übervorsichtigem Vorgehen auch für den außenstehenden Beobachter erkennbar wäre. Tatsache ist, dass die WHO seitens der Tabakindustrie wenig Widerstand erfährt. Das ist auch kein Wunder, denn ihr wurden in den letzten anderthalb Jahrzehnten die meisten Möglichkeiten zur Gegenwehr immer weiter eingeschränkt bzw. gänzlich unterbunden. Wer gegen einen gefesselten Gegner kämpfen darf, wie die WHO im Fall der Tabakindustrie, der hat ein so leichtes Spiel, dass man peinlich berührt ist von der theatralischen Märtyrerpose, in die sie sich dabei unweigerlich dennoch wirft.

Einem Gegner wie Ebola ist auf diese Weise aber natürlich nicht beizukommen. Vielleicht ist das ja der Grund, warum es seitens der WHO nicht mit dem nötigen Ernst versucht wird. Stattdessen werden Beschlüsse über die Regulierung von E-Zigaretten – einem Produkt, zu dem der Nachweis auch nur eines einzigen Todesfalls bis heute immer noch aussteht – als Sieg gegen die Tabakindustrie gefeiert, obwohl die E-Zigarette nicht einmal eine Entwicklung der Tabakindustrie ist und bis heute mehrheitlich von Unternehmen aus ganz anderen Bereichen hergestellt wird. Erst in allerjüngster Zeit bemüht sich die in ihrem Kerngeschäft immer weiter in die Enge getriebene Tabakindustrie, auch im Markt für E-Zigaretten Fuß zu fassen. Der gerne strapazierte Vergleich eines angeblichen Kampfs von David (WHO) gegen Goliath (Tabakindustrie) lässt sich beim Kampf der weltumspannenden WHO mit ihrem wirkungsvollen Instrument völkerrechtlich verbindlicher Verträge gegen die bislang überwiegend kleinen Hersteller und Händler von E-Zigaretten mit weitaus mehr Berechtigung genau umgekehrt ziehen.

Als ironische Fußnote ist außerdem noch zu ergänzen, dass ein Medikament gegen Ebola, das man gerade fieberhaft zu entwickeln versucht und mit dem man bereits erste hoffnungsvolle Erfolge hatte, aus Tabakpflanzen gewonnen wird. Da fällt einem unwillkürlich ein, wie sehr doch Ärzte und Pflegepersonal für die an Ebola Erkrankten in ihrer ein bisschen unheimlich wirkenden Schutzkleidung an die Pestärzte früherer Jahrhunderte erinnern. Zu deren Ausstattung gehörte allerdings neben der bekannten Schnabelmaske auch eine Tabakspfeife.

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Tabakepidemie vs. Ebola-Epidemie: Finden Sie den Unterschied

Es ist hoch an der Zeit, auch an dieser Stelle Professor Günter Ropohls sehr gelungenes schmales, aber außerordentlich gehaltvolles Buch „Besorgnisgesellschaft“ zu würdigen, eine meisterhafte Analyse des Zusammenwirkens einer gesellschaftlichen Grundstimmung voller diffuser Ängste, in der das Schüren dieser Ängste durch sogenannte „Experten“ zum lukrativen Verkaufsartikel wird und sich für die zugehörige Nachfrage ein entsprechendes Angebot bildet. Bei Amazon finden Sie nicht nur das Buch selbst, das ich Ihnen hiermit wärmstens empfehlen möchte, sondern auch meine Rezension dazu … und Sie können sich außerdem auf ein Interview mit Professor Ropohl hier im Blog freuen. Demnächst!

Ein aktueller Anlass rief mir ein Zitat aus meiner Rezension in Erinnerung:

Die weltpolitischen Entwicklungen – Syrien, Irak, Ukraine – lassen zuweilen die Ahnung aufblitzen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, sich mit solcher Ausdauer mit einem Scheinproblem wie der Bekämpfung des Tabakgebrauchs befassen zu können. Die Hartnäckigkeit der WHO und der ihr zuarbeitenden staatlichen, halbstaatlichen, nichtstaatlichen und kommerziellen Organisationen bei der weltweiten Durchsetzung der FCTC, der „Rahmenvereinbarung zur Eindämmung des Tabakgebrauchs“, hat nichts damit zu tun, dass die Welt neuerdings keine anderen Sorgen mehr hätte. Hinter dieser Hartnäckigkeit stecken Funktionäre aus Weltregionen, in denen die Lebenserwartung um die 80 Jahre beträgt und wo man seit Jahrzehnten ein friedliches Leben ohne größere Gefahren für den auf ewig garantierten Normalfall hält (unterstützt von Pharmakonzernen, die wiederum ihre eigenen gewinnorientierte Agenda im Gepäck haben). 

In diesen von jahrzehntelangem Wohlstand verwöhnten Kreisen will man es nicht mehr für normal halten, dass das menschliche Leben endlich ist und ein Alter irgendwo zwischen 80 und 90 Jahren eine Grenze, die bei guter Gesundheit und klarem Verstand auch in Zukunft nur wenigen zu überschreiten vergönnt bleiben wird. Diese lebensfremden Funktionäre, die sich zu Hütern unserer Gesundheit aufgeschwungen haben und sich dabei vielfach im Ernst einbilden, wenn sie uns nur erst den Genuss beim Essen, Trinken und Rauchen ausgetrieben haben, dann würden wir gesund und glücklich werden und ihnen ewig dafür dankbar sein: Was werden diese Leute wohl tun, sollten sie jemals mit einer wirklichen, massenhaft auftretenden akuten Bedrohung konfrontiert werden?

Die Entwicklung der Ebola-Epidemie in Westafrika, bei der die Weltgesundheitsorganisation ihr klägliches Versagen in einem Stadium der Ausbreitung jener Viruserkrankung, als sie noch beherrschbar gewesen wäre, nun durch besonders lautstarkes Wehklagen und Vorwürfe gegen andere zu vertuschen versucht, darf man wohl als Antwort auf meine Frage verstehen.

Im Kampf gegen den Tabak wählt die WHO ja bekanntlich gerne dramatisches Vokabular. Um eine „weltweite Tabakepidemie“ soll es sich ihrer Darstellung nach handeln, an der bis zum Jahr 2030 acht Millionen Menschen zugrunde gehen werden, sollte man nicht schärfste Gegenmaßnahmen ergreifen. Und achtzig Prozent dieser Todesfälle sollen in Entwicklungsländern erfolgen. Dasselbe soll übrigens für alle sogenannten „nichtübertragbaren Krankheiten“ gelten, für die die Weltgesundheitsorganisation in erster Linie den Lebensstil der Erkrankten verantwortlich macht. An anderer Stelle hatte ich meinen Zweifeln an speziell dem letzten Punkt folgendermaßen Ausdruck verliehen:

Nichtübertragbare Krankheiten sind „eine Gruppe von Erkrankungen, zu der Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, chronische Atemwegserkrankungen und psychische Störungen gehören“. Weltweit sollen „nach Angaben der WHO im Jahr 2008 schätzungsweise 36 Millionen der weltweit 57 Millionen Sterbefälle auf nichtübertragbare Krankheiten zurückzuführen [gewesen sein]“, davon „9 Millionen Menschen vor Erreichen des 60. Lebensjahrs“ und fast „80 Prozent dieser Sterbefälle auf Entwicklungsländer [entfallen]“. 

Diese Zahlen versetzen ein wenig in Erstaunen. In Afrika mit etwa 12,5 Millionen Todesfällen jährlich lauten die zehn häufigsten Todesursachen beispielsweise: 

  • Aids
  • Malaria
  • Erkrankungen der Atemwege
  • Durchfallerkrankungen
  • Kindstod
  • Herz-Kreislaufkrankheiten
  • Tuberkulose
  • Herzmuskelerkrankungen
  • Masern
  • Verkehrsunfälle 

Die nichtübertragbaren Krankheiten scheinen in den Entwicklungsländern (mindestens in Afrika) bei den Todesfällen also nur eine Nebenrolle zu spielen.

Das kopfschüttelnde Staunen über eine WHO, die ausgerechnet in Entwicklungsländern den Kampf gegen vermeintliche Epidemien, erzeugt durch Tabak, Alkohol und zu reichliche Ernährung, zu einer angeblich enormen Bedrohung hochstilisiert, ist angesichts des Trauerspiels um die Ausbreitung des Ebolafiebers ungläubigem Zorn gewichen. Denn in diesem Fall liegt tatsächlich eine Epidemie im eigentlich gemeinten Sinne vor, nicht nur ein im Stil der Produktwerbung gehyptes PR-Produkt, ein Popanz also, der uns durch die dramatische Wortwahl lediglich erschrecken und auf diese Weise politische und gesellschaftliche Akzeptanz für die geforderten Maßnahmen erzeugen soll.

Die Folgen der Ebola-Epidemie sind für die gesamte Bevölkerung der betroffenen Gebiete unmittelbar sicht- und spürbar. Denn nicht nur die an Ebolafieber Erkrankten selbst leiden. Wo Gesundheitspersonal selbst erkrankt – das geschieht in beängstigendem Ausmaß – oder aus Angst vor Ansteckung nicht mehr zur Arbeit kommt – was ebenfalls häufig genug geschieht –, können auch andere Patienten nicht behandelt werden, und die Gefahr, an eigentlich behandelbaren Krankheiten zu sterben, nimmt zu. Und wo nicht vor allem alte und bereits kranke Menschen, sondern vielfach zuvor gesunde Erwachsene im Alter zwischen 30 und 45 sterben, da bleiben Waisenkinder, unversorgte alte Menschen und unbestellte Felder zurück, womit weiteres Elend in einem Teufelskreis vorprogrammiert ist, der noch jahrelang nachwirken kann.

Wann hätte man je davon gehört, dass zum Beispiel die „Diabetesepidemie“ solche Folgen mit sich gebracht hätte?

Bei einer Epidemie geht es nämlich nicht, wie es die Weltgesundheitsorganisation uns in den letzten Jahren eingehämmert hat, um das massenhafte Vorhandensein von wirklichen oder vermeintlichen Krankheitsrisiken, die eventuell – oder vielleicht auch nicht – dazu führen könnten, dass in ein paar Jahrzehnten mehr Krankheitsfälle bestimmter Erkrankungsarten unter älteren Menschen auftreten werden. Auch wenn Wikipedia bereits gehorsam wiedergibt, nur in einem „engeren Sinne“ seien mit diesem Begriff Ausbrüche von Infektionskrankheiten gemeint, hat die Beschränkung auf Infektionskrankheiten, wie an obigen Nebenwirkungen ersichtlich, sehr wohl einen Sinn. Eine „zeitliche und örtliche Häufung“ von Krankheitsfällen, wie Wikipedia die Sache nüchtern wiedergibt, meint im Falle einer Infektionskrankheit eine rasante und kaum noch aufzuhaltende Ausbreitung der Krankheit, sobald eine kritische Masse von Erkrankungsfällen überschritten ist. Im Falle von Ebola bedeutet das: Tausende von Krankheitsfällen alleine innerhalb der nächsten Wochen werden momentan prognostiziert, und inzwischen schließen Experten eine über viele Monate, möglicherweise sogar länger als ein Jahr weiter andauernde Epidemie mit Zigtausenden von Erkrankungsfällen nicht mehr aus, da die Krankheit nun auch die liberianische Hauptstadt Monrovia erreicht hat, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Es rächt sich bitter, dass da ein Mittel zur Eindämmung der Epidemie nur halbherzig gesucht und deshalb auch nicht gefunden wurde, solange sie sich auf ländliche und schwächer besiedelte Räume beschränkt hatte.

Statistisch wird (mindestens!) jeder zweite der neuen Erkrankungsfälle auch einen neuen Todesfall bedeuten. Einen neuen Todesfall, wohlgemerkt, meist innerhalb von Tagen nach Krankheitsausbruch, und viele dieser Todesfälle werden erwachsene Menschen noch vor oder um die Mitte ihres Lebens betreffen. Dass Europa von einem Überschwappen der Epidemie bislang als vergleichsweise wenig gefährdet gilt, da die Übertragung nur durch direkten Kontakt mit Erkrankten oder deren Körperflüssigkeit erfolgt (also noch nicht während der Inkubationszeit, wenn die Krankheit noch nicht zum Ausbruch gekommen ist), ist weder tröstlich noch beruhigend. Erstens ist ein Menschenleben in Afrika ebenso viel wert wie bei uns. Zweitens darf die Gefahr nicht unterschätzt werden, dass sich auf dem Weg der Mutation Ebolafieber-Varianten bilden, deren Übertragung man auch in Europa nicht mehr ohne weiteres Herr werden könnte.

Dass der Ebola-Ausbruch dieses Mal bedrohliche Dimensionen angenommen hat, ist inzwischen endlich auch der Weltgesundheitsorganisation aufgefallen:

As WHO Director-General Dr Margaret Chan told agencies and officials last week in New York City and Washington, DC, development partners need to prepare for an “exponential increase” in Ebola cases in countries currently experiencing intense virus transmission. 

Many thousands of new cases are expected in Liberia over the coming 3 weeks. 

WHO and its Director-General will continue to advocate for more Ebola treatment beds in Liberia and elsewhere, and will hold the world accountable for responding to this dire emergency with its unprecedented dimensions of human suffering.

Die Weltgesundheitsorganisation macht also präventiv schon mal „die Welt“ dafür verantwortlich, falls sich die Lage verschlimmern sollte. Das ist ein starkes Stück, denn eigentlich wäre es ja die Aufgabe der WHO gewesen, eine Ausbreitung der Seuche schon in einem Stadium zu verhindern, als sie noch beherrschbar war. Nach Angaben der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die in jener Phase verzweifelt gegen sie ankämpfte, hat die WHO aber nicht nur monatelang nicht auf ihre Warnungen reagiert und das Ausmaß des Problems herunterzuspielen versucht, sondern auch in der Zeit vor und sogar während (!) des Ebola-Ausbruch in Afrika Personal abgezogen. Erst mehrere Monate nach dem Ausbruch der Epidemie konnte sich die WHO dazu entschließen, den internationalen medizinischen Notfall auszurufen.

Der bisherige Verlauf der Epidemie: Der sogenannte „Patient null“ wurde im Nachhinein für Dezember 2013 im westafrikanischen Guinea ermittelt. Ab Februar 2014 wurden die ersten Fälle von Ebolafieber in jenem Land publik, dessen Gesundheitsministerium dann am 23. März 2014 die WHO offiziell von einem Ausbruch von Ebolafieber unterrichtete. Zu diesem Zeitpunkt waren 49 Erkrankungsfälle, davon 29 mit tödlichem Verlauf bekannt.

Bis zum Juni 2014 hatte sich die Epidemie auf zwei weitere Länder, Sierra Leone und Liberia, ausgebreitet. Die Zahl der Todesopfer wurde von der WHO zu jenem Zeitpunkt mit 350 beziffert. Seitdem verbreitet sich das Virus immer rasanter, und als sich die WHO am 8.8.2014 endlich dazu durchrang, die Krankheit als internationalen Notfall zu deklarieren, war die Verbreitung längst viel zu weit fortgeschritten, um die Katastrophe noch aufzuhalten. Am 4. September lagen 2.106 bestätigte Erkrankungsfälle und 1.050 Todesfälle vor. Der Stand drei Tage später, am 7. September: 2.639 bestätigte Erkrankungsfälle und 1.386 Todesfälle. Nachbarländer kämpfen verzweifelt gegen ein Überschwappen der Epidemie auch auf ihr Staatsgebiet, indem die Grenzen zu den betroffenen Ländern geschlossen werden. Einzelne bestätigte Erkrankungsfälle liegen aber längst auch aus manchen anderen afrikanischen Ländern vor, etwa Nigeria, dem Senegal und Benin. Ob es gelingt, eine weitere Ausbreitung zu verhindern, ist noch ungewiss. Sicher ist aber, dass in den betroffenen Ländern das Schlimmste erst noch bevorsteht.

Als die Weltgesundheitsorganisation im Sommer 2009 die Schweinegrippe zur Pandemie erklärte und die Welt monatelang in den Panikmodus versetzte, ging es um eine Erkrankung, bei der ein meist milder Verlauf längst dokumentiert war und die Zahl der dokumentierten Todesfälle im kleinen dreistelligen Bereich lag. So ist es kein Wunder, dass über eine Einflussnahme der Pharmaindustrie bei jener umstrittenen Entscheidung gemunkelt wurde, die an der Herstellung von Impfstoffen, die dann kaum gebraucht wurden, ja auch nicht schlecht verdient haben soll. Da gegen Ebola bislang weder Impfstoffe noch Medikamente entwickelt wurden, lag in diesem Fall ja vielleicht einfach kein Anreiz vor? Über die Milliardenbeträge, die von der WHO im Kampf gegen die Scheinepidemien im Bereich Ernährung/Alkohol/Tabak verpulvert werden, sodass sie nun, da eine wirkliche Epidemie vorliegt, mit dem Klingelbeutel herumgehen muss, mag man vollends gar nicht mehr nachdenken.

Vor wenigen Wochen erst hatte ich es prophezeit: Die WHO, dieselbe Organisation, die sich ihrer vermeintlichen „Erfolge“ im Kampf gegen den Tabak gar nicht genug brüsten kann – Erfolge, die auf reinen Zahlenspielereien beruhen, denn es fehlt jeder Nachweis, dass ihre Bemühungen Todesfälle verhindert haben oder künftig verhindern können –, hat kläglich versagt, sobald sie mit einer realen Bedrohung konfrontiert wurde. Die Erkrankten der letzten Wochen sind auch Opfer der Inkompetenz von Gesundheitsfunktionären, die schon so lange hauptsächlich PR-Schattenboxen gegen Scheinprobleme betreiben, dass sie gar nicht mehr wissen, wie man echte Probleme bekämpft. Das muss sich dringend ändern.

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Rechtsstaat oder Bananenrepublik?

Liebe Leser, stellen Sie sich vor, Ihre Wohnung zu verlieren. Keine angenehme Vorstellung, oder? Gerade in der heutigen Zeit, in der die Mieten explodieren. Stellen Sie sich nun weiter vor, Sie würden damit eine sehr preisgünstige Wohnung verlieren, für deren Warmmiete Sie aber dennoch ungefähr die Hälfte ihres monatlichen Einkommens ausgeben müssen, weil Sie Rentner mit einem Einkommen von deutlich unter 1000 Euro monatlich sind. Und nun stellen Sie sich außerdem noch vor, Sie hätten in dieser Wohnung vierzig Jahre lang gewohnt, in einem Gebäude, das Sie den größten Teil dieser Zeit als dessen Hausmeister betreut haben, und Ihre Vermieterin hat Ihnen gerade fristlos gekündigt wegen etwas, das Sie dort die ganzen vierzig Jahre lang getan haben, nämlich in Ihrer Wohnung zu rauchen. Und ein Gericht findet das völlig in Ordnung.

Genau das ist in Düsseldorf am 26.6.2014 einem Mann namens Friedhelm Adolfs passiert.

Es wird ja heute gerne so getan, als seien Raucher schon immer auch in ihrer eigenen Wohnung viel lieber auf den Balkon zum Rauchen gegangen. Tatsächlich wäre das bis vor wenigen Jahren noch als seltsames Verhalten empfunden worden. Besuchte man nichtrauchende Freunde, ging man als Raucher auf den Balkon, aber bei Rauchern wurde normalerweise fast immer in der Wohnung geraucht. Das Rauchen sogar in der eigenen Wohnung zu „denormalisieren“, scheint inzwischen jedenfalls bei jüngeren Leuten bis zu einem gewissen Grad gelungen zu sein. Was sie tatsächlich tun, sei dahingestellt, aber dass vor Dritten die „politisch korrekte“ Antwort lauten muss: Ich rauche nur auf dem Balkon, hat inzwischen wohl jeder unter 30 verinnerlicht.

Wer, wie Herr Adolfs, schon seit vierzig Jahren in seiner Wohnung raucht, dessen Gewohnheiten haben sich aber natürlich nicht geändert. Er macht also das, was er schon die ganze Zeit getan hat, und dafür soll er nun aus seiner Wohnung geworfen werden. So will das seine Vermieterin, und nach dem Amtsgericht Düsseldorf hat ihr nun auch das Düsseldorfer Landgericht recht gegeben: Das Rauchen in der Wohnung sei zwar weiter Bestandteil der Privatsphäre, so das Gericht, und damit kein zulässiger Grund zur Kündigung. Aber dass der Rauch aus Friedhelm Adolfs‘ Wohnung ins Treppenhaus dringe und dabei eine Belästigung für die Nachbarn darstelle, sei sehr wohl ein Kündigungsgrund.

Auf die zahlreichen Fragen, die das Urteil aufwirft, werde ich nachstehend noch eingehen, an dieser Stelle aber zunächst ein Appell an die Leser meines Blogs:

Friedhelm Adolfs hat sich entschieden, weiter um seine Wohnung zu kämpfen und strebt eine Revision des Urteils durch den Bundesgerichtshof an. Allerdings wird er seine Wohnung dennoch spätestens zum Jahresende verlieren, sollte er nicht eine Sicherheitsleistung in Höhe von 4200 Euro erbringen. Auch dies hat das Landgericht Düsseldorf entschieden, wohlwissend, dass Herr Adolfs schon die Sicherheitsleistung für die zweite Instanz nicht aus eigener Kraft aufbringen konnte. Denn wo sollte jemand mit seinem niedrigen Einkommen solche Beträge herzaubern? Sein Rechtsanwalt ruft deshalb zu Spenden auf. Diesem Aufruf möchte ich mich anschließen.

Spendenkonto:

IBAN: DE20 2001 0020 0663 2812 02

BIC: PBNKDEFF

Kontoinhaber: Martin Lauppe-Assmann, Rechtsanwalt

Verwendungszweck: Sicherheitsleistung Raucherprozess

Ein weiteres Spendenkonto wurde vom „Netzwerk Rauchen“ eingerichtet:

Netzwerk Rauchen e.V.

Volksbank Mittelhessen eG

IBAN: DE 82513900000070025809

BIC: VBMHDE5FXXX

Kennwort: Ein Dach für Raucher

Obwohl die gesamte Spendensumme auf beiden Konten inzwischen einen vierstelligen Betrag ausmacht, reicht dies noch lange nicht aus, um die skandalös hohe Sicherheitsleistung zu erbringen. Bitte verbreiten Sie deshalb meinen Aufruf auch über Ihnen Blog, über Facebook und Diskussionsforen weiter. Herr Adolfs sollte seine Wohnung wenigstens bis zur höchstrichterlichen Entscheidung sicher haben.

Unter den üblichen Verdächtigen gibt es natürlich auch dieses Mal Empathieunfähige, die sich über das Unglück eines alten Mannes sogar noch freuen. „Ein guter Tag für Mieter!“ befindet etwa ein gewisser Lothar Binding, ein wenig bekannter Bundestagsabgeordneter der SPD, der sich einzig und alleine als Kämpfer gegen die Raucher einen gewissen Namen gemacht hat und deshalb zu solchen Anlässen gerne befragt wird. In solchen Situationen wird immer deutlich, wie sehr sich die SPD von der Interessenvertretung der Arbeiter, ihrer einstigen Zielgruppe, inzwischen abgewandt hat – in der der Anteil der Raucher nach wie vor höher liegt als in anderen gesellschaftlichen Gruppen.

Es sind nicht alleine rauchende Mieter, denen dieses Urteil Kopfschmerzen bereiten sollte, ja, es sind nicht einmal alleine die Mieter, sondern auch den Vermietern sollte es zu denken geben. Geruchsbelästigungen im Treppenhaus konnten nämlich zwar schon bisher für einen Mieter zur Kündigung bzw. für seinen Vermieter zur Mietminderung durch die belästigten Nachbarn des Mieters führen, aber die Schwelle, ab der ein Geruch als „unerträglich“ bzw. „unzumutbar“ und damit als Grund für eine Kündigung/Mietminderung ins Feld geführt werden kann, wird voraussichtlich um einiges sinken, wenn dies beim Tabakrauch – zunächst als Sonderfall – so eingeführt werden sollte. Hierzu mehr an späterer Stelle.

Ein Rechtsgelehrter bin ich zwar nicht, aber einiges an diesem Urteil spricht zumindest dem gesunden Menschenverstand Hohn. Das gilt, obwohl mir klar ist, dass die Rechtswissenschaft keine exakte Wissenschaft ist, es also immer Spielräume gibt, die mit dem eigenen Ermessen dessen gefüllt werden, der das Urteil spricht. Ärgerlich wird die Sache aber dann, wenn die Faktengrundlage, auf der verhandelt wird, je nach Gusto entweder berücksichtigt wird oder der daran unpassende Teil unter den Tisch fällt. Da können die Gesetze noch so gut sein, in diesem Fall ist man plötzlich doch alleine vom subjektiven Empfinden des Richters abhängig, und ein solches Urteil enthält dann auch nicht weniger Willkür, als befände man sich in einer viertklassigen Bananenrepublik anstelle eines Rechtsstaats.

Nach der Klageschrift“, wird im Volltext des Urteils erläutert, „liegt der Kündigungsgrund alleine in der Tatsache, dass der Beklagte in seiner Wohnung raucht, dass der Zigarettenrauch in das Treppenhaus des Mehrfamilienhauses zieht und angeblich eine Gesundheitsgefährdung für die übrigen Hausbewohner darstellt.“ Dass das Rauchen in der Wohnung als solches keinen Kündigungsgrund – weder für eine fristlose noch für eine ordentliche Kündigung – darstellt, wird anschließend ausdrücklich betont. „Der schwerwiegende schuldhafte Pflichtverstoß des Beklagten“, so heißt es dann weiter, „der die fristlose Kündigung rechtfertigt, liegt vorliegend alleine darin, dass der Beklagte keine Maßnahmen dafür trifft um zu verhindern, dass Zigarettenrauch in den Hausflur zieht, sondern dies durch sein vertragswidriges Verhalten sogar noch fördert.“

Vielleicht sähe ein Jurist diesen Punkt ja anders, aber es bleibt mir dunkel, was der letzte Halbsatz zum Ausdruck bringen soll. Hat Herr Adolfs somit aktiv und mit krimineller Energie dafür gesorgt, dass Zigarettenrauch ins Treppenhaus vordrang, etwa durch ständiges Offenlassen seiner Wohnungstür? Leitete er gar die Abluft aus seiner Wohnung dorthin? Noch viel aufschlussreicher ist aber, was an dieser Stelle fehlt: Auf die Frage der Gesundheitsgefährdung, die von der Klägerin so betont worden war, wird nämlich seltsamerweise gar nicht weiter eingegangen. Im gesamten Urteil hat sie keine Rolle gespielt.

Meistens sind es die Faktoren, die „versehentlich“ unter den Tisch gefallen sind, die man als Wissenschaftler näher unter die Lupe nehmen sollte, weil sich in ihnen die Schwachstellen einer Argumentation verbergen. Bei Rechtsstreitigkeiten ist das offenbar ähnlich. Ahnte der Richter, dass er sich in dieser Frage auf vermintes Gelände begeben würde? Oder gab es vielleicht sogar einen Wink von interessierter dritter Seite, die Frage der Gesundheitsgefährdung zu ignorieren?

Diese Frage enthält nämlich einigen Sprengstoff. Denn auch wenn man es gegen jede Lebenserfahrung überhaupt für möglich halten würde, dass durch eine geschlossene Wohnungstür hindurch so viel Rauch ins Treppenhaus dringen kann, dass eine „intensive, nicht mehr hinnehmbare, unzumutbare und unerträgliche Geruchsbelästigung von dort ausgeht und erhebliche Mengen an Zigarettenqualm aus dieser Wohnung in das Treppenhaus ziehen mit der Folge, dass es im gesamten Gebäude stark nach Zigarettenrauch riecht“ – so das Urteil in dramatischen Worten, man sieht regelrecht die Rauchschwaden durch das Treppenhaus wabern –, nicht einmal in diesem Fall wäre es möglich, eine Gesundheitsgefahr für die anderen Hausbewohner glaubhaft zu machen.

Das gilt auch dann, wenn man die Ergebnisse der berüchtigten „Passivrauchstudie“ als Maßstab zugrundelegt, auf denen unsere gesamte Nichtraucherschutz-Gesetzgebung basiert. Klammern wir meine Kritik an jener Studie – die ich weiterhin aufrechterhalte – für den Moment einmal aus: Was dort, egal ob richtig oder falsch, gemessen wurde, ist die Gefährdung von Nichtrauchern, die sich, so die Studie, „tagsüber oder abends häufig in Räumen aufhalten, in denen geraucht wird“. Dies betrifft nichtrauchende Partner von Rauchern in der eigenen Wohnung oder Beschäftigte an einem Arbeitsplatz, wo geraucht wird. Die fünf bis zehn Minuten pro Tag, die man sich in einem Treppenhaus aufhält, wären aber auch dann, wenn er regelmäßiger Raucher-Treffpunkt für ein halbes Dutzend Kettenraucher wäre, im Vergleich dazu beinahe einer Nullbelastung gleichzusetzen.

Aber Herrn Adolfs wird nicht vorgeworfen, im Treppenhaus zu rauchen. Es geht vielmehr um die Schadstoffe, die aus einer Wohnung mit verschlossener Tür, hinter der geraucht wird, nach außen ins Treppenhaus dringen. Die Aufnahme an gesundheitsgefährdenden Stoffen in der Raumluft in einer solchen Situation ist auch dann, wenn man eine äußerst mangelhaft abgedichtete Tür voraussetzt, allerschlimmstenfalls derjenigen gleichzusetzen, die zum Beispiel entstehen würde, wenn jemand in seiner Wohnung eine Kerze anzündet – woran einstweilen noch niemand wegen gesundheitlicher Bedenken gehindert wird. Das Betreten der Straße nach dem Durchqueren des Treppenhauses führt wegen der dortigen Emissionen durch den Autoverkehr aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer erheblich höheren Schadstoffaufnahme – was übrigens auch im Falle von Herrn Adolfs‘ Souterrain-Wohnung beim Lüften anzunehmen ist. Dies müsste auf Befragen sogar die WHO-Filiale beim DKFZ einräumen.

Das alles hätte in diesem Prozess in zweiter Instanz zur Sprache kommen können, doch es ist nicht geschehen. Dabei wurde doch gerade mit der Begründung, angesichts „der veränderten Beurteilung der Gefahren des Passivrauchens“ sei die Kündigung gerechtfertigt, Herrn Adolfs zunächst sogar die Prozesskostenhilfe verweigert – und zwar von demselben Richter, der dann später – nachdem der Beklagte sich die Prozesskostenhilfe beim Landgericht erkämpft hatte – dessen Fall in der ersten Instanz verhandelte und, was unter diesen Umständen nicht ganz überraschend kam, der Vermieterin recht gab. Die Frage, ob eine Gesundheitsgefährdung vorliegt oder nicht, ist in diesem Fall durchaus von Bedeutung und wird deshalb nachvollziehbarerweise auch in der Berufungsschrift des Anwalts angesprochen. Von den Richtern des Düsseldorfer Landgerichts wurde dieser Punkt aber leider vollständig unter den Tisch fallen gelassen. Es ist zu hoffen, dass der Bundesgerichtshof sie wieder aufgreifen wird, denn eine Gesundheitsgefährdung ist nun einmal etwas qualitativ anderes als eine Geruchsbelästigung.

Die „unzumutbare und unerträgliche“ Geruchsbelästigung war es also, worauf das Gericht sein Urteil begründete, und es waren einige Pirouetten nötig, um dies zu begründen. In der ersten Instanz wurde die Geruchsbelästigung noch als unstreitig vorausgesetzt, da Herr Adolfs bzw. seine damaligen Rechtsanwältin dem Vorwurf nach Meinung des Richters nicht rechtzeitig widersprochen hätten. In der zweiten Instanz wurde diese Rechtsauffassung aber verworfen. Die Geruchsbelästigung wurde nun aber deshalb für glaubhaft gehalten, weil die Klägerin einen Zeugen dafür beigebracht hatte, einen Mann, der ausweislich des Urteils mit der Klägerin befreudet und „schon seit über 30 Jahren als Makler und Immobilienkaufmann“ sie tätig ist – was, wie das Gericht sich aus irgendwelchen Gründen zu betonen bemüßigt sieht, aber nicht dazu führe, „dass begründete Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit bestehen“. Dieser Mann hatte angegeben, im Auftrag der Klägerin mehrmals vor Ort gewesen zu sein. Er war es, der die Geruchsbelästigung als „unerträglich“ einschätzte, und auch in diesem Punkt hatte das Gericht offenbar keine „begründeten Zweifel“ an seiner Glaubwürdigkeit.

Es mag ja tatsächlich so sein, dass es in Juristenkreisen üblich ist, Zeugen unter solchen Umständen als glaubwürdig zu betrachten, aber warum das subjektive Urteil einer Einzelperson als maßgeblich gelten soll, kommt mir seltsam vor. Anscheinend war er ja sogar der einzige Zeuge, dessen Einschätzung Berücksichtigung fand, denn im Urteil wird auf keinen anderen Zeugen Bezug genommen. Die Frage ist nämlich, warum das Gericht darauf verzichtet hat, nun auch die Mieter des Gebäudes zu befragen. Immerhin sind sie es doch, die belästigt worden sein sollen. Haben sie überhaupt Tabakgeruch im Treppenhaus wahrgenommen? Und wenn ja, war das Ausmaß des Geruchs ihrem Empfinden nach „unerträglich“ und „unzumutbar“? Erstinstanzlich hatte die Vermieterin außerdem behauptet, sie habe mit ihrer Kündigung auf Beschwerden von Mietern reagiert. Warum hat das Gericht sich nicht vergewissert, dass es diese Mieterbeschwerden überhaupt gibt und wie sie gelautet hatten? In einem Zeitungsbericht hatten sich nämlich im Gegenteil mehrere Mieter explizit so geäußert, dass aus ihrer Sicht von Herrn Adolfs keine Belästigung ausgegangen sei.

Das subjektive Gefühl der Unerträglichkeit bei einer einzelnen Person – oder in diesem Falle: zwei Personen, nämlich der Vermieterin und des mit ihr befreundeten „Zeugen C“ – darf für ein für den Beklagten so folgenschweres Urteil eigentlich nicht als ausreichend gelten. Es müsste vielmehr plausibel gemacht werden, dass es sich eine Belästigung handelt, die auch von anderen – es läge in diesem Fall nahe: von den anderen Mietern des Hauses – für unerträglich gehalten würde. Vergleichbare Fälle von Prozessen um Geruchsbelästigung, soweit sie im Internet zu finden sind, beziehen sich größtenteils auf Geruchsquellen im Treppenhaus selbst, häufig sind das Exkremente, vor allem Hundekot und -urin. Hinter verschlossener Tür müssen schon extreme Gerüche auftreten, um auch im Gemeinschaftsbereich zu einer Belästigung zu führen, etwa Verwesungsgeruch. Dass Rauchen in der Wohnung eine solche Wirkung haben soll, ist schon eine eigenartige Vorstellung.

Herr Adolfs, so wurde von der Vermieterin und dem „Zeugen C“ behauptet, habe zwar auch schon früher geraucht, aber in der Zeit vor der Kündigung sein Verhalten verändert: Er habe die Fenster ständig verschlossen gehalten und seine Aschenbecher nicht mehr geleert. Dies habe, anders als zuvor, jene Geruchsbelästigung im Treppenhaus verursacht.  Entspricht es aber wirklich den üblichen Erfahrungswerten, dass so etwas mehr als allerhöchstens einen leichten Tabakgeruch in unmittelbarer Nähe der Wohnungstür auslösen kann? Ich habe nämlich den Verdacht, dass es den vom Gericht vorausgesetzten „intensiven“ Geruch, der das komplette Treppenhaus – über alle Geschosse hinweg – betraf, nie gegeben hat. Mir scheint eher, dass hier jemand in Aktion getreten ist, der schon den leisesten Hauch von Tabakgeruch für absolut unerträglich und unzumutbar hält, und dies aller Wahrscheinlichkeit nach deshalb, weil er ihn mit einer Gesundheitsgefahr assoziiert. Damit wären wir also wieder bei der Frage angelangt, ob die Gesundheit der Hausbewohner denn in diesem Falle wirklich gefährdet wäre. Und bei der Antwort, dass dies nicht der Fall ist.

Mit der Besorgnis eigentlich ganz normaler, vernünftiger Leute um solche Lächerlichkeiten wie eine vermeintliche Gesundheitsgefährdung durch Tabakgeruch im Treppenhaus erntet die Antitabakbewegung die Früchte ihrer gesellschaftsspaltenden Denormalisierungskampagnen. Was im Hause WHO bestimmt als großer Erfolg gefeiert wird, dass nämlich ein Teil der Bevölkerung – immerhin ein Drittel der Erwachsenen – plötzlich behandelt werden darf, als habe sie kein Dach mehr über ihrem Kopf verdient, ist für eine Gesellschaft kaum ein Grund zum Jubeln. Das subjektive Urteil „Unerträglich“, wie es in diesem Fall vom Landgericht Düsseldorf ungeprüft von einem einzigen Zeugen übernommen wurde, darf nicht generell von der Justiz für maßgeblich gehalten werden, andernfalls wäre der blanken Willkür gegen rauchende Mieter oder rauchende Nachbarn Tür und Tor geöffnet.

Apropos Willkür: Man sollte ja eigentlich meinen, dass die Argumentation eines Berufungsgerichts in sich eine gewisse Folgerichtigkeit aufweist. Was aber ist in dieser Hinsicht vom Schlussabsatz des Urteils zu halten?

„Andererseits fällt ins Gewicht, dass die Kammer davon ausgeht, dass der Beklagte sein vertragswidrigen Verhalten auch nach der Verurteilung zur Räumung nicht – vollständig – abstellen wird. Der Umstand, dass der Beklagte nach seinem Vortrag nun aber beim Rauchen ein Gerät in seiner Wohnung anschaltet, dass den Zigarettenrauch neutralisieren soll, zeigt, dass er sich mittlerweile darum bemüht, die Auswirkungen des Rauchens für Besucher und Mitbewohner zu begrenzen“, liest man dort. Weiter oben im Urteil hieß es aber noch ausdrücklich: Ein allgemeines vertragliches Rauchverbot und ein Verstoß hiergegen ergibt sich zu Lasten des Beklagten vorliegend allerdings nichtund der schwerwiegende schuldhafte Pflichtverstoß des Beklagten, der die fristlose Kündigung rechtfertigt,liege „vorliegend alleine darin, dass der Beklagte keine Maßnahmen dafür trifft um zu verhindern, dass Zigarettenrauch in den Hausflur zieht, sondern dies durch sein vertragswidriges Verhalten sogar noch fördert“.

Dass der Richter ganz zum Schluss des Urteils auf einmal das Rauchen selbst für vertragswidrig zu erklären scheint, ist ein eklatanter innerer Widerspruch in seiner Argumentation. Ebenso widersprüchlich ist es, dass ein Luftreinigungsgerät von ihm nicht als „Maßnahme … um zu verhindern, dass Zigarettenrauch in den Hausflur zieht“ akzeptiert wird, obwohl solche Geräte doch dazu dienen, die Luft in dem Raum, in dem geraucht wird, von Schadstoffen zu reinigen. Auch wenn die gereinigte Luft eventuell aus der Wohnung in das Treppenhaus ziehen würde, kann sie nach einer Reinigung ja kaum noch nennenswerte Gerüche mit sich führen. Geschweige denn eine „intensive, nicht mehr hinnehmbare, unzumutbare und unerträgliche Geruchsbelästigung […] und erhebliche Mengen an Zigarettenqualm“.

Das Urteil ist also lückenhaft, in sich widersprüchlich und schludrig. Alleine schon deshalb ist die Revision durch den Bundesgerichtshof wichtig. Aber auch die grundsätzliche Bedeutung seines Urteils kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der Münchener Mieterverein wurde letztes Jahr in einem Zeitungsbericht folgendermaßen zum Thema zitiert: „Die vielen Anfragen, die uns erreichen, kamen bislang nicht von besorgten rauchenden Mietern, sondern ausschließlich von Nichtrauchern, die jetzt gegen ihre rauchenden Nachbarn vorgehen wollen.“

Lassen solche Aussagen wirklich nur mich frösteln? Die Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum ist in den letzten Jahren vor allem in größeren Städten extrem geworden. Nicht zuletzt Entmietungsprofis würden sich über neue Möglichkeiten freuen, langjährige Mieter mit einer neuen Ausrede einfach loswerden zu können. Langjährige Mieter sind aber meist ältere Menschen, so wie Herr Adolfs, und oft verfügen sie nur über ein niedriges Einkommen. Der Tag, an dem Friedhelm Adolfs vom Düsseldorfer Landgericht zur Räumung seiner Wohnung verurteilt wurde, war also, anders als Herr Binding behauptet, überhaupt kein guter, sondern ein rabenschwarzer Tag für Deutschlands Mieter. Es ist zu hoffen, dass der Bundesgerichtshof die Tragweite dieser offensichtlichen Fehlentscheidung erkennt und sie korrigiert.

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Stellen Sie sich vor …

… der Kampf gegen das Rauchen, der in den sechziger Jahren einsetzte und im Lauf der siebziger und achtziger Jahre zu einem so starken Rückgang des Bevölkerungsanteils der Raucher führte, wie er später nie wieder erreicht wurde, hätte nicht stattgefunden. Rauchen wäre immer noch in Mode, keine Tabakproduktrichtlinien oder Rauchverbote. Was, meinen Sie, wäre die Folge davon?

Ausgerechnet die Weltgesundheitsorganisation liefert darauf – zwar nur in einem Teilbereich, aber einem der wichtigsten – eine verblüffende Antwort. Genauer gesagt: Die International Agency for Research on Cancer (IARC) der WHO. Geht man nach diesem Material, dann wäre die Entwicklung beim Lungenkrebs nämlich in diesem Szenario wohl nicht viel anders verlaufen, als es tatsächlich, also inklusive all den Tabakbekämpfungsmaßnahmen, geschehen ist.

Aber der Reihe nach. Betrachten wir erst einmal den Bevölkerungsanteil der Raucher und dessen Entwicklung in den letzten, sagen wir, ungefähr vierzig Jahren. Vierzig Jahre, das ist in etwa die Latenzzeit, die man rechnen sollte zwischen dem Beginn des Zigarettenrauchens einer Person und dem Einsetzen der tabakbedingten Erkrankungen, die sie riskiert. Mit anderen Worten, wenn im Jahre 1970 der Bevölkerungsanteil der Raucher höher lag als 1960, wäre zwischen den Jahren 2000 und 2010 ein steigender Anteil an Lungenkrebsfällen zu erwarten. War es umgekehrt, dann müsste er gesunken sein.

Ist das auch wirklich so? Das lässt sich herausfinden. Wie sich der Bevölkerungsanteil der Raucher in Deutschland entwickelt hat, ist beispielsweise gut dokumentiert.

Raucher Deutschland

 

Dasselbe gilt für die Entwicklung in den USA.

Raucher USA

Vergleicht man die enthaltenen Daten des Jahres 1965, so rauchten in Deutschland um die 70 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen (ab 14 Jahren). In den USA waren es knapp über 50 Prozent der Männer und 35 Prozent der Frauen (ab 18 Jahren). Völlig identisch ist nicht, was gemessen wurde, aber deutlich erkennbar ist trotzdem, dass weniger amerikanische Männer zu jener Zeit, also vor ca. 50 Jahren, rauchten als deutsche Männer (ca. 20 Prozentpunkte weniger, das ist ein ziemlich großer Unterschied), während bei den Frauen die Amerikanerinnen häufiger als Deutsche rauchten (7 Prozentpunkte mehr).

Dreißig Jahre später, im Jahr 1995, sahen die Zahlen so aus:

  • Deutschland, Männer: ca. 39 Prozent
  • Deutschland, Frauen: ca. 27 Prozent
  • USA, Männer: ca. 33 Prozent
  • USA, Frauen: ca. 27 Prozent

Der Rückgang bei den Männern war in Deutschland zwar stärker ausgefallen als bei den Amerikanern (minus ca. 30 Prozentpunkte vs. minus 17 Prozentpunkte), aber dennoch war in den USA der Anteil der rauchenden Männer, wenn auch nur noch um wenige Prozentpunkte, geringer als in Deutschland. Bei den Frauen in den USA (minus 7 Prozentpunkte) und Deutschland (kein Rückgang) waren die Anteile nun ungefähr identisch.

Wieder zehn Jahre später, womit die erwähnten vierzig Jahre voll wären:

  • Deutschland, Männer: ca. 35 Prozent
  • Deutschland, Frauen: ca. 24 Prozent
  • USA, Männer: ca. 26 Prozent
  • USA, Frauen: ca. 20 Prozent

Erneut in beiden Ländern ein eindeutiger Rückgang, der in den USA aber stärker ausfiel als in Deutschland. Wie kommt es dann aber, dass die Entwicklung bei den Todesfällen durch Lungenkrebserkrankungen ausweislich der Daten des IARC so aussieht?

Männer GER USA

Warum lag die Rate der Lungenkrebs-Todesfälle in den USA eigentlich über vierzig Jahre hinweg höher als in Deutschland, obwohl doch hier der Raucheranteil seit fünfzig Jahren höher und zeitweise sogar sehr viel höher lag als im Heimatland der Tabakkontrolle?

Bei den Damen ist die Differenz sogar noch auffälliger:

Frauen GER USA

Dieser Kurvenverlauf passt noch viel weniger als der bei den Männern zur Entwicklung des Rauchverhaltens. Auf dem dortigen Höhepunkt der Lungenkrebssterblichkeit Mitte der neunziger Jahre starben fünfmal so viele Amerikanerinnen an Lungenkrebs als Deutsche, obwohl der Anteil der Raucherinnen in Deutschland seit den Nachkriegsjahren zwar niedriger lag als in den USA, aber nie so viel niedriger, um diese Differenz erklären zu können.

Anders als in den USA ist der Höhepunkt der Lungenkrebssterblichkeit in Deutschland noch nicht erreicht. Es gibt aber Anzeichen dafür, dass dies in allernächster Zukunft der Fall sein könnte. Bei den jüngeren Altersgruppen (unter 60 Jahren) steigen ausweislich der Todesfallstatistik des Statistischen Bundesamts (zu finden unter www.gbe-bund.de) auch in Deutschland bei Frauen die Werte seit ein paar Jahren nicht mehr weiter an.

Weitere Recherchen in der Datenbank der IARC liefern neue Rätsel. Zwar sind die Rauchgewohnheiten in der Russischen Föderation während der letzten fünf Jahrzehnte längst nicht so gut dokumentiert wie die in den USA und Deutschland, doch dass in Russland die Männer große Tabakfreunde vor dem Herrn waren und sind, ist kein großes Geheimnis. Anders als in westlichen Ländern wurde dort auch kein sinkender Tabakkonsum verzeichnet. Eher im Gegenteil hat der Bevölkerungsanteil der Raucher untypischerweise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugenommen. (Quelle http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2598552/) Der Anteil der Raucherinnen hat sich von einem niedrigen Niveau aus mehr als verdoppelt – ein Phänomen, das in praktisch allen Ländern messbar ist, in denen der Wohlstand so weit zugenommen hat, dass mehr als die Grundbedürfnisse befriedigt werden können. In der postsowjetischen Zeit und besonders der Ära Putin (Jahr 2000 bis heute), was man auch immer sonst gegen den aktuellen Präsidenten der Russischen Föderation für Einwände hat, ist dies der Fall gewesen.

Die Tabakkontrolle macht aber natürlich längst auch vor Russland nicht mehr Halt, und so wurde auch dort dem Rauchen der Kampf angesagt, einstweilen aber ohne nennenswerten Einfluss auf die Zahl der Raucher: Der WHO-Länderreport von 2009 (http://www.who.int/tobacco/surveillance/gats/en/index.html) verzeichnet einen Anteil von ca. 60 Prozent Rauchern unter den russischen Männern und ca. 22 Prozent bei den russischen Frauen. Bei einem dort ebenfalls ausgewiesenen Anteil von nur knapp über 20 Prozent Niemals-Rauchern unter den Männern, aber fast 70 Prozent unter den Frauen darf außerdem davon ausgegangen werden, dass der hohe Anteil aktiver Raucher unter den Männern sowie der niedrige Anteil der Raucherinnen unter den Frauen über die letzten Jahrzehnte bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion keine allzu hohen Schwankungen aufgewiesen hat.

Nun zur Lungenkrebssterblichkeit in Russland im Vergleich zu den USA und Deutschland:

Männer GER USA RUS

Die Kurven in allen drei Ländern verlaufen im Fall der Männer ähnlich und erreichen ihren Höhepunkt Anfang der neunziger Jahre. Seitdem geht die Lungenkrebssterblichkeit zurück, und zwar nicht nur in den beiden Ländern mit einem Rückgang des Tabakkonsums, sondern auch in Russland, wo der Tabakkonsum in den dreißig Jahren zuvor gar nicht zurückgegangen war, sondern als konstant vorausgesetzt werden kann und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sogar angestiegen ist. Der Rückgang verlief dort sogar besonders steil, wenn auch von einem höheren Niveau aus.

Bei den Damen ist auffällig, dass die Entwicklung in Russland völlig anders war als in den beiden anderen Ländern:

Frauen GER USA RUS

Überraschenderweise ist die Lungenkrebssterblichkeit bei den Frauen in Russland ebenso wie die der Männer nach Beginn der neunziger Jahre gesunken und verharrt seit einigen Jahren auf in etwa gleichbleibenden Werten. Und das, obwohl sich der Anteil der Raucherinnen zwischen 1992 und 2003 verdoppelt hat!

Nach der aktuell gültigen Lehrmeinung folgt die Entwicklung bei den Lungenkrebserkrankungen einer Zu- bzw. Abnahme der Zahl der Raucher mit etwa dreißig Jahren Abstand. Das Ausmaß von Zu- und Abnahme ist dabei abhängig von der Zu- bzw. Abnahme der Prävalenz des Rauchens. Eigentlich müsste also spätestens in den Jahren um 2005 und danach bei den Russinnen eine Zunahme erkennbar sein.

Tobacco Epidemic

Dieses Modell zum Verlauf der „weltweiten Tabakepidemie“, das zum allgemein anerkannten Stand der Wissenschaft zählt, darf angesichts dieser Zahlen als in Frage gestellt gelten. Damit aber wird die überragende Rolle des Rauchens bei der Entstehung von Lungenkrebs – angeblich, je nach Quelle, für ca. 85 bis 90 Prozent aller Lungenkrebsfälle ursächlich verantwortlich – ebenfalls fraglich.

Angesichts der vorgelegten Zahlen behaupte ich, Rauchen wird bei der Entstehung von Lungenkrebs über- und andere Faktoren werden unterschätzt. Die Suche nach den Faktoren, die bewirken

  • dass in den USA trotz geringerer Raucherzahlen Lungenkrebs häufiger als in Deutschland auftritt
  • dass in Russland von den Männern so viel geraucht wird wie eh und je und dennoch die Erkrankungshäufigkeit sinkt
  • dass Frauen in den USA fast doppelt so häufig wie deutsche an Lungenkrebs erkranken, obwohl der Anteil der Raucherinnen bei ihnen seit ca. zwanzig Jahren gleich hoch oder niedriger liegt und schon in den sechziger Jahren nie mehr als maximal 50 % höher lag
  • und sogar mehr als viermal so häufig wie Russinnen von Lungenkrebs betroffen sind,
  • obwohl sich der Bevölkerungsanteil der Raucherinnen in Russland seit 1992 mindestens verdoppelt hat, während gleichzeitig die Zahl der Lungenkrebserkrankungen sinkt,

wäre, nicht zuletzt für auffallend häufiger von Lungenkrebs betroffene Staaten und Bevölkerungsgruppen, enorm wichtig. Die verbohrte Fixierung auf das Rauchen als Hauptfaktor von Lungenkrebs muss kritisiert werden, weil sie die Erkrankten stigmatisiert, gleichzeitig aber verhindert, dass andere Schlüsselfaktoren ins Visier genommen werden, die die ganze Zeit vernachlässigt worden sind und möglicherweise eine weit größere Rolle spielen als gedacht. Verdächtige gäbe es ja genug, von gesundheitsschädlichen Faktoren der Arbeit in Industriebetrieben bis zum Ausmaß der Luftverschmutzung, von Atomtests bis zu natürlichen Faktoren wie Radon, von Medikamentennebenwirkungen bis zu psychischen Belastungen. Und so weiter.

„Rauchen verursacht Lungenkrebs.“ Eine „Wahrheit“, die sich jeder Wissenschaftler seit Jahrzehnten zu hinterfragen hütet, wenn ihm seine Karriere lieb ist und er die Forschungsförderung seines Instituts nicht gefährden will. Dennoch geben die Daten des IARC diese Schlussfolgerung beim besten Willen nicht her.

Was also ist dran an diesem und anderen Mythen rund um das Thema „Rauchen und Gesundheit“? Kann wirklich nichts Besseres für die Gesunderhaltung möglichst vieler Menschen getan werden, als möglichst viele Raucher vom Rauchen abzubringen? Ich behaupte: Auch das ist ein Mythos. Welche Risiken mit dieser Public-Health-Strategie verbunden sein und welche Nebenwirkungen beobachtet werden können, damit werde ich mich in den nächsten Wochen befassen.

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Lobbyisten und Ideologen

An dieser Stelle hätte eigentlich ein Beitrag zu den Risiken und Nebenwirkungen der Raucherentwöhnung beginnen sollen, der in mehreren Teilen verschiedene Aspekte der Problematik näher beleuchtet. In diesem Zusammenhang wollte ich auch endlich einmal auf die elektronische Zigarette näher eingehen. Aus aktuellem Anlass, nämlich der Entscheidung des Europaparlaments über die Tabakproduktrichtlinie, werde ich heute aber doch noch einmal politisch.

Dass die Institutionen der Europäischen Union Objekt der Beeinflussung für Interessenvertretungen aller möglichen finanzstarken Gruppierungen mit meist höchst materiellen Eigeninteressen sind, sogenannter Lobbyisten, ist ein offenes Geheimnis. Jeder weiß es, und wie die Beeinflussungsversuche in der Praxis aussehen, wurde von manchen Abgeordneten auch schon öffentlich beschrieben. Dennoch will aber, fragt man die der Einflussnahme Ausgesetzten, keiner persönlich diesem Einfluss jemals gegen Vergünstigungen nachgegeben haben.

Das gilt natürlich aber nicht für die Vertreter der jeweils anderen, der eigenen entgegegengesetzten Meinung; denen solche Vorwürfe zu machen, ist in der Politik üblich. Ziel dabei ist normalerweise nicht etwa die Aufklärung der Öffentlichkeit, die ein realistisches Bild gewinnen soll, sondern die propagandistische Ausschlachtung eines negativen Bilds von der Gegenseite, das die Öffentlichkeit gewinnen soll, und zwar zum Vorteil der eigenen, in der Regel nicht weniger interessengeleiteten Position. Aus dem Blickwinkel kritischer Beobachter sollten solche Vorwürfe längst nicht mehr nur gegen den Beschuldigten, sondern ebenso gegen den Ankläger sprechen.

Nun sollte man fairerweise aber auch anmerken, dass Lobbyismus grundsätzlich durchaus seine Existenzberechtigung hat. Dummerweise ist es nun einmal so, dass die Experten in einer bestimmten Sachfrage, die eine Branche oder gesellschaftliche Gruppe betreffen, in der Regel für diese Branche arbeiten bzw. dieser Gruppe angehören und damit natürlich auch bis zu einem gewissen Grad interessengeleitet argumentieren. Aufgabe der Politik wäre es, ihre Argumente anzuhören und sich ein eigenes Bild zu machen, ob bzw. in welchen Teilen sie sachlich zutreffend sind, oder ob lediglich gegenüber anderen Branchen oder gesellschaftlichen Gruppen unberechtigte und die anderen benachteiligenden Vorteile herausgeschlagen werden sollen. Dazu bedarf es allerdings einer grundsätzlichen Sachkenntnis auf Seiten der Politiker. Fehlt es an der Sachkenntnis und/oder lassen sich Politiker durch Geld oder andere Vergünstigungen davon „überzeugen“, gegen die Sachargumente zu entscheiden, ist Lobbyismus natürlich unzweifelhaft schädlich.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Tabakindustrie sowie der Tabakhandel versucht haben, die Abstimmung über die Tabakproduktrichtlinie zu beeinflussen. Alles andere wäre ja auch sehr merkwürdig, immerhin haben beide ja auch die geschäftlichen Konsequenzen der EU-Entscheidung zu tragen, also warum sollten sie dann nicht auch jedes Recht haben, ihren Standpunkt zu Gehör zu bringen? Es ist eine Unsitte, dass dieses Recht jeder Interessenvertretung im Grundsatz zugestanden wird, nur die Tabakindustrie soll es anscheinend überhaupt nicht haben.

Weniger bekannt ist, dass auch die Pharmaindustrie bei der Entscheidungsfindung ihren Einfluss in die Waagschale geworfen hat, deren Interessenvertreter dabei in innigster Zweisamkeit mit Europaparlamentariern handelten, die eine möglichst rigide Regulierung des Tabakhandels verlangen. Weniger bekannt ist es deshalb, weil die Medien es nicht für nötig befunden haben, die „Aufklärung“ der Öffentlichkeit auch auf diesem Gebiet mit ähnlicher Engagiertheit zu betreiben, mit der sie in den Monaten vor der Abstimmung die Rolle der Tabaklobby dramatisch überhöht haben. Es liegt aber auch daran, dass der Einfluss der Pharmaindustrie zum größten Teil indirekt über die Finanzierung von sogenannten NGOs, also vermeintlich unabhängigen Organisationen, erfolgt. Der jüngst ausgestrahlte Bericht des WDR über die Finanziers vermeintlich unabhängiger Organisationen, die sich dem Kampf gegen das Rauchen verschrieben haben, ist meines Wissens sogar der erste seiner Art. Mehr von dieser Sorte investigativem Journalismus wäre zu wünschen, um die Geldflüsse und eigennützigen Einflussnahmen der Pharmaindustrie in Sachen Tabakbekämpfung besser durchschauen zu können.

War diese Einflussnahme vielleicht auch der Grund für die „geradezu unglaubliche Hexenjagd“, die von der CDU-Abgeordneten Dr. Renate Sommer in einer Pressemitteilung angeprangert wurde? Wörtlich schreibt sie weiter: „… der all diejenigen zum Opfer fallen, die eine sachliche, wissenschaftlich fundierte Regelung forderten. Wer nicht blind der sozialistischen Parlamentsberichterstatterin folgt, die ungeachtet aller Rechtsgrundsätze eine regelrechte Vernichtungskampagne gegen alle Tabakerzeugnisse fährt, wird als böse, menschenverachtend und von der Tabaklobby geschmiert an den Pranger gestellt. So viel Bösartigkeit habe ich in meiner 14-jährigen Zugehörigkeit zum Europäischen Parlament noch nicht erlebt.“

Willkommen im Club, Frau Dr. Sommer. Diese Erfahrung haben vor Ihnen schon viele andere gemacht, darunter auch ich selbst. Und ja, dass es sich um eine Vernichtungskampagne handelt, haben Sie gut erkannt. Das Ziel, das die WHO als Endergebnis ihrer Rahmenvereinbarung zum Tabakgebrauch (FCTC) anstrebt, die auch Grundlage der EU-Gesetzgebung ist, besteht ja bekanntlich in einer Welt ohne jeden Tabakgenuss.

Die Debatte vor der Abstimmung über die Tabakproduktrichtlinie am 8.10.2013 war offensichtlich nicht mehr dazu gedacht, irgendjemanden von irgendetwas zu überzeugen – der Plenarsaal war währenddessen abgesehen von den Rednern gähnend leer –, lediglich bestimmte Positionen wurden noch einmal wiedergegeben, gewissermaßen, um noch einmal mit diesen vertretenen Positionen im Protokoll zu stehen. Die Abstimmung selbst sah hingegen ein volles Haus, und ihr Ergebnis bestand aus einem Kompromiss, also etwas, das am Ende der meisten strittigen Fragen in der Politik zu erwarten ist. Besonderes Kennzeichen des Kompromisses ist, dass niemand völlig zufrieden mit ihm sein, aber ihm dennoch auch einige positive Seiten abgewinnen kann.

Da meine Bedenken gegen die Tabakproduktrichtlinie grundsätzlicher Natur sind und der Kompromiss die meisten der von mir befürchteten Folgen nicht verhindern wird, brauche ich kein Geheimnis daraus zu machen, dass ich mit dem Ergebnis unzufrieden bin – genaugenommen bin ich sogar entsetzt. Als einen Sieg der Pharmalobby würde ich es aber dennoch nicht bezeichnen, denn in einem sehr wichtigen, vielleicht sogar dem entscheidenden Punkt hat sie ihr eigentlich angestrebtes Ziel verfehlt: Die von den Herstellern von Raucherentwöhnungsmitteln so sehr gewollte, aber nach allen gesundheitspolitischen Gesichtspunkten geradezu irrsinnige Eliminierung ihres wohl zu erfolgreich gewordenen Konkurrenzproduktes E-Zigarette ist gescheitert. Das immerhin lässt hoffen, dass der Einfluss von Lobbygruppen seine Grenzen dort findet, wo ihre Wünsche erstens dem gesunden Menschenverstand Hohn sprechen und gleichzeitig massiver Druck aus der Bevölkerung die Volksvertreter daran hindert, sich dennoch von Interessenvertretungen „überzeugen“ zu lassen.

Bei der herkömmlichen Zigarette gab es diesen Druck zwar auch, dies wurde aber von den Empfängern meist pauschal unter „Einfluss der Tabakindustrie“ abgetan. Auf meinen offenen Brief, der vermutlich bei den meisten Empfängern ebenfalls – irrtümlich – als „Tabaklobby-beeinflusst“ im Papierkorb landete, habe ich nur von zwei Abgeordneten wenigstens eine Textbaustein-Antwort bekommen. Dass sich auch nur einer der Empfänger des Briefes inhaltlich mit meinen Bedenken auseinandergesetzt hat, ist nicht anzunehmen. Ich bin ziemlich sicher, dass man dies früher oder später bedauern wird, aber im Moment muss man sich damit eben abfinden.

Folgerichtigerweise sind nahezu alle Regulierungen, die nicht die E-Zigarette, sondern Tabakprodukte betreffen, vollständig oder mindestens zum Teil durchgesetzt worden. Ob die Schockbilder nun 65 oder 75 Prozent der Schachtel bedecken, was macht das für einen Unterschied für den einzelnen Raucher, der an der Supermarktkasse eine Schachtel Zigaretten kauft? Das Verkaufsverbot für Menthol-Zigaretten ist ebenfalls abgenickt worden, und dass die Übergangsfrist so lang ausgefallen ist, war vermutlich weniger dem Einfluss der Tabakindustrie geschuldet als dem langen Schatten von Helmut Schmidt, dem die EU immerhin genug zu verdanken hat, um ein Verbot seiner Zigarettenmarken aus einem Rest von Schamgefühl heraus vielleicht lieber erst nach seinem Ableben in Kraft treten lassen zu wollen.

Was sagt es aber über eine der politischen Kräfte auf EU-Ebene aus, wenn sie dieses Ergebnis, einen Kompromiss, in dem sie den bei weitem größten Teil der von ihr gewünschten Vorlage durchsetzen konnten, soweit sie Tabakprodukte betraf, immer noch als einen „Triumph der milliardenschweren Tabakindustrie“ zu verkaufen versucht? Im Wortlaut der betreffenden Pressemitteilung:

„Was hier heute passiert ist, steht im krassen Gegensatz zur Aufgabe der Abgeordneten, die Interessen der Bürgerinnen und Bürger zu vertreten“, so das eindeutige Fazit der Grünen Fraktionsvorsitzenden, Rebecca Harms. Noch ist aber nicht alles verloren. Nach der Abstimmung im Europaparlament beginnen jetzt die Verhandlungen mit dem Rat der Mitgliedsstaaten. Die Grünen werden sich weiter für den Gesundheitsschutz der europäischen Bürgerinnen und Bürger stark machen.“

Nur um die Absurdität zu verdeutlichen, in den Augen der Grünen ist auch das Scheitern des Verbots der E-Zigarette ein „Triumph der Tabakindustrie“, und das, obwohl die E-Zigarette für jene ebenso ein Konkurrenzprodukt ist wie für die Pharmalobby:

„Leider scheiterte auch der Einsatz der Grünen für eine künftige Zulassung der so genannten E-Zigarette als Medizinprodukt. Da diese mehrheitlich ebenfalls Nikotin enthalten, wäre eine Gleichbehandlung mit beispielsweise Nikotinpflastern angemessen gewesen.“

Das politische Instrument des Kompromisses ist in den Augen von Ideologen, die eine reine Lehre durchzusetzen haben, natürlich immer ein Sieg der Gegenseite. Ideologen finden es im Grunde genommen auch verzichtbar, andere Meinungen überhaupt zuzulassen. Das, was Frau Dr. Sommer pointiert, aber zutreffend als Hexenjagd beschrieben hat, ist ein Ausdruck dieses Unwillens. Das aber macht Ideologen zu einer Gefahr für die Demokratie. Was die Akzeptanz demokratischer Spielregeln betrifft, verbindet die Grünen-Fraktion im Europaparlament mit ihrer Vorsitzenden Rebecca Harms einen fast schon stalinistischen Umgang mit Andersdenkenden mit einem demonstrativ paternalistischen – und damit ebenfalls elementarische demokratische Spielregeln verletzenden – Sendungsbewusstsein desjenigen, der sich völlig sicher ist, ganz genau zu wissen, was für andere gut ist, und der fest entschlossen ist, ihnen diese Segnungen um jeden Preis zu verschaffen, und denjenigen, die sie gar nicht haben wollen, gerade erst recht.

Die bundesdeutsche Grünen-Spitze ist in dieser Hinsicht hoffentlich schon ein bisschen weiter. Sie musste ja bei der Bundestagswahl, bei der sie mit genau derselben paternalistischen Haltung angetreten war, gewaltig Federn lassen, und es hat den Anschein, als seien die Wähler angesichts der nicht endenwollenden kleinlichen Maßregelungen in ihrem Privatleben jetzt mit ihrer Geduld doch endlich am Ende. Die Reaktionen normaler Bürger auf die Beschlüsse des EU-Parlaments deuten in dieselbe Richtung: Konnte man beim Kampf gegen das Rauchen eigentlich immer unter der nichtrauchenden Bevölkerungsmehrheit mit mehrheitlicher Zustimmung für die jeweilige Maßnahme rechnen, stößt die Tabakproduktrichtlinie – ohne dass ich allerdings bislang eine Umfrage dazu gesehen hätte – auch bei auffallend vielen Nichtrauchern auf blankes Unverständnis, wenn nicht gar auf Zorn.

Im Mai nächsten Jahres ist Europawahl, und schon jetzt zeichnet sich ab, dass die EU-kritischen Parteien in zahlreichen Ländern hohe Stimmenanteile erringen werden, möglicherweise sogar in bislang nie gekannter Höhe. Auch die EU-kritische Alternative für Deutschland, die den Einzug in den Bundestag nur knapp verpasst hat, wird voraussichtlich im Europaparlament vertreten sein. Und die Grünen? Im Moment gibt es keine Umfragewerte für die Europawahl. Aber was den Teilnehmern bei Facebook zu der grünen Position zur Tabakproduktrichtlinie mehrheitlich einfällt, sollte ihnen doch zu denken geben.

Ob nun Lobbyismus oder ideologische Verblendung der Grund sein sollte, warum die Partei der Grünen es vorzieht, den Wähler weiterhin mit paternalistischer Herablassung zu behandeln, sie spielt dabei mit dem Feuer. Dass die Grünen mit einem niedrigeren Stimmenanteil als die Linkspartei in den Bundestag eingezogen sind, muss ja noch nicht die letzte Demütigung für sie gewesen sein. Vielleicht wird sie bei der Europawahl am Ende sogar noch dankbar dafür sein müssen, dass in jenem Fall drei Prozent der Wählerstimmen für den Parlamentseinzug ausreichend sind.

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